Nr. 96: Räumung der Stadt Labischin und Flucht in westlicher Richtung bis zur Überrollung durch die Russen im Kreis Czarnikau.

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Erlebnisbericht des Pastors Heinrich Dinkelmann aus Labischin (Lüleritz), Kreis Schubin i. Posen.

Original, 19. März 1952.

In der letzten Hälfte des Jahres 1944 trat unter der Bevölkerung der Umgebung von Bromberg, zu der ich mit meiner Familie in Lüderitz, Kreis Altburgund (Szubin), im nordöstlichen Zipfel gehörte, eine gewisse Unruhe ein. Man hörte Stimmen, die eine Umsiedlung nach Westdeutschland erwogen, die heimlich Wäsche und Möbel abgeschickt hatten, die eine besonders höfliche, wenn nicht unterwürfige Haltung den Polen gegenüber zeigten und ähnliches mehr. Dann wurden starke Aushebungen von Frauen und Männern vorgenommen, und man schickte sie zu Schanzarbeiten nach dem Osten. Es kam im November die Aufstellung des Volkssturmes, alle Männer bis zu 60 Jahren wurden erfaßt. Im Dezember 1944 erhielt Lüderitz Fronttruppen. Etwa 50 SS.-Männer mit einem, wie es hieß, sehr wertvollen Nachrichtengerät quartierten sich bei uns ein, weil die Ostfront zurückgedrängt worden war.


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Die offiziellen Heeres-, Partei- und Beamtenstellen suchten jeder Beunruhigung entgegenzutreten, und die Gesamthaltung der deutschen Bevölkerung zeigte auch ein gemeinsames Verantwortungsgefühl, das kaum eine Abwanderung aufkommen ließ. Wir gehören alle zusammen und dürfen nicht Einzelwege gehen, dürfen nicht als Einzelne die Flucht ergreifen und die Gesamtheit im Stich lassen.

Selbst als Mitte Januar bei schneidendem Frost (—15°) die ersten Trecks vom Osten her unseren Ort durchzogen, wollte der Gedanke noch nicht aufkommen, daß wir auch fort müßten. Erst am Freitag, dem 19. Januar 1945, ordneten die Partei und der Kreis die Vorbereitungen zum Abzug an.

Am Sonnabend gegen Abend wurde ganz dringend zur Flucht geraten. In der Nacht war alles fieberhaft dabei, die wichtigsten Sachen wie Kleider, Betten, Wäsche und notwendigste Lebensmittel auf Wagen zu verladen und am Sonntag früh auf dem Marktplatz zu sammeln und geschlossen abzuziehen.

Der verantwortliche Leiter des Trecks, Ortsgruppenleiter Wegner, beauftragte mich, mit der ersten Gruppe früh um 7 Uhr den Abzug zu beginnen, da mir die Wege am besten bekannt waren. Ich selbst nahm irn letzten Augenblick noch eine Wöchnerin mit ihrem eben geborenen Kinde in mein Auto und besorgte meinen beiden Söhnen Dieter und Rainer, vierzehn und zwölf Jahre alt, einen Platz auf einem Kastenwagen. Etwa zwanzig Wagen gehörten zu dieser Spitzengruppe. Ich selbst fuhr am Schluß und verließ erst gegen 10 Uhr den Marktplatz, als der Haupttreck sich schon zu ordnen suchte. Um diese selbe Zeit stand bereits der erste russische Panzer am östlichen Stadtrand, beschoß die Stadt und vor allem das Quartier der SS.-Mannschaft, die sich sehr tapfer verteidigte. Etwa die Hälfte ihrer Leute fiel, und der Rest konnte noch so eben den wertvollen Nachrichtenapparat herausretten. Dadurch wurden die Russen so sehr aufgehalten, daß der Haupttreck, wenn auch unter Beschuß, so doch noch herauskam.

Wir fuhren Neben- und Richtwege und mieden, solange es ging, die Chausseen. Das gab uns sehr schnell den nötigen Vorsprung, zumal wir nach Westen, die Russen nach Norden strebten.

Die polnische Bevölkerung war ruhig geblieben, nur einige wenige schossen hinter dem letzten Treck her. Die meisten Wagen hatten polnische Männer als Kutscher, die durchweg freiwillig mitfuhren. Von Dietfurt (Znin) berichtete mir ein motorisierter Unteroffizier, er habe soeben festgestellt, daß von deutscher militärischer Seite für die Polen unsere Infanteriegewehre 98 bereitgehalten würden. Er habe die Schlösser herausgenommen und sie im Beiwagen mitgenommen. So war die Gefahr für uns beseitigt.

Mehrere Deutsche, besonders Baltendeutsche, haben gleich am ersten Tage Selbstmord z. T. mit der ganzen Familie verübt, und zwar durch Gift und Aufschneiden der Pulsadern. So unser Arzt Dr. Schröder, der Amtsrichter u. a.

Unser Treck zog in den ersten drei Tagen recht geordnet und ungestört seinen Weg über Hedwigshorst, Morkau, Gollantsch. Unsere Straße war leer, ebenso waren die Dörfer schon 24 Stunden vorher von allen Deutschen verlassen. Wir trafen einzelne Posten an, die freundlich und hilfsbereit waren. Man merkte, wie ihr banges Herz in dieser Stunde der Entscheidung sich fürchtete vor den Russen.


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Es war selbstverständlich, daß ich mich mit dem Auto beim Treck hielt und die Spitze führte. Am Montag, dem 22. Januar 1945, trafen wir zwischen Gollantsch und Margonin auf überfüllte Straßen. Es gab Radbrüche, ungeordnetes Fahren, Stockungen und schließlich einige Kilometer vor Kolmar einen völligen Stillstand. Die abschüssige Straße war spiegelglatt, die Pferde fielen, die Wagen rutschten und landeten z. T. im Straßengraben. Nur mit großer Vorsicht und starkem Bremsen war das Passieren dieser Stelle möglich. Jedenfalls verloren wir so einen halben Tag, und der Russe kam näher. Einzelgänger1) hatten hier und da schon Trecks durchquert, Verwundete hatte es gegeben, aber das Ganze zog doch seinen Weg weiter nach Westen.

Diese zwei Tage und Nächte hatten die Nerven stark angegriffen. Die Männer und Frauen ohne Schlaf, stets angespannt, als Nahrung hartgefrorenes Brot, Kranke und Gebärende im Zug, leidende und schreiende Kinder. Tag und Nacht bei 15° unter Null draußen auf offenem Wagen, dann die Panzer oft hörbar nahe, Schüsse und vorne Hindernisse. Nichts Warmes für die Säuglinge, die Pferde überanstrengt bei der Glätte, es fehlte an Stollen. Man darf sich nicht wundern, wenn mancher die Nerven verlor, zumal es sich ja um Kinder, Frauen und ältere Männer handelte. Die Jungen waren ja alle Soldaten. Man sah so manch alte Frau, so manches Kind, die auf dem Kutscherbock saßen, in den Pausen die Pferde versorgen mußten, denen aber auch zugleich die ganze Verantwortung für die kleinen Kinder auferlegt war.

Am Montagabend verweigerte auch der von mir geführte Treck mit einigen Wagen die Weiterfahrt. Sie könnten nicht mehr weiter, müßten jetzt die dritte Nacht doch Schlaf haben, wenn auch nur auf ihren Wagen in der kalten Winternacht. Der Haupttreck der Lüderitzer hatte den Anschluß an uns verloren, kein Wunder bei den verstopften Straßen. Einige Wagen meiner Zwanziger-Gruppe bogen vom Wege ab und suchten für die Nacht leerstehende Gehöfte auf. So mußte bereits jetzt vielen die Verantwortung für ihr Handeln überlassen werden. Ich habe selbst drei Tage und Nächte nicht geschlafen, hatte geordnet, die Wege ausgekundschaftet, Verbindungen aufrechterhalten, wenn andere Wagen sich bei uns einschoben, hatte mit meiner Frau dafür gesorgt, daß die Wöchnerinnen gelegentlich etwas zu trinken bekamen u. a. mehr. Ich wollte auch die Nacht zum 23. Januar in einer polnischen Arbeiterhütte vor Kolmar zubringen. Andere, so meine Kinder und sonstige Mitziehende, wollten auf keinen Fall rasten. Vor allem drang meine Frau in mich, ich müßte weiterfahren, denn die Wöchnerinnen bekamen Brustschmerzen und Fieber und verloren die Nahrung für das Kind. So verabschiedete ich mich von einigen Wagen, gab Weisungen zum Nachkommen und fand unsere ersten Wagen einige Kilometer hinter Kolmar auf dem Wege nach Scharnikau wieder.

Es war eine helle und kalte Mondnacht: Die Straßen waren verhältnismäßig leer, da die meisten in und um Kolmar rasteten. Wir befanden uns mitten im Walde, hörten öfter Schüsse, auch sollen dicht hinter uns russische Panzer die Straße in Richtung Schneidemühl überquert haben. Es überholten und begegneten uns auch einige Militärfahrzeuge — alles in der Nacht —, man fragte uns, wer wir seien, und fuhr weiter.


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Ob es Russen waren, ich weiß es nicht, in der Nacht jedenfalls war man so abgestumpft, daß überhaupt keine Gedanken kamen, wir waren so weit, daß wir nicht mehr konnten. Dann zogen einzelne Jungen und Mädchen, Kinder noch, an uns vorüber, die aus Schulen und Heimen fortgelaufen waren, müde und stumm wie wir.

Da der Weg frei war, die Wöchnerin in ihrer Lage uns Sorge machte, beschloß ich im Einverständnis mit meinen acht Kindern und Enkeln, die Pf erdewagen fuhren, gegen 2 Uhr nachts, schnell bis Schönlanke vorzufahren, um dort die Wöchnerin mit dem Säugling abzugeben ans Rote Kreuz und sofort wieder zurückzufahren. So sollte ich am Dienstag früh die Spitze des Trecks und meine Kinder in Scharnikau wieder treffen. Es wurde vereinbart, daß, sollte ein unerwartetes Hindernis das unmöglich machen, ich dann auf jeden Fall in Filehne sie erwarten würde.

Die Fahrt bis Schönlanke verlief normal. In Scharnikau allerdings sollte gleich hinter uns die Brücke gesprengt werden, so daß wir schon wußten, eine Rückfahrt wird nur noch über Filehne möglich sein. Als ich die Wöchnerin abgeliefert hatte — sie kam glücklich heraus, und Mutter und Kind leben in der Westzone — und zurückfahren wollte, waren beide Hinterreifen des Autos völlig gerissen. Ich konnte nicht wieder von der Stelle.

Jetzt erlebte ich Bürokratie. Die mit Reifen angefüllten Läden verlangten Bezugscheine! Das Landratsamt (!) erklärte, für mich sei es nicht zuständig, ich bat, flehte, wurde im Blick auf die Zurückgebliebenen deutlich, nichts half, nicht zuständig! Die Not schrie, man hörte nicht. Da waren keine Herzen mehr, da war maschinelles Beamtentum da mit seinen Gesetzen. Ich suchte nach Menschen, ob ich unter den Geschäftsleuten welche finden würde. Ich trete ins nächste Geschäft. Da stehen SS.-Leute und suchen und nehmen für ihren Wagen, Was sie brauchen; wie wird es mir gehen, werden diese Frontsoldaten mir helfen? Im selben Augenblick höre ich meinen Namen, es sind die letzten unserer Lüderitzer Einquartierung, die Befehl hatten, ihr Gerät zu retten. Der Auftrag ist ausgeführt, und sie machen sich zur Rückfahrt fertig. Aber erst wird mir geholfen! Befehl: Zuerst sind alle Wünsche von Pastor Dinkelmann zu erfüllen, dann kommen wir. Im Nu war mein Wagen wieder flott. Aber es war schon spät geworden, am Vormittag hatte ich nichts erreicht, jetzt war's 3 Uhr wenigstens. Bald kam die Dunkelheit, und es konnte nur heißen, zurückzufahren. Ein zweites Auto schloß sich an, und so war ich bei Einbruch der Dunkelheit am Bahnübergang in Filehne, am Nordufer der Netze.

Dort traf ich wieder auf unsere Trecks aus dem Osten, ohne Abstand folgte Wagen auf Wagen, ein Weiterfahren gegen den Strom war unmöglich. Also hieß es, aussteigen und Posten stehen, bis die eigenen Wagen eintreffen würden. Ich stand bis 12 Uhr nachts, viele Bekannte grüßten und baten um Wegweisung, andere baten um Rat, wohin mit den Toten auf den Wagen, die alt oder krank oder als kleinste Kinder die Strapazen nicht weiter ertragen hatten. Man konnte nur raten, sie seitlich in den Schnee zu betten, da die Erde hartgefroren war, oder sie weiter mitzunehmen. Man tat das letztere. Das waren wirklich Vertriebene, Heimatlose, von den Kriegsfurien Verfolgte.


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Um 12 Uhr nachts ließ ich mich ablösen, um doch noch einen Vorstoß mit dem Auto über die Netze südlich über die militärische Postenkette, die aufgestellt war, ins Land Richtung Scharnikau zu versuchen.

Da waren die Straßen leer, nur einzelne Versprengte, Wagen oder Verunglückte traf ich, denen meine Hilfe zur mitternächtlichen Stunde gerade recht kam. Nach einigen Stunden kehrte ich ohne Ergebnis zurück. Nach einer kurzen Ruhepause bezog ich wieder Posten am Bahnübergang und prüfte Wagen nach Wagen — die unseren fehlten.

Da stürzt Frau Pastor Schenk mit Kind und Mädchen auf mich zu, es war früher Morgen, die unter den Fußgängern der Flüchtenden sich befand und fast weinend vor Schwäche, doch freudig erregt war, weil sie nach dem langen Marsch von rund 30 km seit dem Dienstagnachmittag keinen Bekannten mehr gesehen und ihren Mann bei Scharnikau verloren hatte. Nun hatte sie wieder Anschluß, konnte sich ausruhen und stärken.

Aber ihre Nachricht war furchtbar. Abgerissen, unklar und verstört stammelte sie nur, daß unser und ihr Treck von russischen Panzern einige Kilometer vor Scharnikau durchstoßen und völlig abgeschnitten sei. Ihr Mann sei vorgelaufen, um das Militär von Scharnikau zum Gegenstoß zu bewegen, aber umsonst. Nur einige wenige hätten sich durch Laufen noch herausgerettet, soweit sie vorne waren. Die 100 000 jenseits der Stadt seien verloren. Sie selbst sei ebenfalls abgesprungen und davongelaufen. Das sei am Dienstagnachmittag gegen 5 Uhr gewesen. Seitdem sei sie unterwegs, also 17 Stunden Fußmarsch ohne Ziel und in Bangigkeit und Sorge um alle anderen. Von unseren Kindern habe sie gehört, daß sie alle acht erschossen worden seien. Wir würden umsonst warten, ein Zurück zu ihnen sei unmöglich, unsere Soldaten hätten alles abgesperrt. Damit war der große Treck der Flüchtenden für West und Ost geteilt. Ein erster furchtbarer Abschluß1).

Ich blieb trotzdem auf meinem Posten, vielleicht kämen die unseren doch noch, außerdem konnte ich den anderen Vorüberfahrenden Wegweisung geben und Stockungen verhindern.

Gegen 12 Uhr mittags stürzt plötzlich meine erwachsene Tochter Renate mit ihrer Freundin auf mich zu, schluchzend, gebrochen und doch beglückt, weil sie mich sah und nun für sich einen Halt hatte. Ein kurzes Fragen und dann: Die Russen sind gerade bei unserem Wagen durchgestoßen, keiner durfte mehr weiterfahren. Renate ging dem Wagen voraus, um sich zu wärmen. Als sie die Russen sah, sei sie mit anderen gelaufen. Man habe hinter ihr hergeschossen, aber nicht getroffen, was in einzelnen Fällen leider geschehen war. Als sie zur Besinnung gekommen sei, habe sie zurück gewollt, aber die Freundin habe es nicht geduldet. Sie hätte doch nicht helfen können. Unsere anderen Sieben und die Bekannten? Man müsse damit rechnen, daß sie umgebracht sein könnten, aber man könne nichts Bestimmtes sagen.


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Unsere physische und seelische Kraft war zu Ende, und besonders meine Frau hatte nur den einen Wunsch, hinfahren zu den Abgeschnittenen, nur mit ihnen alles gemeinsam tragen, auch Schrecken und Tod. Ich selbst hatte vier Tage und Nächte kaum geschlafen, die Hindernisse, die Aufgaben, die erregende Lage hatten mich aufgehalten. Aber jetzt merkte ich, daß, wenn wir uns den anderen Kindern — es waren noch sechs, z. T. Soldaten, irgendwo, z. T. zerstreut — erhalten wollten, wir Ruhe gebrauchten. Fast mit Gewalt verwehrten uns nächste Freunde die Weiterfahrt, mein Wagen wurde umgedreht, und nun steuerte ich das Auto nach Pommern, wo ich mit meiner Frau, der jüngsten Tochter und einem Enkel am Donnerstag glücklich bei der Schwester und Mutter meiner Frau landete. Drei Wochen blieben wir dort in der Nähe von Arnswalde, am 16. Februar ging die Flucht von neuem los, nun allerdings mit Übernachtung und normaler Verpflegung. Als wir in Wittenberge die Elbe überschritten, fühlten wir uns geborgen. Seitdem teilen wir das Los der Millionen anderer Ostvertriebener in der britischen Zone.