Nr. 112: Räumungsbefehl am 19. Januar 1945, Treck über Liegnitz in den Kreis Zittau, Bahntransport durch Sachsen unter dem Eindruck der Luftangriffe auf Dresden.

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Tagebuchaufzeichnungen des Stellmachermeisters Gustav Schlaffke aus Beichau, Kreis Militsch i. Niederschles.

Abschrift des Vf. aus seinem Tagebuch vom 19. Januar bis 13. Februar 1945 mit einem späteren Nachtrag.

19. Januar 1945.

Bürgermeister und Ortsbauernführer um 18.00 Uhr nach Trachenberg beordert. Räumungsbefehl ausgegeben. Frauen, Kinder und alte Leute müssen wegen drohendem Russeneinfall evakuiert werden. Freies Schlachten von Schweinen erlaubt.

20. Januar 1945.

Um 8.00 Uhr in Schöneich, schon im Gasthaus den Einwohnern die Abreise bekanntgegeben und die Treckfahrzeuge eingeteilt. Volkssturm trifft ein.

21. Januar 1945.

Um 6.00 Uhr ist Antreten. Gepäck je Person ca. ein Zentner kann mitgenommen werden, mehr ist nicht möglich, da sonst die ärmere Bevölkerung wegen Platzmangel zurückbleiben müßte. Auf 20 Personen wird ein Wagen gestellt, vier Wagen bzw. Gespanne werden der Stadt Trachenberg zur Verfügung gestellt. Um 7.00 Uhr folgt Abmarsch Richtung: Wohlau—Leubus— Parchwitz mit Endziel Arnsdorf b. Liegnitz. Reisedauer drei Tage.

Gegen Abend trifft ein Treck Flüchtlinge aus Litzmannstadt ein.

22. Januar 1945.

Nachts gegen 12.30 Uhr telefonischer Anruf vom Komp.-Führer des Volkssturms in Beichau, sofort den Volkssturm in Kirnitz alarmieren. Russische Panzerspitzen bereits in Militsch. Herzog und Müller als Lagerführer werden in Kenntnis gesetzt. Vorläufig abwarten. Telefonisches Gespräch mit Gendarmeriemeister Weyer, welcher mitteilt, daß keine Verbindung mehr mit Militsch zu erhalten sei. Entschluß: die letzten Einwohner zur Abfahrt zu bewegen. 6.00 Uhr marschieren die Schanzer ab. Ortsbauernführer Igel stellt letztes Gespann. Gemeindeakten werden verbrannt. Ich fahre nochmals nach Beichau, um zu sehen, ob alles abgereist ist. Frau


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Bartnik und Artur Hoffmann wollen zurückbleiben. Ortsbauernführer Herrmann und Erna Kortschak machen sich abfahrbereit. Kurz vor Leubus erreichte ich die am Tage vorher abgefahrene Kolonne.

In Leubus verschaffte ich für meine Gemeinde nach vieler Mühe Quartier für die Nacht. Nach sehr kurzem Schlaf wurden wir zum sofortigen Aufbruch aufgefordert. Die Oderbrücke soll gesprengt werden.

23. Januar 1945.

In der Nacht zum 23. ging es in stockdunkler Nacht über die Leubuser Oderbrücke. Trotz schneidender Kälte und dauerndem Stocken der Trecks hielt die Kolonne gut zusammen. In Parchwitz wird haltgemacht. In einer geheizten Kirche und einer Schule wird Aufenthalt genommen. Ich finde meine Frau nicht. Erst vor dem erneuten Aufbruch erfahre ich, daß sie von einem Nachzügler krank im Straßengraben sitzend aufgefunden wurde. Bei Tagesgrauen ging die Fahrt weiter nach Pohlschildern, wo wir eine dreistündige Rast einlegten. Gegen 20.00 Uhr erreichte unser Treck das Ziel Arnsdorf1). Die Unterbringung stößt auf große Schwierigkeiten. Mit Mühe erhalten wir Stroh zur Lagerung im Gasthaus Seeliger. Für Pferde war kein Platz vorhanden, mußten zum Teil im Freien stehen. Ortsbauernführer Herrmann, der sich um nichts bemüht, macht mir heftige Vorwürfe, daß die Unterbringung nicht klappt. Der Bürgermeister sowie der OG.-Leiter2) sind nicht aufzufinden. Trotzdem gelang es wenigstens, Frauen und Kinder unterzubringen.

24. Januar 1945.

Vom Bürgermeister werden, nachdem wir im Laufe des Tages den Ort nach Quartieren absuchten, Quartierscheine ausgegeben. Die Verteilung derselben erfolgt am Nachmittag. Ein Rest muß erst am 25. Januar 1945 untergebracht werden.

26. Januar 1945.

erfolgt Personalaufnahme. Um 9,00 Uhr überbringt der OG.-Leiter die Nachricht, daß auch Arnsdorf geräumt werden soll. Um 18.00 Uhr eine Versammlung der Gemeinde sowie der Flüchtlinge, in welcher über die Räumung bzw. Abfahrt von Arnsdorf gesprochen wird. Stürmische Aussprache. Die Gespannführer bringen zum Ausdruck, daß sie wegen Glatteisgefahr und der Kälte die Fahrt in den Zittauer Kreis nicht übernehmen können. Sie wollen lieber in Arnsdorf vor die Hunde gehen, als auf der Landstraße erfrieren. Die Pferde sind nicht beschlagen, ebenso fehlen die Bremsen. Vom OG.-Leiter wird versprochen, am nächsten Tag zum Abtransport der Frauen und Kinder einen Sonderzug zu bestellen. Ich wandte mich scharf gegen die Auffassung der Gespannführer, daß die Beichauer Gemeindemitglieder, die nicht im Besitz von Fahrzeugen sind, gezwungen werden können, hier zu bleiben, anstatt sich nach freiem Willen den abfahrenden Arnsdorfern anzuschließen.

27. Januar 1945.

Gegen Morgen wird bekannt, daß ein Zug für die Gemeinde Arnsdorf abfahrbereit steht. Die Beamtenfrauen der Eisenbahner ziehen mit Gepäck


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zum Bahnhof. Ich selbst beabsichtige, meine schwerkranke Frau nach Sachsen zu bringen, wo sie Aufnahme bei Verwandten finden kann. Da die Beichauer Fahrzeugbesitzer die Absicht haben, weiter in Arnsdorf zu bleiben, will ich sofort wieder zum Treck zurück. Unter gtarkem Protest der zurückbleibenden Beichauer fahren ca. 80 Personen mit ihrem Gepäck Richtung Zittau ab.

28. Januar 1945.

Kurz vor Görlitz bekam ich eine Blasen-Kolik. Erst in Zittau konnte ich mich wieder einigermaßen bewegen. Infolge des Anfalls und ärztlichen Rates konnte ich die Fahrt zu meinen Verwandten nicht fortsetzen. Wir wurden mit Omnibussen nach Oberullersdorf gebracht. Durch Max Wog erfuhr ich, daß unsere Trecks in den Zittauer Anteil Wittgendorf, Dittelsdorf und Hirschfelde nachgezogen würden.

29. Januar 1945.

Mit Emil Ramsch vereinbare ich, in den nächsten Tagen wieder nach Arnsdorf zurückzufahren. Meine Frau war inzwischen verlegt worden. Finde sie erst nach vielstündigem Suchen.

30. Januar 1945.

Infolge eines neuen Anfalls kann ich meine Verabredung mit Ramsch nicht einhalten.

31. Januar 1945.

Da meine Verwandten von Zittau verzogen waren, fuhr ich nach Bischofswerda, wo ich weitere Verwandte hatte, die bereit waren, meine Frau aufzunehmen. Spät in der Nacht komme ich wieder in Oberullersdorf an.

1. Februar 1945.

Begab ich mich mit meiner Frau in ärztliche Behandlung.

2. Februar 1945.

Fahre ich nach Zittau, um Medikamente zu holen. Bei der NSV. versuche ich, Nachrichten über den Verbleib meiner Leute zu erhalten. Beichau soll nach Hirschfelde einquartiert werden. Angeblich sind die Wagen unterwegs. Verbindungen mit Arnsdorf haben aufgehört.

3. Februar 1945.

Ich fahre nach Hirschfelde, um Quartier für meine Gemeinde zu besorgen. In Hirschfelde ist noch nichts bekannt. Im übrigen können Pferde nicht untergebracht werden.

4. Februar 1945.

Fahre erneut zur NSV. nach Zittau. Erfahre, daß eine Anzahl Peronen aus Bargen in Wittgendorf untergebracht sind und weitere von Adolf Prause mit dem Lastwagen herangeholt werden. Versuche vom Postamt, nach Arnsdorf zu telefonieren — keine Verbindung zu erhalten. Auch beim Bahnhofsvorsteher war der Versuch, wenigstens Haynau zu erreichen, ergebnislos. 6. Februar 1945.

Mit Kühn (Breslauer), dessen Frau im Bargener Treck sich befindet und von ihm gesucht wird, gehen wir zu Fuß nach Wittgendorf. Meine Füße sind wundgelaufen. Eine mitleidige Ostpreußin nimmt uns auf ihren Wagen.


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Hier angekommen treffen wir bereits Familien aus Bargen an, die von Prause mit dem Lastwagen geholt waren. Otto Seeliger gibt mir bekannt, daß die Beichauer Unterkunft in Dittelsdorf finden, übernachte im Gasthaus.

7. Februar 1945.

Um 6.00 Uhr Fahrt mit Prause nach Arnsdorf. Unterwegs treffen wir Wagen aus Körnitz. In Siegendorf erhalten wir bei einem Fleischer gute Verpflegung — Pökelzunge, Braten und Klöße. In Arnsdorf finde ich die Beichauer Besitzer mit ihren Gespannen vor. Abmarsch ist für nächsten Tag vorgesehen. Einige wollen zurückbleiben und nach dem Einmarsch der Russen wieder nach Beichau zurückkehren. Außer Gepäckstücken nimmt Prause die Familie Welter mit. Am Nachmittag wieder in Dittelsdorf, wo ich meine Gepäckstücke zum Bürgermeister schaffe. Mit meinem Fahrrad, welches ich aus Arnsdorf gerettet hatte — Motorrad mußte ich zurücklassen — fuhr ich über Zittau zurück in mein Quartier. Meine Füße bereits vereitert.

9. Februar 1945.

Erwarte Osw. Hoffmann und meinen polnischen Gesellen mit ihren Gespannen. (Waren beide für Trachenberg beordert gewesen.) Sollen das Gepäck aller Beichauer Familien von Oberullersdorf nach Dittelsdorf überführen. Polizeiliche Abmeldung war erfolgt. Da die Wagen nicht erschienen, nahm ich Privatfuhren.

10. Februar 1945.

Nachdem wir unsern liebenswürdigen Gastgebern herzlichst für ihre gute Aufnahme gedankt hatten, fuhren wir nach Dittelsdorf. Fanden ebenfalls gute Quartiere. Hier wollte ich meine ganze Gemeinde sammeln und dann geschlossen in Richtung Leipzig weiterführen. Es kam jedoch anders. Noch am Abend gab uns der Bürgermeister bekannt, daß wir am nächsten Tage wieder abrücken müssen, die vorhandenen und noch ankommenden Fahrzeuge sollen so voll wie möglich mit Gepäck beladen werden. Für Kinder und Kranke werden Fahrmöglichkeiten mit der Eisenbahn geschaffen werden. Der Plan läßt sich nicht durchführen. Die Wagen von Labschütz und Kleinbargen machen sich selbständig. Eine von mir gemachte Aufstellung ergibt, daß 370 Personen und fast die Hälfte Kinder aus dem Ortsgruppenbereich in Dittelsdorf anwesend sind. Bis um 24.00 Uhr bringe ich mit dem Bürgermeister Abmeldungen in Ordnung.

11. Februar 1945.

Gegen 8.00 Uhr kommen Omnibusse und bringen uns nach Zittau. Das Gepäck folgt mittels Gespannen des Dorfes. Sollten am selben Tage noch weitertransportiert werden. Ein Ferngespräch mit der Kreisleitung der NSV. Militsch bestätigt mein Mißtrauen auf baldige Weiterleitung. Wir hätten vielmehr mit einem längeren Aufenthalt zu rechnen. Stroh für das Nachtlager wird angefahren. Wie aber die Lager hergestellt und geschlafen werden sollte, war mir noch nicht klar. Der Wirt und dessen Frau versuchten, uns in jeder Weise zu helfen. In der Mitte des Saales wurde ein schmaler Gang durch Beiseiterücken der Tische freigemacht, damit wenigstens die Kinder sich zum Schlafen legen können. Die älteren Leute


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schliefen auf Stühlen und Bänken. Für eintretende Krankheitsfälle erschienen Sanitäter. Durch Vermittlung des Zittauer OG.-Leiters kam eine Ärztin, welche eine Anzahl Kranke in ein Krankenhaus überführen ließ. Frau Löchel aus Bargen starb. Eine mitgebrachte Kinderleiche wurde am Nachmittag beerdigt.

12. Februar 1945.

Um Näheres über den Abtransport zu hören, suchte ich die NSV.-Leitung auf. Auf die geschilderten unmöglichen Zustände bekam ich die Antwort, daß wir noch froh sein dürfen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Am selben Tage verließen uns der Landwirt Herrmann II und der Fleischermeister Paul Herrmann, die die am vorigen Tage verlorenen Trecks suchten. Die Verpflegung war gut. Nur die Ungeduld der Frauen und die Unart der Kinder fielen mir unangenehm auf die Nerven. Die NSV.-Amtsleiter von Militsch und Zittau erschienen zu später Stunde. Abreise wird für morgen versprochen. Mehrere Kartons Traubenzucker werden verteilt und unter die Menge geworfen. Ich selbst wohne noch fernmündlichen Verhandlungen bei, wo versucht wird, den Abtransport der 370 Personen zu organisieren. Unser Landrat stellt 1000 Kilogramm Betriebsstoff zur Verfügung. Auch Verpflegung wurde zugesichert.

13. Februar 1945.

Die zweite Nacht verlief wie die erste. Der erste Anruf bringt die erste Enttäuschung. Autobusse erscheinen nicht. Dafür stellt Wehrmacht einige Lastwagen zur Verfügung. Ein weiterer Anruf besagt, daß wir endgültig einen Sonderzug erhalten. Gebrachtes Essen konnte nicht genossen werden, da es sauer war (Erbsen mit Pökelfleisch). Vorsorglich ließ ich das Gepäck gemeindeweise im Freien aufstellen. Die Beichauer sollen als erste von den anrollenden Autobussen an die Bahn gebracht werden. Die Ungeduld wurde immer größer. Vom vielen Sprechen war ich schon heiser. Für acht Personen ist ein Brot und für die Gesamtheit 30 Pfund Wurst vorhanden. Gegen 15.00 Uhr erschienen die ersten Omnibusse. Für jede Gemeinde habe ich einen Führer bestimmt und jedem genaue Instruktion gegeben. Beim Einsteigen gibt es trotz allem Zureden bereits widerliche Szenen. Mit dem ersten Wagen fahre ich zum Bahnhof, um das Einsteigen zu überwachen. Der angebliche Sonderzug ist zu meinem Schreck bereits besetzt. Zum Teil fehlen Fensterscheiben. Einzelne Abteile sind mit herrenlosem Gepäck gefüllt. Dieses wird durch die offenen Fenster geworfen. Und nun begann ein wildes Hasten und Rennen. Jeder versucht, sein Gepäck unterzubringen und Platz zu finden. Weitere Omnibusse rollen heran. Ich selbst bin machtlos.

Ich fahre nochmals in das Park-Restaurant, um zu sehen, daß keiner zurückbleibt. Ich finde noch mein Fahrrad im Gebüsch und muß weiter feststellen, daß nicht alle Personen im angeblichen „Sonderzug” mitfahren können. Die Enttäuschung sowie die Erbitterung ist groß. Es gibt bereits die ersten Zusammenstöße zwischen den im Zuge untergebrachten und den auf dem Bahnsteig zurückbleibenden Personen. Vor allem bekam ich als Transportführer heftige Vorwürfe. Die NSV.-Amtsleiter halfen, so gut es ging, Kranke und Gebrechliche in die Wagen zu bringen. Inzwischen habe


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ich mein Fahrrad zwischen die Waggons mit einem Strick angebunden. Das Toben und Schreien vor allem der Bargener Frauen, welche mich einen „feigen Hund” nach dem anderen nennen, nimmt Überhand. Mein Hinweis, daß die NSV. sie in Obhut nehmen wird, wird mit Schimpfen beantwortet. Die von mir angebotene Verpflegung wird zurückgewiesen. Sie sollte uns noch zugute kommen. (Ende des Tagebuches.)

Folgende Ereignisse konnte ich erst später nachtragen. Infolge der sich nun überstürzenden Ereignisse und Eindrücke, kann ich keine Daten und Zeiten mehr angeben:

Der Zug fährt von Zittau unter Verwünschungen der Zurückbleibenden pünktlich ab. Alles ist froh, aus Zittau heraus zu sein, geht es doch dem Endziel zu. Wir hoffen, gegen Morgen in Leipzig zu sein. Auf den Stationen gibt es dauernd längere Aufenthalte und damit Verspätungen. Trotz der fürchterlichen Enge in den Wagen wird geschlafen. Gegen 11.00 Uhr wird das Rattern des Zuges von einem unheimlichen Motorengeräusch übertönt Der Zug hält abgeblendet in einer kleinen Station. Ich stelle fest, daß es Arnsdorf vor Dresden ist. Heftiges Krachen und taghelles Aufleuchten läßt alles aus dem Schlafe auffahren. Ein Bombenangriff? Gilt er uns? Die Wagen wackeln und zittern. Keiner steigt aus. Der Angriff kann nur Dresden gelten, und wir stehen in 10 bis 15 Kilometer Entfernung davor. Ein Glück, daß wir Verspätung haben, sonst säßen wir mitten drin. Der Gedanke ist furchtbar. Die Zeit scheint still zu stehen. Ununterbrochen stehen „Weihnachtsbäume”, leuchten fahlgelbe Blitze und dazu ein grausiges Bersten und fortwährendes Erschüttern der Erde 1).

Am Morgen merkten wir, daß unser Zug umgeleitet war. Gegen Mittag hält der Zug auf freier Strecke. Wieder unendlich viel Flugzeuge. Erneut sind weit entfernte Bombeneinschläge zu hören. Welche Stadt davon betroffen wird, ist nicht zu erfahren. Der Zug hält immer vor oder hinter den Bahnhöfen. Ein Eisenbahner aus Freyersdorf steht mir bei und hilft mir. Alle Bekannten versagen und sitzen teilnahmslos in den Wagen. Sogar gute Freunde lassen mich im Stich. Das mitgenommene Brot und die Wurst verteile ich an die Flüchtlinge des Ortsgruppenbereichs Bargen. Andere Mitfahrende beschweren sich bitter darüber, daß ihre Ortsgruppen nicht für Verpflegung gesorgt haben. Trinkwasser und Kaffee können wir nicht erhalten. Jedes Verlassen des Zuges bedeutet, daß man zurückbleiben muß, wenn der Zug weiterfährt. Das Zugpersonal kann keine Auskunft geben. Der Lokomotivführer hilft mit warmem Wasser aus der Lokomotive aus. Für Kleinkinder fehlt die Milch. Eine Frau kommt zur Entbindung. Glücklicherweise ist eine Hebamme im Zuge anwesend. Während der Eisenbahner bemüht ist, das Ziel unseres Zuges auszukundschaften, versuche ich bei jedem Halt, die Verängstigten zu beruhigen. Ein Junge versucht, für seine


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kleine Schwester in einem nahen Gehöft Milch zu holen. Das Abfahrtssignal geht hoch, der Junge muß zurückbleiben. In den nächsten Tagen zwei Tote und noch drei Entbindungen.

Endlich — wieviel Tage und Nächte wir gefahren sind, weiß ich nicht mehr — kommen wir in Leipzig an. Wir waren, soweit ich feststellen konnte, weit in Sachsen herumgefahren. Unser Wunsch ist es, so schnell wie möglich durch Leipzig zu kommen. In Frohburg werden wir ausgeladen und, nachdem wir eine Nacht in einer Schule untergebracht waren, durch Pferdegespanne in die Orte Altmörbitz, Dolsenhain und Gnandstein gebracht. Meine Mission ist damit beendet. Ein Teil der Trecks folgt in den nächsten Tagen und Wochen nach. — Ein großer Teil versuchte von Arnsdorf h. Liegnitz, wo sie sich von den Russen überrollen ließen, wieder in die Heimat zu gelangen. Hier hielten sie es bis zum Sommer 1946 aus, dann gingen sie, teils freiwillig, teils unter Zwang, unter Zurücklassung sämtlichen Gepäcks erneut auf die Flucht.