Nr. 99: Räumung der Stadt Filehne und Flucht im Treck bis in die Westprignitz.

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Erlebnisbericht der Pastorenfrau Annemarie Glück aus Filehne, Kreis Czarnikau i. Posen.

Original, Februar 1949, 13 Seiten. Teilabdruck.

Nachdem am Freitag,dem 20. Januar 1945, ohne Angabe eines Grundes unser Gemeindehaus beschlagnahmt wurde und innerhalb zwei Stunden leergeräumt sein mußte, trafen am Samstagabend die ersten Flüchtlinge aus Leslau und Hohensalza in Filehne ein. Es schnitt uns tief ins Herz, als die Wagen, hochbepackt mit Koffern, Säcken und vermummten Gestalten, vorbeifuhren. Noch ahnten wir ja nicht, daß uns schon so bald die gleiche Not treffen würde. Am Sonntagmorgen brachte ich den Flüchtlingen, die im Gemeindehaus untergebracht waren, einige Eimer warmes Waschwasser und lud sie zum Gottesdienst ein, der nun statt im Gemeindesaal in der unheizbaren Kirche stattfinden mußte.

Als die Glocken schon zum Gottesdienst läuteten, kam in eiliger Hast einer unserer Presbyter zu mir mit der Meldung: „Die Post hat soeben eine Nachricht bekommen, daß bis 11 Uhr der Warthegau geräumt werden solle. Sollen wir da noch Gottesdienst halten?” Ich raste schnell in das Bürgermeisteramt und erfuhr dort, daß unser Gebiet der Räumungsbefehl nichts anginge. Dann gingen wir in unsere schöne, alte Kirche.


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Nachdem Vfn. den Verlauf des Gottesdienstes geschildert hat, fährt sie fort: Als ich nach Hause kam, fand ich dort die Zeitung vor. Auf der ersten Seite stand fettgedruckt ein Aufruf des Reichsstatthalters Greiser: „Männer und Frauen aus dem Warthegau! Für Euch kommt jetzt die Stunde der Bewährung. Niemand darf seinen Platz verlassen. Ich weiß, daß ich mich auf jeden Einzelnen von Euch verlassen kann. Wehe dem, der nicht aushält bis zum letzten —„ usw. Während wir noch die Zeitung lasen, waren diese Herren bis runter zum Landrat längst über alle Berge.

Soviel war klar, daß man jederzeit mit dem Räumungsbefehl oder mit noch Schlimmerem rechnen mußte. Der Sonntagnachmittag verlief zwischen Hoffen und Bangen. Man kam überhaupt nicht zur Ruhe. Es war einfach unvorstellbar, wieviele Menschen an jenem Sonntag das Pfarrhaus stürmten und irgendwie Rat oder Hilfe begehrten. Dabei sehnte ich mich so nach einigen Augenblicken wirklicher Stille. Am Abend zündeten wir noch einmal die Kerzen am Christbaum an, der noch stand, weil wir hofften, der Vati würde auf Urlaub kommen, und saßen vor der Krippe, deren Figuren ich in den Jahren zwischen Abitur und Hochzeit selbst gesägt und bemalt hatte. So erlebten wir am letzten Abend in der Heimat noch einmal die Weihnachtsbotschaft. Von Weihnachten her begann unsere Flucht. Das letzte Erlebnis unserer Kinder in der Heimat war die Weihnachtsgeschichte, und die ging mit ihnen und wurde ihnen unterwegs in Eis und Kälte, in Ställen und Scheunen immer wieder in ganz besonderer Weise lebendig, wobei eines der Kinder allerdings einmal feststellte, daß es das liebe Christkind doch besser gehabt hätte als wir. Es hätte mit seinen Eltern und den Tieren ganz allein im Stall wohnen dürfen und eine Krippe als Bettchen gehabt (während wir wie die Ölsardinen nebeneinandergepfercht in Ställen auf der Erde lagen). Am Abend spät ging ich noch einmal in das Bürgermeisteramt, die einzige Stelle, die vielleicht noch etwas über unsere Situation im Bilde war. Vielleicht?! Dort erfuhr ich, daß ein feindlicher Durchbruch bei Gnesen uns hätte gefährlich werden können. Er sei aber abgeriegelt, und wir könnten ruhig schlafen gehen. Die Straßen hatten sich inzwischen mit Trecks gefüllt, und die Ortsnamen an den Wagen waren uns zum Teil recht nachbarlich vertraut. Ich schlief, um jederzeit bereit zu sein, diese Nacht angekleidet. Noch immer trug ich mein schwarzes Amtskleid, in dem ich am Vormittag Gottesdienst gehalten hatte.

Am anderen Morgen gegen 1/2 8 Uhr, als die Kinder, die am Abend ja auch spät zur Ruhe gekommen waren, noch schliefen, bekamen wir den Räumungsbefehl. Alle Frauen und Kinder sollten sich beim Gut Arndtshof, das außerhalb der Stadt lag, etwa 20 Minuten von unserer Wohnung entfernt, versammeln und von dort pünktlich um 1/2 9 Uhr mit Fuhrwerken weggeschafft werden. In Eile wurden die Kinder angezogen und das zuvor bereitgestellte Gepäck zusammengerafft. Wie dankbar war ich, daß meine Mutter bei uns war und ich nicht allein mit Großmutter und den Kindern fertig werden mußte. Als wir auf die Straße kamen, mußten wir bald feststellen, daß es unmöglich war, unser Ziel rechtzeitig zu erreichen bei der vereisten und durch Trecks versperrten Straße, wenn die Kinder zu Fuß gingen, deren ältestes gerade 4 1/2 Jahre alt war. Kurz entschlossen stellte ich meine Koffer ins Haus zurück, setzte meine Kinder auf den Rodelschlitten,


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zog mit einer Hand den Schlitten und stützte mit der anderen die Großmutter (87 Jahre alt), die bei der Glätte kaum gehen konnte. Meine Mutter trug einen Koffer und half hin und wieder den Schlitten schieben. Sie brachte uns zum Sammelplatz und kehrte dann nochmals mit dem Schlitten um, um unser Gepäck abzuholen in der Hoffnung, daß der Treck doch nicht pünktlich fahren werde. Leider war das ein Irrtum, und wir wurden getrennt.

Unser Bürgermeister, zwar ein überzeugter Nationalsozialist, aber ein gerechter und stets das Beste wollender Mann, stand am Sammelplatz und versuchte, von all seinen Göttern schmählich im Stich gelassen, den Ausmarsch zu organisieren und zu retten, was noch zu retten war. Der arme Mann wußte selbst nicht, was eigentlich los war, ob es überhaupt noch einen Ausweg gab oder wir schon eingekesselt waren. Alle Stellen, von denen er gewohnt war, Befehle zu empfangen, hüllten sich seit Stunden in Schweigen und ließen ihn in schwierigster Situation mit seiner Verantwortung allein. Immerhin hatte er es in kürzester Zeit geschafft, so viele Fuhrwerke zu beschaffen, daß die gesamte deutsche Bevölkerung (mit Ausnahme des Gaualtersheimes, für das ihm Lazarettwagen zugesagt waren, die aber niemals eintrafen) weggebracht werden konnte. Mit eiserner Energie wachte er darüber, daß alte Frauen und Mütter mit kleinen Kindern die besten Plätze bekamen und alle untergebracht wurden. Nur wenig Handgepäck durfte jeder mitnehmen. Größere Gepäckstücke mußten, mit Namen und Heimatanschrift versehen, zurückgelassen werden und sollten mit Lastkraftwagen abtransportiert werden.

Da wir mit der Großmutter und den Kindern verhältnismäßig schnell unseren Platz bekamen, hatte ich noch einige Minuten Zeit, im benachbarten Gaualtersheim meinen lieben Alten ein Abschiedswort zu sagen. Bis zuletzt habe ich geschwankt, ob ich nicht meine Mutter mit den Kindern allein auf den Weg schicken sollte und mit den Leuten von Post, Eisenbahn und Behörde dableiben sollte, zumal ja das Altersheim noch nicht evakuiert war und ein, wenn auch geringer Teil versuchte, trotz Räumungsbefehl zurückzubleiben. Da meine Mutter bis zum Abgang des Trecks nicht zurückkam und ich auch für meine Familie sowie für die Ausziehenden mich verantwortlich wußte, entschied ich mich, auch zu gehen. Es war eine schwere Verantwortung, die in jenen Tagen uns Frauen auf die Schultern gelegt war. Wie schwer wurde oft im Gebet um die richtige Entscheidung gerungen. Wie sehnte man sich danach, sich mit irgend jemandem aussprechen zu können, aber der Mann war Soldat, und viele verängstigte Gemeindeglieder suchten bei mir Trost und Stütze. Es war alles so unendlich schwer.

Pünktlich wurde unser Treck in Richtung Driesen—Landsberg auf den Weg geschickt, eine Fahrt ins Ungewisse. Wie gut tat es, zu wissen, daß man auf den endlosen Straßen der Flucht mit all ihrem Grauen und ihrer Not in Gottes Hand war, genau so wie in der nun verlorenen Geborgenheit der Heimat. Keiner vermochte zu sagen, ob der Weg noch frei war oder wir schon eingekesselt waren, ob die Russen uns dicht auf den Fersen folgten oder überhaupt nicht kamen. Bei 22 Grad Kälte und klarem Winterwetter verließen wir unsere Heimat, die uns in dieser bitteren Abschiedsstunde


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noch einmal in vollendeter Schönheit grüßte, ein Bild, das sich wohl uns allen unvergeßlich eingeprägt hat.

Wenn wir uns auch im Trubel der letzten Stunden nicht völlig der Tragweite dieses Abschieds bewußt wurden, so war es uns doch allen recht schwer ums Herz. Still saßen wir, in Decken gehüllt, auf unserem Wagen und nahmen noch einmal das vertraute Bild in uns auf und reihten uns ein in die unübersehbaren, endlosen Kolonnen, die mit uns die gleiche Straße zogen, die über Nacht aus der Geborgenheit ins Elend gestoßen waren. Fast bis zur Altreichsgrenze fuhren wir durch unsere Gemeinde, die sich über ein Gebiet von etwa 25 zu 50 km erstreckte. Immer neue Wagen reihten sich ein. Schon im nächsten Dorf, Dratzig, wurden die Trecks mit Steinen beworfen (die Roskoer, die knapp zwei Stunden nach uns Dr. passierten, wurden schon von Polen beschossen), die doch nur aus völlig wehrlosen Frauen und Kindern bestanden. Später stand an der Landstraße eine Gruppe deutscher Soldaten, die den Vorbeifahrenden heißen Kaffee reichten. Als ich den Kindern dazu etwas zu essen geben wollte, fiel mir ein, daß sowohl die fertiggemachten Brote als auch Fett und Wurst sich nicht bei dem Gepäck befanden, das wir bei uns hatten. Glücklicherweise hatte ich im Rucksack einen ganzen Laib Brot und ein Taschenmesser. So lernten wir es schon am ersten Tage, dafür dankbar zu sein, daß wir wenigstens noch trockenes Brot essen konnten.

Mitten hinein in unsere ernsten Gedanken, die sich mit dem, was hinter uns und was vor uns lag, beschäftigten, schallte plötzlich laut und deutlich, wenn auch in der Melodie nicht ganz richtig, der erste Vers vom Lied: „Jesu, geh voran . . .„ / „Führ uns an der Hand bis ins Vaterland.”

Meine Annemarie hatte es angestimmt, und die Jungen sangen es, so gut und laut sie es konnten, mit. Das war ein Trostwort aus Kindermund, das bei allen, die es hörten, seine Wirkung nicht verfehlte. Ich fühlte mich in meinen sorgenvollen Grübeleien durch das selbstverständliche Lied der Kinder, die auch etwas von der Ungewißheit, die auf uns lastete, spüren mochten, tief beschämt.

Als wir das Altreichsgebiet erreicht hatten, atmeten wir auf und machten im ersten Dorfkrug Rast, um uns aufzuwärmen, das Vieh zu füttern und vor allem einen Überblick zu gewinnen, wieweit wir noch beisammen geblieben waren. Dabei stellte es sich heraus, daß außer den polnischen Kutschern, die uns übrigens bis zum Schluß treu dienten, nur ein einziger Mann bei uns war, der Verwalter von Gut Garrin, ein älterer, sehr gewissenhafter und frommer Mensch mit einem Beinleiden aus dem ersten Weltkrieg. Die übrigen deutschen Männer waren ja, soweit sie nicht Soldaten waren, noch in den letzten Tagen zum Volkssturm einberufen. Nach einer kurzen ernsten Aussprache sah er ein, daß ihm das Amt des Treckführers auferlegt sei, und er hat es treu ausgeübt, bis uns in der Westprignitz Pferde, Wagen und Kutscher beschlagnahmt wurden. Wir alle, besonders aber meine Kinder, haben ihm viel zu danken. Gott schenkte uns in ihm einen Vater und Versorger. Da er ja Gelegenheit hatte, auf dem Gutshof seinen Wagen vollzuladen, war er natürlich besser versorgt als wir alle und teilte immer wieder mit uns, was er besaß. Manche Suppe hat Frau Mielke für den ganzen


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Treck gekocht. Am ersten Sonntag ging seine Tochter Lore von Haus zu Haus und brachte jeder Filehner Familie ein Stück Fleisch.

Aber nun will ich weiter in zeitlicher Folge berichten. Das erste Nachtquartier bezogen wir in einem kleinen Dorf 13 km hinter Driesen und wurden dort sehr freundlich aufgenommen und gut verpflegt. Gepäck und Wagen wurden auf einem Gutshof abgestellt, und wir wurden in verschiedenen Häusern untergebracht. Die Familie, die uns aufnahm, holte uns mit einem Rodelschlitten ab, weil unsere Kinder so todmüde waren, daß sie nicht mehr fähig waren, auch nur einen kurzen Weg zu laufen. Vor allem mein Gurt, der auch heute noch der zarteste ist, fiel einfach in sich zusammen, wenn er stehen oder sitzen sollte. Mein Jüngster, der immer besonders guten Appetit hatte, verweigerte standhaft das Essen.„Is nich mein Leffel, is nich mein Teller!” Es dauerte tagelang, bis er begriff, daß er seinen Teller und Löffel nicht mehr besaß.

Die nächsten Nächte verbrachten wir in Zechow (7 km vor Landsberg) in einem Tanzsaal. Dort wurden die Pferde neu beschlagen und die Eisen geschärft. Die Ruhepause benutzte unser Treckführer, um für uns in Briesenhorst, einem kleinen Dörfchen an der Grenze der Kreise Landsberg und Soldin, endgültige Quartiere zu machen. Der Kreis Soldin war ja als Unterkunft für die Flüchtlinge aus dem Kreis Scharnikau bestimmt, bis diese wieder in die Heimat zurückkehren konnten, wie es hieß. In Landsberg verließen uns sehr viele, fast alle, die im Reichsinneren Verwandte hatten, bei denen sie hofften, bleiben zu können, und fuhren mit der Eisenbahn weiter. Hier herrschten noch geordnete Verhältnisse

Wir erfuhren dort auch, daß unser Reichsstatthalter schon vor einer Woche mit großem Gefolge dort durchgereist ist und in einem der feudalsten Lokale den Abschied aus dem Warthegau gefeiert hatte.

Unser Treck wurde nun wesentlich kleiner. Jede Familie hatte einen Wagen für sich und konnte sich darauf so wohnlich als möglich einrichten. In Briesenhorst bekamen wir gute Quartiere mit Kochmöglichkeiten. Am Sonnabend wurde ich gebeten, doch am Sonntag für unseren Treck Gottesdienst zu halten (das haben wir später immer getan), da am Ort keine Kirche war. Wir feierten den Gottesdienst in meinem Zimmer. Die Filehner brachten ihre Quartierwirte mit, manche andere Menschen kamen auch noch, so daß die Bauernstube die Menschen kaum fassen konnte. Das silberne Amtskreuz, das mein Mann im Baltikum zur Ordination bekommen hatte, half den Tisch zum Altar gestalten. Dieses silberne Kreuz hat, solange wir unterwegs waren, noch oft seinen Dienst tun dürfen. Es ist sicher selten in einem Gotteshaus inniger gebetet, gesungen und Gottesdienst gefeiert worden, als in dieser schlichten Flüchtlingsbehausung am ersten Sonntag nach der Vertreibung. Übrigens war ich erstaunt, wie viele Bibel und Gesangbuch oder nur das Gesangbuch mit hatten. Manche, von denen ich es gar nicht erwartet hätte.

Wenn Briesenhorst auch nicht unser endgültiges Quartier blieb, so wurden uns dort doch ein paar Ruhetage geschenkt, ehe die große Hatz begann. Großmutter hatte für sich ein schmales Bett, und ich schlief mit den drei Kindern in einem großen, breiten Bett. Curt hatte Mittelohrentzündung, und Annemarie war schwer erkältet und hatte hohes Fieber.


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In der Nacht von Montag auf Dienstag wurden wir herausgeklopft. „Der Russe ist in Landsberg, wir müssen sofort aufbrechen.” In einer knappen halben Stunde waren wir fertig. Und los ging die nächtliche Fahrt durch einen wilden Schneesturm, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Meine beiden kranken Kinder durften bei Mielkes im geschlossenen Wagen mitfahren. Ich hatte bei diesem entsetzlichen Wetter auch vollauf damit zu tun, mich um die Urgroßmutter und meinen kleinen Christian Friedrich zu kümmern. Unser nächstes Ziel war Küstrin. Auf der Straße nach Küstrin halfen wir einem im Schnee festgefahrenen Wehrmachtsfahrzeug, wieder flott zu werden, und erfuhren, daß der Russe bereits in Küstrin sei. Der Weg über Soldin sei aber noch frei.

Nun nahmen wir Kurs auf Soldin. In Werblitz wollten wir eine Rast einlegen, weil Pferde und Menschen erschöpft waren. Nirgends fanden wir Unterkunft. Jedes Haus war schon vollgestopft mit Flüchtlingen. Schließlich fanden wir in einem zugigen Gasthausflur wenigstens noch einen Platz, wo wir ein Dach über dem Kopf hatten. Unsere Kinder fanden in einem umgedrehten Tisch etwas Schutz, wir anderen versuchten, uns, in Decken gehüllt, auf dem Steinfußboden ein wenig auszustrecken, wobei die Enge des Raumes uns zustatten kam, daß einer den anderen mit wärmte.

Kaum hatten wir eine einigermaßen passable Lage gefunden und waren ein wenig eingeschlafen, da gab es Panzeralarm. In wilder Eile verließen die Flüchtlinge das Dorf. Großmutter war den Anstrengungen und Aufregungen nicht mehr gewachsen und brach zusammen. Was blieb mir übrig, als sie in ihrem bemitleidenswerten Zustand auf den Wagen zu packen und weiterzufahren. Gegen Tagesanbruch erreichten wir Soldin. Die Straßen waren durch Wehrmachtsfahrzeuge und Flüchtlinge rettungslos verstopft, so daß man nur schrittweise vorwärtskam. Immerhin waren wir, als gegen Mittag russische Panzer in die Stadt eindrangen, schon über das Zentrum hinaus. Wir hörten wohl aus nächster Nähe die Schießereien und erfuhren von Fußgängern, die eiligst zu fliehen suchten und beweglicher waren als wir, was sich im Zentrum von Soldin zugetragen hatte, wurden aber direkt noch nicht betroffen. Noch wehte derselbe eisige Schneesturm. Wir aber saßen auf unserem Wagen und hatten an diesem Tage nicht einmal einen Schluck warmen Kaffee im Leibe. Das gefrorene Brot mochten wir auch nicht essen. Großmutter bekam einen Schwächeanfall nach dem anderen, Christian weinte vor Kälte. Wir aber waren eingereiht in die großen Kolonnen und mußten geduldig warten, bis wir wieder ein paar Pferdelängen vorankamen. Und hinter uns kamen die Russen. Wir waren alle recht müde und verzagt. Erst mitten in der Nacht erreichten wir Bad Schönfließ und fanden in der geheizten Schule noch ein Plätzchen, wo wir uns auf Stroh ausstrecken konnten. Freundliche Leidensgenossen, Unbekannte, die mit uns in dieselben unendlichen Kolonnen eingereiht waren, gaben der Großmutti noch aus der Thermosflasche einen Rest heißen Kaffee.

Am anderen Morgen ging es lange vor Tagesanbruch schon weiter, denn Eile tat not, weil der Russe uns schon auf den Fersen saß; zwei Pferde, die durch die Strapazen der letzten Tage krank geworden waren, mußten wir zurücklassen. Wir rückten alle ein bißchen zusammen und fuhren weiter. Der Schneesturm hatte aufgehört, und wir kamen diesmal etwas besser vor-


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wärts. Am Rande der Straße sah man immer wieder das traurige Strandgut der Trecks, tote Pferde, zerbrochene Wagen und zurückgelassene Gepäckstücke. Glücklicherweise empfanden die Kinder das Grauen dieses Anblicks durchaus nicht so stark wie wir Erwachsenen. Solange klirrender Frost herrschte, mochte das ja noch angehen, aber sobald Tauwetter einsetzte, was wurde dann?

Schneller als wir es nach den Erfahrungen der letzten Tage zu hoffen gewagt hatten, kamen wir nach Königsberg/Neumark. Schilder wiesen darauf hin, wo es Verpflegung für Menschen und Tiere geben sollte. Der Marktplatz stand voller Wagen. Es dauerte eine geraume Weile, bis in dem Speiselokal Platz für uns war. Wohltuend empfanden wir die Wärme und den Duft der kräftigen Erbsensuppe. Es gab sogar die Möglichkeit, sich mit warmem Wasser zu waschen. Wie weit lag für uns doch schon die Zeit zurück, wo solche Dinge zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens gehörten, über die man gar nicht nachdachte, geschweige denn für sie besonders dankbar war. Einige saßen schon vor dampfenden Tellern, als schrille Töne uns auffahren ließen. „Alarm, Alarm!” Die Stadt muß von allen Zivilpersonen sofort geräumt werden. Zuallererst müssen die Flüchtlinge die Stadt verlassen.

Nun gilt es wieder weiterzuziehen. Alles rennt und rettet, flüchtet.-------

In der Eile und Angst ist man gegenseitig im Wege, aber alle haben nur ein Ziel, die Oder zu überschreiten. — Noch nicht lange haben wir die Stadt hinter uns, als furchtbare Detonationen zu hören sind. Der Königsberger Flugplatz wurde gesprengt, und die Einheiten, die dort stationiert waren, fahren in eiliger Flucht an uns vorüber. Wohlmeinende Landser mahnen uns immer wieder: „Frauen, fahrt schneller, damit Ihr noch über die Oder kommt, ehe die Brücken gesprengt werden.” Immer wieder fahren Wehrmachtswagen an uns vorüber; immer wieder stockt die endlose Kolonne, weil irgendwo ein zu Tode ermattetes Pferd gestürzt ist, eine Deichsel brach oder sonst irgend etwas die Weiterfahrt behindert. Heiße Gebete entringen sich der gequälten Brust. Je mehr wir uns der Oder nähern, desto mehr treffen wir Militär, das noch keineswegs Anstalten macht, zu fliehen. Ganz im Gegenteil, als die Soldaten, die an der Straße arbeiten, von unserer Angst hören, lachen sie uns aus. „Schwedt können wir mindestens vier Wochen halten, wenn der Russe kommen sollte.” Diese Sicherheit ist wohltuend und beruhigend, aber nach den bereits gemachten Erfahrungen vermag sie uns nicht mehr ganz zu überzeugen.

Wir atmen auf, als wir die Oderbrücken hinter uns haben, und wähnen uns mal wieder in Sicherheit. Gern hätten wir nun auch unseren treuen Pferden Ruhe gegönnt, aber erst 15 km hinter Schwedt gelingt es uns, einen Platz für uns und unsere Pferde und Wagen zu finden. Meine Kinder bleiben mit Herrn Mielke in der Glaskutsche, während uns eine Waschküche zum Schlafsaal dient. Es ist zwar recht feucht dort, aber wir dürfen heizen, und Frau Mielke stiftet uns noch eine gute Suppe. Dann schlafen wir so dankbar und sorglos wie seit langem nicht. Am anderen Morgen nehmen wir uns noch Zeit, eine Mehlsuppe zu kochen, ehe wir die Fahrt fortsetzten. Auch jetzt waren die Straßen noch überfüllt von schier endlosen Flüchtlingskolonnen, aber es


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ging alles geordneter zu. Die wilde Hast, das Rennen ums nackte Leben hatte aufgehört. In den meisten größeren Ortschaften gab es Verpflegungsstellen für Flüchtlinge, so daß man manchmal sogar mehrmals am Tage etwas Warmes bekam. Auch hatte jeder Ort eine Dienststelle, die für Nachtquartiere sorgte. In jeder Weise merkte man, daß man dem Chaos entronnen war, und empfand das trotz unserer an sich wenig angenehmen Situation täglich neu mit großem Dank. Nach bestimmten Plänen wurden die Trecks geleitet und die Flüchtlinge aus den verschiedenen Kreisen wieder in bestimmte Kreise eingewiesen. Wie gut war es nun, wieder ein Ziel vor sich zu haben, das wenigstens ein Stück zweite Heimat werden sollte, und die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit vielen Gemeindegliedern. Das waren sehr große Erleichterungen unseres Daseins, die sich noch stärker psychisch als physisch auswirkten.

Andererseits machten einsetzendes Tauwetter und Regen und die Fliegergefahr uns viel zu schaffen. Bald hatten wir keinen trockenen Faden mehr an uns. Infolgedessen fror man auch nachts, obwohl man in geheizten Räumen schlief. — Wenn Flieger kamen, war es eigentlich ein sinnloses Unterfangen, sich vor ihnen in Sicherheit bringen zu wollen, und doch versuchten wir es immer wieder. Daß auch Trecks von Tieffliegern angegriffen wurden, gehört zu den Dingen, die kaum zu begreifen waren. Die meisten Flieger hatten aber andere Ziele und kümmerten sich wenig um uns.

Im großen Bogen umfuhren wir Berlin. Unser Ziel war der Kreis Westprignitz, etwa 140 km westlich von Berlin. Die Nachtquartiere waren sehr unterschiedlich. Mit besonderem Grauen denke ich noch an die Nacht in Templin. Hunderte von Menschen waren in einem Kinosaal zusammengepfercht. Die Luft war verbraucht, und es machte alles einen schrecklich unsauberen Eindruck. Welche Menschen alle mochten vor uns schon in dem zertretenen Stroh geschlafen haben. Zu allem Überfluß setzte noch stundenlang der elektrische Strom aus, und wir waren völlig in der Finsternis. In Radensieben im Kreis Neuruppin hatten wir es dagegen besonders gut getroffen. Wir bekamen saubere Privatquartiere und durften über Sonnabend—Sonntag dort bleiben. Schon der Empfang in dem Dorf war sehr nett.-----------

Die nächsten Tage wurden wir alle ziemlich kreuz und quer geleitet. Das hatte wohl darin seinen Grund, daß man die Flüchtlingskolonnen möglichst gleichmäßig über das Land verteilen wollte, damit nicht nur die Ortschaften an den Hauptstraßen die Last zu tragen hatten. Uns machte das nicht viel aus, da wir ja doch nicht länger als ein bis zwei Nächte an einem Ort bleiben durften, ehe wir in den Kreis kamen, der uns aufnehmen sollte.

In dem kleinen Dörfchen Stavenow taufte ich um 7 Uhr morgens einen kleinen Jungen, der auch mit seiner Mutter auf der Flucht war. Paten waren die Quartierwirtin und eine Frau aus unserem Treck. In Pritzwalk hatte unser gummibereifter Wagen die erste Panne, zischend entfuhr die Luft dem rechten Hinterreifen. Ehe wir uns noch recht klar waren, was los war, entdeckten wir schon, daß wir gerade vor einer Autoreparaturwerkstatt uns befanden. So konnte der Schaden in wenigen Minuten behoben werden. Mit Dank wurde es uns in diesem Augenblick von neuem deutlich, wie gnädig uns unser Herr bis dahin geführt hatte. Ende Februar ereichten wir unsere endgültigen Quartiere in Sagast in der Westprignitz, etwa 140 km westlich von Berlin. Dort


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fühlten wir uns zunächst wirklich sicher und versuchten, uns einzurichten, so gut es ging. In einem freundlichen Lehrerhaus wurde uns ein Zimmer eingeräumt. -----------

Abschließend schildert Vfn. die Weiterfahrt in das von Amerikanern besetzte Gebiet, den Zusammenstoß mit den nachrückenden Russen im Sommer 1945 und die Übersiedlung in den Westen.