Nr. 20: Rumänische Maßnahmen und allgemeine Stimmung in Schäßburg nach dem 23. August 1944; Fahrt des Vfs. nach Temeschburg und Flucht über die jugoslawische Grenze.

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Erlebnisbericht des T. R. aus Schäßburg (Sighisoara), Judeţ Târnava-Mare (Groß-Kokel) in Süd-Siebenbürgen.

Original, 7. April 1956, 5 Seiten, mschr.

Der Bericht beginnt mit einigen Bemerkungen zu den Auswirkungen der militärischen Entwicklung im Sommer 1944 auf die Stimmung der deutschen Einwohner Schäßburgs.

Die Rundfunkmeldung vom Verrat des rumänischen Königs an Deutschland am Abend des 23. 8. 44 wirkte wie eine Bombe. Wir gaben aber die Hoffnung nicht gleich auf und verließen uns auf deutsche Gegenmaßnahmen.


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Innerhalb der Bevölkerung (ohne Unterschied der Nationalität) herrschte zunächst Ratlosigkeit. Fernsprech- und Postverkehr waren für Zivilisten und namentlich Deutsche verboten. Auch die Eisenbahn verkehrte noch unregelmäßiger wie früher. Es wurde das Standrecht verkündet und ein Ausgehverbot nach 19 Uhr verhängt und alle Deutschen, Ungarn, Italiener usw. aufgefordert, jegliche Art von Waffen sofort bei der rumänischen Ortskommandantur abzuliefern, bei Androhung von schwersten Strafen einschließlich der Todesstrafe. In den nächsten Tagen mußte derselbe Personenkreis auch die Rundfunkempfänger abliefern. Da im Orte nur eine schwache rumänische Einheit stationiert war, wurde eine Art Miliz aus sehr zweifelhaften Elementen aufgestellt und bewaffnet. Diese Miliz patroullierte dann ständig durch die Straßen und kontrollierte Fußgänger und Fahrzeuge nach Gutdünken. Wir Deutsche waren ihrer Willkür ausgeliefert und vollkommen vogelfrei.

Eine Reihe angesehener Landsleute, die sich politisch besonders betätigt hatten, wurden plötzlich von der staatlichen Sicherheitspolizei verhaftet und mit unbekanntem Ziel weggeschafft. Von der eigenen Volksgruppenführung merkte und hörte man nichts. So verstrichen die Tage in nervenzerreißender Aufregung. Unsere Hoffnung auf das Eingreifen der im Orte weilenden deutschen Wehrmachtsteile wurde auf einmal zunichte, als wir erfuhren, daß dieselben von der rumänischen Ortskommandantur zur Kapitulation aufgefordert worden waren, der sie aber nicht Folge leisteten, und nach langen Verhandlungen nur erreichten, daß sie unter Zurücklassung der Waffen, des ganzen zum Teile sehr wertvollen Materials und des größten Teils des Fahrzeugparkes das Land in Richtung der nur etwa 20 km entfernten Grenze nach Ungarn (Nordsiebenbürgen) verlassen durften. Nichttransportfähige Lazarettinsassen blieben unter Obhut von Krankenschwestern zurück, die aber nachher auch als Kriegsgefangene behandelt wurden und denen daher ein bedauernswertes Los widerfuhr. Diese deutschen Truppenteile nahmen auch einige junge Landsleute beiderlei Geschlechts, in Uniform bzw. in Krankenschwester-Tracht verkleidet, mit über die Grenze.

Bei mir wurde etwa am 28. August um 6 Uhr in der Früh eine eingehende Hausdurchsuchung durchgeführt, die aber kein verdächtiges Material zutage förderte. Wie ich erfuhr, war ich als Freund und Günstling der Deutschen Wehrmacht, die bei mir ständig zu Gaste war, denunziert worden.

Der Vf. versucht im folgenden einen Eindruck von der allgemeinen Verwirrung und Unsicherheit in den Tagen nach der Kapitulation zu geben, in denen die Deutschen auf einen Rückeroberungsversuch der Ungarn, die Rumänen auf ein Eingreifen der Engländer und Amerikaner hofften, völlige Resignation und abenteuerliche Fluchtpläne einander abwechselten.

Inzwischen wurden alle Deutschen aufgefordert, bei der Sicherheitspolizei persönlich zu erscheinen, um in Listen, die stark nach Verschleppung rochen, aufgenommen zu werden. Der Andrang bei dieser Eintragung war tragikomischerweise so groß, daß sich Menschenschlangen bis auf die Straße bildeten. Ich hütete mich, mich anzustellen und war unter den Letzten, die


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erfaßt wurden. Man erhielt dann eine Bestätigung ausgehändigt, die gleichzeitig bei Kontrollen als Ausweis galt. Auf diesem Schein war ein Vermerk, laut welchem der Inhaber zur Kenntnis genommen hatte, daß er sich bei Aufruf innerhalb von zwei Stunden zu einem Abtransport bereithalten müsse. Marschverpflegung für einige Tage sei mitzunehmen. Dies war für mich der endgültige Anstoß, mit meiner Familie die Flucht nach Deutschland zu ergreifen.

Da Deutsche die Eisenbahn eigentlich nicht benützen durften, beschaffte ich mir eine Sonder-Genehmigung zur Reise meiner kranken Frau mit Kindern zur Kur nach Bad Buziasch im Banat. Die Genehmigung kostete an Bestechungsgeldern 23 000 Lei.

In der Nacht vom 31. 8. auf den 1. 9. schlichen wir uns kurz vor Mitternacht auf den Bahnhof, von wo der letzte Zug Richtung Westen abgehen sollte, da die Bolschewiken sich schon Kronstadt und Hermannstadt näherten bzw. diese Städte bereits besetzt hatten. Kurz vor Besteigen des Zuges gab es noch einen aufregenden Zwischenfall, da der Schalterbeamte mir als Deutschem den Verkauf von Fahrkarten verweigerte. Er berief sich auf eine eben eingelaufene Verbotsdepesche. Nach Bestechung des Bahnpolizeibeamten mit „nur” 1000 Lei erhielt ich dann doch die Fahrkarten. Die Fahrt ging in unbeleuchteten Wagen bis Klein-Kopisch. Dort hieß es: alles aussteigen, weil der Zug nicht weiterfahren dürfe. Der Bahnhof und die Bahngleise glichen einem Heerlager. Man sah Familien von flüchtenden Landsleuten aus dem Burzenland mit Kindern vom Säugling bis zu 18 Jahren auf ihren Koffern und Bündeln. Die Frauen jammerten, die Männer fluchten über den Deutschen Gesandten v. Killinger in Bukarest und über das Versagen der Volksgruppenführung. Dazwischen schlenderten entlassene ehemalige bolschewistische Kriegsgefangene mit Maschinenpistolen bewaffnet und ganz finstere Gestalten umher. Wir Sachsen hielten uns möglichst geschlossen beieinander und suchten nach einer weiteren Reisemöglichkeit nach Westen. Gepäckträger erklärten offen, für Deutsche, also für uns, würden sie keine Handreichung tun. Nur ein Zigeuner fand sich gegen hohe Belohnung bereit, uns bei Erklimmung des aus Hermannstadt zu erwartenden Anschlußzuges behilflich zu sein. Nach unendlich scheinenden Stunden erschien der rettende Zug am 1. 9. so gegen 13 Uhr aus Hermannstadt. Obwohl er überfüllt war, gelang es mir mit Hilfe des obenerwähnten Zigeuners, einzeln durch Türen und Fenster den Zug zu erklimmen. Durch einen deutschfreundlichen „eisernen Gardisten” gewarnt, hüteten wir uns, im Zuge deutsch zu sprechen, was meiner Familie sehr schwer fiel, weil sie nur Deutsch konnten. Unterwegs wurden wir oft kontrolliert und nach dem Reisezweck gefragt. Mit knapper Not gelang es uns, einer Herausholung aus dem Zug zu entgehen.

Der Vf. berichtet anschließend kurz über im Abteil mitgehörte deutschfeindliche Gespräche und über Ansammlungen zum Teil zerstörten deutschen Kriegs- und Eìsenbahnmaterials entlang der Straße.

So gelangten wir am Abend nach Arad und trachteten, möglichst bald nach Temeschburg weiterzufahren, das wir dann im Laufe der Nacht erreichten. Am Bahnhof gab es weder Droschken noch Gepäckträger.


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Endlich fanden wir wieder Zigeuner, die gegen hohen, Entgelt unser Gepäck in den nächsten Gasthof schleppen halfen. Am nächsten Vormittag wechselten wir sicherheitshalber die Unterkunft und nahmen in einem schwäbischen Hotel Bleibe. In Temeschburg war die Lage zunächst noch viel ruhiger als in Siebenbürgen. Handel und Verkehr verliefen ungehindert. Waffen und Rundfunkgeräte waren noch nicht eingezogen. Man hoffte auf Einsatz von deutschen Truppen. Ich nahm Fühlung mit Verwandten und Landsleuten. Es wurde beratschlagt, was zu tun sei. Die Grenze nach dem Westen war für jeglichen Reiseverkehr gesperrt. So erfuhren wir über eine Fluchtmöglichkeit über Marienfeld, das abseits vom gewohnten Grenzverkehr lag und den Zugang nach einem dreieckigen Gebietsstreifen zwischen Theiß, Donau und der rumänischen Westgrenze ermöglichte.

In Temeschburg wurde uns am 5. 9. der Boden plötzlich auch zu heiß, als auf Deutsche in Hotels Razzien veranstaltet wurden und auch auf der Straße plötzlich Milizpatrouillen auftauchten, die Ausweise kontrollierten. Vom ungarischen Pförtner gewarnt, verließen wir am Vormittag das Hotel, mieteten eine Droschke und fuhren bis zum Abgang des Zuges nach Marienfeld bis 15 Uhr ständig in den Straßen herum, um nicht wie die Fußgänger angehalten zu werden. Ein Aufenthalt am Bahnhof schien uns auch nicht ratsam. Fahrkarten erhielten wir ohne weiteres, da Marienfeld Endstation einer Nebenstrecke ist. Dort angekommen, verkrümelten wir uns schleunigst in einem unbekannten schwäbischen Bauernhof, wo wir mit viel Verständnis aufgenommen wurden. Marienfeld ist eine rein deutsche Gemeinde. So wurden wir nicht verraten und konnte mit dem Chef der Grenz-Jäger Fühlung nehmen. Gegen Hinterlegung von 20 000 Lei je Kopf (also insgesamt 140 000 Lei) erhielten wir in der Nacht 2 Grenz-Jäger zum Geleit und wanderten mit Koffern und Säcken schwer bepackt zu Fuß über Äcker, Weinberge und Maisfelder über die grüne Grenze an das dreieckige unter deutscher Militärverwaltung, stehende „Niemandsland”, das angeblich von SS-Kosaken-Patrouillen durchstreift wurde. Begegnet sind wir allerdings keinen Kosaken. Nach Mitternacht erreichten wir einen Gutshof, in dessen Scheune wir unsere müden Glieder ausstreckten.

Am 6. 9. ging es dann gegen Mittag mit einem Bauernfuhrwerk nach Groß-Kikinda. Hier meldeten wir uns bei der Ortskommandantur und einer Stelle des Sicherheitsdienstes. Ich wurde verhört und an eine eben im Aufbau befindliche Dienststelle der deutschen Volksgruppe verwiesen. Da ich hier keine Unterstützung fand, sondern nur die Zumutung, in eine Volksdeutsche Kampfgruppe einzutreten, während meine Familie in diesem von serbischen Partisanen verseuchten Gebiet neuen Gefahren ausgesetzt worden wäre, deren Sprache ich nebenbei nicht beherrschte, trachteten wir selbst, auch ohne Reisepapiere so schnell als möglich nach Deutschland zu gelangen. So fanden wir am Bahnhof eine Wehrmachts-Einheit, die aus Serbien kam und sich auf dem Wege nach Wien befand. Dieser Einheit vertrauten wir unser Schicksal an und fuhren kostenlos in einem Güterwagen auf Feldbetten liegend etwa 8 Tage lang bis Wien. Die Reise dauerte deshalb so lang, weil unsere Lokomotive unter fadenscheinigen Gründen von ungarischen Eisenbahnern immer wieder abgekuppelt wurde. Um dies zu


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vereiteln, leistete ich dem Transportführer, dank meiner Sprach- und Menschenkenntnisse der Ungarn, wertvolle Dienste. Da bei Szegedin eine Theißbrücke schadhaft war, lagen wir über 24 Stunden fest und hörten von der rumänischen Grenze ziemlich heftigen Kanonendonner. Am Bahnhof trafen wir überraschenderweise mit der Familie Dr. P. aus Hermannstadt zusammen, die uns mit einem D-Zug, der direkt nach Budapest weiterrollte, überholten. Von den Ungarn wurden wir, sobald das Wort Siebenbürgen (Erdély) fiel, stets herzlich aufgenommen und bewirtet. Viele waren sehr pessimistisch und wären am liebsten gleich nach Westen abgehauen. Unterwegs — es ging am Plattensee entlang — gab es oft Fliegeralarm und Angriffe von feindlichen Fliegern. In Wien war der Empfang ziemlich unfreundlich, und es begann das Gerenne zu Behörden um Lebensmittelkarten und Bezugsscheine.

Neben dem weiteren Ergehen des Vfs. schildern die Schlußsätze seine Eindrücke von der Lage in Österreich gegen Ende des Krieges.