Nr. 105: Der Einmarsch der Russen

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Erlebnisbericht des Gendarmeriebeamten a. D. Friedrich Paetzold aus Kurzig, Kreis Meseritz i. Brandenbg.

Original, 10. Juni 1952, 29 Seiten. Teilabdruck.

Einleitend gibt Vf. einen Überblick über die örtlichen Verhältnisse.

Als der Russe im Januar 1945 die deutschen Stellungen bei Warschau überrannte, bis Posen und nach Schlesien zu bis an die Oder vordrang, wurde die Bevölkerung sehr unruhig. Mein Vetter als Bürgermeister sah sich veranlaßt, die Vertreter der Gemeinde zu einer Besprechung zu laden, um eine evtl. Flucht zu beschließen und zu organisieren. Ich wohnte der Sitzung bei. Es wurden Stimmen laut, die noch sehr optimistisch waren. Einige waren der Ansicht, daß deutsche Truppen von der Tschechoslowakei aus den Russen in den Rücken fallen würden. Die Propaganda von Goebbels hatte diese harmlosen, gläubigen Gemüter in Verwirrung gebracht. Andere nahmen Bezug auf eine der letzten Reden des Kreisleiters, der mit dem bei den Bonzen üblichen Pathos ausgeführt hatte: „Wir werden jeden Bauern mit Schimpf und Schande vom Hof jagen, der seine Scholle nicht bis zum letzten Blutstropfen verteidigt!” Man einigte sich und verteilte die Einwohner, die weder Pferd noch Wagen hatten, auf die verschiedenen Bauern, die verpflichtet wurden, diese mit Gepäck mitzunehmen.

Meine Frau fuhr am 21. Januar nach Berlin, sie wollte ihre Schwester besuchen. Ich begleitete sie morgens 5 Uhr zum nahen Bahnhof. Der Platz vor dem Bahnhof stand voll von Menschen, die der von Meseritz kommende Zug kaum fassen konnte. Hunderte von den evakuierten Berlinern ergriffen die Flucht. Mit Tränen in den Augen bat meine Frau, ich möchte doch mitkommen. Ich versicherte ihr, daß wir beizeiten mit Trecker oder Pferdewagen fliehen würden, alle unsere Sachen nähme ich mit. Beruhigt fuhr sie ab. An demselben Tage kam an den Bürgermeister vom Kreisleiter ein Schreiben: Es bestehe keine Gefahr, ein paar russische Panzer demonstrierten in der Gegend von Posen! Wer den Kreis ohne schriftliche Erlaubnis des Gauleiters verließe, würde standrechtlich geahndet! Nun war mein Vetter als Bürgermeister nicht mehr zu einer Flucht zubewegen. Ich wollte unsere letzte Habe nicht im Stich lassen und blieb auch. Wir erfuhren, daß die Arbeitsmaiden, die im Schloß Kurzig untergebracht waren, lautlos verschwunden waren.

Am Sonntag, dem 22. Januar abends, kamen Raimann, Victor, Peter und Ernest, die Gefangenen aus dem Lager, und baten um Proviant für einige Tage, sie würden abtransportiert. Sie waren vier Jahre bei meinem


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Vetter Otto, sie nahmen von allen mit Tränen in den Augen Abschied, sie bedankten sieh für die gute Pflege und Behandlung und sahen uns mitleidig an. Peter sagte: „Russe nichts gut!” Wir sollten alle mit fortgehen. Das Pionierkommando und die Arbeiter, die hier Stellungen gebaut hatten, rückten plötzlich ab. Am 27. Januar kam ein Werferzug unter Führung eines Unteroffiziers in die Siedlung. Sie gruben in den Vorgärten längs der Straße Löcher und bauten ihre Werfer ein. Abends saßen die Bewohner des Gehöfts zusammen, es herrschte eine gedrückte Stimmung. Auch die Unteroffiziere des Zuges stellten sich ein, sie äußerten, daß sie den Befehl zum weiteren Zurückgehen erwarteten. Am Nachmittag hatte die Post ihre Kasse im Büro abgegeben, auch die Gemeindekassen waren da.

Nach Mitternacht kam Bruno Plötz und erzählte, daß um vier Uhr morgens der letzte Zug nach Frankfurt abfahre. Wir beschlossen, zu fliehen und den Zug zu benutzen. Die Soldaten redeten uns zu und erzählten vieles, was sie erlebt und gesehen hätten. Ich packte die wertvollsten Sachen in zwei Koffer. Als wir zum Bahnhof kamen, war alles dunkel. Der im Stationsgebäude wohnende Beamte war am Vortage abgefahren. Der noch in der Nähe wohnende Beamte Bressel erklärte uns vom Bett aus: „Der Verkehr ist eingestellt, es fährt kein Zug mehr!” Der letzte Zug sei schon kurz vor Frankfurt von russischen Panzern beschossen worden. Wir zogen traurig mit unseren Koffern wieder nach Hause.

Strenge Kälte hatte über Nacht eingesetzt, gegen Morgen wurde es etwas milder, es fing an zu schneien. Gegen Mittag kam ein Oberleutnant von der Feldartillerie auf den Hof geritten, er rief den Bürgermeister und erklärte ihm, daß er mit seiner Batterie südlich der Siedlung aufgefahren sei und daß er das Feuer eröffnen werde. Gegen Abend fielen auch einige Schuß, die elektrische Leitung war getroffen, wir ohne Strom, also ohne Licht und Wasser, die Pumpstation hatte Elektromotor. Auch die Werfer gaben einige Schuß ab. Ich fragte den Unteroffizier, auf was sie geschossen hätten. Er sagte, sie hätten südlich des Dorfes einen Beobachter sitzen, bis an den „Regenwurm” bei Kurzig-Mühle seien Panzer vorgedrungen.

Hier in den Waldungen waren im Sommer 1944 bis Januar 1945 ganz moderne Stellungen gebaut, Hunderte von Berliner Arbeitern hatten unter Leitung von Pionier-Kommandos gearbeitet. Die Bauern hatten die Gespanndienste geleistet. Durchweg lagerten damals auf unseren Scheunontennen 60 bis 100 Mann. Im letzten Januardrittel 1945 wurden diese Stellungen von dem sogenannten Volkssturm, Arbeitern und Bauern ans der Gebend von Landsberg a. d. Warthe besetzt. Sie waren größtenteils in Zivil und ohne Waffen. Sie sind von den Russen erschlagen worden, sie lagen haufenweise vor den Bunkern. Der Russe trieb später die 10- bis 14jährigen Jungen zusammen, sie haben die Toten unter Aufsicht der Russen beerdigt

Am 29. Januar morgens rückten die Werfer ab, auch die Batterie. Die Tochter Helga und Ella, das Hausmädchen, hatten ihre Koffer gepackt und schlossen sich den Soldaten an. Otto und Grete, seine Frau, waren sprachlos, als sie in die Küche traten, um sich zu verabschieden. Tränen auf beiden Seiten. Aber als Ella der Hausfrau zum Abschied die Hand gab, regte sich diese auf und schrie wütend: „Das geht doch nicht, wer soll denn die Kühe


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melken?” Ich sagte: „Grete, Du bist ungerecht, wenn Deine Tochter Helga flieht, dann hat Ella dasselbe Recht!” Sie zogen ab. Der Schnee knirschte unter den Raupen der Motorfahrzeuge. Die Unruhe unter der Bevölkerung steigerte sich noch.

Das Wasser für das Vieh mußte mit Tonnenwagen aus dem l Kilometer entfernten See geholt werden, denn Pumpen waren auf den Gehöften der Siedlung nicht vorhanden. Für den Volkssturm wurden Stiefel und Uniformen herangefahren und auf dem großen Flur des Bürgermeisters gelagert. Der Volkssturm, ein von der Partei organisierter Haufen, war eine traurige Angelegenheit. Ich sehe heute noch die verarbeiteten, traurigen Gestalten der Arbeiter und Bauern, die an einem Sonntag im November 1944 im Schloßpark von Kurzig vom Ortsgruppenleiter Stephan, einem Kleinbauern, vereidigt wurden. Ich sagte zu meinem neben mir stehenden Vetter Otto: „Deutschlands letzte Hoffnung!” Von Begeisterung war keine Spur vorhanden. Die Einwohner brachten alle Jagdwaffen und die italienischen Karabiner von der Landwacht zum Bürgermeister, Bruno Plötz, ein Schwager von Otto, kam zu ihm und machte darauf aufmerksam, daß in der Brennerei 12 000 l Spiritus lagerten, ob es nicht besser wäre, wir ließen ihn auslaufen. Otto sagte: „Das kann ich nicht anordnen. Die Russen sind noch nicht da, und wir wissen nicht, ob die Stellungen vor uns nicht besetzt werden. Ich als Vorstand der Brennerei käme in des Teufels Küche!” So würde auch dies unterlassen, der Sprit fiel den Russen in die Hände, die Leidtragenden waren die Frauen und Mädchen. Der Russe ist schlimmer als ein wildes Tier, wenn er unter Alkohol steht.

So kam der 1. Februar heran. Gegen 10 Uhr vormittags zog eine Kompagnie Soldaten aufgelöst, von Norden kommend, durch die Siedlung über den Bahnhof nach Kurzig. Das Wetter war umgeschlagen, es taute. Die Dorfstraße war leer, kein Zug fuhr mehr, kein Geräusch drang vom Pionierpark, keine Nachricht kam zu uns, der Strom war weg, kein Radio war zu hören. Einer brachte die Nachricht, daß die Soldaten und das Personal vom Pionierpark in der Nacht mit allen Kraftwagen und Pferdegespannen ausgerückt seien. Mein Vetter Otto und ich arbeiteten fieberhaft im Büro. Alle unnötigen Papiere, auch alles, was an die Partei erinnerte, wurde verbrannt. Viele Bauern kamen, sie wollten sich Rat holen, jeder erzählte, was ihm noch alles auf dem Herzen lag. So war es Mittag geworden, wir wurden zum Essen gerufen. Ich hatte keine Ruhe, ich stand vom Essen auf, ich ging nach draußen vor das Tor an die Straße. Unheil lag in der Luft. Da sah ich aus dem nahen Walde neben dem Pionierpark braune Gestalten auf die Siedlung zukommen, vorne der Führer im Schneehemd. Alle 100 Meter blieb er stehen, kniete nieder und suchte die Gegend und die Gehöfte mit dem Glase ab. Vor den ersten Häusern lösten sich die mit Pelzmützen bedeckten Soldaten auf und suchten in Trupps zu je 4 Mann die Gehöfte ab. Es war eine Kompagnie Russen.

Ich will nun diese Blätter mit all dem Grausamen füllen, mir alles Leid von der Seele herunterschreiben. Ich schreibe es nieder, wie es war, nichts als die Wahrheit. Man sagt, es gehe nur in Romanen toll und wunderlich zu. O, das wirkliche Leben ist viel toller, viel wunderlicher. Mir zu Füßen


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liegt ein Grab. Glaubt ihr noch, daß ein Roman bunter sei als das Leben? Die Erinnerung kommt wieder so stark über mich, die beklemmende, häßliche Erinnerung.

Ich lief über den Hof ins Haus und rief den in der Küche beim Mittagessen Sitzenden zu: „Die Russen sind da!” Dann eilte ich auf mein Zimmer im 1. Stock. Langsam und mißtrauisch zweigten sich vier Mann nach unserm Hof ab, die Maschinenpistolen schußfertig im Arm. Von meinem Fenster beobachtete ich die schmutzigen Höhlengestalten. Der erste hob die Pistole zum Schuß, ich sprang zurück, gerade zur rechten Zeit, da flogen mir die Glassplitter ins Gesicht. Der zweite Schuß zertrümmerte die Scheibe vom Eßzimmerparterre. Dann bogen die Rotarmisten um die Ecke und schossen alle vier in die Küchenfenster. Die Frauen schrien laut auf. Auf Anruf der Russen hoben auch die Männer die Hände hoch. Sie wurden durchsucht, vor allem wurden ihnen die Uhren abgenommen. Darauf nahmen die Russen ihre Karabiner, die sie neben den Maschinenpistolen noch hatten, von der Schulter und faßten sie oben am Lauf, sie formierten sich in Reihe hintereinander und schlugen mit den Kolben alle Schränke ein, ob sie offen oder verschlossen waren. Die Schubkästen zogen sie heraus und warfen sie mit Inhalt auf die Erde. So zogen sie von Stube zu Stube. Selbst Omas altertümlichen Glasschrank in der Ausgedingestube mit dem schönen, alten Geschirr schonten sie nicht, es wurde alles kurz und klein geschlagen. Unten kam als letzter Raum das Büro an die Reihe. Alle Regale und Schränke wurden ausgeräumt. Die Türen wurden zerschlagen, die Papiere und Ordner bedeckten, wild durcheinander geworfen, den ganzen Fußboden, ein unbeschreibliches Tohuwabohu. Den Bolschewisten lief der Schweiß vom Gesicht. Das Zerstören wurde genau und schematisch ausgeführt, man merkte, daß dies alles angeordnet war. Zuletzt riß einer mit einem ganz fanatischen Gesicht das Telefon von der Strippe, rannte über den Flur und warf es auf den Hof.

Dann stampften die Vier die Treppe hoch nach den Schlafräumen. Ich lief hinterher, um auf mein Zimmer zu kommen. Vor den Schlafzimmern befand sich die neue Küche der Jungverheirateten Tochter. Alle Türen und Glasscheiben wurden mit den Kolben eingeschlagen, trotzdem auch hier die Schlüssel steckten. Schließlich betraten sie mein Zimmer, ich mußte erneut die Arme hochheben und wurde gründlich durchsucht. Die Türen von meinem Schrank wurden zerschlagen, alle Kleidungsstücke herausgezerrt. Meine goldene Uhr, ein wertvolles Andenken, steckte an der Kette in der Weste, im Jackett meine Brieftasche. Beides verschwand in der Manteltasche des schon erwähnten Rotarmisten. Geld und Papiere hatte er zuvor herausgenommen und zu Boden geworfen. Es mochte ihnen gesagt sein, das habe keinen Wert. Dafür wühlten sie die Betten um und warfen die Schubkästen des Waschtisches nebst Inhalt auf die Erde. Das Radio, ein guter Philipsapparat, wurde mit dem Kolben total zerschlagen. Auf derartige Räubereien war keiner vorbereitet. Ich hatte noch vorher mich und andere getröstet: „So schlimm, wie unser Radio es macht, wird es nicht sein, es sind doch Soldaten!” Es war aber weit, weit schlimmer. Ein Räuber, so hatte ich schon als Junge gelesen, nimmt einem die Wertsachen ab, und dann hat man


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Ruhe. Wir haben bis zum Abtransport durch die Polen am 25. Juni 1945 keinen Tag und keine Nacht Ruhe gehabt, das Letzte wurde uns abgenommen.

Nach einer halben Stunde sahen die Räume des ganzen Hauses vom Keller bis zum Boden verheerend aus. Zuletzt wühlte die halbe Kompagnie zwischen den Uniformen im Hausflur herum, jeder verpaßte sich ein Paar neue Stiefel. Es lagerten dort ja die Sachen für eine ganze Volkssturm-Kompagnie. Der Führer der Russen, ein Kapitän, wühlte mit. Er war aber sonst ganz friedlich, forderte uns sogar auf, uns auch Stiefel auszusuchen. Jonas und Bruno taten es auch, haben aber keine Freude daran gehabt. die Sachen wurden ihnen schon am folgenden Tage von nachrückenden Bolschewisten restlos wieder abgenommen. Nach und nach stand die Dorfstraße voller Russen, Panjewagen neben zweirädrigen Karren bunt durcheinander, ohne jede Ordnung. Wenn hier ein deutsches Flugzeug erschienen wäre, es hätte eine Panik gegeben. Seit Wochen aber hatten wir kein deutsches Flugzeug gesehen, auch in Zukunft blieben sie aus.

Auf unserem Hof fuhr eine bespannte Batterie auf, den Pferden wurden Hafergarben aus der Scheune vorgeworfen. Die „Offiziere” waren im Wohnzimmer und räumten die Schränke aus, dann saßen sie um den runden Tisch und sahen sich Fotos an, die sie in einem Karton gefunden hatten. Die Frauen hatten vergessen, sie zu verbrennen, das sollte sich bitter rächen. Es waren viele Soldatenbilder dabei von den vier Söhnen. Einer war Oberleutnant, einer Gefreiter beim Regiment „General Göring”, einer Feldwebel bei einem Panzerregiment, der Jüngste Oberscharführer bei der Leibstandarte.

Die Einwohner hatten alle Waffen, italienische Karabiner, die von der Landwacht benutzt waren, Jagdwaffen usw. zum Bürgermeister gebracht, sie lagen in der großen Diele. Hier stand auch noch ein großer Schrank, der der Schützengilde gehörte. In diesem Schrank waren Gewehre Modell 71 und die Fahne der Gilde untergebracht. Mein Vetter, der Bürgermeister, war 1. Vorsitzender und Kommandeur der Gilde. Seine Uniform und ein Offizierssäbel hingen auch in dem Schrank.

Ich saß mit dem Litauer Jonas in der Küche. Jonas beherrschte die russische Sprache. Ein Bolschewist, die Gildenfahne in der einen, den gezogenen Offizierssäbel in der anderen Hand, kam in die Küche. Auf die Fahne zeigend und mit dem Degen fuchtelnd, schrie er auf uns ein. Dann versuchte er, den Adler vom Kopf der Stange zu brechen nnd das Fahnentuch abzureißen. Es gelang nicht, das Tuch war zu fest. Er wurde immer wütender, schwitzte, fluchte und stieß zwischendurch mit dem Degen nach uns. Dies Gehabe wirkte so komisch, daß ich unwillkürlich lachen mußte. Er sah mich ganz entgeistert an, schüttelte den Kopf und wurde ruhiger. Ich habe auch bei späteren Fällen feststellen können, daß die Russen sofort einlenkten, wenn man sie nicht ernst nahm. Sobald einer die Waffe auf mich anlegte, riß ich meinen Rock auf und stellte mich breitbeinig hin. Dann schüttelten sie den Koof und ließen mich stehen. Ihr Gesichtsansdruck schien zu sagen: Der ist wohl nicht normal!


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Etwas später betrat ich mit meinem Vetter Otto den Hausflur, ein Rotarmist kam mit einer Jagdflinte unterm Arm von der Diele, er warf sie uns vor die Füße und setzte meinem Vetter die Pistole auf die Brust. Der rief nach Jonas, und dieser erklärte, was es mit diesen alten Gewehren auf sich hatte. Trotzdem wurden wir beiden immer wieder mit Erschießen bedroht.

Eine Begebenheit muß ich noch erwähnen. Ich sah plötzlich einen einzelneu deutscheu Infanteristen vom Bahnhof her über die Eisenbahn die Straße der Siedlung herunterkommen. Die Russen, die auf der Straße gehalten hatten, waren gerade abgezogen. Der Infanterist, ein neu eingekleideter Volkssturmmann, trottete vornübergebeugt, des schweren Tornisters ungewohnt, vor sich hin, das Gewehr über der Schulter. Er hatte wohl keine Ahnung, daß die Siedlung von Russen besetzt war. Er wurde beschossen, suchte im Straßengraben Deckung. Dort wurde er herausgeholt und im Triumph in unser Haus gebracht. Ich machte mich unauffällig au ihn heran und fragte, wie er hierhergekommen sei. Er erzählte, er habe mit anderen Kameraden im Walde in einem Bunker gelegen. Sie hätten wohl das Schießen im Dorf gehört, aber noch keinen Russen gesehen. Es war der Bauer Hantke aus dem Dorf Paradies, der nun zu einem Verwandten, Robert Marowski, wollte.

Es war unterdessen 4 Uhr nachmittags geworden. Wir wurden nun alle in den großen Keller getrieben. Nur mein Vetter mußte bei den Offizieren bleiben. Bruno Nether rannte auf den Hof, um Stroh zu holen. Ein Russe, der vom Boden kam, rief ihm laut „Stoi!” zu. Bruno, der schwer hörte, ging weiter, der Soldat legte zum Schuß an. Ich drückte das Gewehr herunter und suchte ihm, mit beiden Händen an meine Ohren klopfend, klarzumachen, daß der Mann taub sei. Er sah mich erstaunt an, fügte sich aber.

Im Keller war inzwischen Stroh geschüttet. An der Innenseite lagen die Frauen mit den Kindern, an der Außenwand Sattler Wolf mit Frau und zwei Kindern, Jonas, Stellmacher Lange und ich. In der Mitte war ein Gang frei. Es wurde dunkel, wir steckten ein Talglicht an. Der eine Ausgang des Kellers ging nach oben in den Hausflur, der andere führte in den Hof. Wir lagerten stumm im Stroh. Ruhelos waren die Gedanken. Wir hockten zusammen, wie Vögel, deren sicheres Nest der Blitz getroffen hat. Neue Russen waren angekommen. Sie kamen in den Keller, stierten uns an. Ich dachte, wie im Panoptikum. Ich beobachtete die stupiden Gesichter, eins war wie das andere, alles Einheitsmenschen. Das ging so etwa zwei Stunden lang, dann wurde es wieder ruhig.

Gegen 19 Uhr kam mein Vetter in den Keller. Ich sagte: „Wie mag es wohl im Dorf aussehen?” Er wußte es nicht, war nicht vom Hof gewesen. sagte: „Die Offiziere haben es sich oben bequem gemacht, der Kapitän liegt auf der Chaise; ich werde mir jetzt die langen Stiefel ausziehen”. Kaum hatte er das getan und die Latschen an, da kam der Kapitän in den Keller. Er hatte sich das Schneehemd angezogen, schlug meinem Vetter auf die Schulter und sagte: ''Mitkommen, Dokumenta!” Dem Litauer, der neben mir lag, rief er etwas zu und verließ mit meinem Vetter den Keller. Ich


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fragte Jouas, was der Kapitän gewollt habe. Er meinte, keiner dürfe vor morgen früh den Keller verlassen, draußen stünden Posten, die auf jeden schießen würden. Dies war etwa um 20 Uhr. Kurz darauf hörten wir die Batterie abrücken. Kein Russe ließ sich mehr sehen, aber auch Otto Zillmann kam nicht zurück. Wir saßen verängstigt im Stroh wie Hühner, zwischen denen der Habicht gewesen ist. Oma und Grete, Ottos Frau, sahen immerzu nach der Tür. „Wo mag Otto sein”, fragte Oma, „oben ist doch alles ruhig?” Niemand antwortete.

Gleich neben dem Eingang lag die 50jährige Witwe Semisch mit ihrer 10jährigen Tochter, die übrigen sieben Kinder waren ihr bei dem Durcheinander am Tage abhanden gekommen. Ihr Mann war vor einem halben Jahr auf der Bahn verunglückt. Es mag gegen 23 Uhr gewesen sein, da kamen zwei Russen in den Keller, zwanzigjährige Bengels, rissen die Frau hoch und sagten: „Mitkommen, kochen!” Die Frau wehrte sich und schrie: „Hier sind doch noch junge Frauen!” Sie meinte in ihrer sinnlosen Angst wohl Frau Wolf und Frau Matzke, aber die lagen tief im Stroh versteckt, den Kopf mit Tüchern verhüllt. Die Soldaten zerrten Frau Semisch mit. Das Kind klammerte sich an die Mutter und weinte: „Meine Mutti!” Nach einer Stunde kam die Frau laut weinend zurück, die Röcke waren ihr vom Leib gerissen, sie hielt sich den Leib mit beiden Händen und jammerte: „Mein Leib, mein Leib!” Das Kind, das mitgewesen war, weinte: „Meine liebe Mutti, was haben die Soldaten mit Dir gemacht!” Wir schwiegen ohnmächtig. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken.

Ich hatte ohnedies keine Ruhe, ich bangte um meinen Vetter. Schließlich schlich ich ins Haus. Zuerst suchte ich die Küche ab, dann die Stuben. Mit der Taschenlampe leuchtete ich in alle Ecken, Otto war nicht da. Alles war ruhig. Ich suchte weiter. Auf der linken Seite von der Diele hatte die Oma als Altenteilerin zwei Zimmer gehabt. Im ersten nichts, im zweiten, im Schlafzimmer in der Ecke neben dem Kleiderschrank, saß mein Vetter in Hockstellung, der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, er war tot. Ich legte ihn gerade hin, er war noch warm. Er hatte 14 Schuß, zwei saßen im Kopf, der Hut, den er noch auf hatte, war beiderseits doppelt durchlöchert, die übrigen Schüsse saßen im Unter- und Oberleib. Der Mord war mit einer Maschinenpistole ausgeführt, man sah noch die Einschläge am Schrank und in der Wand. Die Taschen hatten sie ihm ausgeräumt, der Inhalt seiner Brieftasche lag auf dem Tisch.

Ich setzte mich tief erschüttert neben der Leiche auf einen Stuhl. Ich hatte nicht den Mut, die Schreckensbotschaft der Mutter und der Frau in den Keller zu bringen. Ich hielt Totenwacht bis zum Morgengrauen. Wie unter dem Einfluß einer geheimen Macht gingen meine Gedanken in die fernste Vergangenheit zurück. Mein Vetter und ich waren zusammen aufgewachsen, wir hatten als Kinder täglich zusammen gespielt. Er war ein angesehener, allgemein beliebter Mann im Kreise Meseritz geworden. Stets hatte er geholfen, wo er nur helfen konnte. Die vielen deportierten Polen, die im Dorf gearbeitet hatten, haben alle den Kopf geschüttelt oder geweint, als sie seinen Tod erfuhren. Sie betonten mir gegenüber, wie gut und gerecht er gewesen sei und wie er sich in ihre Lage hineinversetzt habe.


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Ichb habe mit dem Herrgott gehadert in dieser Nacht. Wie kann, warum muß so etwas geschehen? Warum läßt Gott es zu, daß Leben und Glück der Menschen vom Zufall, vom Wahn eines Irregegangenen wie Hitler, von der Bestie im Menschen, von der Machtgier einiger abhängig ist? So saß ich bis zum Tagesanbruch, ohne eine Antwort zu bekommen. Dann ging ich in den Keller. Alle Augen richteten sich auf mich. Ich setzte mich vor das Lager von Ottos Mutter. Sie sagte leise: „Er ist tot, ich sehe es Dir an, ich habe es auch geahnt.” Ich konnte nur mit dem Kopf nicken. Als sie erfuhr, daß Otto in ihrer Schlafstube läge, sagte sie: „Ich kann da nicht mehr schlafen, ich würde es immer vor Augen haben. Ich ziehe zu Ida.” (Ida Plötz, ihre Tochter.) Mehr wurde nicht gesprochen, jeder hing seinen eigenen trüben Gedanken nach.

Der Litauer Jonas bat mich, ob ich nicht mit ihm nach oben gehen wolle. Als er die Leiche sah, fiel er vor ihr auf die Knie und rief: „Chef, o Chef. Du gute Mensch!” Er weinte lange vor sich hin und murmelte: „Bolschewisten sehr schlecht.” — Das waren die Vorgänge, die sich am 1. Februar 1945 auf unserem Gehöft abgespielt haben. Was sich in den übrigen Häusern der Siedlung und im Dorf ereignet hatte, erfuhren wir im Laufe des 2. Februar. Die Arbeiterfrau Löchert, deren Mann im Felde stand, hatte einen furchtbaren Selbstmordversuch mit Salzsäure gemacht, ihr l0jähriger Junge war tot, sie selber lief mit wundem, verschwollenem Mund herum und konnte nicht sprechen. Sie muß entsetzlich ausgehalten haben, sie schwieg auch später, als sie wieder sprechen konnte. So erging es fast allen Frauen und Mädchen, die Scham machte sie stumm.

In den zwei Bauerngehöften, die jenseits der Bahn lagen, war es toll zugegangen. Die junge Frau Lemke hatte sich mit ihren beiden Kindern erschossen. Der Mann war Soldat, er hatte ihr die Pistole dagelassen. Ihr alter Vater hatte sich die Pulsadern geöffnet, lebte aber noch. Das im Süden der Siedlung gelegene Gehöft der Witwe Rettig war niedergebrannt, sie selbst lag erschossen in ihrem Garten. Ihre beiden Söhne befanden sich als Verwundete im Lazarett. Diese Bäuerin hatte eine russische Magd, die wohl die Bolschewisten auf sie gehetzt hatte. Das Dorf Kurzig war zum größten Teil abgebrannt, nur das Schloß, die Ställe und einige Häuser vom ehemaligen Gut standen noch. Einige Frauen und die alten Leute aus dem Spital — hier wohnten die früheren Gutsarbeiter bis an ihr Lebensende mietefrei — lagen erschossen auf der Straße. Zu uns kamen von dort mit dem Rest ihrer Habe der Nachtwächter und Gemeindediener Lange mit Frau. Sie brachten sogar noch einige Kaninchen, eine Ziege und eine Schäferhündin mit; ihr Haus war verbrannt. Außerdem nahmen wir noch von Kurzig-Dorf eine 65jährige evakuierte Berlinerin mit ihrem 14jährigen Pflegesohn Günther auf. Sie berichteten, daß die 17 und 18 Jahre alten bildhübschen Töchter des Bauern Wandrey übel zugerichtet seien, der Vater aus Gram darüber in der Nacht einem Herzschlag erlegen. Die Russen wären durchweg betrunken gewesen. Sie hatten den Spiritus in der Brennerei gefunden.

Der Bahnhof, die Brennerei und der unmittelbar an unser Gehöft angrenzende Pionierpark erhielten eine Besatzung. Der Gemeindediener Lange


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war in meinem Alter, also auch über 60, er war von Beruf Zimmermann und noch sehr rüstig. Auf dem Stallboden lagerte ein Stapel Bretter. Wir machten uns daran, einen Sarg für meinen erschossenen Vetter herzustellen. Frau Löchert schickte zu mir, ob ihr Junge nicht mit in den Sarg vom Bürgermeister gelegt werden könne. Ich ließ ihr sagen, wir würden noch mehr Särge machen.

Vf. berichtet auf den folgenden Seiten über seine Erlebnisse unter russisch-polnischer Verwaltung und während der Ausweisung1).