Nr. 118: Flucht, Evakuierung ins Sudetenland und Rückkehr nach der Kapitulation.

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Erlebnisbericht des Pfarrers Fritz Wäder aus Ellsnig,, Kreis Neustadt i. Oberschles.

Photokopie, 31. März 1950, 7 Seiten. Teilabdruck.

Dem Bericht sind einige Bemerkungen persönlichen Charakters vorangestellt.

Im Anfang des Jahres 1945, als der Kanonendonner von der Oder her immer bedrohlicher wurde, besprach ich mit meiner Frau, was in dieser Lage am besten zu tun wäre. Ich wollte, daß sie sich mit den Kindern in eine sichere Gegend begibt. Sie konnte sich aber nicht entschließen, mich zu verlassen, sondern wollte mein Schicksal teilen. Es ist doch ein großes Erleben, in Treue zusammen zu stehen. So kam der 17. März 1945. Das war


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der erste „dies ater” für unsere Gemeinde, an dem wir direkt in die Kriegsereignisse mit einbezogen wurden. Abends kam der Räumungsbefehl für den Kreis. Den Bewohnern des Nachbardorfes Lasswitz gelang es noch, in geschlossenem Treck über die nahe sudetendeutsche Grenze das schützende Gebirge zu erreichen. Wir dagegen wurden auf der durch Trecks und fliehende Wehrmacht verstopften Straße zehn Stunden aufgehalten und, in dem nur eine Stunde Fußweg entfernten Dorfe angelangt, bereits von den Russen erreicht. Wer es vorzog, lieber Wagen und Pferde stehen zu lassen, als den Russen in die Hände zu fallen, entkam in den eine Stunde entfernten Gebirgswald. Um unserer 20jährigen Tochter willen, suchten wir unter Preisgabe der auf dem Treckwagen mitgeführten letzten Habe zu entkommen. Es war ein gefahrvoller Weg unter Maschinengewehr- und Artilleriebeschuß, von Fliegern bedroht, auf dem wir bereits die ersten zerfetzten Soldaten und Pferde trafen. So mancher wurde verwundet. Wir dankten Gott, als wir aus der unmittelbaren Beschußzone heraus waren. Auf eine Straße gelangt, wurden wir von zurückfahrenden Wagen einer Sanitätskompagnie mitgenommen und nächtigten dreimal mit etwa einhundert Soldaten auf der Zeltbahn am Boden des Gasthaussaales. . . .

Am 20. März erhielten wir die Weisung, mit einem Transportauto nach Jägerndorf zu fahren und von dort mit der Eisenbahn weiter. Unser Ziel wurde Mährisch-Schönberg. Der Amtsbruder der großen Diasporagemeinde, selbst nur Vertretungsweise hier, nahm meine Mitarbeit an der durch die hereinströmenden Flüchtlinge stark angewachsenen Gemeinde gern an, und die Pfarrfamilie gab ein Zimmer ab, da meine Frau durch die Strapazen schwer leidend geworden war.

Bei meinen Nachforschungen nach meinen Gemeindegliedern aus der Heimat erfuhr ich, daß der Treck aus Lasswitz durchgekommen und auf den Weg weiter nach Süd-Bayern geleitet worden war. Aus dem Kirchdorf Ellsnig machte ich nur vereinzelte Familien ausfindig, die überall zerstreut waren. Somit war meine Gemeinde aufgelöst, und ich tat die Arbeit weiter, die sich mir in Mährisch-Schönberg bot. Ich hielt hier und im Filialdorf Gottesdienste und Amtshandlungen in der weit ausgedehnten Diaspora.

Dann kam am Sonntag, dem 5. Mai, die Evakuierung sämtlicher Flüchtlinge, da die Russen nun von Süden herankamen. Bald nach dem noch von mir gehaltenen Gottesdienste kamen wir gerade zur Mitfahrt mit dem letzten Transport zurecht, der uns durch die Grafschaft Glatz nach Sachsen bringen sollte. Da die Tschechen aber den Zug nicht mehr durchließen, mußten wir nachts um 3 Uhr den Zug verlassen und wurden auf die Dörfer verteilt. In einem Weberdörfchen im Adersbachgebirge verbrachten wir 14 Tage bei freundlichen katholischen Leuten und kehrten, sobald die Möglichkeit sich dazu bot, nach unserer oberschlesischen Heimat zurück. Zunächst wurden wir mit Transportzug in die Nähe von Glatz gebracht. Weiter war kein Zugverkehr, und wir hatten einen ca. 150 Kilometer langen Fußmarsch bis zum Heimatdorf.

Unterwegs wurden wir von einer russischen Straßenkontrolle festgehalten und die Männer von den Frauen getrennt. Die Frauen durften weiterziehen; ich mit meinem Sohne und eine größere Zahl Männer


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wurden mit Ungewissem Ziel von russischen Soldaten fortgebracht. Unterwegs wurden uns die Wertsachen geraubt, mir Uhr und Trauring weggenommen. Dann wurden wir in Richtung Glatz entlassen. Hier erhielten wir von deutschen Beamten für die Rückreise in den Heimatort einen Ausweis in deutscher und russischer Sprache ausgestellt.

Nach fünf Tagen langten wir in Ellsnig an. Im Pfarrhaus, das durch Beschuß teilweise gelitten hatte, traf ich Frau und Tochter an, die nach anstrengender Wanderung, durch Russen gefährdet, durch Polen unterwegs beraubt, bereits tags zuvor angekommen waren und angefangen hatten, die Küche vom größten Schmutz freizumachen. Das Innere des Pfarrhauses war in solchem Zustande, daß es uns bis zuletzt unmöglich war, es wieder in Ordnung zu bringen.

. . . Von der Gesamtzahl der Evangelischen von 650 traf ich etwa nur ein Viertel an. Es standen zwei Aufgaben vor mir, erstens das kirchliche Leben trotz der Schwierigkeiten, die die polnischen Behörden machten, wieder einzurichten und zweitens für das tägliche Brot selbst zu sorgen wie alle anderen. Niemand hatte das Verfügungsrecht über seinen Besitz, wir Deutschen hatten überhaupt kein Recht, sondern nur die Pflicht, für Polen und Russen ohne Bezahlung zu arbeiten.

Anschließend berichtet Vf. über das religiöse Leben in seinem Kirchenkreis und die Verhältnisse unter polnischer Verwaltung bis zur Ausweisung im Juni 1946.