Nr. 111: Flucht in den Kreis Schweidnitz und weitere Evakuierung nach Böhmen; Rückkehr nach der Kapitulation.

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Bericht der Geschäftsfrau Helene Mantel aus Gr. Wartenberg i. Niederschles.

Original, 2. Mai 1950, 4 Seiten. Teilabdruck.

Einleitende Bemerkungen geben Auskunft über Heimatort und Herkommen der Vfn.

Als im Januar 1945 die Wehrmachtsberichte vom schlagartigen Vordringen der sowjetischen Truppen meldeten, glaubten wir bis zur letzten Minute nicht daran, daß auch wir werden fluchtartig alles, aber auch alles, verlassen müssen. Von Seiten der Partei wurde bis zur letzten Minute verkündet, daß keinerlei Gefahr bestünde und die Geschäfte offen gehalten werden müssen. Durch den großen Strom der Flüchtlinge und das viele zurückströmende Militär war ein Riesenbetrieb im Geschäft. Am 19. Januar 1945, abends, erfolgte Fliegeralarm, und das elektrische Licht setzte aus. In diesem Chaos kam die Nachricht, daß der Russe bis vor unsere Stadt vorgedrungen wäre und man schnellstens versuchen soll, fortzukommen. Mit kleinem Handkoffer und Rucksack gelang es uns, auf offenem Lastwagen eingezwängt, mitzukommen. Die Fahrt ging über Festenberg, Trebnitz. Obernigk, dann über die Oder bei Steinau und über Liegnitz nach Schweidnitz. In Schweidnitz waren die Kreise Oels und Groß Wartenberg untergebracht. Als in Schweidnitz der erste Bombenangriff nach drei Wochen einsetzte, transportierte man uns nach Braunau und von dort ins Protektorat. In Leitmeritz a. d. Elbe erlebten wir die Kapitulation und wurden von den Tschechen sofort zum Arbeitseinsatz gezwungen.

Als der Bahnverkehr langsam wieder in Gang kam, wurden Flüchtlingszüge über Görlitz nach Breslau eingesetzt. Wir meldeten uns sofort, da es hieß, Flüchtlinge zurück in die Heimat. Nur wer rechtzeitig zurückkehrt, hat Anspruch auf den ehemaligen Besitz. So fuhren wir am Donnerstag vor Pfingsten los, und nach ca. 45 Kilometern stand der Zug und stand auch noch nach zwei Tagen ohne Maschine, bis es hieß: „Alles aussteigen und zu Fuß in Richtung Heimat”. Meine Mutter hatte mit 70 Jahren das Recht zu fahren, aber wir hätten uns trennen müssen, und so trat sie auch den unendlichen Leidensweg an. Zuerst geordnet setzte sich der unendliche Menschenstrom in Bewegung, aber allmählich riß er immer mehr auseinander, da die Kräfte der einzelnen versagten. So liefen wir pausenlos täglich von früh bis abends und nährten uns nur von Kartoffeln, die wir in den Kellern der geplünderten Häuser fanden. Das Brot war bald zu Ende. Wir gingen über Lauban, Liegnitz, Breslau, Oels und kamen Anfang Juni in Groß Wartenberg an. Übernachtet haben wir in ausgeplünderten Häusern, Scheunen oder verlassenen Russenunterkünften.

Als wie die Türme der Stadt sahen, erfuhren wir, daß unser Besitz ausgebrannt ist und völlig vernichtet. Da versagten unsere Kräfte und weinend und ängstlich versuchten wir, in die Stadt zu kommen, da die Polen sofort alle Arbeitskräfte erfaßten und die restlichen Habseligkeiten plünderten.


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Einige Familien und ältere Leute waren nicht geflüchtet und haben furchtbare Schikanen und Greueltaten erlebt. Da es die erste Stadt jenseits des Warthegaues war, hat sich der Russe mit besonderer Wut darauf gestürzt. Kämpfe fanden nicht statt. ... Der Russe hatte fast die ganze Stadt ausgebrannt.

Nachfolgende Aussagen betreffen Vorgänge unter russischer Herrschaft und Verhältnisse unter polnischer Verwaltung.