Nr. 136: Vorkommnisse nach dem Einmarsch russischer Truppen am Tage der Kapitulation (9. Mai 1945).

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Erlebnisbericht des Gendarmeriebeamten Paul Seifert aus Bad Reinerz, Kreis Glatz i. Niederschles.

Original, 16. Oktober 1950, 11 Seiten. Teilabdruck.

Bad Reinerz, an dessen Stadtrande wir wohnten, hatte bei normalen Zeiten ca. 5000 Einwohner. Durch das Einströmen der Ostflüchtlinge war die Bevölkerungsziffer auf über 14 000 angestiegen. Am 9. Mai 1945 in den Abendstunden zog die Spitze der russischen Besatzung bei uns ein. Sie bestand aus höheren Offizieren, Kommissaren und sonstigem Gefolge. Ihr Auftreten war korrekt, und man erklärte uns, daß keinem ein Haar gekrümmt würde.

Die mit Einbruch der Dunkelheit einströmenden Truppen in Bad Reinerz und Umgebung zeigten uns aber bald etwas anderes. Die Truppe kam betrunken an, die Auswirkungen blieben auch nicht aus. Nachdem meine Frau und ich bereits außerhalb meiner Wohnung Uhren, Schmuck, Füllfederhalter usw. losgeworden waren, erlebten wir in der Nacht weit Schlimmeres. Gegen 22.30 Uhr wurden wir in unserem Einfamilienhaus durch Poltern und Scheibenklirren aufgeschreckt. Russen mit Pistolen und Maschinenpistolen bewaffnet drangen in mein Haus ein. Sie forderten von mir Waffen, Munition, Uniform, und da sie dies nicht bekamen, ich hatte meine Waffen schon ab-


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gegeben, schlugen sie in mich hinein und setzten mir und meinem 14jährigen Jungen wiederholt die Pistole auf die Brust. Wäsche, Kleider und was es in Schränken und Behältnissen gab, wurde in allen Zimmern herausgerissen, auf den Fußboden geworfen, und die besten Sachen wurden in Zeltbahnen mitgenommen. Auf den herausgerissenen Sachen wurde mutwillig herumgetreten, die Zimmer glichen einem Trümmerhaufen. So gingen und kamen die Horden die ganze Nacht bis zum hellen Tage, nahmen, was ihnen gefiel, oder zertrümmerten es. Das Schlimmste aber war, daß meine Frau auf hinterlistige Weise und dann mit Gewalt von mir getrennt und von den Wüstlingen neunmal in dieser Nacht geschändet wurde.

Wir blieben von dieser Nacht an nicht mehr in unserem Hause, vielmehr ließen wir das Haus offenstehen, begaben uns abends zu Bekannten and überließen unser Heim der Meute, um allen Gewalttaten zu entgehen. Tag und Nacht waren junge Frauen, ja, sogar alte bis ins Greisenalter vor Vergewaltigungen nicht mehr sicher. Die meisten jungen Mädel wurden von ihren Angehörigen versteckt, doch oft zwecklos. Eine Unzahl von Vergewaltigungen wurde täglich bekannt, und viele blieben aus Scham unbekannt. Das gesamte Volk, besonders die Frauen, waren Freiwild der Sowjets. Sogar eine junge Frau, die drei Tage vorher entbunden hatte, wurde, nachdem man ihre Mutter aus der Stube gewaltsam entfernt hatte, von einem russischen Soldaten geschändet.

Dieser Zustand herrschte wochenlang. Das Leben war neben anderen Entbehrungen unerträglich geworden.

Vf. führt den Bericht fort mit der Schilderung seiner Erlebnise in polnischer Haft1).