Nr. 124: Evakuierung der Stadtbevölkerung ins Riesengebirge und Ende Februar weiter nach Nordböhmen; dortige Vorgänge nach der Kapitulation, Abtransport der Flüchtlinge nach Sachsen und Heimkehr.

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Erlebnisbericht des Pfarrers G. S. aus Neumarkt i. Niederschles.

Beglaubigte Abschrift eines Berichts an die vorgesetzte Dienststelle, 27. Mai 1950, 10 Seiten. Teilabdruck.

Als im Januar 1945 die Flut der russischen Heere unser Schlesierland überschwemmte, mußten auch wir die geliebte Heimat verlassen. Von der rechten Oderseite kommend, wälzte sich etwa vom 20. Januar ab ein ständig wachsender, ununterbrochener Flüchtlingsstrom bei Tag und Nacht durch die Straßen unserer kleinen Kreisstadt Neumarkt i. Schles. Auf Lastwagen und hochbepackten Fuhrwerken, mit Handwagen, Schlitten oder umgekehrten Tischen und sonstigen Behelfsfahrzeugen, mit Hausrat und Betten beladen, zogen in eisiger Kälte die vermummten Gestalten der Flüchtenden in fast unabreißbarer Kette vor unseren erstarrten Augen vorüber nach Westen. In aller Eile wurde eine Verpflegungsstelle für die Durchziehenden eingerichtet und bewährte sich sehr gut. Viele konnten mit heißen Getränken, Suppe und Broten versorgt werden.

Mit banger Sorge sahen wir den Tag herankommen, an dem auch für uns die Abschiedsstunde schlagen würde. Bald wurde auch die etappenweise Evakuierung der Stadt und aller nach der Oder zu gelegenen Ortschaften angeordnet. Zuerst sollten die Alten, Kranken sowie die kinderreichen Familien abtransportiert werden. Zu ihnen gehörte auch meine Familie. Der Aufbruch war für den 27. Januar festgesetzt. Mit beklommenem Herzen standen in den Morgenstunden dieses Tages die zahlreichen für die Evakuierung Bestimmten auf dem schneebedeckten Marktplatz. Von Norden her war wiederholt Geschützdonner hörbar. Der Feind rückte näher. Die von Mund zu Mund weitergegebene Nachricht, daß die Familie S. sich aus Angst vor dem Russen in der Nacht vergiftet, daß eine Reihe angesehener Bürgerfrauen sich erhängt hätten, legte sich wie ein Alpdruck auf die ganze Stadt. Endlich begann der Abtransport mit Autobussen zu dem sechs Kilometer entfernten Kleinbahnhof Schöneiche, von dort weiter mit einem Güterzug nach dem Riesengebirge. Die Trennung von meiner Familie war schmerzlich, aber ich befahl sie alle, meine Frau, meine fünf Kinder, von denen das jüngste noch nicht drei Jahre alt war, und meine Schwiegermutter in Gottes Schutz und kehrte nach der Stadt zurück, wo ich mich dem Roten Kreuz zum Abtransport von alten und kranken Gemeindegliedern mit Kraftwagen zur Verfügung gestellt hatte. Doch es kam nicht mehr dazu, da die betreffenden Wagen mit eingefrorenem Motor irgendwo steckengeblieben waren.

Am folgenden Tage, einem Sonntag, stieg die Verwirrung in der zurückgebliebenen Bevölkerung durch die plötzlich auftauchende Schreckensnachricht, daß der Russe im Westen in der Gegend von Maltsch die Oder überschritten, die schwachen deutschen Linien durchbrochen und den Fluchtweg nach Südwesten abgeschnitten habe. Die Ratlosigkeit wuchs; in Eile wurden Akten und Einrichtungsstücke des Landratsamts auf Lastwagen verladen; die Krankenhäuser wurden völlig geräumt; einige Volkssturm-


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männer und Parteifunktionäre sah man, mit Panzerfäusten bewaffnet, nach Westen marschieren. In einem Zug Kriegsgefangener wurden, so erzählte man sich, alle, die zerlumpt und entkräftet liegen blieben, auf Befehl des Kreisleiters erschossen; dafür hat man ihn einige Zeit später in Breslau aufgehängt.

Kurz nach Mittag erfolgte auch der Aufbruch des Roten Kreuzes, dem ich zugeteilt war. Wir erreichten in Schöneiche noch einen zur Abfahrt bereitstehenden Zug mit zum Teil offenen Güterwagen und gelangten in etwa elfstündiger Fahrt bei eisiger Kälte, in der einige Säuglinge erfroren, über Striegau, Bolkenhain, Märzdorf spät in der Nacht nach Landeshut i. Rsgb. Am nächsten Tage gelang es mir, meine Familie in einem Massenquartier in Liebau wiederzufinden, und wir durften seitdem in all den folgenden Unruhen zusammenbleiben.

Am 9. Februar machte ich nach achttägiger Erkrankung noch einmal den Versuch, nach Neumarkt zurückzukehren, da verlautete, es sei noch nicht besetzt, gelangte aber nur bis Striegau und dort in zurückflutende deutsche Truppeneinheiten, da gerade in dieser Nacht russische Panzer auf der von Liegnitz nach Breslau führenden Autobahn durchgebrochen waren, um Breslau von Westen her in die Zange zu nehmen, so daß die Verbindung nach Neumarkt nun endgültig abgeschnitten war und nur die Rückkehr nach Liebau übrigblieb. — Zwei Tage später erlitt Vf. einen Unfall.

Nach nur dreitägigem Aufenthalt in Hohenelbe wurde unser Flüchtlingstransport Ende Februar in Richtung des nordwestlichen Sudetengaus weitergeleitet, kam aber wegen Überfüllung der dortigen Gegend schon vorher in der Bezirksstadt Laun zum Halten. In der Nähe von Laun wurden wir, etwa 250 Personen, in dem kleinen tschechischen Dorf Riwitz ausgeladen und in verschiedenen Massenquartieren: Schulräumen, Gasthaussälen und einer Turnhalle untergebracht. Eine Organisation mit Lagerleitung, Küche, Krankenstube usw. kam bald in Gang, und das anfängliche Mißtrauen der tschechischen Bevölkerung wich allmählich, so daß wir schließlich mit den meisten Dorfbewohnern in friedlichnachbarlichem, mit einigen Familien sogar in freundschaftlichem Verhältnis lebten.

Vf. berichtet dann noch kurz über seine seelsorgerische Betreuung der Flüchtlinge, wobei ihm tschechische Priester Hilfe leisteten.

Daß die militärische Lage immer ernster und bedrohlicher wurde, spürten wir allmählich auch in unserem abgelegenen Dörfchen. Fast täglich zogen riesige Bombengeschwader von Süden her über unsere Köpfe, und wir hörten dann die Detonationen der Bomben im nördlich gelegenen sudetendeutschen Industriegebiet. Trotzdem suchte die Partei noch bis zuletzt den Anschein völliger Sicherheit zu erwecken. So wurde noch am 19. April die Jungvolkverpflichtung der Zehnjährigen, zu denen auch meine zweite Tochter gehörte, mit einem Propagandamarsch in Laun durchgeführt, am Hitler-Geburtstage eine öffentliche Kundgebung im Flüchtlinglager und sogar noch nach dem 1. Mai eine Trauerfeier für den „gefallenen” Führer veranstaltet.

Aber dann brach auch in dem tschechischen „Protektorat” nach einigen Tagen unheildrohender Stille der Sturm los. Am 4. Mai entstanden Un-


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ruhen in unserem Dorf Riwitz. Bewaffnete Partisanen drangen in unser Lager ein, entwaffneten deutsche Soldaten und suchten bei den Flüchtlingen, besonders beim Lagerleiter, nach Waffen, am Dorfrande fielen Schüsse. Am nächsten Tage strömte die tschechische Bevölkerung auf dem Dorfplatz zusammen, und Siegesjubel brach aus über die Nachricht, daß der Waffenstillstand mit England und Amerika in Kraft getreten sei. Alle deutschen Beschriftungen an Wegweisern und Firmenschildern wurden ausgelöscht, tschechische Fahnen gehißt, die Glocken geläutet. ...

Mit einem Schlage veränderte sich nun die Haltung der vorher freundlich eingestellten Tschechen gegen uns, wurde kalt und abweisend. Ein Wehrmachtskommando, das zu unserem Schutz noch im Lager untergebracht war, verließ gegen Mittag den Ort, um in die Stadt zurückzukehren. Da ich dort noch eine dringende Besorgung erledigen wollte und die Eisenbahn nicht mehr verkehrte, schloß ich mich an, aber unser LKW. wurde bald in einer Ortschaft von schwerbewaffneten Partisanen überholt, die Soldaten, die an keine Gegenwehr mehr dachten, wurden entwaffnet und abgeführt. Nur mit Mühe gelang es mir, bei dem Anführer der Bande, der mich ständig mit seiner Pistole bedrohte, meine Freilassung zu erwirken und zurückzuwandern.

An den folgenden Tagen durften wir Deutschen uns nicht mehr auf der Straße sehen lassen, sollten nicht einmal an die Fenster treten, als am 8. Mai unter gewaltiger Beteiligung der Bevölkerung die Beerdigung von zwei erschossenen Tschechen und einem Russen stattfand. Kurz darauf gab es neue Aufregung durch ein Feuergefecht zwischen einem von Prag kommenden Auto und tschechischen Gendarmen. Sämtliche Insassen, z. T. SS.-Leute, auch Frauen und Kinder, wurden erschossen und mußten von deutschen Männern im Walde begraben werden. Eine scharfe Androhung, sämtliche Flüchtlinge zu erschießen, falls noch ein einziger Tscheche getötet würde, rief lähmendes Entsetzen hervor. Ich erinnere mich noch, wie ich mich damals innerlich gestärkt habe mit Paul Gerhardts Vers: „Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten.”

Am 9. Mai kam die polizeiliche Anordnung zum Packen und Abrücken. Bis an die nahe Grenze des Sudetengaus wurde noch ein Wagen für unser Gepäck gestellt, und der gute tschechische Bauer, in dessen Haus wir gewohnt hatten, versorgte uns sogar noch heimlich mit Kartoffeln, Brot, Eiern und Butter.

An der Grenze begegneten uns zum ersten Mal russische Soldaten, die viele der Unsern untersuchten und beraubten. Im nächsten Dorf fanden wir Unterkunft in einer verlassenen Schäferei, und nun ging es weiter von Ort zu Ort mit Handwagen oder Leiterwagen bis in die von den Russen besetzte Kreisstadt Saaz. Große Flüchtlingsmassen ballten sich hier zusammen, und es war schwer, Platz zu finden. Endlich gelang es mir, meine Familie in einem zum Flüchtlingslager umgewandelten Gymnasium unterzubringen.

Hier wurden Transporte für die Rückfahrt in die Heimat zusammengestellt.


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Verängstigt waren die Frauen besonders des Nachts, wenn die Russen betrunken von ihren Siegesfeiern zurückkehrten, und am folgenden Tage, als plötzlich im Gebäude beim Aufräumen eine liegengebliebene Mine explodierte und zwei Frauen in ihrem Blute lagen, von denen eine bald ihren schweren Verletzungen erlag. Endlich erfolgte der Abmarsch zum Bahnhof und nach langem Warten die Abfahrt des ersten Sammeltransportes in überfülltem Zuge über Dux und Aussig nach Bodenbach. In welchem Zustande die gehetzten, unter der Gepäcklast und der Hitze keuchenden, völlig erschöpften deutschen Flüchtlinge auf den Bahnhöfen lagerten, läßt sich kaum beschreiben. In einer Schule in Bodenbach fand sich eine Unterkunft für zwei Tage. Dann folgte überraschenderweise, wie ein schöner Traum mitten unter Bildern des Grauens, bei herrlichstem Sonnenschein eine Fahrt auf zwei aneinandergekoppelten Kohlenkähnen die Elbe abwärts durch die Sächsische Schweiz bis Pirna, wo eine zerstörte Brücke der Fahrt ein Ende machte.

Endlich war man wieder in Deutschland. Aber neue Schwierigkeiten tauchten auf; denn wo sollte man in der überfüllten Stadt bleiben? Noch abends um 10 Uhr lagen meine Frau und meine Kinder mit den Gepäckstücken auf der Straße. Im Pfarrhaus, wo ich anklopfte, nahm man uns nicht auf aus Furcht vor einem Verbot der Russen. Da erbarmte sich eine Kaufmannsfamilie, und wir waren geborgen, sogar für etwa 10 Tage. Es waren Tage notwendiger Ausspannung nach den vorhergegangenen Anstrengungen und Aufregungen; auch erkrankten wir der Reihe nach und mußten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, fanden schließlich auch im Pfarrhaus für einen Teil der Familie Unterkunft. Doch wir mußten ja weiter. Lebensmittelkarten wurden uns nur für wenige Tage gegeben mit der Anweisung, so schnell wie möglich an den Heimatort zurückzukehren. Und wir wollten auch um jeden Preis in die Heimat, nicht nach Bayern, wohin sich damals viele gewandt haben, war uns doch schon in der Tscheche! bestimmt versichert worden, daß die linke Oderseite in Schlesien deutsch bleiben würde. Schwierig war nur das Weiterkommen. Die Bahnlinien und Brücken waren auf weite Strecken zerstört, Flüchtlingszüge wurden überdies häufig von zurückkehrenden Ostarbeitern überfallen und restlos ausgeplündert, längere Strecken mit Gepäck und den kleinen Kindern zu Fuß zurückzulegen war unmöglich.

So entschloß ich mich Ende Mai — Pfingsten war schon vorüber — trotz der beunruhigenden Nachrichten von Deutschenmißhandlungen im Sudetengau, doch den Rückweg durch dieses unsichere Gebiet zu wagen, wo am ersten noch eine durchgehende Bahnverbindung zu erhoffen war. Ich fuhr voraus nach Bodenbach und erkundete dort Zugverbindungen. Dann traten wir gemeinsam die Rückreise an über Bodenbach und Reichenberg bis an die schlesische Grenze bei Polaun, wo wir allerdings erst nach zweimaliger Gepäckkontrolle durch tschechische Zollbeamte — die zweite war eine regelrechte Ausplünderung — über die Grenze gelassen wurden und aufatmeten, als wir endlich das schöne Oberschreiberhau im Riesengebirge und dann Hirschberg erreicht hatten.

Wieder mußte eine mehrtägige Erschöpfungspause eingelegt werden. Aber diesmal tat das Pfarrhaus gleich seine gastliche Pforte auf, und Pastor


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Prüfer stellte uns, wie auch schon anderen Flüchtlingsfamilien, einen ausreichenden Raum zur Verfügung. Wie haben wir Gott gedankt, daß wir wieder Heimatboden unter den Füßen und einen, wenn auch nur vorübergehenden, Unterschlupf gefunden hatten. Aber Hirschberg war von den Polen besetzt, erneut begann der Kampf um Lebensmittelkarten, und das letzte Stück des Weges lag noch vor uns. Am 10. Juni konnten wir von Hirschberg aufbrechen und erreichten in anstrengenden Fußmärschen, die Kinder zum Teil mit blutenden Füßen, zunächst Goldberg, am nächsten Tage Liegnitz, gelangten weiter, teilweise auf verminten Straßen, immer vorbei an verwüsteten, verlassenen Häusern und Trümmerstätten, den Spuren der Kämpfe, aber auch über Nacht von freundlichen Menschen beherbergt, bis Parchwitz und sahen endlich am vierten Tage mit Tränen in den Augen die Türme der Heimatstadt auftaudien,

Anschließend schildert Vf. das Leben unter den drückenden Bedingungen der russischen Besatzung, den Schikanen polnischer Willkürakte und Zwangsmaßnahmen der Behörden gegenüber der deutschen Bevölkerung, vor allem den ersten Austreibungsversuch Ende Juni 1945 und die Ausweisung Ende Mai 19461).