Nr. 127: Vorgänge beim Einmarsch der russischen Truppen in Liegnitz und die ersten Maßnahmen gegenüber der in der Heimat zurückgebliebenen

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Erlebnisbericht von Frau Selma Birke aus Liegnitz i. Niederschles.

Original, 28. Oktober 1950, 14 Seiten. Teilabdruck.

Bevölkerung.

Nachdem viele Liegnitzer und aufgenommene Flüchtlinge aus Oberschlesien Liegnitz verlassen hatten (von Ende Januar bis 8. Februar 1945), um sich „in Sicherheit” zu bringen, begann für uns Zurückgebliebene eine bange Zeit. Auch wir hatten alles gepackt, um zu flüchten, aber durch die Berichte der Heeresleitung sowie Reden des Kreisleiters wurden wir teils in Sicherheit gewiegt, teils glaubten wir den Versprechungen des letzteren, daß im schlimmsten Falle Fahrzeuge zur Verfügung gestellt würden, um uns hinauszubringen.

Auf die tiefverschneite und vereiste Landstraße trauten wir uns nicht, da wir schon manche Nachricht vom Erfrieren der Geflüchteten bekommen hatten. Mit der Bahn wegzukommen, war in den Tagen bis zum 8. Februar 1945 kaum möglich. Tage- und nächtelang saßen vielhundert Menschen auf dem großen Bahnhofsplatz und in den Wartesälen auf ihren Habseligkeiten und waren ebenfalls dem Tode des Erfrierens ausgesetzt. Und nach dem 8. Februar 1945 morgens fuhr sowieso kein Zug mehr 1).

Am frühen Morgen des 8. Februar 1945 wurden wir durch Trommelfeuer geweckt2). Da zogen auch die letzten Bewohner unseres Hauses mit Handwagen fort. Meine Tochter (welche der Terrorangriffe auf Hamburg wegen seit 1943 bei mir war) und ich waren als einzige zurückgeblieben. Nun glaubte ich an den Willen des Schicksals, meine Heimat nicht zu verlassen, und ich war fest entschlossen, auszuhalten, was auch kommen mochte. Am Mittag desselben Tages erfolgte ein Tieffliegerangriff, der Tote und Verwundete forderte. Am Nachmittag folgten noch zwei oder drei Angriffe, und ich folgte der Einladung unserers Fleischermeisters (uns gegenüber), seinen Luftschutzkeller aufzusuchen, in dem schon gegen 30 Personen Schutz gesucht hatten. Wir verbrachten dort drei Tage und vier Nächte.

Am 9. Februar frühzeitig begannen Straßenkämpfe, und es pfiff und zischte dauernd an den kleinen, tiefen Fenstern vorüber. Am Spätnachmittag des 9. Februar 1945 hörten wir plötzlich furchtbares Triumphgeschrei,


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fremde Laute, und wir wußten, die Russen sind in unserer Straße. Ein ukrainisches Mädchen bestätigte es uns, sie sagte aber, wir brauchten keine Angst zu haben, die Russen seien nicht böse. Wir und auch sie wurden bald eines anderen belehrt.

Am 10. Februar 1945 polterte es die Kellertreppe herab, uns stand das Herz fast still. Die Angst kann kein Mensch nachfühlen. Etwa 20 bis 25 russische Soldaten und Offiziere stürzten herein und leuchteten mit Taschenlampen jeden einzelneu an. Uhren und Frauen wollten sie. Die erste war meine Tochter; aber der Kerl, der sie aus einer Ecke hervorgeholt hatte, sah bald eine stärkere, rotwangige Frau, und gottlob schob er meine Tochter beiseite. (Seitdem blieb sie durch allerhand Kunstmittelchen verschont.) So holten sie am laufenden Band Uhren, andere Wertsachen, Koffer, Frauen und junge Mädchen, ja halbe Kinder. Den Männern zogen sie Lederjacken und Stiefeln aus, und immer hieß es: alle Männer auf den Hof. (Dieser erste Russenüberfall blieb ja leider nicht der einzige.)

So verbrachten wir in Angst und Schrecken die Tage und Nächte. Hörten, wie über uns der Fleischerladen zertrümmert wurde, wie es dauernd über Treppen und durch Wohnungen ging, wie Türen eingeschlagen und Möbel zertrümmert wurden.

Am Morgen des 12. Februar 1945 wurde das ukrainische Mädchen (Wera) von einem Soldaten herausgeholt, und sie mußte nun als Dolmetscherin fungieren. Wir wurden alle im Hof versammelt und bekamen die Weisung: heraus aus dem Keller, und alle in ein Haus, am besten in dieses ziehn. Junge Frauen nicht auf die Straße. Überhaupt, wenn irgend möglich, im Haus bleiben, es würde uns nichts passieren. Aber o weh! Es war furchtbar! Wera hat sich über ihren Brotherrn geworfen, als sie ihm den Hals durchschneiden wollten. Dann wurde sie vergewaltigt. Ein Vater stellte sich vor seine beiden jungverheirateten Töchter, als sie weggeholt werden sollten, als Strafe nahmen die Russen ihn und zwei vollkommen unbeteiligte Männer mit. Sie sind bis heute nicht wiedergekommen. Hundert ähnliche Fälle gäb' es zu berichten. In diesen Tagen sind unzählige Selbstmorde geschehen. Auch meine Tochter und eine Frau mit ihren zwei kindlichen Töchtern wollten es tun. Die Verzweiflung war unbeschreiblich. Ich habe stundenlang gebeten und gescholten, bis sie mir versprachen, auszuhalten.

Tag und Nacht polterten sie ans Tor oder an die Tür des Hauses, plünderten, suchten nach Waffen, nach Hitlerfahnen und anderen Zeichen, und wehe, wenn sie etwas fanden. Den Fleischermeister Richard Pelz holten sie am Abend des 15. Februar 1945 ab zu einer „Vernehmung”. Er kam nicht wieder. Wir warteten, warteten. Nach drei Wochen kam er, körperlich und seelisch krank. In ungezählten GPU.-Kellern hatte man ihn mit vielen andern Tag und Nacht „vernommen”. Im nahen und weiten Umkreise von Liegnitz (bis Bunzlau) und in Liegnitz selbst waren sie gewesen. Halbtot geschlagen hatten sie ihn, er sollte eingestehen, daß er ein Nazi sei. Er war nie in der Partei; aber man glaubte ihm nicht, ein Spitzel (Kommunist) hatte ihn und viele andere angegeben. Nach zwei Tagen wurde er wieder geholt und, nachdem er dieselbe Prozedur durchmachen mußte, nach drei Tagen


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wieder entlassen. Und wieder geholt. Ich war dabei, als der Dolmetscher, ein Pole, ihn immer ins Gesicht schlug und sagte: „Bist doch ein Nazi.” Als ich erklärte, er sei nie Nazi gewesen, drohte mir der Pole, mich grün und blau zu schlagen, wenn ich nicht raus ginge. Herr Pelz mußte sich wieder anziehen und sollte mitgehen; da fragte der Pole: „Hast du Schnaps?” und nachdem Herr P. eine Flasche holte, klopfte der Kerl ihm auf die Schulter und sagte: „Du kein Nazi” und ging mit dem begleitenden Russen davon.

Am Abend des 12. März 1945 kamen drei russische Soldaten und machten uns begreiflich, daß wir packen und auf die Landstraße müßten1). Es schoß dauernd, und wir weigerten uns, aber sie sagten: „Danken Sie Hitler”, und zwangen uns, zu packen. Als sie davongegangen waren, blieben wir neben unseren Wagen im Hofe wartend stehen, und als niemand mehr kam, blieben wir die ganze Nacht zusammen in der Stube sitzen. Am Morgen gingen unsere jüngeren und jungen Bewohner ihrer Arbeit nach. Sie wurden immer von einem Russen abgeholt und in eine Gärtnerei geführt, wo sie ohne Verköstigung arbeiten mußten. (Ich selbst habe dort geschneidert, wurde sehr gut verpflegt und mir wurde kein Haar gekrümmt.)

An diesem Morgen kamen die Russen wieder und waren außer sich, daß kein Bewohner ihrem Befehl gefolgt war. Sofort sollte alles raus. Da griff der Ukrainer ein, welcher Aufseher in der Gärtnerei war. Ihm hatten unsere Leute alles erzählt, und er befahl, alles sollte in seine Gärtnerei ziehen, und so geschah es. Aber leider dauerte die schöne Zeit nur sechs Tage. Da eröffnete er uns, daß er uns alle abgeben müsse; wenn er nur ein oder zwei Personen behielte, würde er erschossen. Und so hieß es, wieder packen. Das Ziel war Langenwaldau, neun Kilometer entfernt. Es war schon abends (19. März 1945), als wir dort ankamen. Schon das erste Gut nahm uns auf (wir waren auch am Ende unserer Kraft): Herrn und Frau Pelz, meine Tochter und mich. Die erste Frage der schon Anwesenden: „Bringt ihr Brot mit?” Zunächst wies man uns den Oberboden einer Scheune als Wohnung an. Es regnete zwar hinein, auch flogen Vögel durch die beiden Ritzen herein und hinaus, es raschelte von Mäusen (vielleicht auch Ratten), aber wir sanken doch todmüde aufs Stroh.

Am nächsten Tag erfuhren wir, daß in diesem Dorfe 28 000 Menschen Unterkunft gefunden hatten. Wo diese alle wohnten, ist nicht schwer zu erraten. . . In Pferde-, Schweine- und Kuhställen wohnten sie; wer das Glück gehabt hatte, bei den ersten Ankömmlingen zu sein, wohnte sogar in einem Häuschen, allerdings auch mit drei big vier Familien zusammen. Die wenigen Vorräte, die wir uns noch mitnehmen konnten (seit 8. Februar 1945 gab es ja keinerlei Lebensmittel mehr), reichten nicht weit, und unser gewählter Obmann ging mit den anderen Obmännern zum russischen Kommandanten, um ihn zu bitten, uns Lebensmittel zu geben. Die Antwort lautete: „Deutsche Schweine sollen verhungern, wenn nicht wollen, sind Bäume da zum Anhängen.” So, da wußten wir Bescheid!

Anschließend schildert Vfn. die Zustände in einem Arbeitslager und die Verhältnisse unter polnischer Verwaltung.


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