Nr. 122: Leiden der zurückgebliebenen Bevölkerung durch Gewaltakte russischer Soldaten, Zwangsarbeit für die russische Besatzungstruppe.

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Erlebnisbericht von Frau G. F. aus Kanth, Landkreis Breslau.

Original, 10. Dezember 1951.

Am 8. Februar 1945 in der Nacht gegen 4.00 Uhr brach der Russe in Kanth bei Breslau ein. Zuerst kamen die schrecklichsten Teufel in der Nacht, u. a. Kosaken, Mongolen, Asiaten — meist betrunken — in sämtliche Wohnhäuser, zertrümmerten die verschlossenen Haus- und Stubentüren mit Maschinenpistolen oder ihren Stiefeln und brachen ein; wie Bestien herrschten sie in ganz Kanth (25 Kilometer vor der Festung Breslau, wo das größte Schlachtfeld war); vom 8. Februar bis 8. Mai 1945, also drei lange Monate, haben wir gelitten wie in der Hölle. Alle Sachen in den Wohnungen wurden zerwühlt, die Schränke zerschlagen, die Federbetten mit Säbeln auf-


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geritzt, daß überall Federn herumlagen, die Wäsche überall wurde zertrampelt, vollgesudelt mit Kot usw. und zu den Fenstern hinausgeworfen. Tag und Nacht wurden wir Frauen vergewaltigt, aber wie! — In der ersten Nacht vom 8. zum 9. Februar haben mich zwölf Kerle so groß und stark vergewaltigt, daß ich mich dauernd erhängen wollte, hatte aber keine Gelegenheit, weil ständig Russen ein und aus in die Hauser gingen.

Gemordet haben sie unzählige Menschen, den zweiten Tag gleich unsern Erzpriester, Dr. Ad. Moepert in der Pfarrwohnung, weil er die Ordensschwestern, sieben ältere Graue Schwestern, vor dem Vergewaltigen schützen wollte. Mit der Maschinenpistole haben sie ihm das Genick zerschlagen. Frauen, die zu den Fenstern hinaussprangen, um sich vor den Bestien zu schützen, haben sie nachgeschossen (viele waren verwundet), manchen den Schädel eingehauen. Am andern Tage wurden viel Männer verschleppt. Sämtliche Männer bis 60 Jahre mußten vorn an die Front — auch wir Frauen - schachten, schanzen, die toten Russen bergen, Gräber bauen, verwundete Russen bergen . . . Männer im Ansehen, daß sie gut aussahen, wurden sofort erschossen, da sie als Kapitalisten bei denen galten. Den Verwalter von der großen Kulmiz-Firma, Herrn Nowe, haben sie sofort erschossen, ein Postbeamter Lindner tagelang in den Keller gesperrt, dann langsam krepieren lassen (sterben kann man nicht sagen). — Jede Minute brannten sie Grundstücke nieder . . .1). Wir Frauen mußten früh um 6.00 Uhr antreten, dann ging es los an die Arbeit, meist Mißhandlungen, oft wurden wir jüngeren, ich war seinerzeit 40 Jahre, weggeholt für die Offiziere und auch andere Bestien zum Vergewaltigen, aber wie, gleich immer fünf bis sechs Kerle; dann in der Nacht schliefen wir nie, da ständig Russen durch Kanth kamen . . .

In der einen Nacht brannten sie Grundstücke ab, so daß ganz Kanth räumen mußte, und mit unserer Habe, das, was wir Tag und Nacht am Leibe trugen, ging es von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf2). Eine Nacht, es war, glaube ich, Ende Februar, wurden drei Frauen, darunter ich, in ein Lazarett von zwei Rusen geholt, dort lagen in ca. 15 Betten leichte Verwundete; dort wurde ich und eine Frau K. und eine Frau S. von einem Bett zum andern geworfen vor die Bestien, dort haben sie uns von einem Bandit zum andern vergewaltigt, bis wir nichts mehr wußten, uns schwer angebrüllt und dann die Treppe heruntergestoßen, daß ich völlig erledigt war, nicht mehr sprechen und denken konnte. In der Nacht habe ich mich dann mit Quadronox vergiftet (ca. 10 Pillen), bin nach drei Tagen leider wieder zur Besinnung gekommen. Wir waren alle miteinander der Verzweiflung nahe, jedenfalls jede Frau und Mädel wurde schrecklich zugerichtet. Fräulein Maria Kügler aus Kanth haben sie solange vergewaltigt, daß hinten und vorn alles heraushing, und ist unter gräßlichen Schmerzen gestorben.


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Anschließend sagt Vfn., sie könne die furchtbaren Erinnerungen nicht weiter niederschreiben, und berichtet noch kurz, daß sie einige Tage nach der Kapitulation zurückkehren konnte und — durch die Schrecken und Leiden während der schweren Zwangsarbeit, die erlittenen Mißhandlungen und Vergewaltigungen seelisch und körperlich zerbrochen — noch Jahre später ständig von Selbstmordgedanken gequält wurde.