Nr. 104: Besetzung des Dorfes durch die Russen und Leiden der Bevölkerung in den folgenden Tagen.

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Bericht des Hofrats Staerke aus Güstebiese, Kreis Königsberg/ Nm. i. Brandenbg;.

Original, Juni 1951. 5 Seiten. Teilabdruck.

Über den Ort Güstebiese zogen seit dem 29. Januar 1945 ununterbrochen Trecks aus demWarthegau und ausWestpreußen. Nach meinen Beobachtungen sind viele von ihnen jenseits der Oder von der Roten Armee überrollt worden. Eine ungeheure Zahl von Trecks wurde nach den von uns bei dem Abtransport nach Bärwalde über Sellin und Neudamm gemachten Erlebnissen von den Sowjets dort überrollt. Viele Hunderte von Trecks waren anscheinend in dem Dreieck beim Einfluß der Netze in die Warthe auf das damals noch offene Gelände abgedreht; sie sind später nach eingetretenem Tauwetter und entsprechender Überschwemmung im Hochwasser untergegangen.

Der Bürgermeister des Dorfes Güstebiese, Habermann, ist von den Russen während der ersten Wochen der Zivilgefangenschaft umgebracht worden. Der Ortsgruppenleiter Fritz Lorenz wurde zwei Wochen nach der Abführung von Güstebiese nach dem Osten auf einem bei Sellin gebauten Rollfeld verhaftet; er ist seitdem verschwunden und wahrscheinlich umgebracht worden. Mit beiden habe ich mich wegen der Räumung wiederholt


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bis in die letzten Stunden hinein in Verbindung gesetzt. Das habe ich auch gegenüber einem jungen Kommandanten der deutschen Besatzung getan. Alle drei erklärten, daß die Zivilbevölkerung rechtzeitig Nachricht erhalten werde. Nach Hinweis auf die angeblich oder tatsächlich schon bei Bärwalde stehenden Russen wurden die Befragten unangenehm und erklärten, daß nur mit ihrer Genehmigung eine Abreise der Zivilbevölkerung möglich sei. Irgendeine Bekanntgabe oder Anordnung ist dann nicht erfolgt, denn auch der Ortsgruppenleiter und der Bürgermeister sind in die Hände der Russen geraten.

Am 31. Januar 1945 drangen die ersten Panzerspitzen der Sowjets in das Dorf Güstebiese ein; sie kamen aus dem Bachtal der Schlibbe, also aus der Richtung Bärwalde, und aus dem Eichhorntal vor dem Dorfe Zäckerick. Diese drei Panzer wurden am Eingang des Dorfes, von Alt-Lietzegöricke aus gesehen, in der Mitte des Dorfes und am Ausgang des Dorfes Richtung Chaussee Bärwalde von siebzehnjährigen Rekruten des Freienwalder Kradschützenbataillons durch Panzerfäuste zerstört. Im Dorf wurden durch Panzerbeschuß die ersten Zerstörungen angerichtet.

Nach meinen Ermittlungen wurde die Zivilbevölkerung nicht nur in Güstebiese, sondern auch in den Randdörfern Zellin, Alt-Blessin, Neu-Blessin, Alt-Lietzegöricke von dem sowjetischen Angriff überrascht. Nur Vereinzelten ist in der Nacht der Übergang über das Eis der Oder geglückt. Mehr als 99 v. H. konnten sich nicht mehr retten1). Diese Wahrnehmungen beziehen sich nach meinen Ermittlungen und Erlebnissen auch auf die Städte Bärwalde, Fürstenfelde, Neudamm und Mohrin und auf sämtliche diese Städte umgebenden Dörfer. Aus Königsberg scheint einem größeren Teil der Einwohnerschaft die Flucht gelungen zu sein.

In Güstebiese wurden Teile der Bevölkerung zum Munitionstransport über die Eisbahn der Oder, die ab Anfang Februar schon unter deutschem Artilleriebschuß lag, gezwungen. Die Russen hielten sich von dieser Arbeit infolge ihrer Gefährlichkeit fern.

Vf. benennt für seine Aussage 5 Zeugen.

Diese Munitionstransporte dauerten bis zum Abend vor dem Abtransport der Bevölkerung nach dem Osten (15. Februar 1945); in den Tagen vor ihrer Beendigung erfolgten sie unter besonders gefährlichen Umständen, da infolge des Tauwetters die Uferränder überschwemmt und das Eis der Oder brüchig geworden war.

In den Tagen vom 1. Februar 1945 bis zum Abtransport der Bevölkerung nach dem Osten der Neumark verübten die Russen unsagbare Grausamkeiten. Die weibliche Bevölkerung wurde wohl ohne Ausnahme dauernd, bei Tag und Nacht, vergewaltigt. Selbst alte Frauen, die in einen Keller des Schulgebäudes geflüchtet waren, wurden nicht verschont; sie erlebten besondere Furchtbarkeiten und haben sich bis auf einige, die später umgekommen sind, das Leben genommen. ...


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Der Abtransport der Bevölkerung nach dem Osten erfolgte in den Tagen vom 7. Februar 1945 bis zum 15. Februar 19451). Die Mitnahme von Vorräten war völlig unmöglich. Bis zu den Tagen der Rückkehr, die in den ersten Maitagen einsetzte und im Laufe des Juni beendet war, erfolgte keinerlei Betreuung, Verpflegung oder Unterkunft. Die gesamte Bevölkerung war auf sich selber angewiesen; sie lebte ausschließlich von zusammengefegtem Getreide, das die Russen bei ihren Requisitionen als Fegekorn liegen gelassen hatten. Es wurde in Kaffeemühlen gemahlen und aus der Grütze unter Hinzunahme von Wasser Suppe gekocht, im übrigen wurden den Mieten Kartoffeln entnommen und bei Verwendung von gelegentlich gefundenem Viehsalz gekocht. Sehr selten wurden Hülsenfrüchte, wenn auch in geringsten Mengen, aufgestöbert. Im Frühjahr wurde auch dann und wann das Fleisch gefallener Pferde gestattet, was aber für die große Menge Volks nur ein Geringes ausmachte. Aus Futterrübenmieten wurden diese Rüben entnommen und Syrup zu bereiten versucht. Der Genuß des Futterrübensaftes hatte aber eine erschreckende Steigerung der Ruhrerkrankungen zur Folge. In den Monaten April und Mai wurden die Evakuierten zur Feldarbeit herangezogen bzw. verpflichtet. Sie erhielten hierfür pro Woche ein geringgewichtiges Brot. Wer nicht das Glück hatte, zu diesen Bedingungen zu arbeiten, erhielt kein Gramm, auch die Ältesten nicht. Die Sterblichkeit war sehr groß. Kleinkinder haben die Gefangenschaft überhaupt nicht überlebt. Die Alten blieben fast ausnahmslos am Wege liegen.

Ab 7. Februar wurde die Zivilbevölkerung zum Bau von Rollfeldern und Flugplätzen in der Neumark herangezogen (Sellin, Pyrehne usw.), ebenso zum Bau von Befestigungsanlagen, Schützengräben, Unterständen für Maschinengewehre (z. B. an der Friedeberg-Pommerschen Front), in den Bruchgebieten des Gutscher Holländers usw. In der Gegend von Pyrehne und Vietz wurden die älteren Männer und junge Frauen nachts in die Scheunen getrieben, und nach Einbruch der Dunkelheit fielen die Russen am laufenden Bande über die unglücklichen Mädchen und jungen Frauen her.

Schon in der ersten Februarhälfte war die Sterblichkeit der aus den Oderranddörfern und Bärwalde nach Seilin transportierten Zivilbevölkerung sehr groß; sie steigerte sich in den darauffolgenden Monaten infolge der zunehmenden Aushungerung. Von Küstrin bis hinter Landsberg befand sich nur in Dühringshof eine von einem Arzt der Landsberger Heil- und Pflegeanstalt aufrechterhaltene Rote-Kreuz-Stelle mit gewissen Medikamenten. So segensreich sie für einzelne war, so wenig bedeutete sie für jene, die sie nicht kannten oder wegen weiter Wege nicht zu erreichen vermochten. In Güstebiese, Blessin, Alt-Lietzegöricke erfolgte unmittelbar nach dem Einzug der Russen eine grandiose Plünderung auch der Häuser der Ärmsten


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der Armen. Niemand blieb verschont, auch jene nicht, die aus der Zeit vor 1933 KPD.-Ausweise besaßen.

Vf. schließt seinen Bericht mit einigen Bemerkungen über die militärischen Operationen und die Verschleppungsaktion.