Nr. 131: Gewalttaten sowjetischer Soldaten nach dem Einmarsch.

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Bericht des Fleischermeisters Paul Thiel aus Freystadt i. Niederschles.

Original, 28. Juli 1951, 4 Seiten. Teilabdruck.

Als die sowjetische Front immer näherrückte, wurde die Stadt rechtzeitig bereits Ende Januar/Anfang Februar geräumt. Auch die Östlich der Oder gelegenen Ortschaften wurden durch SS.-Kommandos evakuiert und die bedauernswerte Bevölkerung weiter westlich im Kreise untergebracht.

Am 10. Februar 1945 erschienen bei mir — ich hatte nach dem Fortgang des bisherigen Bürgermeisters die Geschäfte als solcher vorübergehend übernommen — deutsche Offiziere, um sich über die Verteidigungsmöglichkeiten der offenen Stadt zu unterrichten.

Vf. berichtet kurz über völlig unzureichende Verteidigungsvorbereitungen und fährt fort:

Nach kurzem, nicht ernst zu nehmendem Widerstandsversuch kam nun die sowjetische Invasion über meine unglückliche Heimatstadt. Ihre zurückgebliebenen Bewohner erwarteten, ängstlich in den Kellern verborgen, ihr weiteres Schicksal. ...

Zunächst erschien nun ein anständig aussehender Sowjet an der Kellertür — wir waren in den Kellern der Villa Schröter, da diese mehrere Ausgänge hatten — und fragte sehr höflich auf deutsch, ob sich noch deutsche Soldaten im Keller befänden, ob wir noch Waffen hätten, was wir ehrlichst verneinen konnten. Dann riet er uns dringendst an, alle noch jüngeren Frauen und Mädchen von jetzt versteckt zu halten, da diese auf Befehl von Stalin den sowjetischen Soldaten zur Verfügung zu stehen hätten. . . .

Nun folgten pausenlos durchziehende, singende, johlende Truppen, total betrunken, die Folge der leider nicht rechtzeitig vernichteten ungeheuren Vorräte an Spiritus aus den umliegenden großen Dominialbrennereien. Die Sowjets drangen in die Häuser ein, verlangten Uhren und Ringe, plünderten im Vorbeiziehen, zerstörten und warfen schon das meiste an der nächsten Straßenecke wieder fort, da sie ja im Kampfeinsatz doch nichts davon gebrauchen konnten.

Unser netter Sowjet versprach, sich alle paar Stunden um uns kümmern zu wollen, was er auch gehalten hat. Aber er war ja machtlos diesem Treiben, diesen Mengen gegenüber.


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Anfangs glaubten wir in unserem Optimismus noch, daß das Gros der Russen vielleicht ähnlich sein würde. Wir nahmen an, daß unser Hierbleiben im Gegensatz zu der Flucht der meisten unserer Mitbürger doch das Richtigere gewesen sei, aber die bittre Erkenntnis, daß dies alles nur blanker Selbstmord war, sollte nur allzu bald in uns aufgehen.

Rudel von Verbrechern, sowjetischer Nachschub, Deserteure, Polen usw. folgten der Kampftruppe, ergossen sich in die Häuser, kehrten das Unterste zu oberst. Die unglücklichen Deutschen wurden in rohester Weise von ihrem Eigentum weggerissen, mißhandelt, verschleppt, Frauen aus jedem noch so gut getarnten Versteck gezerrt und von der 12jährigen bis zur 80jährigen unbekümmert um Zuschauer in rohster Form vergewaltigt.

Es war daher kein Wunder, wenn zur Hilfe eilende Ehemänner, Väter, Frauen, Kinder einfach über den Haufen geschossen wurden, wenn weitere aus Verzweiflung, Schande ihrem Dasein ein Ende machten.

Ca. 130 Personen: Männer, Frauen, Kinder und einige Wehrmachtsangehörige wurden in den ersten Tagen beerdigt. . . .

Die, wie überall, der Truppe auf dem Fuß folgende NKWD. richtete ihre Vernehmungskeller ein, und im Hause des Herrn Hein erpreßte man in nächtlichen mittelalterlichen Vernehmungen jedes gewünschte Geständnis.

Die Gerechtigkeit erfordert aber, an dieser Stelle zu bemerken, daß trotz all dem das Verhalten der Sowjets nicht diesen Grad barbarischen Sadismus' annahm wie später bei den Polen, die ihren GPU.-Keller im Gebäude der Kreisbank eingerichtet hatten. Was hier geschehen ist, ist einfach nicht mit Worten wiederzugeben!

Trotzdem darf aber nicht der nochmalige Hinweis auf die schändliche Anordnung oberster sowjetischer Stellen unterlassen werden, nach der jedes weibliche Wesen dem brutalen Sieger zur Verfügung zu stehen hatte!

Ca. 300 Frauen und Mädchen wurden unter der fadenscheinigen Tarnung eines Arbeitseinsatzes aus Stadt und Land zusammengetrieben und unter unmöglichen Bedingungen im Hause des Kaufmanns Matzke geschlossen festgehalten, um Nacht für Nacht durch Wochen hindurch der sowjetischen Truppe zur Verfügung zu stehen. Hier spielte Alter, Schwangerschaft, Krankheit nicht den geringsten Hinderungsgrund!

So wurde ferner im katholischen Krankenhaus der Zaun geschlossen und die unglücklichen Nonnen demselben Schicksal unterworfen, bis ich sie später woanders sicherer unterbringen konnte.

Während ich selbst noch einigermaßen glimpflich davonkam, da ich von den Sowjets in meiner Eigenschaft als Fleischer und Fachmann gebraucht wurde, ich es vielleicht auch sehr gut verstanden habe, mit den ja manchmal sehr kindlich eingestellten Sowjets diplomatisch umzugehen, mußte die ganze übrige Bevölkerung ohne Rücksicht auf Alter und Arbeitsfähigkeit schwer und ohne jegliches Entgelt arbeiten, Frauen z. B. die Bahnlinie abmontieren usw.

Hunderte von Frauen wurden drei Wochen nach dem Einzug der Sowjets nach Neusalz a. d. Oder abtransportiert und mußten beim Wiederaufbau der gesprengten Oderbrücke helfen. Sie mußten immer gleichzeitig zwei schwere Eimer mit Sand herbeischleppen und dies fast ohne jegliche Verpflegung. ...


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Als der allgemein, auch bei den Sowjets, sehr beliebte deutsche 17jährige Achim Kintscher von polnischen Milizianten in rohester Form grundlos ermordet worden war und ich die Mörder bei den Sowjets verklagte, wäre es beinah um mich geschehen gewesen. Die Mörder erhielten ganze zwei Tage Arrest. Es bedurfte kolossaler Proteste russischerseits, um mich zu sichern!

Die Polen übernahmen nun immer mehr und mehr die Verwaltung, was die einfachen Sowjets schwer erbitterte: „Warum Stalin Polen das Land schenken, wo wir gekämpft?” Dies hörte ich immer wieder. Die sowjetische Truppe zog dann nach dem Truppenübungsplatz Neuhammer ab, und die polnische Schreckenszeit begann.

Es folgen Ausführungen über die Zwangsvertreibung. Abschließend zählt Vf. ihm bekannte Personen auf, die aus Verzweiflung ihrem Leben ein Ende machten (9), ermordet (7), vergewaltigt (10) und verschleppt (12) wurden.