Nr. 135: Durchzug von Flüchtlingstrecks, die Situation in den Grenzorten des Riesengebirges beim Einmarsch der Roten Armee am Tage der Kapitulation (9. Mai 1945).

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Bericht des E. K. aus Landeshut i. Niederschles.

Original, Sommer 1946, 158 Seiten. Teilabdruck.

In den ersten Kapiteln berichtet Vf. über die Aufnahme von Flüchtlingen aus den schlesischen Gebieten ostwärts der Oder (vor allem aus dem Kreise Namslau) und den Durchzug von Trecks, die im benachbarten Sudetenland Aufnahme fanden.

Als am 10., 11. und 12. Februar 1945 Landeshut in schweren Ängsten war, daß die Russen bei Jauer durchbrechen und in wenigen Stunden die Gebirgspässe sperren könnten, hieß es auch in den Trecks: „Rette sich, wer kann, hinüber ins Sudetenland.” Da überholten die kräftigeren Gespanne die schwächeren, da fuhren in Landeshut manchmal zwei, drei Reihen neben-


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einander, da wurde selbst über die Bürgersteige und draußen über die Saatfelder weg überholt. Rücksichtslos wurde die Peitsche gebraucht. Was zurückblieb, blieb zurück. Zerbrochene Wagen wurden auf die Seite geschoben oder gar mit allem Hausgerät zerfahren.

Als sich nach einigen Tagen die Lage wieder beruhigte, konnten sich die Trecks zum Teil zusammenfinden und das Sudetenland erreichen. Dort aber wurden die Unterkunftsmöglichkeiten für Menschen und Tiere immer geringer und die Versorgung mit Futter und Lebensmitteln immer schwerer. Günstig war es, daß allmählich wärmeres Wetter einsetzte, wodurch ein Übernachten im Freien möglich wurde.

Die Zahl der Trecks, die durch Landeshut zogen, riß auch jetzt nicht ab, da das ganze Vorgebirgsland geräumt werden mußte. Die breite Landeshuter Pforte mit ihren zahlreichen Dörfern bot immer noch den besten Weg hinüber ins Sudetenland und weiter ins Reich. War doch durch den Vorstoß der Russen bis an die Gebirgsbahn bei Lauban ein Ausweichen der Schlesier nach Norden zu nicht mehr möglich! Wieviel Tausende von Fuhrwerken mögen bis zum 9. Mai 1945, da die Russen unsere Stadt erreichten, hier durchgekommen sein!-----------

Am Vormittag dieses 9. Mai 1945 hatte ich Gelegenheit, die letzte Phase dieser Massenwanderung in Albendorf zu beobachten — also kurz vor der Grenze. In die Bauerntrecks hatten sich Personenautos, Lastkraftwagen, riesige Omnibusse, die noch schnell aus geringerer oder größerer Entfernung herangekommen waren, eingeschoben. Sie waren so vollgefüllt, daß auch die Wagendächer mit Menschen besetzt waren. Tausende von Menschen mit allerhand Handwagen und Wägelchen, mit schwerbeladenen Fahrrädern und überschweren Rucksäcken zogen mit. Hinzu kamen noch mehr oder weniger geschlossene Militärkolonnen zu Fuß, berittene und auch motorisierte Einheiten. Doch auch sie vermochten nicht voranzukommen. Zwei, drei Reihen nebeneinander wurden stark behindert, wo sich die Straße verengte. Eine motorisierte Gruppe, die durchaus mit Gewalt vorwärts wollte, verhedderte sich mit einem zerfahrenen Kraftwagen und in sich selbst, so daß der ganze Zug zeitweise nicht einen Schritt weiterkam. — Durch Gärten und im Straßengraben schaffte ich es zu Fuß und kam, teils auf Feldwegen und auf der Fahrstraße, über Qualisch nach Radowenz, wo ich seit dem Tage vorher Quartier hatte. (Als die Russen am selben 9. Mai 1945 auch nach Radowenz vorstießen, ohne die Sudetendeutschen wesentlich zu belästigen, gingen wir nach dem stillen, kleinen Bergdörflein Brenden, wo uns Bauern freundlich aufnahmen.)

Am Nachmittag des 9. Mai 1945 stießen russische Panzer und Lastautos über Albendorf—Petersdorf nach Trautenau vor. Die deutschen Flüchtlings kolonnen wurden auf die eine Straßenseite gedrängt und — als die russische Vorhut durch war — veranlaßt, umzukehren, so daß manche am Abend schon wieder in ihrer Heimat ankamen und die böse Nacht vom 9. zum 10. Mai 1945 unter russischer Plünderung zu Hause durchmachen mußten.

Bauern aus dem Kreise Landeshut sind nur in geringer Zahl geflüchtet. Die Anordnungen durch Behörde und Partei fehlten zuletzt gänzlich; der Russe war zudem so schnell da, daß man kaum noch den nächsten Wald


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erreichen konnte, so blieb man. — Die Flüchtlinge und die Bewohner der sudetendeutschen Orte blieben von der 24stündigen Plünderung durch die russischen Soldaten fast ganz verschont, da das Plünderungsrecht in den Teilen, die einst zur Tschechoslowakei gehört hatten, nicht galt.

Tschechische Miliz, unter ihnen viele 17- und 18jährige Burschen, die sich nicht genug tun konnten durch Knallen aus allerhand Pistolen, übernahm schon am 10. Mai einen Teil der Verwaltung in den sudetendeutschen Orten und zwang auch schon am selben Tage die Flüchtlinge zur Rückfahrt über die schlesische Grenze.

Mit einem Treck aus dem Kreise Schweidnitz kam auch ich am 12. Mai 1945 wieder nach Landeshut zurück: — Wir kehren heim. Ist auch vieles vernichtet, wir werden die Wintersaat vorfinden, die fröhlich gedeiht, wir werden noch etwas Sommergetreide und Kartoffeln in die Erde bringen können, wir werden wieder ernten für uns und unser Volk. Selbst wenn man uns als den Besiegten schwere Lasten auferlegt, wir Bauern und unser Volk werden wieder vorwärtskommen. — Diese Gedanken beflügelten Herz und Fuß der Heimkehrenden. Sie ahnten nicht, daß die Russen und vor allem die Polen alle frohen Hoffnungen zunichte machen würden, daß alle Deutschen in Schlesien ein Jahr später froh sein würden, arm, ganz arm die Heimat verlassen zu können, zwangsweise verlassen zu müssen1).