Nr. 120: Gemeindetreck in das Glatzer Bergland, das dortige Leben der Flüchtlinge und die Rückkehr nach der Kapitulation.

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Bericht des Pfarrers der Gemeinde Rogau-Kosenau, Landkreis Breslau, Walter Gerhard.

Original, August 1949, 9 Seiten. Teilabdruck.

. . . Ende Januar 1945 durchquerten vom rechten Oderufer her die ersten Flüchtlingsmassen in langen Wagenkolonnen unsere Gemeinde. Durch tiefen Schnee stampften Menschen und Vieh, mahlten fast bis an die Achsen die Wagenräder. Auf dem an der Heerstraße gelegenen Dominium Wernersdorf liefen einen Sonntag tausend Menschen ein, ebensoviel wohl im Dorf. Bald wurde auch Rogau-Rosenau durchzogen. Im Pfarrhaus nahmen bis 42 Tag- und Nachtgäste gleichzeitig ihre Zuflucht.

Der Kanonendonner nördlich von Breslau her, aber in der Ferne auch im Osten und Westen vorrückend, hatte uns schon von drei Seiten eingeschlossen, erste Fliegergefechte in der Luft über dem nahen Rosenborner Fliegerhorst und über Rogau selbst und einzelne Bombenabwürfe machten es schon ziemlich unruhig. Da, am Sonntag, dem 11. Februar, brach mit 96 Pferde- und Ochsengespannen das Dorf Rogau-Rosenau selbst auf: Etwa 800 Evangelische mit ihrem Pfarrer und die 100 Katholiken mit dem ihrigen. Rund 200 Kinder und Alte waren etliche Tage zuvor mit einem letzten von Schweidnitz im Pendelverkehr eingesetzten Zuge vorausgesandt worden. Im Glatzer Gebirge in und um Kudowa, unmittelbar an der tschechischen Grenze, trafen sich später Eltern und Kinder wieder.

In den Tagen vor dem Aufbruch hatte sich der grimme Winter in sonniges Vorfrühlingswetter verwandelt. So ging:s durch Zobten, Silinghain, Schwentnig, Kl. Kniegnitz nach Burghübel-Bankwitz, das von Flüchtenden schon stark belegt war, uns aber gastlich mit Hühner- und Putenbraten aufnahm. Nachts leuchtete der Himmel rot vom Brande von Schlössern und Dörfern und von dem 40 Kilometer entfernten Breslau her.

Nach einer kurzen historischen Betrachtung über die Wasserburg von Burghübel schildert Vf. den weiteren Treckweg.

Früh ging es bei kaltem Wind und etwas Schneetreiben durch Kl. Silsterwitz in der Enge zwischen dem Zobtenberg mit seinen Steinblöcken und Felsen und seinem herrlichen Wald auf der einen Seite und dem Wunder-Geiersberg mit seiner noch unter dem Winterkleid schlummernden alpinen Flora und Schmetterlingswelt hindurch aus dem Bereich von Kl. Kniegnitz und damit auch aus der erweiterten Kirchengemeinde Rogau hinaus. Nachdem auch der Költschenberg zur Seite gewichen, traten wir ins weite, fruchtbare Tal von Schweidnitz, Reichenbach, Frankenstein, sahen den Bergwall des Eulengebirges und ganz fern im Glanz der Vormittagssonne unser Ziel: das Glatzer Gebirge.


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150 Kilometer galt's aeben dem Wagen dahinschreitend zu überwinden! Wie merkwürdig arm und getröstet dies tagelange Wandern über hartgefrorenes Land durch Dörfer und die Städte: Reichenbach, Frankenstein zum Warthepaß hinan. Dort auf zugiger Höhe stärkte uns und andere stumm durchziehende Trecks die Wehrmacht mit warmer Gemüsesuppe. Im ganzen waren unsere Übernachtungen Burghübel, Hennersdorf, Habendorf, Olbersdorf bei Frankenstein, wo wir Fliegerangriffe sahen und Bomben krachen hörten, aber selbst keine Verluste erlitten. Dann Giersdorf im Glatzer Gebirge, Rauschwitz und Goldbach. Natürlich konnten mehrfach nicht alle 96 Wagen im gleichen Dorf unterkommen. Manchmal brauchten wir auch einen Ruhetag. Am 21. Februar traf der Treck geschlossen im Gebiet von Kudowa ein und wurde dort und in den ringsum liegenden Gebirgsdörferu untergebracht, z. B. Gellenau, Tanz, Grenzeck, Groß-Georgsdorf. Niemand war zu Schaden oder zu Tod gekommen. .. .

Als die Einwohner von Rogau-Rosenau ihr stolzes Dorf und die fruchtbaren Ländereien verließen, geschah es in stummem Schmerz. Wohl kein Wort wurde laut über alles, was dahin war. Aber Klagen waren viel zu hören: Was wird bloß aus all dem Vieh? Das Dominium1) hatte tags zuvor seine 100 Stück Rinder und Jungvieh schon abgetrieben. Hühner, Gänse, Enten, Puten, Tauben mochten sich schon helfen. Aber was sollte mit den 900 Stück Rindern werden, die an Ketten in den Ställen festgebunden, was mit den 450 zurückgelassenen Schweinen?

Vf. vermerkt, daß das zurückgelassene Großvieh anfangs zwar noch notdürftig versorgt wurde, später aber im Laufe von Kampfhandlungen zum größten Teil umgekommen ist bzw. von Zurückgebliebenen und den Russen abgeschlachtet wurde.

Das berühmte Herzbad Kudowa — unmittelbar an der tschechischen Grenze gelegen — beherbergte sonst in der Hochsaison 2 000 Kurgäste, nun war es mit 12 000 Flüchtlingen überbelegt. Es bekamen manche ein hochmodernes Kurgastzimmer . . ., mancher ein Unterkommen an steiler Bergstraße in bescheidenstem Gebirgshäuslein. Manche Frauen mußten zu 18 gemeinsam an einem großen Herd kochen, manche hatten einen kleinen eigenen Herd.

Wir Pfarrersleute waren wegen Fohlens eines Zugpferdes erst acht Tage nach dem ganzen Treck in Kudowa angelangt und fanden, wunderbar uns aufbewahrt, ein gutes Zimmer. Gleich am Sonntagnachmittag hielt ich in der evangelischen Kirche auf dem fichtenbestandenen Kapellenberg den ersten Gottesdienst für meine Rogauer Gemeinde, für die mit in Kudowa angesiedelten Zobtener und sonstigen Flüchtlinge, und dann weiter jeden Sonntagnachmittag bis zum Tage vor unserem Rücktreck.

Seelsorgliche Tätigkeit führte den Vf. auch zu Flüchtlingen in benachbarten Dörfern. Dabei traf ich auch die wenigen Kapsdorfer an, die dem harten Geschick der meisten ihrer Dorfgeuossen entgangen waren. Dieses Rogauer Außendorf war seinerzeit vom angefangenen Treck wegen Nachtunterkunftsschwierigkeiten triumphierend zurückgekehrt. Freilich in arger Verkennung der ernsten Lage. Bei neuem Treckversuch im Morgengrauen von den Russen überrascht und zurückgezwungen, erlebten sie Furchtbares nun durch Monate.


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Im Zufluchtslande unserer ersten Vertreibung gestaltete sich eigenartig die soziale Schichtung. Die allermeisten hatten alles verloren und lebten von geretteten Ersparnissen und dem Rest der Vorräte. Noch immer, wie in den Wochen der Wanderung, zogen wir Lebensbedarf und neue Kleidung aus den im Wagen gestapelten Koffern und Säcken hervor: Komische Kletterei zum Wagen hinauf, demütigendes Wühlen im Halbdunkel unter dem Wagenzelt. Stets staunte man, von innerer Spannung gelöst, daß nichts draußen abseits vom Hause gestohlen war. Geheimnisvolles Leben an der Grenze zwischen Haben und Nichthaben! Aber die Alteingesessenen wohnten — fremdartig und unwirklich anzusehen — noch in ihren übervoll eingerichteten Häusern, hatten das altgewohnte Einkommen oder durch die 12 000 Käufer ein Vielfaches davon.

Als leeres Gerücht erwies sich, was unten im Tal erzählt worden war, daß die allzuvielen Leute in den Bergen schon im Schnee im Walde schlafen müssen, daß im Gebirge das Brot 50 Mark kostet. Das Brot hatte noch wie alles den alten Preis. Sogar kostenfreie Zuteilung gab es wiederholt an Weizen, Kartoffeln oder Fleisch für die Dörfler unternehmender Treckführer, wenn sie mit wagemutigen Männern in Kolonnen zu Tal gefahren, aus verlassenen Dörfern Lasten von -zig Zentnern heraufbrachten! Aus Zobten förderte ein Lastauto Kleider und Wäsche, brachte atemlos aufgenommene Nachricht: Unten gleich hinter dem Zobtenberge liefe die Front zwischen der Stadt und Rogau-Rosenau, mit dem Fernrohr sähe man die Russen im Dorf!!

Nach einer kurzen Bemerkung über eine interne Abmachung unter den Pfarrern im Glatzer Kirchenkreis fährt Vf. in der zusammenhängenden Darstellung fort.

Während wir im Glatzer Raum kaum etwas vom Kanonendonner hörten, wurde unten unser Rogau ins eigentliche Kriegsgebiet einbezogen. Gerade dort verlief ja vom 28. Februar 1945 bis zur gesamtdeutschen bedingungslosen Kapitulation die Hauptkampflinie entlang dem uns alibekannten Jordansmühl, Johnsberg, Steinberge, Zobten, Marxdorf, Strehlitz, Domanze. Ruinen dieser Ortschaften, Flugzeugtrümmer, viele zerschossene Panzer, z. B. bei Steinberge 16, ausgedehnte Minenfelder zeugten noch lange nach unserer späteren Rückkehr von der Erbitterung der Kämpfe. An der langen Maß fanden wir bei einem Panzer fünf tote deutsche Soldaten. Leider hatte keiner der Kriegsgefallenen eine Erkennungsmarke, einer mit einem Notizbuch wurde den Angehörigen gemeldet, neben einem lag das Feldgesangbuch als Zeichen seines letzten Trostes.

Wir im Glatzer Land erlebten den Einmarsch des Russenheeres am 8. Mai und wurden ziemlich glimpflich behandelt, obgleich auch einzelne Plünderungen, Gewalttaten, Erschießungen und im Zusammenhange damit auch Selbstmorde vorkamen. Der Gesamteindruck war freilich entsetzlich, besonders auch der Durchmarsch und zum Teil die wilde Flucht des vordem so stolzen deutschen Heeres über die tschechische Grenze.

Am ersten Pfingstfeiertag 1945, am 21. Mai, erhielten wir vom russischen Kommandanten die Erlaubnis, am zweiten Feiertag zur Heimkehr aufzubrechen. Ausgestattet mit russischen Ausweisen, dazu mit weißen und


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roten Fahnen an den Wagen. Wir wurden von russischem Militär umschwärmt, das sich aber nur für Wegnahme von Taschenuhren, Fahrrädern, Autos und etlichen Pferden interessierte. Mit Entsetzen sahen wir alle deutschen Anschriften an den Straßen durch unleserliche russische ersetzt. Endlos war der steile Aufstieg zum Yolgersdorfer Pländel am Eulengebirge samt Abstieg nach Langenbielau. Hier verteilte sich der Zug der Wagen in einzelne Gruppen. Je näher wir dem Kampfgebiet kamen, desto mehr fanden wir die Spuren des Krieges. Unheimlich die verlassenen Dörfer wie Dreißighuben. Es begegneten uns Leute, die mehr als fünf Kilometer weit wanderten, um Brot zu kaufen.

Von der Gorkauer Höhe am Zobtenberge sahen wir ergriffen unser Kirchdorf wieder mit den noch ragenden Türmen und der Kirche und die anderen Ortschaften im weiten Land. Erst näherkommend erkannten wir: In unserem Rogau—Rosenau die evangelische Kirche ein Drittel zerstört, die katholische und das Schloß ausgebrannt, drei Viertel des vordem l 100 Einwohner fassenden Dorfes mehr oder weniger zerschossen. Das evangelische Pfarrhaus gehörte zu den besterhaltenen Gebäuden; nur die Fenster fehlten, die beiden Giebel waren zerschossen, das übrige Dach konnte ich mit 200 Flachwerken eigenhändig regendicht machen, die ich dem stark mitgenommenen Wirtschaftsgebäude entnahm. Im Dorf und Garten Granattrichter, zerschossene Bäume, zerbrochene Mauern und Zäune, Viehkadaver überall, gefallene deutsche Soldaten ringsum, die 14 Tage oder länger gelegen. Unbeschreibliche Massen großer Fliegen, schlechte Luft. Das Pfarrhaus an Möbeln halb leer, an Wäsche, Kleidern und Büchern so gut wie ganz leer. Hinter dem Hause eine zehn Meter lange, l bis 1½ Meter hohe Schanze von Wäsche, Kleidern, Büchern, Viehteilen, Flüchtlingsgut, Hausgerät, seit Monaten modernd. Plünderungen durch durchziehende Russen waren weniger in Rogau, aber in den fünf Außeadörfern der Kirchgemeinde eine große Plage. In Wernersdorf, wo die Einwohner nur noch unter Trümmerhaufen lebten, war das Plündern bei Tag und Nacht so schlimm, daß die Einwohner in das mehr abseits von der Heerstraße gelegene Gr. Mohnau sich hinüberretteten.

Die nachfolgende Schilderung betrifft die Verhältnisse unter polnischer Verwaltung und die Vorgänge bei der Ausweisung.