Nr. 121: Einleitende Bemerkungen geben Auskunft über die geographische Lage der Heimatgemeinden Nieder- und Oberstruse.

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Bericht des Bauern Paul Kramer aus Oberstruse, Landkreis Breslau. Photokopie, 9. Oktober 1952, 18 Seiten. Teilabdruck.

Räumungsbefehl, Dorftrecks ins Glatzer Bergland und Heimkehr nach der Kapitulation.

Auch als die örtliche Parteileitung am 24. Januar 1945 in Beratung mit den zum Amtsbezirk gehörenden Amts- und Gemeindevorstehern sowie den Ortsbauernführern die evtl. Evakuierung der Bewohner in Aussicht stellte


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und Maßnahmen zur Durchführung des Abtransportes der Bevölkerung festgesetzt wurden, glaubten selbst die Führenden nicht, daß unsere so stillen, abseits gelegenen Dörfer in das Kampfgebiet kommen sollten. Obwohl die Einwohnerschaft mit dieser möglichen Evakuierung bekanntgemacht wurde, kam der Räumungsbefehl durch die Kreisleitung unerwartet schnell schon am 27. Januar 1945 um 16.00 Uhr: die Ortschaften müssen bis heute 24.00 Uhr geräumt sein mit Ziel Hausdorf bei Neurode, Kreis Glatz.

Wenn auch die einzelnen Familien benachrichtigt waren, welche Wagen bzw. Gespanne sie zu benützen hatten, verzögerte sich die Abfahrt. Als auch gegen Abend ein gewaltiger Schneesturm einsetzte, der ebenfalls die Beladung der Treckwagen behinderte, erfolgte die Abfahrt des Oberstruser Trecks um 2.00 Uhr nachts bei größtem Schneetreiben und Kälte; die Fahrt ging über Mettkau, Mohnau, Strehlitz, Weizenrodau, Schweidnitz; hier wurde das erstemal übernachtet, die Frauen und Kinder auf Strohgemüll in einem kalten Kinosaal unter viel fremdem Volk, die Männer mußten bei den Pferden und Wagen Wache halten. Am nächsten Tag kam der Treck wegen des hohen Schnees, entgegenkommenden Militärs und Organen der bereits in Auflösung befindlichen Abteilung Todt nur bis Reichenbach a. d. Eule; hier versorgte die NSV. die kleinen Kinder und alte gebrechliche Leute mit Milch und warmem Essen.

Am andern Tag ging es weiter bis Weigelsdorf, Kreis Reichenbach . . . Am 30. Januar 1945 war Ruhetag, die Einwohner waren hier sehr hilfsbereit und die Aufnahme der ausgefrorenen Menschen mit Verpflegung gut. Hier mußte der Treck geteilt werden, weil die Auffahrt ins Gebirge nach Hausdorf nur mit Vorspann möglich war, die Ankunft dort war am 31. Januar und 2. Februar 1945, die Aufnahme und Unterbringung bei meist kleinen Gebirgshaushaltungen war gut organisiert und gut.

In Oberstruse blieben durch eigene Schuld freiwillig 27 Personen zurück; 24 Personen konnten sich mit der Bahn nach dem Westen in Sicherheit bringen.

Die Gemeinde Niederstruse, die sich nicht an die Verordnung hielt, treckte bei Tage am 28. Januar 1945 und kam bis Weizenrode, Kreis Schweidnitz. Dort wurden sie uneinig und fuhren zurück nach Niederstruse. Sie treckten dann das zweitemal — als ein russischer Spähtrupp bis in Gillners Gasthaus gekommen war, sich aber bald wieder zurückzog und der Geschützdonner immer näher kam — am 8. und 9. Februar 1945, nachdem die letzten Wagen bereits unter russischem Beschuß lagen, und kamen am 12. und 13. Februar 1945 in Hausdorf mit den Gemeinden Mettkau und Lorzendorf an. Ein Großteil der Einwohner von Niederstruse blieb freiwillig zurück in der Meinung, die Russen sind auch Menschen; die Zahl der Zurückgebliebenen konnte nicht mehr festgestellt werden. Deshalb sind die Verluste der Zivilbevölkerung in Niederstruse durch Erschießung hoch, drei Männer, drei Frauen. Hier folgen die Namen.

Nach einer ausführlichen Darstellung der im Zuge von Kampfhandlungen in den Heimat gemeinden eingetretenen Sachschäden und Verluste unter den Zurückgebliebenen fährt Vf. fort:


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Als ein Tag vor dem Waffenstillstand russische Truppen in unsern Zufluchtsort Hausdorf einrückten, sprengte ein deutsches Kommando gegen Abend den großen Eisenbahnviadukt zwischen Bad Zentnerbrunn und Neurode, was schwere Folgen auch für uns Evakuierte haben konnte, die Treckleitung beschloß daher, sobald wie möglich nach der Heimat zurückzufahren. Zu diesem Zweck sprach der Unterzeichnete mit Amtsvorsteher Seifert aus Lorzendorf bei dem russischen Militärkommandanten in Hausdorf vor um Genehmigung der Zurückführung der Trecks, was dieser auch sofort genehmigte. Die Abfahrt war auf den 14. Mai 1945, 6.00 Uhr früh, testgesetzt. Während der Besprechung bei der Kommandantur waren von den Evakuierten Miesmacher am Werk und hatten für morgen das Trecken abgesagt, weil angeblich 15 000 bis 20 000 mongolische Truppen auf unserer Bergstraße heraufkommen sollten. Als aber in der Nacht die mit uns getreckten polnischen Arbeiter bereits vier beste Gespanne mit Wagen usw. forlgenommen hatten und die Gefahr bestand, daß uns die Russen die übrigen wegnehmen könnten, waren die Miesmacher eines Besseren belehrt; die Abfahrt erfolgte dann um 1.00 Uhr mittags, und wir kamen gegen Abend unangefochten, ohne Truppen zu begegnen, über Peterswaldau in Faulbrück an, wo übernachtet wurde. Die Niederstruser fuhren über Reichenbach bis Hennersdorf, wo sie übernachteten, und kamen deshalb einige Stunden früher nach Struse zurück.

Der Abschied von Hausdorf war recht herzlich, die Quartiergeber, alles kleine Handwerker und Arbeiterfamilien, vergossen Tränen, wurden sie doch mit unsern Treckgespannen, die ständig nach Räumungsgut, Kartoffeln usw., zu Land fuhren, mit Lebensmitteln versorgt, weil wegen der hohen Gebirgslage der Boden wenig Ertrag bringt und der Ort mit den Evakuierten aus vier Gemeinden überbelegt war.

Der Oberstruser Heimattreck ging von Faulbrück über Hennersdorf, Költschen, Esdorf, Groß Wierau, Kaltenbrunn, Krotzel, Qualkau, hier blieb Inspektor Günter mit dem Dominium und Nitsches Wagen zum Übernachten zurück, weil dessen Pferde schon zu matt waren und gesagt wurde, die Brücken über Weistritz und Striegauer Wasser seien nicht mehr, und Umweg über Fürstenau oder noch weiter gemacht werden müßte, was sich aber nicht bewahrheitete, denn es waren überall Notbrücken geschlagen worden. ...

Wir kamen noch bei Tage im Heimatdorf, am 15. Mai, wohlbehalten an, aber der Anblick unseres so schön verlassenen Besitzes war erschauernd, alles totenstill, kein Laut, wie ausgestorben: vier scheue Tauben und die Katze waren noch da, alles andere Vieh weg, in den Stuben die Möbel zerschlagen oder standen auf dem Kopf, kein Stück unbeschädigt; die Keller bis oben hin voll Unrat, zerbrochenes Geschirr, Hausrat, Kleidung vermischt mit Asche, Heu, Stroh, Kartoffelschalen, überall in Ställen Misthaufen bis an die Decke, vermischt mit allem Möglichen, die Zäune umgelegt oder ganz verschwunden, alle Wirtschaftswagen und Geschirre und Treibriemen von Maschinen weg; dazu der Anblick der durch die Explosionen abgedeckten und durch Beschuß beschädigten Häuser, überall Greuel der Verwüstung.


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Aber kein Russe war zu sehen, alle fort. Die nicht mitgetreckten Zurückgebliebenen nahmen mit gemischten Gefühlen unser Wiederkommen auf; die nach Hausdorf Getreckten kehrten alle wieder in die Heimat zurück.

Nun hieß es, wieder Mut zu fassen und neu anzufangen. Mit den wenigen zurückgebrachten Zugtieren wurde bald mit der Feldbestellung begonnen und in den Häusern wieder Ordnung gemacht; da kein Feind zu sehen war, dachte jedes, daß alles wieder gut werde. Da die beiden Gemeindebürgermeister von Nieder- und Oberstruse im Januar mit evakuiert wurden, waren beide Gemeinden ohne ordnungsmäßige Verwaltung. Während der Russenkampfzeit und -besatzung hatten der zurückgebliebene Paul Kunert und seine Frau, der damals zweiter Gemeindeschöffe war, vom russischen Kommandanten dessen Aufträge auszuführen, die Durchsuchung der Wohnungen und Häuser nach Wertgegenständen, Uhren, Nähmaschinen, Säcken, Getreide-Vorräten vorzunehmen; alle Uhren wurden restlos fortgenommen, Nähmaschinen desgleichen, die noch stehengebliebenen unbrauchbar gemacht.

Von den Zurückgebliebenen wurden im März - April 1945 eine Anzahl, aus Oberstruse acht Personen, aus Niederstruse zehn, vom Russen zur Arbeit nach dem Kreise Oels und Oberschlesien verschleppt. Diese kehrten jedoch im Herbst und Winter 1945 einzeln in die Heimat zurück. Volkssturmmann Heinrich Stoll, der sich von seinem Vieh nicht trennen konnte, wurde bald vom Russen verschleppt, und fehlt bis jetzt jede Nachricht von ihm. Von den mit der Bahn nach Westen in Sicherheit Gebrachten ist keine Person nach dem Waffenstillstand in die Heimat zurückgekommen1).

Anschließend berichtet Vf. über die Schreckenszeit unter polnischer Miliz-Herrschaft, das Eintreffen polnischer Siedler und die Verhältnisse unter polnischer Verwaltung bis zur Ausweisung.