Nr. 95: Die gelungene Flucht im Dorftreck bis Celle.

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Erlebnisbericht des Bauern Paul Rinow aus Eitelsdorf (Nowawies), Kreis Z n i n (Dietfurt) i. Posen.

Original, 30. November 1952.

Ich habe Ihnen in kurzen Zügen die Vertreibung und den Treck meiner Heimatgemeinde Eitelsdorf, Kreis Dietfurt, geschildert. Da wir fast immer des Nachts gefahren sind und dadurch immer einen kleinen Vorsprung vor denjenigen hatten, welche Wert auf gute Quartiere legten, sind wir dem Griff des Russen entkommen, hatten somit nicht gerade viele tragische Erlebnisse. Die kleinen Zwischenfälle, in den Graben rutschen oder umwerfen bei der Glätte, haben uns nicht daran gehindert, vom 20. Januar bis 15. Februar von Dietfurt bis Celle zu gelangen2).

Einleitend berichtet Vf., daß die Dienststellen die Gefährlichkeit der Situation bis zum Eintreffen des Treckbefehls völlig verkannten.

Bis l Uhr mittags hatte sich der größte Teil unserer Gemeinde gesammelt, und wir fuhren los. Teile der anderen Ortschaften trafen wir schon weiter auf der Straße. Gegen Abend in Dietfurt angekommen, gab es gleich die erste Verstopfung, da aus allen Nebenstraßen Flüchtende heranströmten. In der Nacht kamen wir durch Elsenau, und am Morgen waren wir in Eichenbrück (Wongrowitz). Da wir meine 80jährige Mutter und noch viele alte Leute und kleine Kinder mithatten, sprachen wir mit Roten-Kreuz-Schwestern, denn es stand gerade ein Zug auf dem Bahnhof. Aber es wurde niemand mitgenommen, da der Zug schon überfüllt gewesen sein soll. Wir fuhren dann weiter und kamen zur Nacht nach Rogasen und fuhren in Richtung Ritschenwalde. Hier gab es viele Stockungen, denn es herrschte die Nacht ein furchtbarer, undurchsichtiger Nebel. Wegen des Nebels ging ich vor dem Wagen und führte die Pferde am Zügel, um nicht vom Wege abzukommen, und leuchtete mit der Taschenlampe. Auf einmal sah ich in der Wagenspur ein menschenähnliches Knäuel. Ich hielt und stellte tatsächlich eine tote Frau fest. über die schon mehrere Hundert Wagen gefahren sind. Die Tote war fürchterlich zugerichtet. Ich zog sie hin in den Straßengraben und fuhr weiter.

Von Rogasen gingen neben uns viele Arbeitsdienstler aus dem Lager Rogasen. Am Morgen kamen wir nach Ritschenwalde, und hier ist meine Mutter auf dem Wagen gestorben. Da kein Magistrats- und auch kein Fried-


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hofsbeamter zu finden war, nahmen wir die Mutter weiter mit. Bis Mittag sind wir in Richtung Scharnikau kaum l km weitergekommen, weil ein großer Berg zu überwinden war, welcher sehr glatt war. Hier hörten wir deutlich Panzerartilleriefeuer. Es soll von Eisenaus Beschießung gewesen sein. Nachmittag kamen wir in die Gegend von Scharnikau und kamen nicht von der Stelle; denn wie sich später herausstellte, haben Polen aus Scharnikau, besonders Eisenbahner, den Verkehr dadurch gestoppt, daß sie die polnischen Kutscher bei den alleinstehenden deutschen Frauen zur Umkehr überredet haben oder wenigstens die Gespanne im Stich zu lassen. Erst die Polizei brachte mit der Pistole Ordnung in die Reihen, und der Treck kam wieder in Gang, so daß wir zum Abend in Scharnikau einfuhren. Hier schossen die Russen schon über uns hinweg nach Scharnikau rein. In diesem Durcheinander wurde unser Treck von der Polizei zerrissen, indem immer einige Wagen nach Filehne, die andern nach Schönlanke abgeleitet wurden. Die nach Schönlanke geleiteten Wagen haben einen Umweg bis über Arnswalde machen müssen, und wir haben einen Teil von ihnen nicht mehr gesehen.

Wir kamen über Filehne, wo wir morgens eintrafen. Dieser Weg war furchtbar, denn durch viel Busch, Berge und Schluchten, ein Partisanengelände im wahrsten Sinne des Wortes, und dann die Glätte auf der Straße brachte schon so viele Fahrzeuge in den Straßengraben. Hier wollen einige die Stalinorgel gehört haben, denn sie schossen schon wieder über uns hinweg. Aber sonst hat sich weiter nichts ereignet. Wir kamen gegen Morgen durch Filehne. Hier stand wieder ein Eisenbahnzug, und viele, deren Pferde nicht weiter konnten oder die Wagen zerbrochen waren, sind da auf den Dächern des Zuges bei der Kälte mitgefahren, um das Letzte oder gar das nackte Leben zu retten.

Von hier ging es weiter in Richtung Kreuz. Vor Kreuz in einem deutschen Dorf Gr. Lubs haben wir auf einem deutschen Friedhof meine Mutter in aller Eile beerdigt. Ich wollte von Kreuz für die Mutter einen Sarg holen, und da wurde ich erst zum Magistrat geschickt. Und hier verlangte man von mir einen Totenschein. Hier traf ich unsern Polizeileutnant aus Dietfurt. Und er mahnte zur Eile, denn über Kreuz kreisten gerade zwei russische Flieger in geringer Höhe. Wir fuhren dann auch noch zur Nacht weiter über Driesen, Friedeberg nach Landsberg an der Warthe. Hier wurden wir das erste Mal mit warmem Essen bewirtet. Auch sollten die armen Pferde wieder mal gefüttert werden, aber bei der erdrückenden Fülle fuhren wir schon wieder nachts um 2 Uhr los, aber nicht in Richtung Frankfurt/Oder, sondern nach Küstrin. Frankfurt soll vollständig verstopft gewesen sein. Von Landsberg ging es über Schwerin nach Küstrin, wo wir nachmittags, den 29. Januar, über die Oderbrücke fuhren. In Küstrin gab es wieder etwas zu essen.

Hinter Küstrin bezogen wir auf dem Gut Wilhelminenhof Quartier in der Hoffnung, das Schwerste hinter uns zu haben und hier einige Tage ruhen und das weitere abwarten zu können. Auf dem Gute sind wir sehr gut aufgenommen worden. Es wurde das erste Mal in anerkennenswerter Weise für Mensch und Tier gesorgt. Aber als wir am andern Morgen wieder Artilleriefeuer hörten und die Flüchtlinge immer eiliger nachdrängten, machten auch wir uns wieder auf den Weg. Von Landsberg waren wieder einige Wagen weniger, denn des Nachts konnten und wollten nicht alle mit. Von hier aus ging die


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Fahrt über Wriezen, wo der Volkssturm mit Panzerfäusten bereitstand. Es sollten einige russische Panzer dicht hinter uns gewesen sein. In Wriezen ist eine Litzmannstädter Familie, welche bei mir evakuiert war und mit meinem Wagen mitgekommen ist, Ehepaar und zwei Kinder, von der NSV. übernommen, weil der Frau die Beine erfroren sind. Von Wriezen ging es über Eberswalde, Zehdenick, Zerpenschleuse, Gransee in Richtung Neuruppin.

Die Fahrt um Berlin herum war besonders für die Pferde schlecht, weil dort gar kein Futter mehr aufzutreiben war, nicht einmal Stroh. So haben die Pferde oft tagelang kaum etwas Futter bekommen, denn unser Futter war im Allewerden, so mußten wir sehr sparen. Wir Menschen haben öfter etwas zu essen bekommen wie die Pferde. Das andere große Übel in der Nähe Berlins war die dauernde Fliegergefahr. Aber am 5. Februar kamen wir doch heil in Neuruppin an, wo wir am 6. Februar bei Neustadt a. d. Dosse Quartier bekamen. Hier dachten wir aber bestimmt bleiben zu dürfen. Es war ein Bauerndorf, wo unsere Pferde endlich sich mal satt fressen konnten, und auch wir Menschen hatten es satt, von einem Dorf zum andern gejagt zu werden, und unsere Glieder waren zur Genüge durchgefroren und müde.

Als mich nach zwei Tagen Ruhe der Ortsgruppenleiter aufsuchte und mir mitteilte, wir müssen weiter nach Osthannover, habe ich mich zunächst geweigert. Habe aber dann doch eingesehen, daß wir andern Platz machen müssen, haben wir uns am 9. Februar wieder auf den Weg gemacht und sind dann über Havelberg, Wittenberge — bei Dannenberg ging es über die Elbe —, weiter über Ülzen, Eschede, Lachendorf nach Wienhausen und dann nach Offensen, Bezirk Celle, wo wir am 15. Februar eintrafen und heute noch als erwerbslose Flüchtlinge unser Dasein fristen.