Nr. 113: Flucht vor der Roten Armee in das bis kurz vor der Kapitulation feindfreie Gebiet am Ostrand des Riesengebirges; Rückkehr Mitte Juni 1945.

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Erlebnisbericht des Lehrers Max Christoph ans Thiemendorf, Kreis Woblan i. Niederschles.

Original, 1. Mai 1952, 19 Seiten. Teilabdruck.

Eingangs berichtet Vf. von Schanzarbeiten an der schlesischen Ostgrenze und seinen Eindrücken von den dortigen Vorgängen beim Einbruch der Roten Armee.

Die Dörfer hatten bereits geräumt; ihre Trecks mischten sich mit den langen Kolonnen aus dem Warthegau. Viele erzählten von Zusammenstößen mit den Russen, Panzer waren in ihre Kolonnen hineingefahren; Kinder, Frauen und alte Leute litten unter der strengen Kälte, und alle sahen trostlos in die trübe Zukunft. Kranke brachen zusammen. Rinder und Pferde lagen an den Straßen, ein furchtbares Bild des Elends. Immer wieder hörte man die Maschinengewehre und das Bellen der Panzer. An den Brücken bei Steinau (Oder) hielten die Trecks stundenlang in der Angst, von den Russen eingeholt zu werden. Eine kleine Sprengkolonne der Wehrmacht erwartete den Moment der Brückensprengung. Als ich in meinem Heimatdorf eintraf, lag es voller Flüchtlinge aus den Kreisen Wielun und Kempen. Mein Heim beherbergte zeitweise 80 Personen, die sich an heißem Kaffee, Suppen und durch die Wärme in den Stuben von ihrer Erstarrung und Erschöpfung erholten. Acht Kinder waren erfroren und liegen auf dem Friedhof des Dorfes.

Am 23. Januar 1945 standen die ersten Panzerspitzen der Russen vor Steinau (Oder) und beschossen die Stadt. Das Elend steigerte sich dort von Stunde zu Stunde. Rektor Lauth aus Steinau (Oder), ein hervorragender Pädagoge und Mensch, war der Meinung, daß sich um und in Steinau (Oder) keine sonderlichen Kämpfe abspielen würden, da sich keine deutschen Truppenteile sehen ließen. Nur mit der Waffe ließe er sich zwangsweise aus


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seiner Heimat vertreiben. Diese Einstellung sollte ihm zum Verhängnis werden. Wenige Tage später wurde er bei der Verteidigung der Ehre seiner beiden Töchter mit einer der Töchter von Russen erschossen. . . .

Am 24. Januar 1945 mußte die Gemeinde Thiemendorf gegen Abend mit dem Haupttreck und dem größten Teil der Bevölkerung die Heimat verlassen. Aber schlimmeren Stunden gingen die Bewohner des Dorfes entgegen, die freiwillig oder gezwungenerweise aus Mangel an Gespannen oder schlechter Organisation, auch aus Unkenntnis der moralischen Verkommenheit der russischen Bolschewisten, zurückblieben. Ich bekam auch keinen Platz für meine Frau und meinen Sohn und zwei Breslauer evakuierte Kinder im Alter von acht und neun Jahren auf einem Treckwagen, so daß ich mich erst am 25. Januar zur Flucht mit den Fahrrädern entschloß, nachdem der Kampf an der Oder zunahm und die ersten Granaten über unsere Köpfe heulten und im Dorfe einschlugen und nachdem ich die zwei Kinder noch mit dem Bürgermeister mitgegeben hatte.....

Gegen 14.00 Uhr verließ ich mit meiner Familie, in Pelze gehüllt, meine liebe Heimat. Vor dem Theuerschen Gasthaus in der Mitte des Dorfes verabschiedeten wir uns von Freunden und Verwandten, die dort noch auf den Abtransport mit dem sogenannten „zweiten Treck” warteten, leider vergeblich; denn die schöne Einteilung stand nur auf dem Papier und konnte wegen Wagen- und Betriebsstóffmangel nicht durchgeführt werden.

Das Nachbardorf Töschwitz hatte noch keinen Treckbefehl und sah unserem Durchzug mitleidig nach, ohne zu ahnen, daß nicht nur die Einwohner bald fluchtartig folgen, sondern auch das ganze Dorf durch die Brückenkopfkämpfe dem Untergang nahe war. Auf der Straße Mlitsch— Lüben überholten wir im Schneegestöber auf unseren Rädern die langen Treckkolonnen der Nachbardörfer Wandritsch, Guhren und Nährschütz. Im überfüllten Lüben gelang es uns, bei unseren Verwandten Kirchner für die erste Nacht der Flucht unterzukommen. Eine kleine Abteihing junger Soldaten auf Rädern, wie es sich später aus dem Wehrmachtsbericht ergab Angehörige der Jauerschen Unteroffizierschule, rückten mit Panzerfäusten an die Front, „ein schwacher Trost” für die Bevölkerung, wie sich einer dieser Todgeweihten selbst äußerte.

Am 26. Januar 1945 begann meine Weiterreise nach Liegnitz. Auf dem Wege dorthin erzwangen wir uns mit Hilfe eines bewaffneten Arbeitsdienstmannes auf einem leeren Viehwagen einen Platz. Vor Liegnitz hörten wir wieder die Schüsse der kämpfenden Truppe vor Maltsch; trotzdem blieben wir wieder bei Verwandten für die Nacht im Quartier und erreichten am 27. Januar 1945 nach anstrengendem Marsche die Stadt Goldberg. Die Trecks rissen nicht mehr ab; die Kutscher, häufig Franzosen, hatten mit dem hügeligen Gelände zu kämpfen, da die meisten Ackerwagen aus dem Flachland keine Bremsen besaßen. Auch hier war es noch einmal möglich, bei Verwandten . . . unterzukommen und uns für mehrere Tage bis zum 2. Februar 1945 zu erholen. In Goldberg lag der Kreisstab Wohlau mit der Sparkasse, bei der ich noch 500,— Mark Bargeld abheben konnte. In Goldberg glaubte ich, nachdem Tauwetter einsetzte, mir anstelle der Autokappe eine Mütze oder einen Hut kaufen zu können. Der alte Bürokratismus ließ


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es nicht zu, angeblich waren noch keine Bezugscheine von Wohlan eingetroffen; die Beute für die Russen war noch nicht groß genug.

Am Tage unseres Eintreffens in Goldberg wurden unserem „berühmten” Ortsgruppenleiter K. von der Wehrmacht zwei Autos beschlagnahmt, nachdem er mit seinem Stabe in vier Autos und einem Trecker mit gummibereiften Wagen von Thiemendorf abgerückt war. Am 2. Februar 1045 stießen wir zu unserem Treck in Neudorf am Gröditzberge. Auf den Straßen und von den Treckwagen sammelten Feldgendarme die Volkssturmmänner. Am 4. Februar 1945 zog ich mit meiner Familie über Pilgramsdorf, Harpersdorf, Langneudorf und Zobten a. B. nach Märzdorf zu Familie R. ...

Am 15. Februar 1945 rückte die Front an den Bober heran, so daß das Dorf schnellstens geräumt werden mußte. Der größte Teil der Bevölkerung aber folgte nicht dem Räumungsbefehl.

Vf. zog es vor. nach weiter westlich gelegenen Ortschaften auszuweichen, und machte sich auf die Suche nach dem verlorenen Treck. Bei rückkehrender Erkundung stellte er fest, daß Märzdorf zum größten Teil nicht geräumt hatte.

Am 20. Februar 1945 kehrte ich mit meiner Familie nach Märzdorf zurück. Acht Tage später wurde die Lage an der Front so gefährlich, daß Märzdorf den zweiten Räumungsbefehl erhielt. Nun verlegten wir unseren Aufenthalt nach Ullersdorf-Liebenthal zu dem Bauern Schuster und dessen Tochter Stelzer. In den folgenden zehn Wochen, in denen wir bei Herrn Schuster die Frühjahrsbestellung dicht hinter der Front durchführten, waren wir ernährungsmäßig so gut wie zu Hause untergebracht.

In der ersten Hälfte des Februar war meine Heimatgemeinde in Neudorf a. Gröditzberge vom Russen überrollt worden 1). Wie uns Augenzeugen später berichteten, waren sie jämmerlich behandelt worden. Vergewaltigungen, Plünderungen waren an der Tagesordnung. Besonders schlimm erging es der Lehrersfrau in Hockenau bei Neudorf a. Gröditzberge und den dort untergebrachten Flüchtlingen aus Thiemendorf.

Hier folgen Name und Anschrift von zwei Zeugen.

Die ersten Verschleppungen traten ein. Der Viehkaufmann Theodor Gloitzen wurde von Hockenau nach Rußland verschleppt; er starb dort in einem Lager. Der Gastwirt Paul Theuer aus Thiemendorf wurde in Neudorf von den Russen erschossen; er wurde als Leiche von seiner Frau in die Heimat gebracht. Als die Russen in Neudorf einrückten, erschoß sich der Bauernsohn Walter Mummert mit seiner Braut. Der 15jährige Sohn des Autoschlossers Kleinert aus Steinau (Oder) wurde in Neudorf von den Russen erschossen. Die Gemeinde Thiemendorf erhielt zwar die Genehmigung zur Heimkehr, aber die Rückreise war ein furchtbarer Leidensweg. In Haynau wurden die meisten Frauen vergewaltigt, davon mir Elisabeth Hübel grauenhafte Einzelheiten erzählte. Manchen Frauen und Mädchen gelang es, sich zwischen den Grabhügeln des Friedhofes zu verstecken. In Haynau verschleppten die Russen den Bauern St., der seitdem verschollen ist. . . .


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Am 7. Mai 1945 begann der Zusammenbrach au unserer Front. Die Heeresgruppe Schörner versuchte, sich durch die Tschechei nach Bayern durchzuschlagen. Die Zivilbevölkerung sollte sich vor den Russen auf demselben Wege retten. Mit dem scharlachkranken dreijährigen Sohne und einem sechs Monate alten Kinde der Frau Stelzer zogen wir mit unseren bisherigen Quartiersleuten aus Uüersdorf ab. Am 8. Mai 1945 ging die Reise über Bad Flinsberg nach Ober-Schreiberhau, wo uns der Russe einholte. Bei einer Familie P. an der Hochsteinlehne im Hinterwinkel von Ober-Schreiberhau im Riesengebirge fanden wir für fünf Wochen Unterkunft. Hier blieben wir vor Plünderungen verschont; mußten uns aber vor den russischen Patrouillen halbe Tage verstecken, da wir erfuhren, daß alle Männer von 16 bis 60 Jahren nach Rußland verschleppt wurden.

Die Russen täuschten uns in den ersten Tagen ihrer Besetzung durch Ausgabe von Lebensmitteln, die Rote Armee lud sogar die Bevölkerung zum Tanz ein, Kinos konnten spielen, die Fronleichnamsprozession fand statt. In einem Aufruf wurde den Flüchtlingen die Rückkehr in die Heimat garantiert. Mit einer russischen Bescheinigung, die uns die Räder zur Heimkehr garantierte, wagten wir am 10. Juni 1945 hinter einem Treckwagen den Weg in die Heimat. Hinter Hirschberg in Hohenliebenthal wurden uns aber die Räder von plündernden Russen und Polen geraubt. Die Wertsachen, Gold- und Familienschmuck hatten wir in Ober-Schreiberhau zurückgelassen in der Annahme, sie bei ruhigeren Zeiten dort abholen zu können. Bis heute haben wir von Familie P. noch keine Spur finden können. In Goldberg blieben wir wieder bei unseren Verwandten und reisten zu Fuß am 19. Juni 1945 über Haynau und Lüben nach Hause . . . und fanden den größten Teil der Bewohner bereits vor.

Anschließend schildert Vf. die Verwüstungen, die von russischen Truppen und in ihrem Gefolge eingeströmten Polen angerichtet wurden und berichtet ausführlich über verschiedene Vorkommnisse und die Verhältnisse bis zur Vertreibung durch die Polen im August 1946. Noch ergänzungsbedürftige Namenslisten führen aus Thiemendorf weitere 7 Personen an, die von Russen oder Polen ermordet wurden, und 31 Männer, die im Februar 1945 nach Rußland verschleppt wurden, wovon nur 9 als zurückgekehrt bekannt sind.