Nr. 100: Räumung der Gemeinde Kammthal, Erlebnisse als Treckführer auf der Flucht bis in die Westprignitz.

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Erlebnisbericht des Bauern Gerhard Jaeckel aus Kammthal (Crzebienisko), Kreis Samter (Szamotuly) i. Posen.

Original, 5. Februar 1951, 8 Seiten. Teilabdruck.

Einleitend erwähnt Vf., daß er 1920 genötigt gewesen sei, seinen Hof, ein altes Familienerbe, zu verlassen und daß er abermals, nachdem er 1939 endlich zurückkehren konnte und ihm die Gemeindeverwaltung übertragen worden war, gezwungen wurde, seine Heimat aufzugeben.

Ende 1944 rückten die Russen immer näher an unsere Heimat heran. Am 20. Januar 1945 erhielt ich vom Landratsamt Samter den Räumungsbefehl mit dem Nachdruck, möglichst alle deutschen Menschen (ca. 2 000 Deutsche) aus den zehn Gemeinden gut herauszubringen. (Den ca. 4 000 Polen der zehn Gemeinden war es freigestellt, ob sie sich anschließen wollten.) Am Spätnachmittag des 20. Januar 1945 erhielten nun die zehn Ortsvorsteher und acht Gutsverwaltungen, welche alle telephonisch zu erreichen waren, von mir den Auftrag, alle deutschen Menschen ihrer Gemeinde geordnet zum Sammelplatz in der Hauptgemeinde zu bringen. Die Gutsverwaltungen wurden verpflichtet, die Gespanne für diejenigen Familien zur Verfügung zu stellen, welche keine Pferde besaßen. Fünf Stunden durften für Packen und Fertigmachen gebraucht werden. Gegen 11 Uhr abends waren die ersten Flüchtlingstrecks mit ihrem Ortsvorsteher am Sammelplatz, welche auch sofort abfahren durften, mit Auftrag über Neutomischel—Deutschen in Richtung Westen mit noch unbekanntem Ziel.

Die Ortsvorsteher waren als Treckführer eingesetzt und hatten kein leichtes Amt, da ja meist nur Frauen und Mädchen als Gespannführer zur Verfügung standen. Die Kälte von nahezu 20 Grad unter Null und die vereisten Straßen hemmten das weitere Fortkommen. Mit einem der ersten Trecks verließ auch meine Frau mit einem Gespann (drei Pferde) den Sammelplatz, während ich bleiben mußte, um erst die Menschen raus zu bringen. Gegen 3 Uhr Nachts waren acht Gemeinden durch und in Richtung Westen abgefahren. Die fehlenden zwei Gemeinden waren nicht zum Verlassen der Heimat zu bewegen. Aber auch aus den anderen Gemeinden waren nicht alle restlos gefolgt. Zu meiner Hilfe hatte ich mir sechs Mann zurückgelassen, und am 21. Januar früh fuhren wir in die verlassenen Gemeinden und versuchten, die Zurückgebliebenen zur Flucht zu bewegen. Es gelang uns auch, noch einen großen Teil zum Abfahren zu überreden, jedoch blieben schätzungsweise 20 deutsche Familien dort.


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Am 22. Januar 1945 verließ auch ich mit den sechs Mann gegen Mittag den Ort Kammthal, nachdem der Russe vor Posen stand. Einen guten, aber leichten Wagen mit zwei guten Pferden hatten wir für unsere Flucht bereitgehalten und waren gegen Abend in Neutomischel, wo wir das letzte Ende unseres langen Trecks vorfanden. Der Marktplatz und die Straßen waren voll von Treckwagen und Menschen, so daß kein Durchkommen möglich war. Wir übernachteten in einem leeren Raum bei unsern Pferden. Hier fanden drei meiner Männer ihre Familien und blieben bei ihnen. Frühmorgens war jedoch kein Rauskommen, da die Straße nach Bentschen völlig verstopft war. Keine Polizei regelte den Verkehr, und so war wenig Aussicht, aus Neutomischel herauszukommen. Als ich an der Marktecke nach Westen die Verkehrsregelung übernahm, konnten die Straßen und der Marktplatz nach zwei Stunden geräumt werden. Jetzt fuhren wir auch gegen 10 Uhr (23. Januar) in Richtung Bentschen weiter. Mit unsern guten Pferden und dem leichten Wagen kamen wir gut vorwärts, da wir auch über die Felder fuhren, aber überall fanden wir hilflose und hilfesuchende Menschen, denen die Pferde auf der eisglatten Straße gefallen oder der Wagen in den Chausseegraben gerutscht war. Allein zwischen Neutomischel und Bentschen habe ich 20 Pferde für die gefallenen besorgt, und für fünf Wagen mußten sechs zerbrochene Räder beschafft werden, dies hielt auf, aber für uns war es eine Freude, Menschen, meist Frauen und Kindern, weiterzuhelfen, damit niemand zurückblieb.

Gegen Abend war unser Treckende durch Bentschen durch, und wir hatten die alte Reichsgrenze erreicht, wo wir auch noch geregelte Verhältnisse vorfanden, denn hier wurde durch Wehrmacht oder Polizei der Verkehr geregelt, und Hilfesuchende fanden auch Unterstützung. Bis zu dem Dorfe Kuschten bei Neu-Bentschen fuhr ich dann noch, um zwei Stunden Rast zu machen. Hier fanden die letzten meiner Männer ihre Familien. Hier erfuhr ich auch, daß unsere Treckspitze im Raum um Schwiebus war. Auf dem Distriktsamt in Kuschten mußten wir auch unser erstes Opfer abliefern, ein erfrorenes Kind der Familie Fechner aus Kammthal. Der Vater des Kindes war Soldat, die Frau, wie die meisten, ohne die Hilfe der Männer auf sich angewiesen. Es war an diesem Tage bereits das neunte erfrorene Kind, welches dort abgeliefert wurde. Wie furchtbar für die Mütter, welche auf so tragische Weise ihre lieben Kinder verloren und denen man nicht helfen konnte.

In Neu-Bentschen waren überall Anschläge vorhanden, aus welchen die einzelnen Kreise ersehen konnten, in welchem Kreis für ihre Unterkunft gesorgt war. Der Kreis Samter sollte in der Westprignitz untergebracht werden. Jeder wußte nun sein Ziel, und es war auch gut, denn die einzelnen Trecks waren nicht mehr geschlossen, sondern durch dazwischenkommende Trecks zum Teil zerrissen. Mir lag nun viel daran, zu erfahren, wie es unsern einzelnen Trecks wohl ginge, und so fuhr ich noch in der Nacht, wo die Straßen leer waren, noch bis Schwiebus, um meine Frau zu suchen. Nach langem Suchen fand ich diese in Riegersdorf bei Schwiebus, 7 km südlich Schwiebus. Es war inzwischen 3 Uhr früh geworden.

Am 24. Januar fuhr ich nach Schwiebus, um mich an der Hauptstraße aufzustellen und nach unsern Trecks Ausschau zu halten. Wenn diese auch auseinandergerissen waren, so hielten doch immer noch einige Wagen fest zusammen, um sich gegenseitig zu helfen. An diesem Tage erfuhr ich, daß in Schwie-


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bus bereits 35 erfrorene Kinder und auch alte Leute eingeliefert waren. Die starke Kälte und Schneetreiben, die Glätte auf den Straßen setzte den Flüchtlingen viel zu. In Schwiebus wurden die Trecks noch mehr auseinandergerissen, denn hier wurden durch die Wehrmacht Umleitungen angeordnet. So fuhren Teile dann durch Crossen, Frankfurt und Küstrin.

Am 25. Januar übernahm ich dann mein Gespann, mit welchem meine Frau geflüchtet war. Die zwei Pferde, mit welchen ich geflüchtet war, gab ich einem aus unserm Dorf, der nicht mehr weiter konnte, und wir fuhren auf Nebenstraßen weiter, da die Hauptstraßen sehr stark in Anspruch genommen waren. Abends blieben wir in Topper, und nun glich ein Tag dem andern. An den Straßenrändern gefallene Pferde, zerbrochene Wagen, abgeladenes Flüchtlingsgut zeigten den Weg an, welchen die Trecks genommen hatten. Wir kamen gut voran und fuhren nun über Sternberg, Reppen, Frankfurt a. d. O. Überall wurden wir gut aufgenommen. Fast in jedem größeren Ort konnte man Pferdefutter und warmes Essen bei der NSV. bekommen. Da Berlin ständig Fliegerangriffen ausgesetzt war, zogen wir es vor, über Alt Landsberg—Oranienburg an Berlin vorbeizukommen. Über Neuruppin usw. kamen wir am 4. Februar in dem Kreis Westprignitz an, wo wir schon an der Kreisgrenze unser Quartier angewiesen erhielten.

Vf. beendet seine Ausführungen mit der Schilderung einiger Erlebnisse auf der Flucht aus der russischen Zone nach dem Westen.