Nr. 114: Flucht in den benachbarten Kreis Goldberg und Rückkehr nach Überrollung durch die russische Front.

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Erlebnisbericht von N. N. aus Thiemendorf, Kreis Wohlau i. Nietlerschles.

Beglaubigte Abschrift, Mai 1951.

Unter dem Donner der Geschütze setzte sich am Abend des 24. Januar 1945 unser Treck in Richtung Lüben, Haynau in Bewegung. Nur den einen Wunsch im Herzen, dem nahenden Feind zu entkommen, das Getöse der Geschosse endlich nicht mehr zu hören, zogen wir Tage und Nächte, trotz hohen Schnees und mit wenigen Ruhepausen, den schweren und trostlosen Weg der Heimatlosgewordenen.


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In Neudorf und Wilhelmsdorf am Gröditzberg fanden wir unser Quartier und Menschen, die unserem Schicksal Verständnis entgegenbrachten. Sie versuchten, unsere Lage zu erleichtern, denn täglich konnte ja auch sie dasselbe Los erreichen.

Endlose Flüchtlingszüge hasteten ununterbrochen an uns vorüber, bis dann auf einmal die Straßen wie ausgestorben waren und auch der Postverkehr zu stocken begann. Ja, selbst dann blieben wir immer noch, obwohl die Front zusehends näherrückte. Niemand — bis auf einige wenige -mochte erneut einen ins Ungewisse führenden Weg antreten, und der Gedanke, womöglich bald in ein befreites Thiemendorf zurückzukehren, blieb in allen zu mächtig.

Schließlich kam der verhängnisvolle 14. Februar 1945 heran und mit ihm die ersten Russen. Eine Welt stürzte zusammen! Nun gab es für uns nur noch diese eine Möglichkeit, nämlich nach Hause zu gehen. Unbestattete Tote zurücklassend - Walter Mummert war mit seiner Verlobten Irmgard Schlupke aus Guhren freiwillig aus dem Leben geschieden, Frau Schuhmann sowie Fleischermeister Theuer von ersten Russenkugeln erschossen —, traten wir am Morgen des 16. Februar 1945 den Heimweg an. Spuren der Verwüstung und sinnlosen Vernichtung begleiteten unseren Weg.

Bald begann auch die systematische Ausplünderung unserer Wagen, Pferde wurden ausgespannt, vollbepackte Wagen blieben stehen, Familien wurden auseinandergerissen, überall lauerten Angst und Schrecken. Die Nächte verbrachte man mit Pferden und Wagen getarnt in den Wäldern, ängstlich darauf bedacht, jedes verräterische Geräusch zu vermeiden.

So erreichten wir endlich unser Thiemendorf wieder, nachdem wir schon in Töschwitz erleichterten Herzens unseren Kirchturm als ersten heimatlichen Gruß wahrgenommen hatten. Im Gegensatz zu dem fast 90 Prozent zerstörten Mlitsch fanden wir ein von Russen wimmelndes und bis auf einige abgebrannte Häuser ein von Kriegseinwirkungen kaum beschädigtes Dorf vor.

Von den wenigen Zurückgebliebenen sehnlichst erwartet (Bock Schuster mit Frau erschossen aufgefunden, Mutter Zesbig erschlagen, Bautz sen. mit Frau tot), hielten wir unseren traurigen Einzug. Fortan blieben wir in einigen Häusern des Ober- und Niederdorfes zusammengedrängt, in ständiger Angst.

Allmählich zogen die Russen in nördlicher Richtung weiter, uns eine schwach besetzte Kommandantur auf der Erbscholtisei zurücklassend. Wir kehrten in unsere z. T. in erschreckendem Zustand sich befindenden Häuser zurück, brachten sie, so gut es ging, wieder in Ordnung. So nahm das neue Leben seinen Anfang, aber es sollte nun eine furchtbare Zeit für alle anbrechen.

Es folgen die Namen von Personen, die nach Rußland verschleppt wurden, in dortigen Arbeitslagern gestorben sind oder noch als verschollen gelten. Abschließend äußert sich Vf. noch zu den Verhältnissen unter polnischer Verwaltung.


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