Nr. 103: Einmarsch der Russen und Leiden der deutschen Bevölkerung im Frontgebiet.

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Erlebnisbericht des Bauern Hans Rünger aus Bärfelde, Kreis Soldin i. Brandenbg.

Original, 2. November 1952, 9 Seiten. Teilabdruck.

Bis 1945 blieb unser Ort von Kriegseinwirkungen verschont. Als der Januar 1945 seinem Ende zuging, spürten auch wir die schweren Folgen des grausamen Krieges, vor allem die immer näherrückenden Sowjets. Unauf-


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hörlich zogen die Flüchtlingstrecks nach Westen. Sie kamen nur laugsam vorwärts, da die Straßen vom Schnee verweht waren. An den Wagenschildern erkannte man Namen aus dem Warthegau, Westpreußen und Bessarabien. Am 29. Januar 1945 kamen die Bewohner aus Regenthin, Kreis Arnswalde, und machten bei uns Quartier. Als mau dazu abends desselben Tages noch russische Panzer aus Richtung Berlinchen, 12 Kilometer westlich Bärfelde, schießen hörte, war wohl nun jeder unruhig geworden. Von amtlichen Parteistellen hieß es aber nur immer, Kreis Soldin wird nicht geräumt. So wagte nun auch keiner zu flüchten, trotzdem bei vielen die Wagen zum Abfahren bereitstanden. Die Männer berieten untereinander und kamen zum Entschluß, sich den zurückgehenden deutschen Truppen anzuschließen. Doch warteten wir vergebens auf deutsches Militär, es hatte sich nach Pommern rein abgesetzt.

So zog plötzlich und unerwartet am 31. Januar 1945, nachmittags zwischen 14.30 und 15.00 Uhr, der Russe in Bärfelde ein. Was von ihnen nicht mit Schlitten und Wagen fuhr, kam hoch zu Roß auf Ackerpferden. Überall wurden die Pferde gegen bessere ausgetauscht. So geschah es auch in Bärfelde. Die Gehöfte nach Schlitten und leichten Wagen auf den Kopf gestellt. Die Einwohner standen diesem Treiben machtlos gegenüber. In den Häusern waren die ersten Fragen in gebrochenem Deutsch nach Waffen und Uhren.

Inzwischen strömten immer mehr, aber sehr betrunkene Russen ein. Innerhalb von einer halben Stunde wimmelte es im Dorf nur so. Zum Unglück für uns ging der Vormarsch nicht weiter. In Bernstein hatte sich ein kleiner Trupp deutsches Militär eingeschanzt, der mit dem Bernsteiner Volkssturm vereint die Russen für ein paar Stunden aufhielt.

Zwei Stunden nach dem Einzug, gegen 17.00 Uhr, hörten wir plötzlich eine wilde Schießerei. Die Russen verließen die Häuser und suchten auf den Gehöften Deckung. Wir persönlich verdrückten uns in den Hauskeller, weil ja keiner wußte, was eigentlich los war. Wie wir später erfuhren, war der Nachschub der Russen abgerissen, und ein Zug deutsche Infanterie mit Sturmgeschützen aus Arnswalde war am östlichen Dorfeingang aufgefahren und schoß die Dorfstraße entlang. Die Russen hatten nicht viele Verluste, da sie ja meistens in Deckung lagen. Das Feuergefecht dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Die deutsche Truppe mußte sich nun schnell wieder zurückziehen, da die russische Übermacht zu groß war. Für uns Bärfelder hatte dieser Vorfall schlimme Folgen. Die Männer am östlichen Dorfende sollten erschossen werden, weil die Russen darauf bestanden, sie hätten mit dem deutschen Militär in Verbindung gestanden. Etliche flüchteten ins Feld. Doch wurden in dieser Nacht acht Personen erschossen. Dies waren zwei Soldaten, die in Urlaub waren, eine Frau, ein Kind und vier Männer, hiervon waren drei unbekannte Flüchtlinge. In derselben Nacht brannten noch verschiedene Gebäude ab.

Zum Morgen des 1. Februar 1945 wurde es ruhiger, die Russen hatten das Dorf verlassen. Ein toter Russe und ungefähr dreißig tote Pferde lagen auf der Dorfstraße, und sonst sah man nur Verwüstungen. Das Haus des


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Nachtwächters stand morgens erst in Flammen. Es wird angenommen, daß die ganze Familie von acht Personen mit verbraunt ist, da von diesem Tage au jede Spur von ihnen fehlt. In der Nacht vom 31. Januar bis 1. Februar trat Tauwetter ein. Der 1. Februar blieb ruhig, es kamen nur ein paar russische Patrouillen durchs Dorf. Am 2. Februar vormittags war plötzlich wieder Gewehrfeuer zu hören. Es kam nochmals ein Zug deutscher Infanterie von Arnswalde au der Molkerei ins Dorf, hier fuhr gerade ein Pferdewagen mit drei Russen. Die Pferde wurden vor dem Wagen weggeschossen, die Russen konnten entkommen. Das deutsche Militär kämmte das Dorf durch, konnte die Russen aber nirgends auffinden. Danach zogen sie ab nach Buchholz. Auf Andeutungen der deutschen Soldaten, daß nach Pommern noch geflüchtet werden kann, zogen einige Familien und die ganzen Buchholzer ab. Nachmittags zogen noch etliche Familien, um einem Racheakt der drei zurückkehrenden Russen zu entgehen, nach Kuckmühle und Gottberg, zwei und drei Kilometer nördlich von Bärfelde, wo bis dahin noch kein Russe gewesen war. Abends machten russische Panzer im Dorf Quartier. Diese hausten und wüteten dermaßen im Dorf, wie es wohl kaum einer miterlebt hatte. Die betrunkenen Russen belästigten und vergewaltigten die Frauen und Mädchen. In derselben Nacht wurde wieder ein Bauer erschossen und mehrere Gebäude angesteckt. Die Hälfte des Dorfes ist abgebrannt.

Am 3. Februar 1945 zogen die polnischen und russischen Zivilarbeitcr nach Polen ab. In den nächsten Tagen wurde ein Zivilrusse, welcher ungefähr dreißig Jahre in Bärfelde war, von den Russen als Bürgermeister eingesetzt. Die Dorfbewohner mußten die Straße von toten Pferden und zurückgelassenem Kriegsgerät räumen. Die erschossenen Deutschen konnten des Frostes wegen nur notdürftig begraben werden. An manchen Tagen wimmelte es im Dorfe nur so von Russen. Der Nachschub rollte ohne abzubrechen oft Tag und Nacht in zwei Fahrbahnen nebeneinander, an den Seiten noch Fußtruppen, nach vorne. Diese durchstreiften die Häuser und nahmen alles mit, was sie gebrauchen konnten.

In der Nacht vom 17. Februar zum 18. Februar wurden die Männer, die in der Partei waren, abgeführt. Dies waren fünf ältere Männer, als sechster wurde der Ortsgruppenleiter im Nachbarort aufgefangen. Fünf von ihnen sind auf dem Transport und in Rußland umgekommen, als einziger ist der Lehrer 1946 zurückgekehrt.

Am 18. Februar mußte Bärfelde geräumt werden, die Russen erwarteten Kämpfe von Arnswalde aus. In Richtung Landsberg a. d. Warthe gaben sie den Räumungsbefehl. Wir zogen aber nur bis zum 7 Kilometer entfernten Mandelkow. Am 17. Februar wurde noch ein Bauer erschossen und ein paar Tage später die Frau des Ortsgruppenleiters, die von Polen verraten wurde.

Am 21. Februar 1945 wurden mein Vater mit Familie und noch eine andere Familie vom Bürgermeister und einem Russen nach Bärfelde zurückgeholt. Die beiden Männer mußten Artilleriestellungen ausheben. Bärfelde war befestigt worden. Vor dem Dorf war ein Schützengraben von der Waldecke am Gottberger Weg an der Mühle vorbei bis zu Birkholz, Feldscheune ausgehoben worden, angezeichnet und abgesteckt war er noch weiter. Die


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Artillerie, Kaliber aller Art, war bis Mandelkow gestaffelt in Stellung gegangen. Im Dorf waren an der Frontseite Panzer aufgefahren. Von Arnswalde her hörte man Geschützdonner. Am 23. Februar ließ der Kampflärm nach und die Kampftruppe der Russen zog ab.

Das Vieh war in diesen Tagen aus Bärfelde fortgetrieben worden, wir sahen es, als es durch Mandelkow gebracht wurde. Später fingen wir uns in Bärfelde wieder Kühe ein, die von den großen Viehherden, die man täglich sah, zurückblieben. Zum Leben war für die Bevölkerung in diesen Tagen noch genug vorhanden, überall in verlassenen Häusern und Stellungen lag Fleisch und Brot umher, leider verdarb es sehr schnell, da das Wetter schon milde war.

In den folgenden Wochen wurde es ruhiger, die Front hatte sich weiter westwärts verlagert. Auch um Pyritz (Pommern) ließ der Kampflärm nach, den wir tagelang gehört hatten1). Es streiften jetzt nur noch plündernde Etappeneinheiten durch die Gegend, die noch öfter grausam hausten.

Im Anschluß wird die Zeit der russisch-polnischen Verwaltung und die Ausweisung beschrieben.