Nr. 125: Treck in das Sudetenland, Vorgänge nach der Kapitulation, Rückkehr.

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Erlebnisbericht der Gutsbesitzerin Lottka v. Vegesaek aus Obsendorf, Kreis Neumarkt i. Niederschles.

Original, 2. Mai 1951, 3 Seiten. Teilabdruck.

Ich treckte am 25. Januar 1945 mit meinen Gutsleuten aus Obsendorf, im Kreise Neumarkt i. Schl., mit allen verfügbaren Fahrzeugen gleich bis nach Röscha, Kreis Podersam im Sudetengau, einem fast rein deutschen Dorf. Hier kamen wir nach ungefähr 14tägiger Fahrt an und erlebten am 10. Mai 1945 die Ankunft der Sowjets und den Zusammenbruch.

Mein zweiter Sohn, der als Rittmeister und Ritterkreuzträger nicht mehr felddienstfähig war, sich aber trotzdem alle Monate einmal bei seinem Ersatz-Truppenteil in Füssen zu melden hatte, stieß kurze Zeit vorher wieder zu mir.

Ein Tscheche, der mir stets wohlgesinnt war, warnte mich und gab meinem Sohn den Rat, auf jeden Fall den Versuch zu machen, die amerikanischen Linien zu erreichen, da er als Feldzugteilnehmer im Osten keine gute Behandlung zu erwarten haben würde. Im Hinblick auf seine schwere Hirnverletzung und in der Annahme, wenigstens meinen Schmuck dadurch erhalten zu können, veranlaßte ich meinen Sohn, dieser Warnung Folge zu leisten, und vermutete ihn daher späterhin im Westen in Sicherheit.

Als die Sowjets am 10. Mai 1945 eintrafen, drangen auch mehrere Sowjets sowie Tschechen unter wüstem Gebrüll: „Wo is Rittmeister? Wir schlagen ihn tot!'' in meine kleine Kammer, in der ich mich allein befand,


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ein. Ein Flintenweib schlug mir eine armselige Blumenvase in die Zähne: „Du Schwein! Was Du Blumen?„ Dann schlug man mich über den Kopf, schlug mich nieder, trampelte auf mir rum, trat mir einen Bruch in meine Narbe von der Gallenblasenoperation usw. Mau riß mir Schuhe, Strümpfe, die Kleider vom Leibe. Ich stand blutüberströmt buchstäblich nur noch im Hemd und Schlüpfer herum. Man raubte, was man fand, ein LKW. vor der Tür entführte alles. Meinen Leuten war es ähnlich ergangen. Nach drei Stunden war dieser ganze Spuk vorüber. Man schenkte mir einige Sachen, und nach Tagen machten wir uns dann auf den Weg in die Heimat zu Fuß. Da ich nicht mehr laufen konnte — ich bin später noch zweimal wegen dieses Narbenbruches operiert worden —, fuhr ich den letzten Teil des Weges mit der Bahn bis Liegnitz und lief von hier ganz allein zu Fuß weiter.

Es sah alles unvorstellbar aus.

In Rosenig hielten mich Sowjets fest und zwangen mich, auf dem Kirchhof Gräber für Erschlagene auszuheben, dann sperrten sie mich über Mittag oben in ihrem Hause ein. Da ich wußte, daß Alter und Aussehen keine Rolle bei den Sowjets spielten, sprang ich aus dem Fenster, um weiterem zu entgehen! Ich kam dann in Obsendorf an. Was ich hier sah, übertraf bei weitem alle meine Befürchtungen und Vorstellungen: Direkt mit Liebe, mit Raffinement, mit System war alles vernichtet, zerstört, versaut worden! Der aufgedunsene Leib eines toten Pferdes begrüßte mich vor meiner Haustür, eine Schreibmaschine lag auf dem Misthaufen, Bücher, Bilder, Möbel, Spiegel, Porzellan, kurz und gut, alles lag im Park, auf dem Hof und in den Zimmern rum. Man hatte sich sogar Mühe gemacht, um der verhaßten Bourgeoisie eins auszuwischen: das Parkett in den Zimmern mit Syrup begossen und hierauf die Federn der aufgeschlitzten Betten ausgestreut! Die sonstigen Schweinereien sind hier nicht wiederzugeben.

Während unser Gutstreck restlos ausgeplündert worden war, war es dem des Dorfes in der Tschechei etwas besser ergangen.

Ich fand nun rührenderweise Unterkunft bei unseren Schmiedeleuten.

Nach zwei Tagen trieben uns bewaffnete Polen und allerlei anderes Gesindel auf einem sogenannten viertägigen Hitler-Marsch nach Liegnitz. Unterwegs durfte niemand aus der Reihe treten. Nachts standen wir in Feldscheunen. Es wurde über unsere Köpfe hinweg geschossen und selbstverständlich bei jeder Gelegenheit geprügelt. Erst in Liegnitz, als die Sowjets diesen Unfug verboten, konnten wir wieder in unser inzwischen aber 100-prozentig ausgeraubtes Dorf zurückkehren.

Irgendeine Verbindung zu meinen beiden Söhnen, zu irgendwelchen glücklicheren Bekannten bestand natürlich nicht. Hingegen hörte man Schreckliches aus der nächsten Nachbarschaft. Gerade der Kreis Neumarkt hatte viele Opfer zu beklagen gehabt. Was war hier nicht alles ermordet worden, was hatte nicht sich selbst den Tod gegeben, was war an Vergewaltigungen, Verschleppungen, Mißhandlungen usw. passiert! Die Zahl geht in die Hunderte, um nicht zu sagen in die Tausende, allein, was das Geschehen im Kreise Neumarkt anbelangt. 'Die zurückgebliebenen Gutsbesitzer und Bauern


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waren fast restlos ermordet worden, ihre Frauen und Töchter geschändet, die Arbeitsfähigen verschleppt. Jeder Fall kann hier namentlich belegt werden.

Anschließend berichtet Vfn. über die Verhältnisse unter polnischer Verwaltung und das Schicksal ihres oben erwähnten Sohnes, der von amerikanischer Seite den Russen ausgeliefert und in ein Lager im Kaukasus verschleppt wurde.