Nr. 108: Vorgänge bei den Kämpfen um die Oder-Übergänge bei Cosel, Evakuierung und Rückkehr.

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Bericht des Hauptlehrers i. R. Waldemar Birkhoven aus Eichhagen, Kreis Cosel i. Oberschles.

Original, 10. April 1951.

Mein letzter Wirkungsort war Eichhagen. Er liegt im Kreise Cosel, und zwar neun Kilometer nördlich von der Kreisstadt an der Kunststraße, die von Cosel O/S über Oppeln, Brieg nach Breslau führt. Drei Kilometer weiter nördlich liegt Mechnitz. Beide Orte liegen auf der linken Oderseite, ungefähr ein bis zwei Kilometer von der Oder entfernt. Auf der rechten Oderseite liegen Eichhagen gegenüber Oderhain, Mechnitz gegenüber Odertal, dieses zum Kreise Gr. Strehlitz gehörend.

An der Oder bei Eichhagen ist eine Schleuse mit einem breiten Nadelwehr, bei Mechnitz ist eine Oderüberfähre. An der Oder entlang zieht sich von Eichhagen bis Mechnitz ein Eichenwald hin. Kurz davor, ehe der Eichenwald beginnt, war auf der rechten Oderseite die Schiffsbauwerft Schulz, wo viel Baumaterial lag.

Am 23. Januar 1945 meldete der Förster des Eichenwaldes dem Kreisleiter, daß am rechten Oderufer Russen erschienen sind. Der Förster war der Ortsgruppenleiter von Eichhagen und Mechnitz. Er kam gegen 6.00 Uhr abends ins Dorf und sagte, der Kreisleiter habe befohlen, daß die beiden Orte Eichhagen und Mechnitz bis 8.00 Uhr geräumt sein müssen. Es soll getreckt werden in Richtung Gr. Neukirch und von da nach dem Sudetengau.

Da Gr. Neukirch direkt südlich, also entgegengesetzt von unserem Ort liegt, wir also den Russen direkt in die Hände trecken konnten, wollte niemand diese Richtung einschlagen.

Der Ortsbauernführer sollte den Treck leiten. Vorbereitet war nichts und niemand.

Der Kreisleiter hatte ja erst am 19. Januar 1945, also vor vier Tagen, bei einer Tagung im Landratsamt den Bürgermeistern, Amtsvorstehern, Schulleitern die Erklärung abgegeben, die linke Oderseite ist nicht in Gefahr, da hat alles so zu bleiben, wie es ist. Der Russe kommt nicht über die Oder, dafür ist gesorgt. Und, wenn jemand etwas anders sagt, den läßt er sofort erschießen. Die Schulen sollen aber sofort geschlossen werden, was mich persönlich sehr stutzig machte. Infolgedessen wollte auch niemand trecken.

Es zogen nur wenige Leute fort, und zwar in die nächsten Dörfer des Kreises Leobschütz und des Kreises Neustadt.

Ich selbst brachte meine Familie in das weiter zurückliegende Altenwall.

Am nächsten Morgen, 24. Januar 1945, war ich wieder in meinem Dorf.

Den Oderübergang schützte eine Volkssturmkompagnie. Am 25. Januar 1945 wurde diese von einer Kompagnie Infanterie abgelöst, die aus auf Urlaub weilenden Wehrmachtsangehörigen der umliegenden Dörfer zusammengestellt war.


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An diesem Morgen kam zu mir die Ehefrau des oben erwähnten Schiffsbauwerft-Besitzers Schulz mit Weinen und sagte, die Russen haben ihren Mann erschossen. Sie selbst mußte die ganze Nacht hindurch die Hühner, die die Russen schlachteten, rupfen und braten. Gegen Morgen gelang es ihr zu entfliehen.

Die Russen fingen an, aus dem Baumaterial zwei Brücken über die Oder zu schlagen. Ich meldete dies dem Hauptmann. Von dem Giebelfenster meiner zwei Stockwerke hohen Schule konnte man mit bloßem Auge das Treiben der Russen beobachten. Der Hauptmann setzte sich sofort mit einer unweit Mechnitz stehenden Flakabteilung, die 1944 gegen Fliegerangriffe aufgestellt war, in Verbindung, welche auch sofort den Brückenbau unter Feuer nahm. Die Infanterie ging nachmittags gegen die Oder vor. Es entspann sich ein sehr heftiges Gefecht. Granaten, Gewehrgeschosse schlugen ins Dorf, und jetzt erst glaubten die Leute, daß es ernst wird. Ein Teil ging wieder in die weiter zurückliegenden Dörfer, viele blieben noch. Da die Baustelle dauernd unter Flakbeschuß lag, verlegten die Russen den Brückenbau etwa 500 bis 600 Meter weiter auf die Schleuse zu und waren dort durch den Wald gedeckt.

Am 26. Januar 1945 brachte man am Morgen einige Gefallene in meine Schule. Das Gefecht dauerte weiter den ganzen Tag.

Da die Lage gefährlich wurde, verlegte ich den Wohnsitz in den Kreis Leobschütz, kam aber jede Woche in mein Dorf, blieb zwei Tage da.

Am 27. Januar 1945, bei Beginn der Dunkelheit, drangen die Russen, nur Fußtruppen, in die Dörfer Eichhagen und Mechnitz ein. Nach Eichhagen kamen sie über das Stauwerk der Schleuse, nach Mechnitz über die Oderüberfähre.

Hier kamen sie nicht bis ins Dorf, sondern blieben in den am Wald liegenden Dorfteilen Ritterfähre und Kolonie. Daselbst trieben sie junge Frauen und Mädchen in das Haus Smykalla, angeblich, um Kartoffeln zu schälen. Dieselben wurden dort vergewaltigt. Einigen Mädchen gelang es, durch ein Fenster zu entfliehen. Sie kamen mit auf der Brust aufgerissenen Kleidern ganz verstört im Dorf an.

In Eichhagen fragten sie zunächst, ob deutsche Soldaten da sind. Dann verlangten sie Uhren und Stiefel bzw. Schuhwerk und zu essen. Sie zündeten eine Anzahl Scheunen an, die die ganze Nacht über brannten.

Am 28. Januar 1945 nachmittags erfolgte ein Gegenangriff von unserer Wehrmacht. Die Russen wurden zurückgetrieben, zündeten vorher eine weitere Anzahl von Scheunen an. Auch meine Schule war bereits durch Granattreffer arg zugerichtet.

Am 3. Februar 1945 wiederholte sich dasselbe, am 4. Februar 1945 wurde der Russe wieder herausgeworfen. Nun fanden immer wieder Feuerüberfälle statt, auch Störungsfeuer. Die Gefechtstätigkeit lebte den ganzen Abend immer auf. Die Männer, die noch im Dorfe waren, gruben bei Nacht Schützengräben aus, befestigten das Dorf. Auch Sturmgeschütze waren im Dorf.


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Am 14. März 1945 kam ich wieder bis Eichhagen, durfte aber nicht ins Dorf. Die Eingänge waren durch SS.-Gendarmerie gesperrt. Die Bewohner wurden bis auf wenige alte Personen in Autobussen weggebracht.

In den nächsten Tagen fanden schwere Kämpfe um die beiden Dörfer Eichhagen und Mechnitz statt. Eichhagen wurde zu 60 Prozent, Mechnitz zu 80 Prozent zerstört.

Der Russe stieß bis in den Kreis Neustadt O/S durch.

In Eichhagen erschossen sie eine Frau, die Wasser holte.

Der Landwirt Ferdinand Garbas hatte sich im Keller versteckt und wurde in bestialischer Weise ermordet.

Der Landwirt Johann K. wurde aus dem Hause geführt, mußte sich in einen Straßengraben legen und bekam einen Genickschuß. Seine 69 Jahre alte Mutter, die im Keller war, wurde vergewaltigt.

Frau Anna Maicher, 66 Jahre alt, wurde mit dem Gewehrkolben bearbeitet.

Verschiedene Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt.

In Mechnitz ging es ähnlich zu.

Die Bauern Pollak und Kioltyka mit Sohn wurden im Luftschutzkeller erschossen aufgefunden. August Thomas, Valentin Mlotzek lagen am Weg erschossen. Agnes Grzezista lag im Straßengraben erschossen. Im Schwesternheim lag die Oberin im Bett tot in ihrem Blute. Auch zwei alte Herren aus Berlin, die hier Schutz gesucht hatten, lagen tot in ihren Betten.

In Mechnitz sind über 30 Personen umgebracht worden.

Bei dem Dorf Deutsch Rasselwitz im Kreise Neustadt O/S schloß der Russe den Ring. . . .

Die Trecks im Kessel schickte der Russe nach Haus. Die guten Pferde nahm er weg und gab schlechte dafür. Manche Leute fingen frei herumlaufende Pferde ein und konnten damit zurückfahren.

Von den nach Eichhagen zurückgekehrten Männern wurden am 7. April 1945 20 Mann nach Rußland verschleppt, von denen einer zurückkam. . . .

Mich hatte man mit meiner Familie im Kreise Leobschütz evakuiert und bis nach Steyr an der Enns gebracht.

Am 8. Mai kam dort der Amerikaner. Er trat dann einen Teil der Stadt dein Russen ab, und dieser schickte uns alle nach Haus. Wir waren 26 Tage unterwegs ohne jegliche Verpflegung und wurden dauernd, namentlich bei Nacht, von den Russen belästigt. Sie nahmen uns weg. was ihnen gefiel, sämtliche Uhren, Ohrringe und Ringe. Letztere rissen sie mit Gewalt aus den Ohren oder von den Fingern.

Jeden Tag starb jemand von den Kindern oder alten Leuten. Und wenn der Zug hielt, wurde der Tote neben dem Bahnkörper begraben. Wir kamen ausgehungert und schwach in Heydebreck an und gingen von da zu Fuß 16 Kilometer bis Eichhagen.

Es folgen noch einige Bemerkungen über das Verhalten der Polen und über die spätere Ausweisung.


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