Nr. 106: Feuerüberfall auf einen abfahrenden Flüchtlingszug, die ersten Tage nach der Besetzung durch die Küssen.

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Erlebnisbericht von Editha Müller aus Drossen, Kreis Weststernberg i. Brandenbg.

Original, 3. Juli 1952.

Der Flüchtlingszug, der uns am 1. Februar 1945 um 12 Uhr fortbringen sollte und in dem sich der größte Teil der Drossener Einwohner befand, wurde ungefähr nach 300 m am Zeuschtsee von russischen Panzern beschossen. Es gab über 200 Tote. Alles drängte ins Freie. Meine 14jährige Tochter sprang zum Abteilfenster hinaus und lief in den nahen Wald, wo wir sie erst nach vielem Rufen und Suchen später wiederfanden. Meine 74jährige Mutter, mein 12jähriger Sohn, meine 5jährige Tochter und ich strebten im Zug dem Ausgang zu. Wir mußten durch Blutlachen und au blutbespritzten Kinderwagen vorbei. Aus dem Fenster eines Abteils hing ein Soldat, dem von einem Geschoß der Kopf abgerissen war. Im Walde suchten Eltern ihre Kinder, und Kinder schrien nach der Mutter. Eine Frau lief mit einem Kopfschuß irr umher, und einer jungen Frau waren sämtliche Finger zerschossen. In aller Augen Grauen und Entsetzen.

Den ganzen Nachmittag lagen wir im Schneematsch im Walde, der dauernd beschossen wurde. Wir sahen, wie der alte Herr Birkholz aus Drossen, Breite Straße, zusammenbrach und starb. Gegen Abend gingen wir, denn der Zug lag zerschossen auf der Strecke, in unser Haus am Röthsee zurück und verbrachten des Beschüsses wegen die Nacht im Keller. Am nächsten Morgen gingen wir mit Nachbarn in ein abgelegenes Bauerngehöft, da unsere Stadt noch unter Beschuß lag. In unser Haus, Drossen, Weinbergsweg 9, kamen wir nicht mehr zurück. Die Polen plünderten es und steckten das Nachbargrundstück an, dieses brannte vollständig nieder. Frau Dr. Walther erzählte mir selbst, daß sie beim Einmarsch der Russen in Gegenwart ihres Mannes sechsmal hintereinander von Russen vergewaltigt worden sei und daß sie Gift nehmen würde, was sie auch später getan hat. Hundert Einwohner etwa nahmen sich im Gaswerk das Leben, viele andere durch Erschießen und Gift.


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Da unser Ort noch Kampfgebiet war, wurden wir am 10. Februar 1945 nach Zielenzig evakuiert, wo es keine Nährmittel, kein Fett und keine Milch mehr gab. Sämtliche Säuglinge starben bald. Schlechtes Brot, durchgemahlener Roggen zur Wassersuppe und eventuell Sirup aus Runkelrüben bewirkten in Kürze, daß fast alle Menschen Hungerödeme bekamen, Darmkatarrh und geschwollene Beine. Am 5. Mai 1945 konnten wir nach Drossen zurück, wo aus unserem wunderschönen Holzhaus ein Mannschaftslager mit dicken Holzbalken vom Fußboden bis zur Decke gemacht worden war. Die Täfelung war aufgeplatzt, weil fingerdicke Nägel, die im Nebenraume durchkamen, eingeschlagen waren. Die Badewanne war als Abort benutzt worden, Teile meiner Frisiertoilette als Waschbrett. Mein Silber, Kristall, Radio, Standuhr, Ledersofa waren zerschlagen, Teile davon lagen im Garten. Dort war auf dem Rasen ein Pferdeschuppen errichtet und mit meinen Teppichen abgedeckt. Die Laubbäume und Edeltannen — das Grundstück war gärtnerisch angelegt gewesen — waren umgehauen, der Zaun eingerissen. Kurzum, wir fanden ein Bild, das kaum zu beschreiben ist. Trotzdem waren wir glücklich, wieder zu Hause zu sein, und gingen daran, mit unseren geschwächten Kräften einigermaßen Ordnung zu schaffen.

Abschließend werden noch einige Erlebnisse aus der Polenzeit erwähnt.


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