Nr. 97: Flucht in Richtung Czarnikau, Überrollung und Rückkehr.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht der Bauersfrau E. L. aus L., Kreis Kol mari. Posen.

Original, 5. Juni 1952, 3 Seiten. Teilabdruck.

Mein Heimatort war L., Kreis Kolmar. Es war der 20. Januar 1945. Befehl kam, daß wir flüchten mußten die Richtung Scharnikau. Frauen mit Kindern raus. Die Männer mußten dableiben. Nun war es mir ja schwer, mit sieben Kindern, Pferde und Wagen auf die Landstraße zu ziehen. Das Kleinste war P/2 Jahr. Der zweite Sohn, Soldat, war gerade in Urlaub (ist bis jetzt noch vermißt). Wir sind zugleich von Hause weg. Der Sohn fuhr mit dem Fahrrad, sind auseinandergekommen, und von der Zeit weiß ich von meinem Sohn Lothar nichts. Mein Mann kam uns am zweiten Tage nach, hat uns zufällig auch getroffen. Am dritten Tage, dem 23. Januar, überholte uns schon der Russe. Mein Mann stand bei unserem Wagen, wollte mir die Kleine abnehmen, da wir von der Straße aufs Land flüchten wollten. Da kam auch schon ein Russe, sprang vor ihn und sagte: „Deutsch, polnisch.” Auf mein Mann sein Wort „deutsch”, schoß er ihn vor unseren Augen durch die Brust. Sein Tod trat auf der Stelle ein. Die eine Tochter stand hinter meinem Mann, der ging der Schuß über den Kopf hinweg. Es war 23. Januar 1945 abends.

Auf Befehl der Russen mußten wir zurück nach Hause. Mit großen Hindernissen und Hilfe der Kinder bekam ich meinen Mann mit auf den Wagen, Russen versuchten meinem Mann die Stiefel auszuziehen, bekamen sie aber nicht. Es war ein Schneetreiben und ein Geschieße, keiner half einem, jeder hatte Angst. Die ganze Nacht waren wir unter freiem Himmel. Gleich in derselben Nacht fingen die Polen an zu plündern, nahmen uns das Fahrrad, Decken und Pelze weg. Der Nachbarsfrau fuhren die Polen den Wagen in den Chausseegraben, daß alles auseinanderflog. Mit großer Schwierigkeit


365

kamen wir nach drei Tagen in unserem Heimatdorf an. Immer wieder wurden wir durchsucht und geplündert. Ich bekam nicht einen Sarg, meinen Mann zu beerdigen. Mit Hilfe des Nachbars haben wir von eigenen Brettern einen Sarg zusammengeschlagen, wie ich dann nach acht Tagen meinen Mann beerdigen konnte. Neben ihm liegen noch sieben Soldaten, die in unserem Heimatort von den Russen erschossen wurden. Sie stammten von Sachsen, die genaue Anschrift ließen uns die Polen nicht nehmen.

Nun ging die Plünderei erst richtig los. Ich hatte über zwanzig Mann einquartiert, die Schützengräben schaufeln mußten. Die Hälfte ging nur auf Arbeit. Die anderen durchsuchten alles; was ihnen gefiel, nahmen sie mit, alles andere zerschlugen sie. Obendrein wurde ich beschuldigt, wir hätten Gewehre, wo sie sie selbst hingelegt haben. Wenn ich was sagte, sagten sie, ich solle nur ruhig sein, sie meldeten es den Russen, die stecken mir alles an. Ich meldete es der polnischen Polizei, die kamen auch und verwarnten sie, daß sie sollten Ruhe halten, aber wie die weg waren, ging es wieder weiter los. Ich bekam Ausschimpfe: „Du deutsches Weib hast gut gelebt, gib her, was du hast, gib Essen und Trinken, koch Milch.” Sie bekamen von der Feldküche Verpflegung. Das ging so bis März, da bekamen wir einen polnischen Treuhänder auf die Wirtschaft, wir mußten auf dessen Befehl arbeiten.

Es folgt eine kurze Skizzierung der Zeit nach der Wiederherstellung des polnischen Staates.