Nr. 115: Vf. war seit 1935 Pfarrer in Fraustadt und Anfang Januar 1945 als Verwundeter in das dortige Reservelazarett verlegt worden.

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Bericht des Pfarrers Drobnitzky aus Fraustadt i. Niederschles. Photokopie, 29. Juni 1949.

Räumung von Fraustadt; erste Unterbringung der Bevölkerung im Kreise Sprottau und weitere Evakuierung nach Sachsen.

Am 19. und 20. Januar 1945 passierten die ersten Züge mit Flüchtlingen aus Posen den Bahnhof Fraustadt. Eine dumpfe Furcht legte sich auf die gesamte Bevölkerung. Die Bevölkerung blieb jedoch in der Stadt und auf den Dörfern des Kreises. Am Abend des 20. Januar erklärte der Kreisleiter der NSDAP, in einer Versammlung den erschreckten und von Furcht wie gelähmten Menschen, daß nichts zu fürchten sei und eine Räumung der Stadt und des Kreises nicht nötig oder beabsichtigt sei. In der Nacht vom 20. zum 21. Januar verschwand der Kreisleiter mit seinem „Stabe” aus der Stadt, und gegen 4.00 Uhr morgens erhielt die Bevölkerung den Befehl, die Stadt sofort zu verlassen, da sie Kampfgebiet werde. Für die Patienten der beiden Zivil-Krankenhäuser und eines Entbindungsheims der Stadt Berlin wurden Kraftfahrzeuge und ein Räumuugszug der Reichsbahn zur Verfügung gestellt, ein weiterer Zug für die beiden Reservelazarette; deren Chefarzt jedoch hatte solche Eile, daß er einen Teil seiner Patienten „vergaß”. Mit diesen „vergessenen” Verwundeten, die zum Teil Amputierte waren, zog ich zusammen mit der Bevölkerung aus der Stadt bei etwa 18 Grad Kälte und vereisten Straßen. In zwei Tagemärschen wurde das etwa 50 Kilometer entfernte Sprottau erreicht. In der Stadt und im Kreise Sprottau wurde die Bevölkerung des Kreises und der Stadt Fraustadt zunächst untergebracht, bis am 1. oder 2. Februar die russischen Kräfte bei Steinau die Oder überschritten hatten. Da wurde auch die Bevölkerung von Sprottau zur Räumung aufgefordert.

Zunächst wurden die Flüchtlinge aus Fraustadt und den Kreisen rechts der Oder in Räumuugszügeu der Reichsbahn abbefördert, dann die Bevölkerung von Sprottau. Die bespannten Trecks der Landbevölkerung wurden in die Richtung Forst—Guben gewiesen, von da weiter in den Raum Chemuitz—Glauchau—Greitz—Gera. In den gleichen Raum wurden die Eisenbahntransporte geleitet. Dort fanden die Flüchtlinge notdürftige Unterkunft. Da ich von da an wieder in Lazarettbehandlung sein mußte, habe ich die weiteren Vorgänge nicht mehr miterlebt und kenne sie nicht aus persönlicher Wahrnehmung, sondern nur aus mündlichen und schriftlichen Berichten meiner Gemeindeglieder. . . .

Das schlimmste Leiden scheint denen widerfahren zu sein, die beim Abtransport aus dem Raum um Sprottau in Dresden in den Terrorangriff gerieten und dann in die Tschechoslowakei geleitet worden sind. In der Umgegend von Eger wurden zwei oder drei dieser Transporte ausgeladen und haben dann nach dem Zusammenbruch schlimmste Quälereien durch die Tschechen erdulden müssen. Sie wurden erst im Jahre 1946 aus der Tscheche! abgeschoben und nach Bayern gebracht, wo sie zum großen Teil jetzt noch in großer Not leben.


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