Nr. 134: Evakuierungsmaßnahmen in den Dörfern des Riesengebirges und Vorgänge beim Eindringen der russischen Truppen.

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Bericht des Pfarrers Dr. Johannes Saß aus Giersdorf, Kreis Hirschberg i. Niederschles.

Original, 6. April 1951, 6 Seiten. Teilabdruck. Bericht an den Ostkirchenausschuß verfaßt auf Grund einer Verfügung der Kanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Mit einleitenden Sätzen erinnert Vf. an die allgemeine Situation in Schlesien während der letzten Kriegsmonate.

Die Einwohnerzahl der Gebirgsorte war in den letzten beiden Kriegsjahren bedeutend gestiegen. In den zahlreichen Gast- und Logierhäusern lebten Hunderte von Flüchtlingen, die aus den gefährdeten Städten ausquartiert waren oder freiwillig im Gebirge, als dem Luftschutzkeller Schlesiens, eine Zuflucht gesucht hatten. Besonders auffallend und später verhängnisvoll war die Tatsache, daß in jedem Hause die Böden und Kammern mit Koffern und Kisten vollgestopft waren, welche die auswärtigen Besitzer hier aufbewahren wollten. Sie wurden später restlos eine leichte Beute des eindringenden Feindes.

Die Sicherheit der Luftschutzorte des Riesengebirges wurde bereits gefährdet, als die russische Front sich dem Fuße der Sudeten näherte. Daher wurde im Februar 1945 vom Kreisleiter des Kreises Hirschberg der Befehl zur Räumung der Gebirgsorte erlassen. Für Dienstag, den 27. Februar, wurde die totale, kompromißlose Räumung von Giersdorf und Hain angesetzt. Flüchtlinge, Evakuierte, die einheimischen Frauen und Kinder ebenso wie die arbeitsunfähigen alten Männer sollten in Sonderzügen nach dem nahen Sudetengau abtransportiert werden. „Nehmt nur das Allernotwendigste mit! — Stellt alle Gerüchtemacher, die Euch vorlügen, daß Ihr auf der Straße liegen müßt. Sie werden dem unnachsichtlichen Standgericht zugeführt!— Ihr sollt und Ihr werdet wiederkommen! Die Gewißheit des Sieges, die uns der Führer in seiner letzten Proklamation schenkte, sei in Euch! Glückliche Reise wünscht Euch Allen Ortsgruppenleiter Kaergel.”

Die meisten Flüchtlinge leisteten diesem Aufruf Folge, da ihnen andernfalls die Lebensmittelkarten verweigert wurden. Die einheimische Bevölkerung jedoch schenkte zumeist auch dieser letzten Aufforderung kein Gehör. Sie blieb im Orte und entging damit zuerst einmal dem grauenhaften Elend, das in der Tschechoslowakei ihrer wartete.

Auch ich lehnte im Bewußtsein der Verantwortung für die Gemeinde eine Flucht ab, obwohl verschiedene ev. Geistliche Schlesiens ihre Gemeinden im Stich ließen, nach dem Westen flohen und hier bald zu fester Anstellung gelangten.


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In den Monaten März und April 1945 rückte die Kampffront immer näher heran. Täglich kamen jetzt Scharen von Flüchtlingen aus den Kampfgebieten in das Dorf. Der Schrecken der letzten Tage war in ihren Gesichtern zu lesen. Hungrig und übermüdet suchten sie mit ihrer armseligen Habe Unterkunft auf ihrer Flucht.

Auch verwundete Soldaten, die der Russe nicht gefangengenommen, sondern fortgejagt hatte, begehrten häufig um Hilfe.

Das Pfarrhaus war in jenen Tagen geradezu ein Asyl für Flüchtlinge geworden. Unsere Zimmer waren ständig mit Nachtgästen belegt, die nicht nur Obdach, sondern auch Verpflegung erhielten. Alle waren sie dankbar, im Pfarrhaus Rat und Hilfe zu finden.

Anfang Mai 1945 standen die Russen vor der nur zehn Kilometer entfernten Kreisstadt Hirschberg entfernt. Der Donner der Geschütze war Tag und Nacht zu hören. In diesem Augenblick höchster Gefahr packten wir unsre Wertsachen, Kleidung, Wäsche, Geschirr und dergleichen sowie alles, was nur entbehrlich war, in Koffer und Kisten und versteckten sie in einer leeren gemauerten Gruft des Friedhofes neben der Kirche. (Diese wurde später in einer stürmischen Septembernacht von Russen erbrochen und völlig ausgeraubt.) Auch die übrigen Dorfbewohner vergruben ihre wertvollste Habe auf ihren Grundstücken oder mauerten sie im Keller ein. Die im Hause einquartierte SS. forderte uns wiederholt auf, zu fliehen, und prophezeite mir als dem Ortspfarrer ein gewaltsames Ende, sobald der Russe in das Dorf käme. Ich ließ mich trotzdem nicht einschüchtern und war bereit, alles hinzunehmen, was Gott schicken würde.

Eines der letzten grauenvollen Bilder jener Tage war ein Zug jüdischer KZ.-Häftlinge, die unter schwerer Bewachung an unserem Pfarrhaus vorbei nach Westen getrieben wurden, ein stummer Zug des Elends. Auf einigen Wagen, die von einem Dutzend Häftlingen an Stricken gezogen wurden, saßen hilflose Alte, Kranke und kleine Kinder. Die übrigen folgten hinterher, ihre Bündel mit Sachen schleppend, meist barfuß und abgehärmt. Keiner von den Ortsbewohnern durfte mit ihnen sprechen oder nur einen Trunk frischen Wassers reichen.

Am vorletzten Abend des Krieges durchzogen größere Polizeieinheiten unsren Ort. Auch sie waren nach langem Marsch übermüdet. Die Verzweiflung stand ihnen im Gesicht, und nun sollten sie noch 20 Kilometer bis zur tschechischen Grenze bei Schreiberhau marschieren. Sie dürften wohl kaum das folgende entsetzliche Blutbad in der Tscheche! überlebt haben.

In der folgenden Nacht suchte auch die in unsrem Hause liegende SS. auf Autobussen das Weite, ohne uns von ihrer Flucht in Kenntnis zu setzen.

Nun war der letzte Tag des Krieges angebrochen (8. Mai 1945). Eine lähmende Stille lag über unsrem Dorfe. Durch das Radio wurde für den nächsten Tag der Waffenstillstand verkündet. Noch hatte kein feindlicher Soldat das Riesengebirge betreten. Mit dem Gefühl drückender Spannung erwarteten wir den Einmarsch der Russen. Es war am Mittag des 9. Mai, als sie ins Dorf einzogen. Alle Häuser hatten weiße Fahnen gehißt. Die Bevölkerung verhielt sich völlig diszipliniert, von deutscher Seite fiel kein Schuß, der irgendwelche Gewaltmaßnahmen herausgefordert hätte. Russische Sol-


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daten, zumeist 15- bis 16jährige Burschen, mit Maschinenpistolen ausgerüstet, fuhren auf Fahrrädern der feindlichen Kolonne voran. Sie waren ebenso wie die nachfolgenden Truppenteile betrunken, stürzten dauernd mit ihren Fahrrädern hin und verstreuten sich über das ganze Dorf. Gegen zwei Uhr nachmittags drangen die ersten Russen ins Pfarrhaus ein. Ich stand gerade im Hausflur am Telefon. Ein Russe nahm mir sofort den Hörer aus der Hand, schraubte sachkundig die Membrane heraus und machte damit den Apparat unbrauchbar.

Die größte Schwierigkeit bei allen Begegnungen mit Russen bereitete die Verständigung. Da niemand von uns Russisch verstand, konnten wir auf alle Fragen nur achselzuckend antworten. Nur vereinzelt konnten russische Offiziere, wohl jüdischer Abstammung, Deutsch.

Leider hatte das Ev. Konsistorium, das von Breslau nach Görlitz geflüchtet war und sich dort auflöste, keinerlei Anweisung gegeben, wie sich die Pfarrer verhalten sollten. Wir konnten auf die Frage nach unsrem Beruf nicht Russisch antworten und konnten deshalb auch an den Pfarrhäusern kein russisches Schild anbringen. Das hätte uns viele Mißverständnisse erspart. Dem ersten russischen Soldaten, der ins Haus kam, folgten an diesem Nachmittag in laufender Folge weitere. Sie verlangten stets Uhr oder Maschine, womit sie Fahrräder meinten. In kurzer Zeit erbeuteten sie in unserem Haus vier Uhren und drei Fahrräder. Da sie alle Zimmer durchsuchten, ließ sich schwer feststellen, was sie sich alles aneigneten. Jedenfalls fehlte am Abend auch meine im Nachttisch verwahrte Brieftasche mit mehreren hundert Mark Inhalt. Da meine Frau und Tochter sich in eine Kammer eingeschlossen hatten, blieb mir allein die ungemütliche Aufgabe, die fremden Gäste zu empfangen. Ich bewirtete sie mit einigen Flaschen Wein, die ich noch besaß, und mit Tabak. So saßen zeitweise 20 Mann im Zimmer, rauchend, trinkend und lärmend. Als der eigene Vorrat an Alkohol zu Ende war, brachten sie selbst Schnapsflaschen mit, deren Inhalt von ihnen aus Wassergläsern getrunken wurde. Des öfteren gerieten die Soldaten untereinander in Streit und Tätlichkeiten. Auch einige Offiziere mit den sogenannten Flintenweibern kamen ins Pfarrhaus, setzten sich aber nicht zu ihren Mannschaften, sondern in ein seperates Zimmer. Da ich ihnen nicht klarmachen konnte, daß ich Pfarrer sei, hielten sie mich für einen Hausbesitzer und bezeichneten mich mit dem für russische Ohren gefährlichen Worte Kapitalist. Erst gegen Abend verlief sich der große Schwarm, ohne Gewaltsamkeiten gegen mich begangen zu haben. In den anderen Häusern ist dieser erste Tag der russischen Siegesfeiern nicht überall so harmlos verlaufen.

In Hain wurde ein pensionierter Beamter von einem jugendlichen Russen erschossen, weil er ihm nicht gutwillig seine goldene Uhr herausgeben wollte.

Beängstigend wurde die Lage jedoch, als die Dunkelheit hereinbrach. Da der elektrische Strom wochenlang versagte und es kaum andre Möglichkeiten der Beleuchtung gab, lag das Dorf im Finstern. Gerade abends aber setzte die Verfolgung der Frauen und Mädchen ein. Die Zahl derer, die von den Russen vergewaltigt worden sind, läßt sich nicht abschätzen, sie dürfte


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aber erheblich sein. Bis tief in die Nacht hinein konnte man allabendlich die gellenden Hilferufe der Verfolgten hören, ohne daß es möglich war, zu Hilfe zu kommen. Erleichtert wurden diese Gewalttaten durch den Befehl, die Häuser Tag und Nacht offen zu halten. Verängstigt wagten die Bewohner kaum, auf die Straße zu gehen. Wenige Tage nach dem Einmarsch der Russen erschienen die Befehle, sämtliches in den Häusern aufbewahrtes Gepäck der Fremden, ferner Autos, Motorräder, Fahrräder, Waffen, Schreibmaschinen und Radioapparate abzugeben. Die Nichtbefolgung der Anordnung zog schwerste Strafen nach sich. Seitdem waren wir von allen Nachrichten der Welt abgeschnitten und lebten nur noch von den wilden Gerüchten, die täglich wechselnd umliefen. Das Auftreten der russischen Soldaten erregte überall Angst und Grauen. Gelegentlich konnten wir freilich auch gute Züge an ihnen entdecken, besonders wenn sie ausnahmsweise einmal nüchtern waren. Kindern gegenüber zeigten sie sich immer freundlich, nahmen sie auf den Arm und streichelten sie. Auch die Bitten hungernder Frauen fanden bei ihnen Gehör. Mitleidig warfen sie ihnen ein Stück Fleisch von dem massenweise abgeschlachteten Vieh hin.

In das kirchliche Leben haben sich die Russen nicht eingemischt. Wir konnten ungestört unsre Gottesdienste halten, die jetzt zahlreicher als je zuvor besucht waren. In dem ersten Gottesdienst nach der Besetzung fanden sich auch einige russische Offiziere ein, die wohl als Spitzel abgesandt waren, aber sich völlig ruhig verhielten.

Eines Morgens erschienen bei mir drei Offiziere, von denen einer Deutsch verstand, und baten mich, ihnen in die Kirche zu folgen. Sie forderten mich schließlich auf, ihnen auf der Orgel etwas vorzuspielen, was ich bereitwillig tat. Mit Dank und Händedruck verabschiedeten sie sich. Trotzdem waren die Russen in ihrem Verhalten immer unberechenbar.

Anschließend schildert Vf. seine Erlebnisse unter polnischer Verwaltung bis zur Ausweisung.