Nr. 101: Überblick über die Räumung der Stadt Wollstein

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Bericht des früheren Landrats des Kreises Wollstein i. Posen. Rolf Schneider.

Original, 11. September 1952, 7 Seiten. Teilabdruck.


382

Über die Ereignisse im Januar 1945 kann ich für den Kreis Wollstein folgende Angaben machen:

Wann kam der Befehl zur Bäumung?

Drahtfunk am 20. Januar 1945, 17.00 Uhr.

Wann war die Räumung im großen beendet?

Die im Kreise wohnhaften Deutschen — einschließlich der in der letzten Woche zugewiesenen Litzmannstädter — hatten den Kreis bis zum 22. Januar 1945 früh verlassen. — Trecks aus den östlichen Kreisen zogen noch bis zum 25. Januar 1945 mittags durch die Kreisstadt.

Nach einigen Daten über die Räumung der Kreisverwaltung fährt Vf. fort:

Wieviel Deutsche sind in Wollstein zurückgeblieben?

Die Räumung erfolgte so rechtzeitig und planmäßig, daß kein Deutscher von den Russen überrascht wurde oder nicht genug Zeit zur Räumung gehabt hätte. Die zurückgebliebenen Deutschen blieben freiwillig. Von den Volkslistengruppen l und 2 sind es nur sehr wenige gewesen, z. B. einige alte und gebrechliche Leute (z.B. Stahnke, Findeklee usw.). Von den Angehörigen der Volksliste 3 (etwa 800 im Kreise) sind etwa die Hälfte dort geblieben, da sie polnisch versippt waren. Die Angehörigen der Volksliste 4 (ca. 400) sind zum überwiegenden Teil dort geblieben und haben sich nach Berichten später zurückkehrender Deutscher nach dem russischen Einmarsch als besonders aggressive Polen zu rehabilitieren versucht.

Welche Treckstraßen wurden von den Wollsteiner Trecks benutzt?

Obwohl der Kreis Wollstein noch Aufnahmegebiet für die östlichen Kreise des Gaues war, wurde am 18. ein allgemeiner Räumungsplan ausgearbeitet, der vorsah, nötigenfalls die Wollsteiner Trecks so schnell auf den Marsch zu bringen, daß sie unbehindert vor den östlichen Trecks herziehen konnten. Um möglichst schnell die Oder zu erreichen, wurden


383

drei Treckstraßen auf die drei nächsten Oderbrücken vorgesehen und für die einzelnen Amtsbezirke Marschbefehle vorbereitet. Als neue Befehlszentrale wurde Müncheberg bestimmt.

Erste Treckstraße (für Amtsbezirk Manche): Kolzig, Kontopp, Liebenzig, Lippen, Zollbrücken, Oderbrücke Neusalz, Grünberg, Rothenburg/ Schles., Nettkow usw.

Zweite Treckstraße (für Amtsbezirk Rakwitz und Wollstein, Kopnitz): Unruhstadt, Altreben, Gr. Schmollen, Züllichau, Oderbrücke Odereck oder Oderbrücke crossen (Übergang des Kreiskrankenhauses Wollstein).

Dritte Treckstraße (für Amtsbezirk Kirchdorf): Köbnitz, Bomst, Kleistdorf, Klemzig, Züllichau, Oderbrücke Odereck oder Crossen oder: Bomst, Schmarse, Jehser, Merzdorf, Schwiebus, Möstchen, Sternberg, Reppen, Oderbrücke Frankfurt.

Vierte Treckstraße für Amtsbezirk Deutsch-Gabel: Neu-Bentschen, Kuschten, Schmarse usw., Oderbrücke Frankfurt.

So vorbereitet konnte die Räumung am 20./21. Januar 1945 planmäßig durchgeführt werden. Die dorfweise zusammengefaßten Trecks benutzten mit einigen Abweichungen (Straßenverstopfungen durch Schnee und flüchtende Wehrmacht) die vorgesehenen Straßen und erreichten frühzeitig die Oderbrücken. Am 24. Januar 1945 wurde bekannt, daß der Kreis Jüterbog-Luckenwalde für den Kreis Wollstein Aufnahmekreis sei. Von dem Wollsteiner Verwaltungsstab wurden die Herren Sehnirpel, Schulz, Strunk und Tiemann den Trecks nachgesandt, die eine entsprechende Benachrichtigung vornahmen. Die Aufnahme und Unterbringung im Aufnahmekreis erfolgte dann durch den Meldekopf Wollstein in Baruth. Spätere Verlegung in den Kreis Nauen und Uelzen (Meldekopf Suhlendorf).

In welche Gebiete and die Eisenbahntransporte gegangen?

Mir ist nur bekannt, daß einige Transporte bis Züllichau und Grünberg gingen und dort vom regulären Zugverkehr aufgenommen wurden.

In welchen Gebieten sind unsere Flüchtlinge endgültig untergekommen?

Kreis Uelzen: ca. 7500

Kreis Nauen: ca. 200

Kreis Jüterbog: ca. 300.

Es folgen Angaben über das Schicksal des Wollsteiner Volkssturms und der Schulen, des Krankenhauses, Altersheims usw., die der Verwaltung des Kreises unterstanden.

Unterbringung der Trecks:

Die Wollsteiner Trecks konnten im Kreise Uelzen verhältnismäßig gut untergebracht werden, da sie auf Grund eines schnellen Marschtempos als erste der Osttrecks dort ankamen und auf Grund einer persönlichen Bekanntschaft des Unterzeichneten mit dem dortigen Landrat eine reibungslose Organisation gewährleistet werden konnte.


384

Die Schwarzmeer-Deutschen, die im Kreise Uelzen Wohnung fanden, wurden gegen Ende 1945 mit Hilfe von russischen Kommissaren zum größten Teil wieder nach Osten abtransportiert und kamen später in das Verbannungsgebiet der UdSSR.

Soweit ein kleiner Teil der Flüchtlinge, insbesondere Angehörige der Volksliste 3, in den ersten Trecktagen Zweifel über die Zweckmäßigkeit eines Trecks bekamen, kehrten sie um und ließen sich von den Russen überrollen. Sie wurden von den Russen an Ort und Stelle in der Landwirtschaft eingesetzt bzw. interniert und in provisorisch eingerichteten Lägern untergebracht. Zum Teil kamen sie später in das Lager Grüne 1) bei Lissa, wo insgesamt 10 000 Deutsche interniert gewesen sein sollen. Eine Anzahl von diesen Flüchtlingen wurde später verschleppt, einige sind im Lager verstorben, eine Anzahl ist später im Polentum aufgegangen und lebt jetzt noch dort. Ein großer Teil ist aber in den Jahren 1949/1950 in die Westzone geschickt worden und lebt jetzt hier. Soweit diese Personen bisher namentlich erfaßt werden konnten, sind sie in einer Liste zusammengestellt worden, die laufend vervollständigt wird. Gleichfalls wird eine Verlustliste geführt, die jedoch sehr unvollständig ist. — Während der Räumung in Wollstein wurden dort 19 Kinder und eine Frau beigesetzt, die von den durchlaufenden Transporten aus anderen Kreisen abgeworfen waren und nicht identifiziert werdeu konnten. Trecks aus anderen Kreisen:

In den Tagen vom 20. Januar bis 25. Januar 1945 zogen aus den Nachbarkreisen und den östlichen Kreisen, vorwiegend aus Grätz, Kosten, Posen-Land, Schroda, Gnesen, Wreschen und Konin — in gelockerter Ordnung, ohne besondere Führung — Trecks durch Wollstein. Die Zahl kann leider nicht angegeben werden. Diese Trecks wurden in Wollstein selbst verpflegt und konnten — soweit erforderlich — hier rasten. Zurückgebliebene dieser Trecks konnten teils mit der Bahn, teils mit Berliner Omnibussen weiterbefördert werden. Am 25. Januar 1945 mittags hörten auch diese Trecks plötzlich auf.

Abschließend erläutert Vf. Statistiken und Photodokumente zur Geschichte Wollsteins nach 1939, die sich in seiner Hand befinden.


385