Nr. 117: Dorftreck in die Grafschaft Glatz und Rückkehr zur Frühjahrsbestellung; erneute Flucht ins Gebirge und Heimkehr nach der Kapitulation.

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Erlebnisbericht des Photographen Josef Buhl aus Klodebach, Kreis Grottkau i. Oberschles.

Photokopie. 1946/47 (Vf. starb am 11. November 1947), 14 Seiten. Teilabdruck.

In den kalten Januartagen des Jahres 1945 war es, als die ersten Flüchtlinge bei uns Quartier suchten. Mit Pferd und Wagen oder Schlitten kamen sie und berichteten, daß sie noch knapp vor den russischen Panzern entkommen konnten und daß hinter der Roten Armee Scharen von Banditen mit blutigem Terror in das Land einfielen. Die gehetzten Menschen waren nicht zu bewegen, länger als eine Nacht bei uns zu bleiben. Sie kamen von Lublinitz und wollten weiter. Nur fort! Die Bilder auf den Fluchtstraßen waren wechselvoll. Das Elend, das sich damals bei der Kälte zutrug, ist nicht zu schildern.

Dieses Schicksal stand auch uns bevor. Breslau war zur Festung erklärt, und die Zivilbevölkerung erhielt den Räumungsbefehl. Wir richteten einen Wagen her und versahen diesen mit einer Plane, während von fern her der Donner der Kanonen dröhnte.

Das Schicksal gab uns noch eine Frist, und wir nutzten diese. Manches Besitzstück, das uns entbehrlich erschien, wurde der Erde anvertraut. Es war keine leichte Arbeit, die hartgefrorenen Erdschollen aufzugraben, und dauerte tagelang. Stück um Stück versank. Vielleicht war es gerettet; vielleicht auch versenkt für ewige Zeiten. Unsere Koffer standen fertig gepackt für die Flucht. Am 26. Januar 1945 spendete unser Vikar der ganzen Gemeinde die Generalabsolution. Die Tage vergingen zwischen Hoffen und Bangen.

Als ich am 2. Februar im Garten Edelreiser schnitt, wurde mein Optimismus verlacht. Und nicht zu Unrecht, denn schon zwei Tage später hatten wir wieder erhöhte Alarmbereitschaft. Von Grottkau her zog ein neuer Flüchtlingsstrom durch unser Dorf, und auch neue Einquartierung kam. Eine Aufregung löste die andere ab. Bald kamen gute Nachrichten, bald unerfreuliche. Die Ungewißheit blieb und gipfelte in den Worten: „Sobald das Feuerhorn ertönt, wird binnen einer Stunde der Ort geräumt!”


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Auch die Stadt Neiße war zur Festung erklärt worden. Wir schickten einen Boten dorthin, um unseren Jungen herauszubekommen, damit wir im Falle der Flucht ihn bei uns hatten. Wir freuten uns, daß er bald kam, aber die Freude dauerte nicht lauge. Am 10. Februar, neun Tage vor seinem 17. Geburtstag, erhielt er die Einberufung und mußte von uns fort.

Es kamen neue Flüchtlinge, nahmen Quartier und mußten wieder weiterziehen. Von Grottkau, Tiefensee, Koppendorf und Striegendorf. Neue Soldaten kamen und zogen wieder ab. Die Front schien sich wieder zu festigen. Der Rundfunk gab uns neue Hoffnung. Mitte März sollte unser Gegenstoß erfolgen, die große Frühjahrsoffensive, die uns befreien und die Wende bringen sollte. So ging der Februar dahin; es verging der Schnee.

Schon oft war man im Schlafe aufgeschreckt worden. An diesem Morgen aber war es etwas Neues, etwas Besonderes, was uns zusammenducken ließ. Es klirrten die Fensterscheiben; es dröhnte die Luft. Von 4.00 Uhr früh bis 9.45 Uhr. Unerträglich dieses Gedröhn. Ich band mir eine Kompresse um den Kopf, mir war, als müsse er mir zerspringen, im übrigen beunruhigte uns das gar nicht. Im Gegenteil! Wir erwarteten die deutsche Frühjahrsoffensive, die für diese Zeit angekündigt worden war. Am Mittag waren wir Zeuge erfolgreicher Luftkämpfe. Wir freuten uns, wenn immer der fremde Raubvogel brennend zu Boden stürzte oder in wilder Flucht vor unseren Jägern das Weite suchte.

Das war der 15. März. Spät abends gingen wir zur Ruhe, die jedoch nicht lange dauern sollte. Gegen Mitternacht ertönte schaurig das alarmierende, gespenstische Feuerhorn. — Alles sprang erschreckt auf, rannte hin und her. Ich mahnte zur Ruhe. Unsere Flüchtlinge aus Striegendorf fuhren schon um l Uhr mit ihrem Handwagen zum Tor hinaus. Auf der Straße wurde es lebendig. Um drei Uhr fuhren die ersten Pferdegespanne ab. Ich hielt das alles für übereilt, zumal au die Wehrmacht kein Alarm ergangen war. Für alle Fälle aber bepackten wir die Wagen und machten alles fertig, bis endlich der Morgen graute. Ein Gespann nach dem anderen fuhr los. Wir zögerten noch immer. Krachend feuerte unsere schwere Artillerie über das Dorf hinweg. Doch als die Soldaten zu packen begannen, die Drähte der Telefonleitungen zusammenrollten und die Autos mit den Offizieren davonfuhren, blieb auch uns keine andere Wahl. Wir mußten die Heimat verlassen.

Bis zum Dorf hinaus hatte ich den Treckwagen begleiten müssen wegen der jungen wilden Pferde. Dann kehrte ich nochmals um, denn es gab noch Arbeit, und ich wollte in der Heimat bleiben bis zur letztmöglichen Stunde. Unsere Artillerie schoß noch immer über das Dorf hinweg. Bald erschienen die russischen Flieger, mit Bordwaffen feuernd. Bald krachten Bomben. Es brannte. Vom Oberdorf zogen dichte Rauchschwaden am Himmel. Ich vergrub noch einige Sachen im Garten, als ich von den Fliegern entdeckt und selbst unter Beschuß genommen wurde. Auf der Straße wurde es ganz still, unheimlich fast. Jülkes Mädel kamen gelaufen und riefen mir zu, daß die letzten Soldaten das Dorf verlassen hätten und die Russen unmittelbar folgen könnten. Sie fuhren davon. Was wollte ich noch im Dorf? Verteidigen konnte ich es allein doch nicht. So nahm ich in der Abenddämmerung mein Fahrrad und verließ den geliebten Heimatort.


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Die Dunkelheit brach herein, und es kostete mich einige Mühe, meine Leute wiederzufinden. In Mösen, in einem kleinen Raum hinter dem Saale des Gasthauses, fand ich sie, auf der Streu liegend, denn es war spät geworden.

Am nächsten Tage gab es Arbeit. Infolge Überladung war eine Wagenleiter gebrochen. Wir mußten umladen und die Leiter schienen. Das kleine, mit Futtermitteln beladene Wägelchen ließen wir in Mösen zurück, liehen uns einen starken Ackerwagen und spannten ein Pferd mit dem Ochsen zusammen. — Sehnsüchtig gingen unsere Blicke ab und zu nach der Richtung Heimat, von wo über die Ullersdorfer Berge hinweg der Kirchturm von Karlshöh als letzter Heimatgruß erschien. Die Rauchschwaden in jener Richtung ließen uns Schlimmes befürchten, über Ottmachau kreisten ständig russische Flieger.

Am nächsten Tage, einem Sonntag, mußten wir weiter. Die Flieger, die über uns kreisten, griffen glücklicherweise den Treck nicht an. Am Nachmittag erreichten wir Geseß. Das kleine Dorf war mit Flüchtlingen und Militär überfüllt, weshalb wir nicht lange dort geduldet wurden. Es bestand keine unmittelbare Feindgefahr, weshalb wir dem Räumungsbefehl des dortigen Bürgermeisters nicht Folge leisteten. In der Nacht ließ man dann das Feuerhorn ertönen, und alle Zivilisten, auch die Ortseinwohner, mußten das Dorf verlassen, damit der Oberleutnant der Luftwaffe Platz hatte mit seinen Etappensoldaten. In der dunklen Nacht ist die Wirkung solchen Alarms doch größer als bei Tage, auch wenn keine direkte Notwendigkeit besteht.

Unsere Weiterreise verschoben wir doch bis Tagesanbruch. Nun folgte die beschwerlichste Wegstrecke unserer Flucht. Es ging pausenlos von Ort zu Ort. Bergauf, bergab, und nirgends wollte mau uns aufnehmen. Für mich war es deshalb besonders schwer, weil der zweite Wagen, den der Kriegsgefangene Alexander führte, keine Bremse hatte. Bei jeder Abwärtsfahrt mußte ich mit einem Knüppel in das Hinterrad eingreifen und, unten angekommen, nach der Höhe zurücklaufen, um mein oben zurückgelassenes Fahrrad nachzuholen. — Rechts von uns tauchten wieder die fremden Vögel auf, und bald war das Städtchen Patschkau eingehüllt in Rauch.

Erschütternde Bilder sah man auf der Straße, die sich nicht einzeln schildern lassen. Auch der Verkehr ist nicht zu beschreiben, da außer den endlosen Kolonnen der Flüchtlingswagen auch die Wehrmacht die Straßen befuhr. Oft gab es Stockungen, weil die Fluchtstraßen verstopft waren. Schlimm war es bestellt um die Flüchtenden mit Handwagen und die mit kleinen Kindern. Und die „Ichsucht” bestand noch immer. Hinter Alexanders Wagen hatte eine 7köpfige Familie ihren Handwagen angehängt. Der Kinderwagen mit dem Kleinsten wurde von der Frau geschoben. Bei plötzlichem Halten fuhr der dahinter fahrende Pferdewagen auf. Es schrien die Kinder, die Frau schimpfte und fluchte. Unsere letzten sechs Gespanne waren vom Treck abgekommen, zwischen andere Kolonnen eingeschoben und festgekeilt. Als ich, hinter diesen herfahrend, nach Weißwaser kam, stand am Straßenrand der alte Stiebner, sein Handwagen zerbrochen, das Gepäck lag im Schmutz der Straße. Wenn jeder unserer sechs Wagen nur ein Stück


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auflud, war alles fortzubringen. Doch die fuhren immer weiter, bis glücklicherweise eine Verkehrsstockung ein „Halt” gebot. Mit Hilfe unserer Frauen schafften wir das Gepäck nach vorn, und nach einigen Debatten war alles verstaut.

Vor Reichenstein gab es wieder Zwischenfäile und Stockungen. Am späten Abend kamen wir endlich bis Maifritzdorf. Trotzdem wir, Menschen und Vieh, todmüde waren, wollte man uns auch hier nicht aufnehmen. Besonders erwähnen muß ich das flegelhafte Benehmen des dortigen Bürgermeisters, der zwar ein Parteigenosse war, aber uns vertriebene und obdachlose Menschen beschimpfte und Lumpengesindel nannte. Aber wir konnten nicht mehr weiter, das Vieh hatte sich lahm gelaufen. Trotz des vorgeschrittenen Abends fanden wir noch ein ganz annehmbares Quartier, breiteten in der Küche Stroh aus, und bald fielen uns vor Müdigkeit die Augen zu.

Am nächsten Tage mußten die Pferde beschlagen und Wagenreparaturen vorgenommen werden, denn wir wollten den ungastlichen Ort schnell wieder verlassen. Diesmal, das hatten sich alle vorgenommen, sollte eine so große Strecke nicht gemacht werden, und so fuhren wir bis ins nächste Dorf. In Hemmersdorf duldete man uns länger, und als wir nach Ablauf einer Woche verhältnismäßig höflich an die Weiterreise gemahnt wurden, waren inzwischen die Pferde an Druse erkrankt, und wir blieben weiter an dem Ort. Frau Fritsch hatte uns das kleine Stübchen neben ihrer Küche abgetreten, wo wir fünf Personen schlafen konnten. Tagsüber hielten wir uns wenn draußen nichts zu tun war, in der Küche auf. Mit den Kindern Horst und Ursel wurde gespielt und Musik gemacht. Wir waren nicht wie Fremde, sondern glichen einer großen Familie.

Der Vormarsch der Russen war dicht vor unserem Heimatort zum Stehen gebracht worden, was wir wohl dem großen Bechauer Wald zu verdanken hatten, durch den sich nun die HKL. dahinzog. Klodebach war noch im Besitz der deutschen Wehrmacht und wurde noch längere Zeit gehalten.

Weil allmählich das Viehfutter knapp wurde, mußte es durch die zurückgelassenen Bestände aus den leerstehenden Dörfern ergänzt werden. Dabei wagten sich einige ganz Mutige vor bis zur Front und bis nach Klodebach hinein. Bald kam es zu einer ständigen Verbindung mit der Heimat durch Radfahrer und Fahrzeuge. Wir erfuhren dadurch alle Einzelheiten über die Lage an der Front und das Schicksal unserer Heimat. Den wenigen alten Leuten, die in Klodebach zurückgeblieben, war nichts Schlimmes zugestoßen. Das Vieh war abtransportiert worden, in unseren Häusern wohnten nun Soldaten.

Es war Frühling geworden. Die Felder mußten bestellt werden, auch in der Heimat. Die Gefahr der nahen Front sollte uns daran nicht hindern. Schwere Kämpfe fanden derzeit nicht statt. Am 10. April fuhren die Gespanne ab in Richtung Heimat. Eigentlich hatte ich nie das Gefühl gehabt, daß diese nach unserer Flucht verloren sei für uns. Und doch kam ich mir überaus glücklich vor, als ich mit dem Fahrrad im herrlichsten Frühlingssonnenschein immer näher kam. Ich fand auch alles so vor, wie uns berichtet


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worden war. In meinem Hause, das noch völlig unbeschädigt stand, waren sieben Soldaten einquartiert, die es sich ganz gemütlich gemacht hatten. Ich kam mir vor wie ein Fremdling im eigenen Hause. Doch blieb zum Denken nicht viel Zeit, es gab Arbeit, und die Russen ließen uns vorläufig unbehelligt. Nur unsere Feldgendarmerie war unausstehlich. Weil meine Aufenthaltsgenehmigung von einer Volkssturmeinheit und nicht von der Kreisbauernschaft ausgestellt und auch nur auf fünf Tage befristet war, wurde ich bald aus dem eigenen Hause ausgewiesen. Ich mußte am Montagabend nach Hemmersdorf fahren, ließ mir dort den Schein um weitere fünf Tage verlängern und war am Dienstag schon wieder daheim.

Nun aber wurden die Russen ungemütlich. In einer Entfernung von drei Kilometern zur Front wird die Schießerei zur Gewohnheit. An einem schönen Abend war ich Zeuge der Artilleriebeschießung von Klodebach, wobei es immer über uns hinweg sauste. Ganz unheimlich wurde es am Donnerstag früh gegen 3.30 Uhr. Da krachte es so oft und schnell hintereinander über unseren Dächern, daß nicht genau festgestellt werden konnte, ob das die Stalinorgel oder irgendeine andere neue Explosivwaffe verursachte. Mit der Bettruhe war es natürlich vorbei, und der nächtliche Himmel, spukhaft beleuchtet, sah schaurigschön aus. Als der Tag anbrach, erging an alle Gespanne der Befehl, das Dorf schleunigst zu verlassen. Wir brachten diese in Sicherheit in Kamnig. Mit dem Fahrrad fuhr ich nochmals zurück nach Klodebach, wo ich noch einen Tag und eine Nacht verblieb. Weil mich aber die Feldgendarmen wieder ärgerten (und auch andere Dinge mir die Stimmung verleideten), nahm ich mir noch am späten Abend mein Fahrrad und fuhr in der Dunkelheit bis Hemmersdorf.

Friedlich lag das kleine Häuschen und seine Bewohner schon im Schlummer, und friedlich vergingen die nächsten Tage. Am 25. April noch versuchte der Volkssturm ein letztes und schickte an alle Männer, gleich, ob lahm oder bucklig, die Order. Um 1.30 Uhr erging an mich der Befehl, bis 2.00 Uhr in Kamenz zu sein. Weil das eine Unmöglichkeit war, fuhr ich gar nicht hin. Einige Wochen vorher war ich schon von einer Volkssturmwache in Reichenstein festgehalten, aber auf Grund meines Ausmusterungsscheins wieder freigelassen worden.

Wieder an einem Freitag, am 27. April, wanderten wir weiter. Es bot sich eine günstige Gelegenheit, unseren Reisekorb mit den Eßwaren und andere große Gepäckstücke auf einen Wagen des Bauern Henkel aufzuladen, der beschlossen hatte, weiter zu trecken bis Eckersdorf. Dort befanden sich unsere Verwandten aus Breslau, und hinter einem weiteren Gebirgskamm fühlten wir uns vor Feindbedrohung geborgen. (Mit diesen Erklärungen konnten wir uns von unseren bisherigen Fahrzeugen trennen.) Die Räder mußten geschoben werden. Ich hatte meines beladen mit zwei Koffern und zwei Rucksäcken. Über Wartha, Giersdorf, Gabersdorf und Rothwaltersdorf ging es immer bergauf und bergab. Vom Regen überrascht kamen wir nachts um 22.30 Uhr völlig durchnäßt und überanstrengt in Eckersdorf an. Die Wagen hatten in Giersdorf übernachtet und trafen erst am nächsten Tage gegen Mittag ein. Da der Ort mit Flüchtlingen überfüllt war, zogen wir am


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Montag nach Klein-Eckersdorf und fanden bei der guten Mutter Elsner ein schönes Quartier, während die fünf Familien von dem Ochsenwagen im Saale des Gasthauses untergebracht werden konnten.

Der Monat Mai kam heran. Der Rundfunk meldete von der Kapitulation der Festung Breslau, die sich außerordentlich lange verteidigt hatte, und den Kämpfen in Berlin. Die Fronten näherten sich einander. In einer Zange befanden sich die noch tapfer kämpfenden deutschen Truppen. Der Krieg näherte sich dem Ende. Unsere Wehrmacht flutete zurück. Am 8. Mai kamen die ersten Russen an. Weiße Fahnen wurden gehißt. Die Rote Armee ergoß sich über die Grafschaft. Die Frauen im Gasthaus konnten sich der Belästigungen kaum noch erwehren und drängten zum sofortigen Aufbruch. Sobald der Wirrwar auf den Straßen sich etwas mäßigte, traten wir die Heimreise an.

Wir hatten unsere großen Gepäckstücke auf dem Wagen verstaut, und während dieser die gefährlich gewordene Ecke so geschwind als nur möglich verließ, packten wir unsere weiteren Sachen zusammen und folgten diesem eine Stunde später, die Fahrräder schiebend, nach. Wieder hatte ich rechts und links die beiden Koffer, vorn und hinten je einen Rucksack. Durch den Ort Gabersdorf konnten wir nicht, weil es darin von betrunkenen Russen wimmelte. So schoben wir mit den vollbeladenen Rädern um das Dorf herum über die Felder. Daß uns bei dem Weitermarsch auf der Straße die Fahrräder nicht geraubt wurden, verdanken wir meinem Ausmusterungsschein, den ich unter Zuhilfenahme meiner wenigen russischen Sprachkenntnisse immer wieder den Wegelagerern vorzeigte. So kamen wir, von einer Taschenvisitation abgesehen, glücklich bis Giersdorf, wo wir unseren Wagen einholten. Hinter dem Dorfe bogen wir nach einem einsamen Waldweg ab und nahmen Nachtquartier. Die Frauen und Kinder wurden im Walddickicht am steilen Berghange versteckt. Ich blieb bei dem Wagen.

In der frühen Morgendämmerung spannten wir an und fuhren los. In dieser Stunde war die größte Sicherheit, und wir kamen unbehelligt durch das berüchtigte Wartha, da Russen und Polenpöbel ihren Alkoholrausch ausschliefen. Wegen einer Brückensprengung mußten wir Umwege machen. Die vorgesehene Mittagspause in Grochwitz wurde uns verleidet durch Pöbel, der dort mit roter Armbinde, Pistolen und gezücktem Dolch die Flüchtlinge ausplünderte. Also fuhren wir schnell weiter und machten Rast in der einsam gelegenen Holzmühle, wobei mein großer Vulkankoffer vom Wagen geraubt wurde. Gegen Abend kam es hinter Bärdorf wegen einer gesprengten Brücke zu einer großen Stockung. Tausende von Fahrzeugen standen still, stundenlang, bis bei Anbruch der Dunkelheit die Spitze nach einem Seitenweg bog. So kamen wir bis Olbersdorf. Die endlosen Wagenkolonnen aus dem Ohlauer Kreise hielten in diesem Orte aber nur zum Tränken ihrer Zugtiere und wollten aus Angst vor der Plünderung den Ort rasch verlassen und die Fahrt fortsetzen. Wir aber, durch diese Kolonne von unserem Wege abgekommen, mußten an dem Ort zurückbleiben. So unauffällig wie möglich schoben wir unseren Wagen in einen schmalen Hof, daß er zwischen zwei niedrigen Dächern und Fliederbüschen von der Straße her nicht gesehen werden konnte. Ein älteres Ehepaar war daheim, sonst aber keine


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Deutschen am Orte. Ich schlief wieder neben dem Wagen, während die Frauen die Nacht im Hause verbrachten. Wieder in frühester Morgenstunde kommen wir unbehelligt aus diesem gruseligen Dorf hinaus und glücklich auf die Hauptstraße.

Am Stadtrand von Münsterberg bogen wir nach Nossen ab. Unser Wagen war allein auf weiter Flur. Wegen der drückenden Mittagshitze machten wir in Nossen mehrere Stunden Rast. Hier trafen wir auf einige anständige russische Kapitäne, die uns vor den Polen Schutz gewährten und uns ein Gefühl der Sicherheit gaben. Auch auf der Weiterfahrt hatten wir Glück. Doch als wir in Kamnig eintrafen, erzählte man, daß Klodebach die Sammelstelle der abziehenden Polen sei und wir nicht hinkönnten. Um diesen Gerüchten auf die Spur zu kommen, machte ich mich, so müde ich auch war, zu Fuß auf den Weg dorthin, überzeugte mich von der Unwahrheit dieser Parolen und ging zurück nach Kamnig, wo wir mit vielen anderen zusammen die Nacht in einer Scheune verbrachten, um am nächsten Morgen die Reststrecke anzutreten.

Es war nicht mehr weit, und schon am Vormittage kamen wir glücklich daheim an. Es war Sonntag, der 13. Mai. Wie freuten wir uns, daß wir unser Heim, vom Kriege unbeschädigt, vorfanden! Nicht allen wurde dieses Glück zuteil. Im Vergleich zu den Nachbarorten wies Klodebach trotz sieben Wochen Front nicht allzuviele Schäden auf. An meinem Grundstück nur kleine Dachschäden und im Garten einige Granattrichter, die in der nächsten Zeit beseitigt wurden. Unsere Möbel und auch andere Gegenstände holten wir uns aus den Bunkern in der Gorke, einem nahe gelegenen Wäldchen, zurück. Auch mußten die bei den letzten Kämpfen gefallenen Soldaten beerdigt werden. Die Frühjahrsbestellung wurde beendet.

Anschließend schildert Vf. das Leben unter russischer Besatzung, das Einströmen der Polen und die Zwangsmaßnahmen polnischer Miliz und Verwaltungsbehörden bis zur Ausweisung nach Westdeutschland im Mai 19461).