Nr. 107: Evakuierung aus dem Industriegebiet und spätere Flucht über das Riesengebirge; Vorgänge im Sudetenland nach der Kapitulation und Erlebnisse bei der Rückkehr in den Kreis Oels.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht von Berginspektor a. D. Karl Wagner aus Friedenshütte, Kreis Königshütte i. Oberschles.

Original, August 1952, 36 Seiten. Teilabdruck.

Dem nachfolgenden Abdruck ist eine Schilderung von Erlebnissen nach der Teilung Oberschlesiens im Jahre 1922 vorangestellt.

Vf. war in der Betriebsführung der Friedensgrube tätig und berichtet anschließend über die Polonisierung der Industriebetriebe durch systematische Verdrängung der deutschen Beamten und Arbeiter, die im Jahre 1935 auch zu seiner Entlassung führte.

Obwohl es im Januar 1945 schon recht schlimm um Deutschland stand, hatten wir Friedenshütter noch keine rechte Ahnung von der tatsächlichen Lage. Man hoffte auf ein Wunder, und wir konnten nicht glauben, daß man die Russen nach Oberschlesien, einem der wertvollsten Industriebezirke, hereinlassen würde. Man wartete von Tag zu Tag auf den großen Schlag, der endlich die Russen aufhalten und erledigen sollte. Der Donner der schweren Geschütze grollte im Osten, Detonationen von Sprengungen erschütterten die Luft, und tolle Gerüchte gingen um.

Am 18. Januar 1945, früh morgens, riet uns ein guter Freund, die Frauen und Kinder sofort in Richtung Oppeln-Breslau abzutransportieren. Mit einem Eilzug fuhren meine Frau und Kinder von Morgenroth ab. Der Zug war zum Brechen voll — es war der letzte, der nach Breslau durchkam. Ich blieb zurück und versah weiter meinen Dienst, bis mich am 20. Januar 1945 ein Ortsgruppenleiter anrief und nach dem Rathaus bestellte. Dort war alles in heller Aufregung. Der Abschnittsleiter versuchte, Klarheit über die Lage zu bekommen und ließ sich mit der Gauleitung Kattowitz verbinden. Dort war man scheinbar ebenso kopflos, und niemand wußte, was die nächsten Stunden bringen würden. Die Russen standen vor Myslowitz, die Annäherung der Heeressäule wurde immer spürbarer. Von Kattowitz bekamen wir keine Befehle mehr — aber Hunderttausende in den Städten saßen auf gepackten Koffern, Säcken und Kisten. Es fehlte indessen an Lokomotiven und Wagen, um sie abtransportieren zu können. Die meisten Pläne und Vorschläge waren nicht mehr durchführbar.


406

Am 21. Januar 1945 ging der erste Treck von Friedenshütte per Bahn in Richtung Rybnik - Ratibor ab, am 22. Januar 1945 kamen wir in einem Dorfe vor Leobschütz an und wurden ausgeladen, weil Leobschütz und die Strecke nach Neustadt mit Zügen verstopft waren. In der strengen Kälte erfror ein Kind, und ein alter Mann unseres Trecks starb in dem Dorf, das uns aufnahm. Das waren die ersten Verluste, die wir hatten. Nach einigen Tagen des Wartens wurde es uns unheimlich, weil Leobschütz nicht zu erreichen war. Unsere Lokomotive war weggeholt worden, der Zug stand leer auf der Strecke.

Einige Vertriebene beschlossen daher, auf eigene Faust die Flucht fortzusetzen. Bei grimmiger Kälte zogen wir zu Fuß über Hotzenplotz nach Neustadt. Es war ein jammervoller Zug von Wägelchen und Karren inmitten von Lastautos, Wagenkolonnen von flüchtenden Bauern, gefangenen Engländern, Franzosen, Russen und Juden, die von SS.-Soldaten begleitet wurden. Die Juden waren von Auschwitz gekommen und schlichen mit erfrorenen, von Lumpen umwickelten Füßen dahin. Wer zusammenbrach, wurde erschossen und liegen gelassen. Alle aber trieb der eine Gedanke: Fort nach Westen und nicht den Russen in die Hände fallen. In Neustadt O/S übernachteten wir und setzten am nächsten Tage den Marsch nach Neiße fort. Überall das gleiche Bild von Elendszügen, flüchtenden Familien, wimmernden Kindern und endlosen Wagenkolonnen. In einem Dorf vor Schweidnitz kamen in einem Gasthaus, das ich schon vorher erreicht hatte, Frauen eines Trecks an, die 19 erfrorene Säuglinge bei sich hatten. Es war grauenhaft, was diese Menschen gelitten haben.

Von dort nahm mich ein Auto mit Wlassow-Soldaten mit. Ich saß zwischen zwei fetten Schweinen und bekam zwischendurch eine Cognacflasche gereicht, um die Lebensgeister aufzufrischen. Zigarren, Zigaretten und Würste gab es in rauhen Mengen. Es war kein Wunder, wenn ich nur schweren Herzens in Schweidnitz von dieser Gesellschaft schied. Mit steifgefrorenen Gliedern ging ich nach dem Bahnhof, der einem Heerlager glich. Am nächsten Morgen ging es mit der Bahn mit unzähligen Unterbrechungen über Landeshut nach Hirschberg. In Warmbrunn traf ich mit meiner Familie zusammen — ich war vorläufig in Sicherheit.

Die wohlverdiente Ruhe, der ich mich glaubte hingeben zu dürfen, währte nicht lange. Am dritten Tage, bei der Anmeldung in Warmbrunn. „erfaßte” mich der Volkssturm. Ich wurde als einer der ältesten Männer in die Spinnstoffsammelstelle in Hirschberg abkommandiert. Das Lager war voll, und noch immer trafen ganze Wagenladungen von den umliegenden Dörfern mit Kleidungsstücken und alten Uniformen von vor 1914 ein. Dazu alte Waffen, Ferngläser und Schuhwerk. Goebbels räumte mit seinen Aufrufen die Schränke gründlich aus, und das deutsche Volk gab willig alles für den „Endsieg” her.

In dieser Zeit überschritt ich das 60. Lebensjahr. Ich erwähne das, weil ich Mitte Februar Plakate an allen Ladenfenstern und Häuserecken las, in denen Feldmarschall Schörner alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren aufrief, zu den Waffen zu eilen. Schörner, Träger der Brillanten zum Ritter-


407

kreuz, ein Mann, von dem man nur Gutes hörte, war in diesem Augenblick für mich der Garant des Endsieges, der Mann, der sicherlich die Russen über die Weichsel treiben würde. Oberschlesien würde wieder frei sein — es war kaum auszudenken. Schnurstracks ging ich zum Wehrmeldeamt mit der Überzeugung, jetzt muß jeder ran. Unterwegs rief mich jemand an: „Herr Wasner, wohin so eilig?” Ich erkannte in dem Hauptmann einen Bekannten aus Friedenshütte. Ich erzählte ihm rasch, was ich vorhatte. Er musterte mich lächelnd und sagte, mir die Hand schüttelnd: „Ach, Sie armes Aas.”' Etwas verärgert eilte ich weiter und war eine halbe Stunde später Soldat.

Schon am 21. Februar 1945 hatte ich mich in Mährisch-Schönberg zu melden. Was ich dort erlebt habe, ist ein Kapitel für sich und gehört wohl nicht hierher. Der Patriotismus, der mich anfangs noch beseelte, wurde mir bei der folgenden Ausbildung gründlichst ausgetrieben. Einen Tag vor Ostern, ich hatte die Ausbildung fast beendet, wurde ich von der Truppe entlassen — alte Leute über 60 Jahre konnten auf Wunsch ausscheiden. Krank und niedergeschlagen kehrte ich nach Warmbrunn zurück. Meine Familie war in der Zwischenzeit nach der Tschechei evakuiert und nach Strakonitz, südlich von Pilsen, befördert worden. Ich blieb bei meinen Verwandten in Warmbrunn und begab mich in ärztliche Behandlung.

Vier Wochen vergingen, mein Optimismus begann sich wieder zu regen, da kam in den Frühmeldungen des Rundfunks durch, daß Adolf Hitler gefallen sei. Jeder wußte, daß dies wohl endlich das Ende des Krieges bedeuten mußte. Man wurde sich aber auch klar darüber, daß das Ende für jeden entsetzlich werden mußte — die Russen in Berlin, den Vertriebenen war der Boden unter den Füßen weggezogen worden, die Städte zerschlagen! Es war ganz unmöglich, einen Plan zu fassen. Noch glaubten die Hirschberger, daß ihre Heimat ihnen erhalten bleiben würde.

Aber schon die nächsten Tage belehrten sie eines anderen. Die Russen stürmten siegesgewiß weiter vor und standen bald vor Hirschberg. Am 7. Mai 1945, in aller Frühe, rief Bürgermeister Ansorge meinen Schwager, der als Stabsarzt zwei inzwischen freigemachte Kriegslazarette zu betreuen hatte, an und empfahl ihm dringend, schleunigst das Weite zu suchen. In aller Eile packten wir ein paar Sachen zusammen, verstauten sie im Auto und brausten bis über Katzensteinbaude, Polaun nach Tannwald. Das Bild war dasselbe wie im Januar, nur das herrliche Frühlingswetter paßte schlecht zu dem Elend der Menschen, die über das Gebirge flüchteten.

Durch Tannwald preschten ohne Unterbrechung SS.-Verbände, um die Grenze nach Bayern zu erreichen — alle Fahrzeuge waren mit Flüchtlingen besetzt. Es lief mir eiskalt über den Rücken bei dem Anblick der in wilder Flucht dahinjagenden Fahrzeuge, die den Klauen der Russen zu entrinnen trachteten.

Wir übernachteten im Kreiskrankenhaus. Bei unserem Erwachen hörten wir, daß Deutschlands Wehrmacht kapituliert hätte. Ein Tscheche beförderte uns ziemlich unsanft aus dem Krankenhaus. Deutsche Einwohner aus Tannwald rieten uns, die Fahrt zurück über das Gebirge zu versuchen, da die


408

Tschechen die Deutschen vermutlich schlecht behandeln würden. Wir schlugen den Weg nach Rochlitz ein, wurden aber von tschechischen Posten aufgehalten und nach Hochstadt abgedrängt. Vor Hochstadt war im Wald eine Kontrolle, wir mußten aussteigen und in ein Blockhaus eintreten. Das Auto wurde durchsucht; dabei fand man einen Armee-Revolver meines Schwagers. Das Verhör war eine Tortur. Hinter dem Blockhaus im Wald wurden verdächtige Deutsche sogleich erschossen. Da ich bei dem Verhör wegen der Waffe unbeteiligt war, konnte ich beobachten, wie Deutsche nach kurzem Verhör abgeführt wurden, und hörte dann die Schüsse der Karabiner fallen.

Durch geschickte Ausreden und einen geglückten Bestechungsversuch gelang es meinem Schwager, loszukommen, und wir setzten unsere Fahrt nach Hochstadt fort. Vor dem Rathaus am Markt mußten wir aufsteigen — das Auto sahen wir nie mehr wieder — und wurden in einen Saal geführt. Nachdem wir unser Geld und alle sonstigen Wertsachen abgegeben hatten, wurden wir nach einer ehemaligen Schulungsburg gebracht und schliefen mit sehr gemischten Gefühlen dem kommenden Tag entgegen. Am frühen Morgen wurden wir nach einer am Markt gelegenen Schule geleitet; ein Tscheche, mit vielerlei Waffen behangen, schritt an unserer Seite. Alle jungen Männer und Frauen wurden zu Aufräumungsarbeiten und zum Beseitigen von Straßensperren eingesetzt. Die Tschechen machten sich ein Vergnügen daraus, die Deutschen zu bespeien und mit Stöcken zu schlagen. Ein junger Mann, der sich eine solche Behandlung nicht gefallen lassen wollte und mit dem Fuß nach einem Lümmel stieß, wurde sogleich von einem Schwärm junger Burschen niedergeschlagen und buchstäblich zu Tode getrampelt.

Gegen Mittag hörten wir, daß eine russische Division Hochstadt passieren sollte. Die Stadt war mit unzähligen roten Fahnen geschmückt, Rednertribünen wurden aufgestellt, und eine Kapelle nahm am Rathaus Aufstellung. Mit beträchtlicher Verspätung zog der Troß daher. Ich hatte so etwas von verkommenem Militär und Fahrzeugen bisher noch nicht gesehen. Der Krieg war doch beendet, ein wolkenloser Himmel überstrahlte die Stadt, und dieses Gesindel, verlumpt und mit krummen Absätzen auf verkommenen Fahrzeugen, ratterte stinkend, ohne Pause, stundenlang über den Markt. Das waren also die Sieger!!

Die Deutschen mußten am Straßensaum niederknien und beten, und von hinten schlugen Frauen und Kinder mit Ruten auf sie ein. Wilder Haß und üble Instinkte feierten in diesen Tagen Orgien. Von den Rednertribünen wurde der Sieg über die Deutschen gefeiert, die Bevölkerung schrie dazu und reckte die Fäuste gen Himmel. Uns war nicht ganz wohl bei dem Bild, das sich vor unseren Augen abrollte.

Am nächsten Morgen beschloß der Magistrat der Stadt, die eingesperrten Deutschen über die Grenze abzuschieben. Gegen Mittag marschierten wir, Frauen und Männer gesondert, ab. Über Tannwald und Polaun zogen wir dem Riesengebirgskamm entgegen. In Polaun übernachteten wir, es waren


409

Hunderte von Flüchtlingen eingetroffen, auf freiem Felde. Während der ganzen Nacht kamen Russen, um Frauen und Mädchen gewaltsam wegzuholen. Das markerschütternde Geschrei aller Schläfer vertrieb sie größtenteils. Am nächsten Tage zog der Troß weiter. Die Tschechen und Russen hatten noch einige Kontrollstellen errichtet, um die Flüchtlinge auszuplündern und junge Frauen und Mädchen zu vergewaltigen. Gegen Abend trafen wir in Schreiberhau ein und am folgenden Tage in Warmbrunn. Auf dem Wege dahin schnappten mich Russen, besahen sich meine „Dokumente” und hielten mich fest. In einem Zuge von Tausenden von Soldaten und Zivilisten mußte ich zehn Stunden zwischen Warmbrunn, Hirschberg und den Dörfern der Umgebung marschieren. Spät in der Nacht wurden wir in einen Saal gebracht — am Morgen waren die Russen verschwunden. Ich schlich mich auf Nebenwegen, alle Ortschaften meidend, nach Warmbrunn zurück.

Nun stand ich vor einer sehr schweren Entscheidung. Wohin sollte ich mich wenden? Bei meinen Verwandten konnte und wollte ich nicht weiter bleiben, und so beschloß ich, nach Eichgrund, Kreis Oels, zu laufen. Ich hatte dort zusammen mit meinem 1939 verstorbenen Bruder ein Grundstück gekauft, wo ich von 1937 bis 1939 bereits gewohnt hatte. Daß Schlesien von den Polen in Besitz genommen war, konnte ich nicht wissen; nur das eine war mir klar, daß Oberschlesien für uns mit Sicherheit verloren war. Dahin konnte ich also nicht mehr zurück. Außerdem vermutete ich, daß auch meine Frau und meine vier Kinder dahin kommen würden, um mich zu treffen. Ich schnürte ein kleines Bündel und begab mich auf den Weg. Mein Schwager gab mir noch Geld und einige Wertsachen mit, damit ich mir notfalls damit helfen konnte. Es wurde ein trauriger Marsch!

Auf Feldwegen umging ich die Stadt Hirschberg und wanderte, immer nach Russen ausspähend, in Richtung Bolkenhain dahin. Am Abend suchte ich ein Dorf auf und schlief bei Bauern, die fast vollzählig zurückgekehrt waren. So schien es mir wenigstens. Sie ahnten noch nicht, daß die Polen ihre fetten Höfe einstecken würden und daß sie als Bettler die Heimat und ihren ererbten Boden werden verlassen müssen. Am Morgen wanderte ich weiter. . . .

So erreichte ich Striegau. Lange Trecks kehrten zurück in ihre Heimatdörfer. Diese Ärmsten litten Foltern, sie wurden in jedem Dorf von Polen und Russen geplündert. Ein Treckführer stellte sich plündernden Polen entgegen und verteidigte sich und seinen Wagen gegen die Banditen. Man bearbeitete ihn mit Gewehrkolben, trat ihn mit Füßen, bis einige Russen ihn befreiten. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen und auch weiterhin beobachtet, daß sich Russen und Polen schlecht vertrugen.

Nach einigen Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Polen und Russen fährt Vf. in seinem Erlebnisbericht fort.

In der Nähe von Kanth kehrten Scharen von Flüchtlingen zurück. In einer Ortschaft waren sehr viele Russen einquartiert. Da es spät am Abend war, blieb ich bei einer Familie, Mutter und Tochter, die soeben von der


410

Flucht in ihr Häuschen zurückkehrten. Der gesamte Hausrat lag im Garten, die Fensterscheiben waren zumeist zerschlagen. Die Frauen jammerten, und wir halfen ihnen ein paar Sachen ins Haus zu schaffen — es war noch ein Breslauer dazugekommen. Dann erzählte mir die Tochter, daß sie einen toten Säugling, ihr Kind, mitgebracht hätte. Sie wollte es unbedingt nach Haus bringen und nun beerdigen. Ich warnte die Tochter, sie solle sich um Gotteswillen nicht draußen zeigen, die Soldaten beäugten jede Frau mit Stielaugen. Sie hörte nicht auf mich, und so begruben wir noch am Abend das Kind. . . .

Vf. mußte die Nacht in Gesellschaft eines russischen Soldaten verbringen und beschleunigte mit seinem Weggenossen am nächsten Morgen den Aufbruch.

Vor Breslau wurden wir nochmals ausgeplündert. Ein Russe nahm mir alle Wertsachen ab, darunter Goldschmuck von meiner Mutter. Und dann kamen wir nach Breslau. Der Süden war ein einziger Schutthaufen bis unmittelbar zum Hauptbahnhof. In manchen Gegenden der Stadt konnte man sich kaum zurechtfinden, die Verwüstungen waren grauenhaft. Und überall saßen schon die Polen. Wir verließen bald die Stadt in östlicher Richtung und liefert weiter nach Hundsfeld. Auch hier waren viele Schäden sichtbar. Mir ließ es keine Ruhe mehr, es war schon spät am Nachmittag, und ich wollte noch Eichgrund bei Sibyllenort erreichen. Mein Haus wollte ich sehen, feststellen, ob es noch ein Dach habe. Es dunkelte bereits, als ich über die kleinen Brücken vor der Eichgrunder Mühle schritt. Durch die Baumlücken sah ich, daß die Häuser unversehrt waren; wie freute ich mich darüber. Die Mühle sah mir so wunderlich aus; als ich davor stand, sah ich, daß die ganze Front außen mit großen Ölgemälden meines Bruders, der Kunstmaler war, behängt war. Da kein Mensch zu sehen war, nahm ich sogleich zwei herunter und schleppte sie zu meinem Haus. Dort stand die Haustür weit offen. In der Diele lag ein großer Haufen verfaulter Karloffelschalen, alle Türen standen offen. Ich ging hinauf nach dem Saal. Dort sah es wüst aus — überall Stroh, Lumpen und umgestürzte Möbel. In der Mitte stand der große Bücherschrank, die Rückwand war herausgerissen, die Bücher lagen bergeweise verstreut umher. Im Schlafzimmer lagen auf den Betten nur noch einige Matratzen. Im Ankleideraum standen alle Schränke offen und waren völlig ausgeplündert. Und so war es in dem ganzen Haus. An Porzellanen und Gläsern fand ich noch einiges wieder, und dann hatte man eine Bodenkammer, die gut getarnt war, nicht gefunden. Dort waren noch erhebliche Mengen von Wertsachen verstaut.

Da es nun vollständig dunkel geworden war, rückte ich mir in meinem Bett die Matratzen zurecht, aß noch ein paar kalte Pellkartoffeln mit Fett und legte mich zur Ruhe mit der unheimlichen Frage vor Augen: Was wird nun kommen?

Vf. schildert dann ausführlich das Leben unter russischer Besatzung, unter den Verhältnissen der polnischen Verwaltung bis September 1946, seine Erlebnisse in der Sowjetzone und seine Erfahrungen beim Aufbau einer Existenz in Westdeutschland.


411