Nr. 102: Flucht der Landsberger Bevölkerung.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Bericht des früheren Fahrbereitschaftsleiters Richard Paul aus Landsberg a. d. Warthe i. Brandenbg.

Original, 15. April 1952.

Nachdem noch am Abend des 29. Januar 1945 über den Drahtfunk jegliche Befürchtungen als unbegründet bezeichnet worden waren, bekam ich gegen 11.00 Uhr eine Anforderung für 10 Klein-LKW., die feindwärts eingesetzt werden sollten, die meisten fuhren sich im Schnee fest und kamen nicht wieder. Nach Mitternacht sammelten sich in meinem an der Hauptstraße gelegenen Büro außer vielen wegemüden Flüchtlingen auch zwei verwundete Soldaten, die auf Befragen erklärten, daß sie bei Straßenkämpfen gegen Panzer in Friedeberg verwundet worden seien und, auf irgendwelchen Fahrzeugen mitfahrend, Landsberg erreicht hätten. Friedeberg, etwa 25 Kilometer nordostwärts von Landsberg an der Reichsstraße l, brenne an allen Enden, sagten sie aus1). Nun machte sich auf der westwärts führenden Straße auch immer stärker anschwellender Verkehr bemerkbar, flüchtende Zivilpersonen, vielfach zu Fuß mit Schlitten, Wagen, aber auch Frauen mit Kinderwagen und Gepäck, gegen Morgen auch schon untermischt mit Soldaten, ganzen Kolonnen Polizeieinheiteu. Es war nun auch Geschützfeuer zu hören, und Feuerschein zeigte an, daß in den umliegenden Dörfern Brände ausgebrochen waren. Von dem Volkssturm und seinen Führern war nichts zu hören und zu sehen, ich hörte nur, daß die Lastwagenfahrer ihre und die Angehörigen des Volkssturmes aufgeladen hatten. Auf einen Anruf eines Apothekers hin, was denn nun werden sollte, konnte ich nichts unternehmen, hörte und sah aber, daß sich die Fahrzeuge alle westwärts in Marsch setzten. Gegen 8.00 Uhr sah ich dann den Kreisleiter mit seinem Stabe mit Gewehren auf dem Rücken westwärts ziehen, sie richteten sich im Büro des Gaswerkes ein. Auf meine Anfrage, wie ich mich zu verhalten habe, bekam ich zunächst keine Antwort, später den Bescheid, in einer Stunde wäre der Iwan hier.

Diejenigen, die nun erkannt hatten, wie die Kriegslage war, versuchten mit der Bahn wegzukommen, die etwa 800 Meter lange Bahnhofstraße, der Bahnhofsvorplatz und das Gebäude selbst war mit Menschen gerammelt voll, von denen die wenigsten mitgenommen werden konnten. Ein Teil resignierte und ging in die Wohnung zurück, andere machten sich zu Fuß


386

auf den Weg, andere wiederum, die die Gefahr noch gar nicht erkannt hatten, gingen morgens an ihre Arbeit, die Geschäfte öffneten wieder, die Banken bekamen sogar noch Einzahlungen. Ein Teil der Bevölkerung lehnte es überhaupt ab, bei der Witterung zu flüchten, nicht zuletzt, weil ja vom Feinde nichts zu sehen war. Das erklärt sich aber daraus, daß die vorstoßenden Kolonnen auf dem kürzesten Wege die Oder zu erreichen suchten und nördlich an Landsberg vorbeistießen. Im Laufe des Vormittags sah ich dann auch russische Jäger so niedrig über der Stadt, daß man die roten Sterne leuchten sah, ich rechnete jeden Augenblick mit Tiefangriffen auf die Flüchtenden.

Erschütternd war zu sehen, wie sich unter den Flüchtenden auch Verwundete befanden, die ihre beinverletzten Kameraden trugen oder au) Schlitten mitzuschleppen versuchten, hierfür waren ja keinerlei Fahrzeuge mehr da, denn jeder versuchte, die eigene Haut zu retten. Die letzten Flüchtlingszüge auf der Ostbahn kamen bei Küstrin noch in Beschuß durch die russischen Panzer, wobei es Verletzte gegeben haben soll. Ich selbst wurde, nachdem von Kreisleitung, Bürgermeister und Verwaltung schon niemand mehr da war, bei dem Versuch, liegengebliebene Fahrzeuge flott zu machen, andere neu einzusetzen, in den Mahlstrom der westwärts strebenden Fahrzeuge [hineingezogen], nunmehr in der Hoffnung, die Landsberger Fahrzeuge, wie es auch besprochen war, in Küstrin zu sammeln, um sie zum weiteren Transport von Frauen, Kindern und Kranken nach Landsberg zurückzuführen. Ich fand aber dort in der Nacht niemanden mehr vor, Küstrin wurde als Festung erklärt und in Verteidigungszustand versetzt, Panzersperren wurden gebaut, nachdem die russischen Panzer über das Eis der Oder schon bis Eberswalde und weiter in die Mark Brandenburg eingedrungen waren. Berlin hatte in dieser Nacht erstmalig Panzeralarm 1). Mir blieb unter den Umständen nichts übrig, als mich bei meiner vorgesetzten Dienststelle, dem Oberpräsidenten der Provinz Mark Brandenburg, zur weiteren Verwendung zu melden.

Abschließend werden die Zustände in der sowjetischen Besatzungszone beleuchtet.