Nr. 129: Vergewaltigungen, Morde und Selbstmorde nach dem Einmarsch der russischen Truppen.

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Protokollarische Aussage des Landhelfers Kurt Lachmann aus Possen, Kreis Bunzlau i. Niederschles.

Original, 24. Juni 1952.

Wie hielten uns im Keller auf (viele Frauen und junge Mädchen, die ebenfalls bei uns im Keller Schutz suchten, waren zugegen), als gegen Mittag erstmalig die Russen unser Haus durchplünderten und dabei alles, was für sie gerade brauchbar erschien, insbesondere Uhren, Schmuck und Trauringe entrissen. Am Abend stürmten, wie eine Horde, russische Soldaten in unseren Keller und holten alle Frauen und Mädchen in die Wohnung hinauf. Vom Keller aus konnte man dann das Aufschreien von den Frauen und Mädchen hören. Erst gegen Morgen kamen sie, teilweise blutend, zurück. Dieser Zustand dauerte etwa zwei Wochen an, und täglich wiederholten sich die gleichen Szenen.

Während dieser Zeit waren auch mein Onkel und meine Tante Berta Kremse aus Bunzlau dabei. Eines Tages war ich mit Onkel und meiner Tante auf dem Wege zum Nachbarhaus, als ein Russe uns entgegenkam und meine Tante mitschleifen wollte. Sie setzte sich zur Wehr, worauf der Russe sie mit der Maschinenpistole in den Leib schoß. Mein Onkel holte einen Handwagen herbei und fuhr die Schwerverletzte zum Nachbarhaus. Der russische Soldat folgte uns und schoß meine Tante nochmals in den Leib. Als sie daraufhin noch lebte, schlug der Russe mit der MP. auf den Kopf. Im Gehöft des Bauern Gustav Otte angekommen, trug mein Onkel unter Stöhnen und Aufschreien die Schwerverletzte in den Hausflur. Wiederum hatte uns dieser Russe bis hierhin verfolgt und gab jetzt nochmals vier Schuß auf sie ab. Als meine Tante immer noch schrie, schlug er sie nochmals mit der MP. auf den Kopf. Ihr Gesicht war sowie ihr Kopf vollkommen entstellt. Sie war damals 50 Jahre alt. Durch Androhung der Russen, daß mein Onkel am nächsten Tag weggeholt werden sollte, begingen mein Onkel, meine Mutter


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und jüngerer Bruder Selbstmord durch vorzeitiges Schließen des mit Kohle geheizten Ofens. Auch ich sollte mein Leben mit lassen, bin jedoch, als es mir unerträglich wurde, davongelaufen.

Mein Onkel August Lachmann (33 Jahre), schwer beinverletzt durch Unfall, wurde am ersten Tag vor Einmarsch der Russen von der Nachbarin Selma Engmann gebeten, zu ihr zu kommen, da sie mit ihrer Tochter allein im Haus war. Mein Onkel kehrte von da nicht mehr zurück. Erst zehn Wochen später fand man ihn etwa einen Kilometer von zu Haus entfernt ohne Bekleidung mit Stichwunden in der Brust liegend auf.

Die bereits angeführten Massenvergewaltigungen erfolgten sehr oft im Beisein von Kindern aller Jahrgänge. Ich selbst, damals 13 Jahre, mußte in zahlreichen Fällen ebenfalls zusehen.