Nr. 133: Evakuierung und Rückkehr zur Frühjahrsbestellung; Flucht und Rückkehr nach der Kapitulation.

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Bericht von Otto Baumert aus Lauterbach. Kreis Görlilz i. Niederschles,

Original, 18. März 1952, 3 Seiten. Teilabdruck.

Infolge Vordringens der Russen aus dem Osten wurde Lauterbach ah Januar 1945 ständig mit Flüchtlingen aus Mittel- und Niederschlesien belegt. Meist waren dieselben nur ein bis zwei Tage im Ort, so daß fast täglich neue kamen. Gleichzeitig wurde in Lauterbach von den noch anwesenden Gemeindemitgliedern auf Befehl und unter Aufsicht von uniformierten Pgs. Barrikaden und Panzersperren gebaut.

Ab Anfang Februar fanden ungefähr zehn Kilometer östlich Lauterbach in Richtung Lauban sowie Hohkirch—Langenau—Penzig Stellungskämpfe statt. Das Feuer der abgebrannten Gehöfte war von Lauterbach aus des Nachts sehr gut zu sehen. Desgleichen horte man das Granat-, MG.- und Gewehrfeuer. Lauterbach und der angrenzende Wald waren nun ständig mit deutschen Truppen sowie mit ungarischen Hilfswilligen belegt, unmittelbar am Ort stand schwere deutsche Artillerie, welche hauptsächlich des Nachts schoß. Am 16. Februar 1945 kam von der Partei Befehl, daß der Amtsbezirk Hermsdorf, Lauterbach, Troitschendorf am 17. Februar 1945 geräumt wird und die Bevölkerung morgens um 9.00 Uhr abmarschbereit zu stehen hat. Zurückbleiben durften nur die Männer des Volkssturms.

Der Treck ging zunächst Richtung Löbau. Hier trennte sich ein Teil der Dorfgemeinschaft, die ohne Gespann waren, wieder auf Befehl der Partei vom Treck, sie wurden mit der Bahn nach Bayern befördert. Im übrigen ging der Treck dann nach unheimlichen Strapazen für Mensch und Vieh über Meißen bis Gersdorf, Kreis Döbeln, bei Leissnig in Sachsen. Da das Zugvieh fast durchweg wundgelaufen war und die Menschen völlig erschöpft waren, sollte hier eine längere Pause eingelegt werden. Infolge von Ausbruch der Maul- und Klauenseuche und dauernden feindlichen Luftangriffen durfte nicht weitergezogen werden.

Da inzwischen Lauban von deutschen Truppen wieder zurückerobert wurde, kam Ende März wieder Befehl, daß die Bevölkerung zur Frühjahrsbestellung wieder zurückkehren kann. So traf der Treck einen Tag vor Ostern wieder im Ort ein. Der Ort war z. Z. mit SS. belegt. Da täglich von russischer Seite Angriffe erfolgten, wurde der Ort am 7. April 1945 wieder, und zwar nur von Frauen und Kindern, geräumt. Die Evakuierung erfolgte nur ca. zehn Kilometer über die Neiße nach Gersdorf, Kreis Görlitz. Hier brach der Russe bei Löbau durch, so daß die Gefahr dort noch größer wie in Lauterbach war und die Frauen soweit auf eigene Verantwortung mit ihren Kindern nach ca. 14 Tagen zurückkehrten.

Inzwischen schob sich die Front bei Lauterbach bis auf fünf Kilometer heran. Am 7. Mai 1945 setzte sich im Laufe des Nachmittags die deutsche Wehrmacht ab. Es blieb nur ein Sprengkommando zurück. Im Laufe des Abends bzw. Nacht vom 7. bis 8. Mai 1945 flüchteten daher auch die Ein-


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wohner Richtung Sudetenland. An der Grenze fanden nun zwischen den Trecks noch Kämpfe mit deutschen und russischen Truppen statt. Ein Vorwärtskommen war fast unmöglich. Die deutschen Truppen hatten Befehl, solange Widerstand zu leisten, bis die Trecks durch sind. Es gelang auch, im Laufe der Nacht die Grenze zu erreichen.

In den frühen Morgenstunden wurde der Treck in Schönwald/Sudetenland von den Russen überrannt. Geflüchtet waren bis auf ungefähr sechs Einwohner alle. Auf Befehl der Russen mußte nun alles wieder in seinen Heimatort zurück. Tn fast allen Fällen wurden von den Russen die Pferde weggenommen. Am 10. und 11. Mai 1945 traf der Treck wieder in Lauterbach ein. Durch Sprengungen der deutschen Truppen war das Gasthaus völlig zerstört. Fast jedes Gehöft hatte starken Schaden an Dächern und Fenstern zu verzeichnen.

In der Gegend der Sprengung lagen tote russische Soldaten und Pferde. Das Gehöft des Maurers Haupt wurde von Russen völlig niedergebrannt. Das Schloß war als russisches Lazarett eingerichtet. Das Mobiliar aus fast allen Häusern lag zerschlagen auf der Straße. Von den Zurückgebliebenen wurden die Frauen von den Russen vergewaltigt, selbst eine über 70jährige Schwachsinnige sowie eine Wöchnerin. Die Russen brachten täglich große Viehherden durch den Ort, welche von unseren Frauen gemolken werden mußten. Die Männer mußten im Ort einen russischen Friedhof anlegen und die gefallenen Russen aus der Umgegend nach Lauterbach umbetten. Ein russisches Kommando in Stärke von ca. zehn Mann blieb im Schloß, Verpflegung bekamen die Einwohner nicht. Pfingstsonnabend wurden mehrere Männer von den Russen abgeholt. Wenn die Russen eine deutsche Frau erreichen konnten, wurde sie vergewaltigt. Die Folge war, daß sich die Frauen und Mädchen meistens in den Getreidefeldern versteckten.

Die zweite Hälfte des Berichts betrifft die Zwangsaustreibung unter polnischer Verwaltung1).


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