Nr. 123: Vorgänge im Zuge der Evakuierungsmaßnahmen und bei der Rückkehr eines in die Tschechoslowakei geflüchteten Trecks.

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Bericht des Kreisbürodirektors a. D. Martin Frommer aus Neumarkt i. Niederschles.

Original, 30. April 1950, 5 Seiten. Teilabdruck.

Dem nachfolgenden Abdruck gehen einige Bemerkungen über die militärischen Vorgänge im Januar/Februar 1945 voraus.

Die planmäßige Räumung der Stadt Neumarkt wurde durch die Kreisleitung angeordnet, leider viel zu spät, nämlich erst am 27. Januar 1945. Der Abtransport der Bevölkerung wurde im Kreise Neumarkt abschnittsweise durchgeführt, zuerst der Teil nördlich der Stadt, sodann Stadt Neumarkt und nähere Umgebung und schließlich der Südteil des Kreises. Die Bevölkerung wurde teils durch Trecks auf der Landstraße, teils durch Eisenbahnfahrt in das Sudetenland gelenkt. Der Landstraßentreck, bei dem sich der Verfasser dieses Berichts befand, zog am 27. Januar 1945 mittags aus der Heimatstadt Neumarkt über Jauer—Bolkenhain—Landeshut—Liebau nach Trautenau. Hier sollten wir bleiben; es hieß aber, es sei bereits alles überfüllt, und wir mußten weiter trecken durch das Protektorat (Tschechoslowakei) bis nach Leitmeritz. Auch hier wurden wir weiter abgeschoben. In Saaz wurden wir auch nicht dabehalten, es ging weiter bis ins Egerland (über Podersam) bis in den Kreis Tachau (Gegend um Karlsbad/Marienbad). Sechs Wochen lang waren wir unterwegs, bei Schnee und Eis, bei Kälte und Regen.

Von der Neumarkter Bevölkerung konnten sich rechtzeitig nur diejenigen in Sicherheit bringen, die ein eigenes Personenauto besaßen. Die Kreisleitung hatte alle Lastautos, Pferdelastwagen und Pferdefuhrwerke beschlagnahmt. Aber die Kreisleitung verweigerte auch die Abreise mit der Eisenbahn; eine Fahrkarte erhielten nur diejenigen, die von der Kreisleitung besondere Genehmigung erhielten; das waren nur wenige. Im allgemeinen galt der, der Miene machte, abzureisen, als feige! Denn es bestehe doch keinerlei Gefahr! Dabei hörte man schon Mitte Januar das Grollen der russischen Geschütze von Breslau her.

Ein Teil der Zivilbevölkerung, etwa 10 bis 15 Prozent, blieb freiwillig weiter in Neumarkt, manche wollten noch abwarten, denn die Kreisleitung gab eine Parole aus, die Lage der deutschen Streitkräfte sei „blendend!”


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Viele sagten, sie wollten lieber daheim bleiben, um dem weißen Tod des Erfrierens auf der Landstraße zu entgehen, denn alle Straßen seien schon verstopft, und die Flüchtlinge müßten auf freiem Felde in Schnee und Eis kampieren.

Ein Teil der Abwartenden wurde dann noch abbefördert, z. B. auch die Kranken aus den Krankenhäusern mit Lazarettzügen. Diese Ärmsten erlebten dann die grausigen Bombenangriffe in Dresden.

Die Behörden wichen z. T. in die Gegend südlich der Stadt Neumarkt aus (z. B. auch die Kreisleitung). In Gäbersdorf, Kreis Neumarkt, soll sie der Russe überrascht haben, wobei manche Personen ums Leben gekommen sind.

Der Direktor der Kreis- und Stadtsparkasse, Erich Girke, schrieb mir, daß er der Letzte gewesen sei, der das Lokal der Sparkasse verlassen habe. Er habe alle Gelder, Wertpapiere. Wertsachen, Urkunden, Konten u. dgl. rechtzeitig in Kisten verpacken lassen. Die Kisten standen alle zum Verladen bereit, aber es sei kein Lastwagen mehr zu bekommen gewesen, so daß alles Sparkassengut den eindringenden Russen in die Hände gefallen sei. Wieder andere (z. B. ein Teil der Kreisleitung) wichen in die Festung Breslau aus.

Der Hauptteil der Flüchtlinge zog ins Sudetenland, viele aber suchten Zuflucht bei ihren Verwandten oder Bekannten in Thüringen, Sachsen oder Westdeutschland.

Nach der Kapitulation (9. Mai 1945) erhoben die Tschechen ihr Haupt, der tschechoslowakische Staat wurde wieder ausgerufen, und es wurden alle deutschen Flüchtlinge Pfingsten 1945 aus der Tschechei ausgewiesen. Wir wurden in Viehwagen, offene Kohlenwaggons gepfercht und 14 Tage lang auf den Eisenbahnschienen über große Umwege herumgefahren: über Dresden, Cottbus, Primkenau kamen wir Anfang Juni 1945 in Liegnitz an. Weiter fuhr der Zug nicht. Unterwegs wurden wir von den Tschechen, den Polen und den zurückflutenden Ostarbeitern ständig bedrängt, ausgeplündert und in Angst und Schrecken versetzt. Zu Fuß marschierten wir dann von Liegnitz aus in unsere Heimatstadt Neumarkt, wo wir am 5. Juni 1945 eintrafen.

Die nicht mit der Bahn in Richtung Heimat fortkommen konnten, treckten weiter westwärts und überschritten die bayrische Grenze, sie fanden in Bayern Unterkunft. Wir waren glücklich, noch rechtzeitig den nun einsetzenden haarsträubenden Greueltaten der Tschechen gegen die Deutschen entgangen zu sein. Ein Teil der Flüchtlinge kam in Gemeinschaftslager, die im Sudetenland aufgemacht wurden. Diese Flüchtlinge sind erst viel später — wohl erst nach Jahresfrist — in die russische Zone verfrachtet worden.

Anschließend gibt Vf. einige Tatsachen zur Kenntnis, die die Verhältnisse in der Zeit der russischen Besatzung und unter polnischer Verwaltung charakterisieren.


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