Nr. 126: Evakuierung aus dem Riesengebirge und Flucht ins westliche Sudetenland, Erlebnisse beim Einmarsch der russischen Truppen und unter tschechischer Staatshoheit.

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Erlebnisbericht der Schriftstellerin L. K. aus Oberschreiberhau, Kreis Hirschberg i. Niederschles.

Original, 7. Oktober 1952. Teilabdruck.

Nach längeren Ausführungen über die landschaftliche Schönheit des Riesengebirges leitet Vfn. über zur Schilderung ihrer Flucht Mitte Februar 1945.

Nachts um ein Uhr schrillen die Haustürklingeln: Sofortiger Evakuierungsbefehl! Alle Frauen und Kinder haben binnen weniger Stunden den Ort zu räumen. Einem Blitzschlag gleich trifft alle vernichtend diese Nachricht. ... Fieberhaft werden die notwendigen Dinge verpackt, man darf ja nur so wenig mitnehmen, um die Fahrzeuge nicht zu belasten. Man nimmt natürlich in der Eile und Aufregung das Verkehrteste, man kann alles noch nicht fassen.

Nach einer rückschauenden Betrachtung ihres Lebens fährt Vfn. schließlich fort:

Die Fahrzeuge warten! Deutsche Wehrmacht bringt die Zivilbevölkerung in Sicherheit; so glaubte man damals. Es ging ins Sudetenland. — Ein langer letzter Blick auf das Haus, das einem solange Heimstatt gewesen war und die schwerste Stunde des Lebens mit einem geteilt hatte. Eng zusammengepfercht mit dem Kind auf dem Schoß begann die Fahrt aus dem Heim, den schützenden Bergen, hinein ins Ungewisse! Landstraßendasein! Die Natur, die noch tags zuvor der Menschen liebster Freund war, wurde nun ihr schlimmster Feind und zeigte ein grausiges Gesicht. Die Kälte drang durch die Glieder, die Kinder weinten, Hunger quälte und Durst. Nachts erhob sich ein eisiger Schneesturm, der tausend Nadeln gleich die Körper stach; durch alle Fugen des Wagens drang er, durch die Planen und schüttete Schnee auf die frierenden Mütter, die schützend ihre Kinder in den vor Kälte starren Armen hielten. Weiter, immer weiter ging die Fahrt, Tags oder Nachts, je nachdem die Fahrzeuge uns transportierten.

Lange Tage machten wir in Tetsehen-Bodenbach an der Elbe Halt. Ein eiskalter Wind blies vom Wasser her, nirgends war ein Platz, um sich zu erwärmen, Hunger, Kälte und Schwäche wurden immer schlimmer, die Windeln der Säuglinge waren im Nu zu steifen Brettern gefroren. Mit-


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leidige Menschen brachten uns heißen Kaffee und Tee, belegte Brote, Medizin, denn wir husteten durch den dauernden ungewohnten Aufenthalt im Freien alle entsetzlich. Eine junge Mutter brachte sogar Windeln für die Kleinsten. Wie dankbar waren wir, als wir abwechselnd zu einer Familie gebeten wurden, um unsere erstarrten Glieder zu erwärmen; wie glücklich schätzten wir uns und diese Familie, die noch ein schützendes Dach, ein Heim hatte und in vorbildlicher Gastfreundschaft und Nächstenliebe sich unser erbarmte; heißes Wasser wurde bereitet, damit wir baden konnten, Brei für die Kleinen, eine kräftige Suppe für die Alten gekocht. Wie herrlich war es, seine Glieder wieder strecken zu können nach der tagelangen Nachtfahrt in hockender Stellung, in den engen Fahrzeugen auf Gepäck gepreßt. Wohlig war es einem, daß mau die Kleider erst einmal abtun konnte, um sich zu entspannen, baden und essen zu können, wieder Mensch sein zu dürfen mit den bescheidensten Mitteln der Kultur.

Nach drei Tagen kam endlich ein Fahrzeug, was uns wieder anhängte, und die Trecks gingen weiter, immer tiefer in das Sudetenland hinein. Wir hofften noch bis nach Eger zu kommen, um dort zu den vor uns evakuierten Verwandten nach Bayern zu können, aber unweit von Karlsbad in einer kleinen Stadt in Kaaden an der Eger war Treckruhe befohlen, wir wurden aufgeteilt, und unser Schicksal sollte sich dort erfüllen. Viele kleine Kinder und ältere Leute waren von uns gegangen, sie waren unterwegs den übermenschlichen Strapazen erlegen, still starben sie alle . . . auf dem Leidensweg der Austreibung. Ein kleines Grab wurde am Wegrand in den Schnee gegraben und barg für viele das Liebste, das Letzte, was sie mit der verlassenen Heimat verband.

Wir wurden in Lager eingewiesen und erhielten bald Quartiere, und trotz schwerer Krankheit, die uns alle infolge Seeleunot und Schwäche überfiel, hielt uns der Gedanke, die Hoffnung auf die geliebte Heimat aufrecht. So ging der Winter hin, der Frühling kam. Ach welch ein Frühling! Er kam wie immer mit lockenden Vogelstimmen und lauer Luft...

So kam der 8. Mai 1945. Nächtelang waren zuvor die Fahrzeuge und Truppen der deutschen Wehrmacht zurückgeflutet, alle Lazarette und Schulen waren mit Verwundeten überbelegt, ohne daß die Bevölkerung ahnte, was eigentlich geschah! Plötzlich waren überall an den Häusern große rote Plakate, daß die Rote Armee einmarschieren wird, als Signal wird der tiefe Summerton der Sirene erklingen, man solle Ruhe bewahren.

Eine entsetzliche Angst packte die ganze Stadt; wir waren vor den Sowjets aus Schlesien geflohen, und nun kamen sie hierher an die Eger, dicht an der bayerischen Grenze. „Hergott, laß es nicht geschehen, nimm Dich unser in Gnaden an”, stammelten die angstvollen Lippen. Große Transpareute und Beschriftungen auch auf dem Fahrdamm hatten die HJ. und der „Wehrwolf” noch angebracht. „Lieber tot als Sklav” und „Nur über unsere Leichen geht der Weg ins Reich”, aber sofort nach dem Anbringen der Plakate, lange Stunden vor dem Einmarsch der Sowjets hatten sich die Behörden „abgesetzt” und die Stadt schmählich im Stich gelassen, die voll alter und kranker Zivilbevölkerung war, voll kleiner Kinder und Ostevakuierter, voll deutscher, schwerverwundeter Soldaten.


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Alle Stoßgebete waren vergeblich: 20 Minuten erklang mitten in der Nacht das tiefe Summen der Sirenen, gleich den Posaunen des Jüngsten Gerichts. Es kamen die ersten Fahrzeuge, Truppen folgten in unübersehbarem Ausmaß. Pferde, Panzer, auf den Wagen russische Frauen und Mädchen, die im Siegestaumel laut sangen und kreischten, Hunde, Musikinstrumente, alles in buntem Wirrwarr; in den engen, sonst so stillverträumten Kleinstadtstraßen war nur das Geschrei der durchziehenden Soldateska zu hören, das qualvolle Stöhnen der geschändeten Frauen, der ganze Ort glich einer ziehenden Heerstraße.

Die Sowjets drangen in die Häuser ein, holten sich alles, was sie brauchten, alle Vorräte wurden geplündert, und immer und immer wieder erklang der Ruf nach Schnaps. Die Schaufenster waren binnen weniger Minuten Trümmerstätten, und die Waren, die nicht mitgenommen wurden, lagen zerstreut und zerfetzt auf der Straße umher. In ihrer großen Angst hatten die Besitzer der Häuser ihre Türen vernagelt, von innen regelrechte Barrikaden gebaut. Doch nichts nützte, kein Riegel, kein Balken, die durchziehenden Soldaten öffneten jede Tür, jedes Tor, und die oft markerschütternden Schreie der Frauen und Mädchen jeden Alters ließen einem das Blut in den Adern erstarren. Überall verbargen sich die armen Frauen, unter den Betten, hinter und in den Schränken, im Heu, auf dem Speicher. Aber alle Tarnungsversuche waren vergeblich, denn jede Frau wurde gefunden, mißhandelt und dann vergewaltigt unter Bedrohung der Familienmitglieder, die einschließlich der kleinen und kleinsten Kinder im Raum Zeuge sein mußten.

Auf die Straße zu gehen, fürchtete sich jeder Bürger, da die Männer mit Gewehrkolben geschlagen und die Frauen geschlagen und geschändet wurden. Ja, die Soldaten schreckten nicht einmal davor zurück, einer alten Dame die Maschinenpistole auf die Brust zu setzen, um an ihren Witwenringen zu zerren, die infolge der vor Angst und Schrecken angeschwollenen Hände nicht gleich vom Finger gingen. Hatten sie dann den Schmuck und die Uhr, hieben sie der alten Frau mit der Peitsche um die nackten Beine und gaben sie grinsend wieder frei. So ging es viele Tage und Nächte unter Angst und Weinen, Terror und Fluch; nach diesem Vernichtungssturm war das Gebiet wieder tschechisch, viele Kreuze und zu Tode kranke Frauen zeichneten den Weg.

Auf dem sonnenbeschienenen Marktplatz, auf dem noch Reste der Blumen am alten Stadtbrunnen blühten und die Tauben gurrten, wurde die tschechische Fahne gehißt. Die Truppen zogen ein, ruhig und geordnet im Vergleich zu den Kampftruppen der Roten Armee, die das Gelände nur „vorzubereiten” hatten. Sofort aber begann der Terror gegen die deutsche Bevölkerung, also gegen die ganze Stadt. Ab sofort mußten alle Deutschen weiße Armbinden tragen und ihre Häuser weiß beflaggen. Die Ausweisungen aus den Wohnungen nahmen ihren Anfang. Erschütternde Szenen spielten sich ab, als die Bewohner der Stadt zusammen mit uns aus Schlesien binnen weniger Minuten alles verlassen mußten; ohne jegliche Mitnahme von Hab und Gut standen sie jetzt genau so bettelarm da wie wir aus Schlesien Vertriebenen und glaubten sich doch so in Sicherheit! Die Familien, die nicht


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gleich in Arbeitslager oder nach Kladno verschleppt wurden, pferchte mau in enge Räume zusammen, die Rationen für Deutsche wurden auf das allerknappste auf Lebensmittelkarten ausgegeben, doch durfte man nur an einer Stunde am Tage einkaufen gehen; für die Kinder gab es keine Milch, ganze Körbe mit Obst und Gemüse wurden am Abend fortgeworfen, die deutschen Frauen aber durften es nicht kaufen und auch abends sich nicht heimlich von der Straße aus dem Kehrichthaufen mitnehmen. Das deutsche bewegliche und unbewegliche Eigentum verfiel dem tschechischen Staat einschließlich unserem Flüchtlingsgut, was wir doch aus Schlesien mitgebracht hatten und mit dem neuen tschechischen Staat nichts zu tun hatte; das deutsche Geld wurde außer Kurs gesetzt, und der Terror wurde immer schlimmer und unerträglicher. Der Bürgersteig durfte nicht mehr betreten werden, so daß die deutsche Restbevölkeruug, die infolge Ausweisung, Hunger, Krankheit und Tod sehr zusammengeschmolzen war, nur auf dem Fahrdamm gehen durfte und es dadurch wieder viele neue Tote gab infolge der Verkehrsunfälle.

Aber nicht genug mit diesem Leid, es begann die Zwangsarbeit an Wochen- und Feiertagen unter Bewachung mit Maschinenpistolen. Der Lautsprecher verkündete in tschechischer Sprache auf dem Marktplatz, daß alle Deutschen jeden Alters und Geschlechts sich binnen einer Stunde zum Appell auf dem Turnplatz einzufinden haben. Wehe demjenigen, dem es sein Nachbar nicht ausgerichtet hatte. Jeder, der zur Zeit dieser Appelle in seiner Wohnung angetroffen wurde, wurde wegen Nichtbefolgung standrechtlich erschossen. Bei diesen Appellen standen müde, zitternde Greise, schreiende Kinder, verängstigte Frauen und stumm harrende Männer stundenlang in Reih und Glied bei stechender Sonne, bis verkündet wurde, warum man nun eigentlich hier stehen mußte. Es wurden dann wahllos an die hundert Menschen aller Altersstufen zum Straßenbau und Kasernenreinigen befohlen, oft auch nur ganz bestimmte Jahrgänge in Kohlenwaggons weit ins Innere in den Bergbau verladen. Ungewiß war unser Schicksal, ungewiß das ihre, ungewiß war jeder Tag, den der Schöpfer uns aufs neue erleben ließ.

Das Schlimmste aber und Grauenvollste aller dieser Erinnerungen waren die öffentlichen Marktplatzerschießungen, bei denen ebenfalls alle Deutschen jeden Alters zusehen mußten, wie ihre eigenen deutschen Brüder als Geiseln erschossen wurden. Auch hier lautete wieder der Befehl: Fernbleiben hat standrechtliches Erschießen zur Folge. Hatte mau nun unter unendlichen seelischen Qualen diese furchtbare Marter über sich ergehen lassen müssen, waren nach stundenlangem Stehen in angstvoller Verzweiflung, bedroht von Posten mit Maschinenpistolen und Absperrketten mit Bajonetten, die Schüsse und das Stöhnen der Opfer verstummt, so wurden ebenfalls völlig wahllos Frauen herausgesucht aus den dichten Reihen des Quadrats, das wir um die Unglücksstätte bilden mußten, welche die Toten auf Karren laden mußten und den Marktplatz vom Blut zu waschen [hatten].

Blut und Tränen! Herrgott, wann nimmt diese Grausamkeit ein Ende? Man glaubte es nicht mehr ertragen zu können. Und doch kam wieder ein neuer Tag mit Sonne und sommerlicher Wärme, zarten Vogelstimmen,


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Blumen am Wegrand, aber das Leid begann mit jedem neuen Tag. Zwölf Tage lang waren täglich diese grauenvollen Marterstunden der öffentlichen Marktplatzerschießungen über uns . . . Immer mehr Bürger wurden verhaftet. Nach 7.00 Uhr abends durfte kein Deutscher die Straße betreten. Täglich erhofften wir herauszukommen aus der Internierung, aus aller Qual, aber es wurde den Deutschen bei Todesstrafe verboten, den Ort zu verlassen, weder zu Fuß noch per Bahn; so ging der Frühling hin, der Sommer, der Herbst — mit Zwangsarbeit, Marktplatzappellen und Hunger. Vfn. beendet ihren Bericht mit einer ausführlichen Schilderung ihrer Ausweisung nach Thüringen und ihren Erlebnissen dort in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands.


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