Nr. 98: Treck durch Brandenburg über die Oder hinweg ins westliche Reichsgebiet.

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Erlebnisbericht des Pfarrers von Murowana Goslin, Kreis 0 b o r n i k i. Posen, Helmut Weyer.

Original, 18. April 1952.

Es ist schade, daß wir damals keine ausländischen Sender im Radio hörten, sonst wäre uns die Räumung des Warthelandes nicht so überraschend gekommen, und wir hätten ein genaueres Bild der Lage und der Zustände in der deutschen Wehrmacht gehabt. Die höheren Parteistellen täuschten der Bevölkerung — oder auch sich selbst? — eine nicht mehr vorhandene militärische Stärke vor. Zwar wußten wir, daß die Russen die deutschen Fronten am 12. Januar 1945 bei Warschau durchbrochen hatten, aber zwischen uns und Warschau lagen ja noch 300 km, lagen Panzersperren und ausgebaute Feldstellungen, lagen tiefgestaffelte Verteidigungslinien und — wie wir glaubten — kampffähige Truppenreserven.

Am Freitag, dem 19. Januar, frage ich unseren Amtskommissar: „Es wird so viel von Räumung und Flucht gesprochen, was ist eigentlich los?” „Lassen Sie sich nicht den Kopf verdrehen, an Aufgabe des Warthelandes ist gar nicht zu denken. Was meinen Sie wohl, wie die Linie Thorn—Kalisch ausgebaut und mit Truppen besetzt ist.” Davon war er selbst überzeugt, auch ihn traf der Räumungsbefehl ganz unerwartet.


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Am Sonnabend hörten wir, daß einzelne Panzerspitzen schon auf der Linie Gnesen—Wreschen sind. In meinem Hause, das gerade vor der Einmündung einer von Gnesen kommenden Straße liegt, hat ein SS.-Kommando mit Panzerfäusten sein Wachlokal. „Wir können stündlich mit dem Auftauchen russischer Spitzenpanzer rechnen”, sagen mir die Leute. Am Abend gegen 17 Uhr verlassen junge Mütter mit ihren Kindern und die von Berlin hierher verlegte „Mozartschule” mit dem Zuge die Stadt. Wie wir hinterher erfahren, ist es der letzte Zug vor der Preisgabe des Warthelandes, der unsere Stadt verlassen hat. Gegen 19 Uhr trifft mich unser Zellenleiter auf der Straße: „Nun, was sagen Sie dazu, Herr Pastor, wir müssen packen, nur kleines Handgepäck, in paar Stunden muß alles fertig sein. Schlepper mit Anhängern werden auf dem Markt stehen und die deutsche Bevölkerung abtransportieren.”

Auf den Durchgangsstraßen herrscht bereits ein gewaltiger Verkehr von Gespannen, die vom Osten kommen. Die deutsche Bevölkerung des Warthelandes hat begonnen, sich nach Westen zu in Bewegung zu setzen. Ich gehe nach zwei Stunden auf den Markt, um nach den Fahrzeugen zu sehen, die uns aufnehmen sollten. Es steht ein einziger Schlepper da mit einem Anhänger, der etwa zwanzig Personen faßt und natürlich im Bruchteil einer Minute besetzt ist. Es soll jeder selbst sehen wie er weg kommt. Ich verhandele mit einer benachbarten Bäuerin, die meine Frau und mich sowie die Familie unseres Hausmädchens auf ihrem offenen Kastenwagen mitnimmt. Alle, die hinauswollten, sind auf ähnliche Weise auch hinausgekommen, die zurückgebliebenen Alten und Kranken wollten auch zurückbleiben. Es wird uns nochmals gesagt, nur wenig Gepäck mitzunehmen, es handelt sich nur um eine Räumung für wenige Tage, damit die deutschen Truppen in Ruhe aufmarschieren und zum entscheidenden Gegenangriff ansetzen können. Trotzdem nehmen wir und auch die meisten anderen — glücklicherweise — mehr mit, Wäsche, Kleidung, wobei freilich bei dem schnellen Aufbruch auch manches Nötige liegenbleibt und manches weniger Nötige mitgenommen wird.

Was mache ich mit meinen Kirchenbüchern? Werden wir mit unserem Wagen bei dem Schnee und der Glätte durchkommen? Wenn wir stecken bleiben und zu Fuß weiterlaufen müssen, verkommen die Kirchenbücher im Straßengraben. Da sind sie schließlich zu Hause sicherer. So nehme ich nur das jüngste Taufregister mit, das ich im Notfalle unter den Arm klemmen kann.

Gegen 23 Uhr fahren wir ab, aber nicht in geschlossenem Zuge, sondern, wie jeder fertig war, ordnete er sich irgendwo in die nicht abreißenden Kolonnen der von den östlicher gelegenen Ortschaften kommenden Wagen ein. Wo die Bürgermeister der Dörfer umsichtig und tatkräftig waren, bildeten die Wagen ihrer Gemeinden meist geschlossene Trecks. Für unsere Stadt war dies nicht durchzuführen. Wie ich diesen Betrieb auf der Straße sehe, wird es mir gewiß: wir sehen Goslin nicht wieder. Auf diesen von Wagenkolonnen verstopften Straßen kann keine Armee aufmarschieren. Dies ist der Anfang vom Ende. Ich denke an die Mahnung für Lots Weib und sehe


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mich nicht um. Jetzt gilt es, vorwärts zu schauen, damit wir aus der Gefahrenzone erst einmal herauskommen. Zum Beklagen des Verlorenen bleibt dann immer noch Zeit.

In Lüttichhof (Przepedowo) haben wir die erste und zum Glück einzige Panne unserer Fahrt. Bei dem Versuch, eine besonders glatt aussehende Stelle der Straße zu umfahren, geraten wir mit einem Rad in einen durch eine Schneemasse verdeckten Graben, und bei der Glätte bekommen unsere Pferde den schweren Wagen allein nicht heraus. Um 2 Uhr nachts endlich erhalten wir Vorspann und werden wieder flott. In langsamer Fahrt geht es weiter nach Obornik. Alle Augenblicke gibt es einen Halt, weil irgendwo vor uns ein Pferd gestürzt oder sonst etwas passiert ist, oder weil Militärkolonnen ebenfalls auf dem Wege nach Westen uns überholten. Diese nach Westen strebenden Militärfahrzeuge bestärken den Eindruck, daß unsere Ostarmee sich in völliger Auflösung und Flucht befindet und eine kampffähige Truppe überhaupt nicht mehr vorhanden ist.

Gegen 1/2 ll Uhr, sonntags, den 21. Januar, sind wir endlich in Obornik, 20 km von Goslin. Unsere Bäuerin, Frau Lehmann, deren Mann von der Internierung September 1939 nicht zurückgekehrt ist, füttert und tränkt ihre Pferde. Sie hat sich reichlich Hafer mitgenommen und während der ganzen Fahrt ihre Pferde vorbildlich betreut und gefüttert. Ich verstehe nichts von Haferpferden und kann ihr leider nur wenig helfen. Wir essen ein Stück Brot und trinken einen Schluck heißen Kaffee aus der Thermosflasche. Man verspricht uns, in Samter sei eine warme Mahlzeit für die Flüchtlinge bereitgestellt. Also weiter nach Samter.

Einige Stunden später passiert an der Warthebrücke in Obornik ein Unglück. Ein Wagen kommt ins Rutschen, schliddert die Böschung herunter und überschlägt sich. Die alte Frau Uibel aus Lang-Goslin fällt dabei vom Wagen und stirbt einige Tage später an den Folgen des Sturzes.

Um 17.30 Uhr sind wir endlich in Samter, von einer warmen Mahlzeit ist aber nichts zu sehen, dafür stehen aber einige „Braune” dort und erzählen uns, in Scharfenort habe die NSV. für die Flüchtlinge gekocht. Um 23 Uhr sind wir dort, da ist aber von NSV. oder deutscher Polizei oder deutscher Bevölkerung überhaupt nichts mehr zu sehen. Die sind schon alle getürmt. Eine polnische Familie nimmt uns auf, die Pferde bekommen zur großen Freude von Frau Lehmann einen annehmbaren Stall. Wir kochen uns etwas Kaffee und essen zu unserem Brot von Frau Lehmanns guter, selbstgemachter Wurst, wovon sie etliche Stücke mithat und legen uns alle in der Küche auf den Fußboden zum Schlafen. Am Morgen des 22. Januar werden die Pferde besorgt, Kaffee gekocht, dazu ein Wurstbrot, die Thermosflasche wird noch mit heißem Kaffee gefüllt, und um 1/2 9 Uhr sind wir wieder auf der Landstraße nach Zirke zu. Dort wird um 17 Uhr Halt gemacht und im Massenquartier in der Fischereischule übernachtet. Dort gibt es auch einen Teller Suppe, und die Pferde können wieder irgendwo im Stall stehen. Hier treffen wir auch eine ganze Reihe Gosliner Gespanne, bleiben aber am nächsten Morgen doch nicht mit ihnen zusammen, da sie früh aufbrechen, während Frau Lehmann auch noch die Eisen ihrer Pferde nachsehen und neue H-Stollen einschrauben läßt, was sehr gut war, so daß wir erst gegen 12 Uhr loskommen.


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Auf dem Weg nach Zirke am Montag hören wir zweimal kurz hintereinander einen dumpfen Knall in der Ferne: die Warthebrücken in Obornik waren gesprengt worden. Brücken sprengt man doch nicht in einem Aufmarsch- sondern in einem aufgegebenen Gebiet.

Hier irgendwo begegnet uns Herbert Hübner aus Weißtal. Er ist als Soldat bei einem Fliegerstab Verbindungsmann zur nächsthöheren Dienststelle und als solcher immer gut informiert. Er soll sich nach Stettin durchschlagen, um dorthin Meldungen und Befehle zu überbringen. Er wußte von einer Lagebesprechung zu berichten, daß der Vormarsch der Roten Armee frühestens am Ostwall der deutsch-polnischen Grenze von 1938 aufgehalten werden kann, aber auch nur dadurch, daß einige Jahrgänge geopfert werden. Etwas leichter wird die Verteidigung hinter der Oder sein. Das sind leider entmutigende Aussichten.

In dieser Gegend muß es auch gewesen sein, daß wir die in einem Dorf haltenden Gespanne aus Kaminsker Hauland überholten. Die hatten recht schwache Pferde, die nicht weiterkonnten, und haben es nicht mehr rechtzeitig bis zur Oder geschafft. Sie wurden von den Russen überholt und haben viel Schweres durchmachen müssen, einige sind zu Tode gekommen, andere völlig verschollen. So ist es manch einem gegangen, der in Verkennung der Lage vor der Oder haltmachte und die Entscheidung der Dinge abwarten wollte. Zwischen Zirke und Birnbaum sehe ich auch meinen Nachbarn Dr. Spornberger auf Roloffs Gespann. Sein Auto hat die Wehrmacht sechs Kilometer hinter Goslin requiriert, jedenfalls damit einige der Herren noch schneller türmen konnten. Das war unser letztes Wiedersehen. Er starb schon im April an Darmkrebs, ohne etwas von der Natur seiner Krankheit zu ahnen.

Am späten Nachmittag kommen wir in Birnbaum an, es war aber dort kein Unterkommen mehr zu finden. Also weiter. Nachts gegen 21 Uhr sind wir in Willichsee. Diese Nacht in Willichsee vom Dienstag, dem 23. Januar, zum Mittwoch, dem 24. Januar, ist die widerwärtigste, unangenehmste und deprimierendste der ganzen Fahrt. Willichsee ist ein Rittergut. Die Zugänge zum Gutshof waren von Wehrmachtsposten abgesperrt, es wurde kein Flüchtlingswagen auf den Hof gelassen, obwohl dort leere, offene Schuppen waren, in denen wenigstens fünfzig Gespanne einen, wenn auch nur notdürftigen Schutz hätten finden können. So blieb uns nichts übrig, als in dieser kältesten Nacht des Winters bei 20—25 Grad auf der Straße zu stehen. Wir deckten unsere braven, treuen Pferde mit Decken zu, die wir zum Glück mithatten, und laufen auf der Straße auf und ab, um uns warm zu halten. Die an der Straße wohnende Frau des eingezogenen Gutsstellmachers erlaubt den Flüchtlingen, sich bei ihr etwas aufzuwärmen, und sorgt für heißen Kaffee. Die Leute wohnen ärmlich und klagen, daß der Gutsherr um die Wohnverhältnisse seiner Leute sich nicht kümmert.

Um 4 Uhr früh wird es uns zu dumm und kalt, so daß wir weiterfahren, andere sind schon vor uns wieder gestartet. Es ist Mondschein und gute Sicht, der Schnee knirscht unter den Rädern. Nach einigen Kilometern biegen wir rechts ab auf die große Hauptstraße Posen—Küstrin—Berlin. Hier muß der Strom der Fahrzeuge schon länger und noch dichter gegangen sein. Tote Pferde, zerbrochene Wagen, in den Straßengraben gekippte Autos, die bei


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der Glätte an Straßenbäumen landeten oder infolge von Brennstoffmangel oder sonst einer Panne nicht weiter konnten, säumen zu beiden Seiten den Weg. Wir haben später selbst manche gefährliche Situation besonders bei erhöhten Kurven mit angesehen. Die Erntewagen, die manche für den Treck benutzten, machten besonders Schwierigkeiten. Da mußten immer ein paar Leute den Wagen hinten am Langbaum halten und sich dagegen stemmen, und trotzdem rutschte der Erntewagen oft weg. Auf solche Weise war ein Wagen kurz vor uns die Böschung heruntergerutscht, sich dabei überschlagend. Die Leute berichten uns aber freudestrahlend, wie gnädig sie von Gott bewahrt worden sind. Weder sie selbst noch ihr Wagen haben ernstlich Schaden genommen. Sie brauchten nur ihr Gepäck und den Wagen, in kleinere Teile zerlegt, wieder die Böschung herauf auf die Straße zu schleppen, ihn dort zusammenbauen und wieder beladen, also nur ein Aufenthalt von 2—3 Stunden. Freilich ging es nicht immer so glimpflich.

Auch sonst gab es noch mancherlei Unfälle. Der treuhänderische Verwalter des Gutes Bolechewo, Herr Bussmann, brach, als er unterwegs Heu für seine Pferde holte, durch die schadhafte Dielung des Heubodens und verletzte sich das Rückgrat so, daß er nach einigen Tagen unter großen Qualen starb, wie mir seine Gattin später schrieb. Unter der Kälte litten besonders die Säuglinge, viele von ihnen sind erfroren. Flaschenkinder hatten auch dadurch Not, daß die mitgenommene Milch erfror und unterwegs keine Gelegenheit war, sie aufzutauen oder neue Milch zu kaufen. Manche hatten sich an ihren Wagen einen Wetterschutz angebracht, indem sie — soweit sie sich auf die Flucht hatten vorbereiten können — von der einen Wagenleiter zu der anderen Bügel spannten, die dann mit einer Ernteplane oder auch mit den auf diese Weise mitgenommenen Teppichen bedeckt wurde, so daß ein „abgeschlossener Wagen” entstand.

Um die Mittagszeit waren wir in Schwerin, also westlich des „Ostwalls” von 1939. Ich habe weder von diesem Ostwall etwas bemerkt noch von Soldaten, die ihn verteidigen wollten. Aber Panzersperren wurden allenthalben angelegt, nicht nur östlich, sondern auch westlich der Oder. Als wir in Schwerin auf dem Markt hielten, fuhren einige Gosliner Gespanne gerade ab. Die Insassen des einen sagten uns, wir sollten so schnell wie möglich weiterfahren, die Russen seien uns schon ziemlich dicht auf den Fersen. Die Schweriner selbst waren nicht so ängstlich, rechneten mit dem Räumungsbefehl jedoch in den nächsten 24 Stunden. Uns reichte es aber für heute. Da es erst Mittag war und daher fast alle Gespanne noch weiter fuhren, fanden wir leicht ein Nachtquartier, auch für unsere Pferde einen guten Stall. Wir besuchten erst noch eine aus Goslin stammende Familie, erwischten dort einen Teller Hühnersuppe und erfuhren, daß das Aufnahmegebiet für uns der Kreis Soldin sein solle, wohin wir uns am folgenden Tage über Landsberg in Bewegung setzten sollten. Im übrigen bereiteten sich die Leute selbst zur Flucht vor.

Unsere Quartiersleute sind ein Zahlmeister mit seiner jungen Frau. Der Mann findet es „furchtbar ulkig”, daß ich Pfarrer bin, aber sonst sind die Leute nett und entgegenkommend, d. h. sie überlassen uns ihre Wohnung, und wir können tun und lassen, was wir wollen, da der Mann in Begleitung


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seiner Frau in der Nacht mit dem Auto eine Dienstfahrt macht, von der er am nächsten Morgen den Befehl für seine Truppeneinheit bringt, sich nach Westen abzusetzen.

An diesem nächsten Morgen, Donnerstag, 26. Januar, erfahren wir als erstes, daß die Hauptstraße nach Landsberg gesperrt ist und wir in einem nach Süden ausgreifenden Bogen über Blesen—Falkenwalde, das links liegen bleibt, umgeleitet werden und kommen abends in Oscht an, wo wir bei einer sehr freundlichen, übrigens katholischen Familie, die neben ihrer Landwirtschaft auch das Kolonialwarengeschäft des Dorfes haben, Quartier bekommen. Die Leute sind erschüttert, daß wir schwarzen Kaffee ohne Zucker trinken, und schenken uns erst mal eine Tüte Zucker. Der Mann hat gerade mehrere Sack Zucker bekommen für die nächsten Wochen. Wenn er genau wüßte, daß auch sein Dorf räumen muß, hätte er uns einen ganzen Sack mitgegeben, damit der Zucker nicht in die Hand der Feinde fällt. Leider wußte er das erst 24 Stunden später genau. Hoffentlich hat er seine Bestände den Leuten des Dorfes mitgeben können. Auch sonst taten diese freundlichen Leute uns so viel Gutes, wie sie irgend konnten. Zum Abend kochten wir uns eine schöne Milchsuppe und machten uns Bratkartoffeln — die ersten Kartoffeln seit unserem Aufbruch aus Goslin, Die Schwester unseres Hausmädchens hatte auch noch ein Tütchen Kakao mit eingepackt, den sie für uns alle spendierte, kurzum, wir lebten lukullisch.

Der Freitag führte uns weiter in Richtung Königswalde, aber vor diesem Ort wieder nordwärts auf die Schwerin-Küstriner-Chaussee, die wir bei Waldowstrenk erreichten. Hier erfuhren wir, daß nicht der Kreis Soldin, sondern der Kreis Ostprignitz unser Aufnahmegebiet sein sollte. Das Gebiet östlich der Oder hatte man also abgeschnitten. Ostprignitz, das war noch ein weiter Weg. Wann werden wir da sein? Wie lange werden wir uns noch auf der Landstraße umhertreiben? Wir sind zunächst allein auf weiter Flur, ein unheimliches Gefühl, aber im nächsten Dorf haben wir wieder Anschluß an die Wagenreihen der Flüchtenden und treffen etwas später Otto Krause aus Seeforst mit weiteren vier Gespannen aus Seeforst. Er ist ziemlich verzagt. „Wie soll man sich ohne Karte nach Ostprignitz durchfinden? Jeder sagt einem einen anderen Weg, und die HJ. an den Wegkreuzungen sind erst recht dumme Jungs, die nicht Bescheid wissen.” Ich sage ihm, wir wollen fortan zusammenbleiben, ich habe eine Straßenkarte, da finden wir nach Ostprignitz auch alleine hin, ohne jemanden zu fragen. Die Ostprignitz kenne ich etwas, ich bin 1917/18 dort Hauslehrer bei den „Edlen Gänsen zu Putlitz” gewesen.

So bilden wir nun einen kleinen geschlossenen Treck, übernachten zum Sonnabend in einem ärmlichen Walddorf, Groß Friedrich, westlich von Kriescht, und stehen nach endloser Fahrt durch Kiefernwälder, in denen sich Munitionsanstalten befinden, am Sonnabendnachmittag vor der Oderbrücke in Küstrin. Als wir so weit gekommen waren, können wir zunächst nicht weiter. HJ. mit Schießprügeln hatte die Wache auf der Brücke und holte von jedem Wagen die etwa volkssturmpflichtigen Männer herunter. Die Verteidigungsarmee für die Oderlinie sollte nun also erst gebildet werden. Ich sage dem Jungen, daß ich als aktiver Gemeindepfarrer nicht volkssturm-


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pflichtig sei. Er fragt, ob ich darüber eine schriftliche Bescheinigung habe. Die brauche ich nicht, das steht so im Volkssturmgesetz, das solle er einmal genau durchlesen. Aber trotzdem heißt es zunächst: kein Flüchtlingswagen darf die Brücke passieren. Die Kolonnen der Flüchtlingswagen vor der Brücke werden immer größer . . .

Inzwischen ist von einer Brückenwache nichts mehr zu sehen, ich sehe nicht ein, weshalb wir noch warten sollen. Wir fahren los, und die Kolonnen hinter uns schließen sich uns an. Weder auf der Brücke noch am westlichen Brückenkopf hindert uns jemand. Wir haben also die Oder hinter uns, und es ist uns etwas leichter ums Herz. Mit Beginn der Dämmerung finden wir in Küstrin-Kietz Unterkunft für die Pf erde und in verschiedenen Häusern auch für die Menschen. Wir selbst und Frau Lehmann sind bei dem NSV.-Leiter untergekommen. Er ist ein ordentlicher Mann, der sicher aus Idealismus zur NSDAP, gekommen ist und all die schlimmen Dinge nicht billigt, zum Teil noch gar nichts von ihnen weiß. Er kommt erst spät abends aus seiner Arbeit für die Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge todmüde nach Hause und freut sich, als Frau Lehmann ihm auf seine Schnitte ein paar schöne Scheiben von ihrem mitgenommenen Speck legt. Brot und Speck sind doch mitunter eine trostreiche Angelegenheit. Dieser NSV.-Leiter war der letzte Amtsträger, den ich in brauner Uniform sah. AH die späteren westlich der Oder taten ihren Dienst in Zivil.

Im Anschluß schildert Vf. den Verlauf des Trecks von Küstrin bis in die Ostprignitz.