Nr. 110: Evakuierung der Kreisbevölkerung.

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Bericht des ehemaligen Landrats im Kreise Namslau i. Niederschles., Dr. Heinrich.

Original, 1. Oktober 1952, 7 Seiten. Teilabdruck.

Vf. schildert eingangs die Verteidigungsvorbereitungen im östlichen Grenzgebiet im Zusammenhang mit der Entwicklung der militärischen Lage, die die Dringlichkeit sofortiger Evakuierungsmaßnahmen vor Augen führt, und berichtet hierüber:

Durch Telefongespräche mit dem Oberpräsidium in Breslau und der dortigen Regierung erreichte ich es, daß in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1945 fünf sehr lange Züge mit D-Zugwagen aus Oberschlesien auf der Eisenbahnlinie Beuthen—Kreuzburg—Namslau anrollten, wobei jeder Zug mit ca. l 500 Personen besetzt wurde, so daß insgesamt 7 500 Personen aus der Kreisstadt abtransportiert wurden. Diese Züge erreichten nach jeweils 10 bis 12 Stunden Fahrtzeit den Aufnahmekreis Landeshut im Riesengebirge. Dort wurde die Bevölkerung notdürftig in Schulen, Kirchen und Privatquartieren untergebracht. Die Landbevölkerung des Kreises Namslau treckte durchweg auf den vorgeschriebenen Straßen über Brieg, Ohlau, Schweidnitz, Reichenbach, Waldenburg bei 15 bis 18 Grad Kälte und erreichte bei Tagesmärschen von 30 bis 35 Kilometern durchschnittlich nach vier bis sechs Tagen die vorgeschriebenen Ortschaften im Kreise Landeshut.

Der Evakuierungsbefehl für die ländliche Bevölkerung wurde von mir am 19. Januar 1945 gegen 14.00 Uhr ausgelöst, obwohl eine Stunde vorher der Kreisleiter sich gegen eine Räumung ausgesprochen hatte. Meine Kenntnis der allgemeinen militärischen Lage ließ es aber nicht zu, daß ich dieser Auffassung zustimmte, und ich habe auch keine Befehle irgendwelcher Art


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von Breslau abgewartet. Im Laufe des 19. Januar 1945, abends, habe ich vielmehr das Oberpräsidium, die Gauleitung und die Regierung davon in Kenntnis gesetzt, daß ich auf eigene Verantwortung hin diese Räumung durchgeführt habe; obwohl die Bevölkerung im Südteil des Kreises an den Ernst der Lage überhaupt nicht glaubte, gelaug es doch, bis zum 20. Januar 1945 gegen 11.00 Uhr ca. 98 Prozent der gesamten Kreisbevölkerung zum Abrücken zu veranlassen unter Mitnahme sämtlicher Kriegsgefangenen aller Nationalitäten. An Menschen blieben zurück fast nur alte Leute über 65 Jahre, d. s. ca. 2 Prozent der Bevölkerung gewesen, und ca. 10 bis 15 Personen, die in den Jahren 1919 und 1921 für Polen amtlich tätig gewesen und die auch jetzt glaubten, mit den Polen wieder ihre Geschäfte machen zu können. ...

Der 20. Januar 1945 verlief relativ ruhig. Es strömten durch den Kreis in erster Linie Flüchtlinge aus dem Warthegau und den Kreisen Rosenberg und Kreuzburg. Alle Flüchtlinge wurden sofort in die Gebiete südlich der Oder abgeschoben. Auch die aus dem Westen vorhanden gewesenen Bomben-Evakuierten wurden mit Zügen möglichst weit nach Lieguitz und Görlitz abgeschoben. Der letzte zivile Eisenbahuzug verließ die Kreisstadt Namslau am 20. Januar 1945 vormittags gegen 11.00 Uhr. Es gelang im Laufe dieses Tages trotz 1.8 Grad Kälte, zwei Viehherden aus dem Südteil des Kreises in die Gebiete südlich der Oder abzuschieben, alles andere Vieh blieb natürlich in den Ställen stehen bis auf die Pferde, die als Vorspann von den Bauern mitgenommen wurden. An Wirtschaftsgütern konnten nach Breslau mit Hilfe der Wehrmacht abtransportiert werden einige hundert Zentner Zucker und 30 Zentner Butter. Alle sonstigen Vorräte mußten natürlich liegen bleiben. Akten, Urkunden und Kirchenbücher wurden in den seltensten Fällen mitgenommen. . . .

Anschließend schildert Vf. noch die Entwicklung der militärischen Lage und berichtet weiter:

Ich selbst fuhr im Laufe des 22. Januar 1945 über Jordansmühl— Schweidnitz—Reichenbach—Waldenburg nach Laudeshut und errichtete am 23. Januar 1945 in Landeshut nach Rücksprache mit dem dortigen Landrat eine Zweigstelle der Kreissparkasse Namslau, um die Kreisbevölkerung mit den notwendigen Geldmitteln zu versorgen. Wenige Akten und Unterlagen der Kreisverwaltung gelangten bis nach Landeshut. Der Volkssturm sammelte sich ebenfalls in Landeshut und wurde später zum Teil zur Verteidigung nach Breslau befohlen, ein anderer Teil wurde im Frontabschnitt zwischen Grottkau und Schweidnitz eingesetzt. Die Ernährungslage gestaltete sich sehr schwierig, so daß sofort größere Kolonnen eingesetzt werden mußten, um Verpflegung aus den Flachlandkreisen Grottkau, Neiße und dem nördlichen Teil des Kreises Frankenstein herbeizuschaffen. Nach Regelung der dringendsten Unterbringungsmaßnahmen in Landeshut begab ich mich am 26. Januar 1945 wieder zu meiner Truppe.

Die Kreisbevölkerung ist dann zwischen dem 3. und 6. Februar 1945 über Trautenau und durch den Sudetengau in den Kreis Luditz bei Karlsbad getreckt, wo die Masse der Kreisbevölkerung bis Ende Mai 1945 verblieb.


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