Evakuierung und Flucht vor der Roten Armee.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Reaktion auf die Musterungen zur Waffen-SS stand als Opposition gegen die Maßnahmen der deutschen Reichsregierung und der Volksgruppenführung nicht isoliert da. Der Volksbund hatte seine Anziehungskraft als Wahrer der deutschen Interessen weitgehend verloren; viele, denen ein


35E

Weg offen stand, sahen sich nach Rückendeckung unter den Madjaren um, da die kommende Katastrophe sich bereits abzeichnete. Schon die plötzliche Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen am 19. März 1944 ließ die Einsichtigen ahnen, daß die deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft in eine ernsthafte Krise geraten war. Äußerlich gesehen allerdings verschaffte gerade dieses Ereignis dem Volksbund unter dem Schutz der deutschen Armee eine Handlungsfreiheit, wie er sie noch nie zuvor besessen hatte.

Doch bald überstürzten sieh die Ereignisse, die den Ungarndeutschen den ganzen Ernst ihrer Lage vor Augen führten. Der Umsturz in Rumänien am 23. August 1944 machte den sowjetischen Truppen den Weg bis an die ungarische Grenze frei. Im September zogen die ersten volksdeutschen Flüchtlingstrecks aus Rumänien, später auch aus Jugoslawien durch die Schwäbische Türkei1. Der Einbruch der Roten Armee in ungarisches Hoheitsgebiet im September veranlaßte den Reichsverweser Admiral von Horthy, mit der Sowjet-Union Verbindung aufzunehmen. Am 15. Oktober erklärte er offiziell, daß er die UdSSR um einen Waffenstillstand gebeten habe. Der dadurch ausgelöste Aufstand ungarischer Truppen, besonders in Budapest, gegen die deutsche Besatzungsmacht, wurde sofort niedergeschlagen. Horthy trat zurück und wurde nach Deutschland geschafft; die Regierung übernahm der Führer der Pfeilkreuzlerbewegung2 Szálasi. In dem bereits von der Sowjetarmee besetzten Teil des Landes bildete der ungarische Generaloberst Béla Miklós-Dálnoki am 23. Dezember eine Gegenregierung. Die Schattenregierung Szálasi legte der deutschen Volksgruppenpolitik wegen ihrer völligen Abhängigkeit vom Dritten Reich kaum Hindernisse in den Weg. Diese konnte ihre jetzt weniger gestörte Arbeit nur noch auf eine große Aktion konzentrieren: auf die Evakuierung des ungarländischen Deutschtums.

Die Volksgruppenführung hatte sich schon im Frühjahr 1944 mit der Möglichkeit der Evakuierung befaßt, an die Aufstellung von genauen Räumungsplänen ging man jedoch erst Ende August nach dem Bekanntwerden des Umschwungs in Rumänien3. In Zusammenarbeit mit der Volksdeutschen Mittelstelle (VOMI) in Berlin, nach deren Anweisungen man sich zu richten hatte, wurden genaue Treckwege festgelegt, Verpflegungsstellen eingerichtet und Durchgangsquartiere vorbereitet. In jedem Ort hatte ein Evakuierungsbeauftragter für die Betreuung der durchziehenden Trecks4 und für die rechtzeitige Benachrichtigung der eigenen Ortseinwohner Sorge zu tragen. Die Hauptmasse der deutschen Landbevölkerung sollte in Trecks zusammengefaßt werden. Daneben war vorgesehen, mit Schiffen donauaufwärts oder mit der Eisenbahn nach dem Westen zu gelangen.


36E

Aus den von Deutschen bewohnten Gebieten östlich der Donau — den Komitaten Békés und Csánad-Arad-Torontál — setzten sich bereits im September 1944 die ersten Flüchtlingstrecks in Richtung Donaubrücken in Marsch. Die Rote Armee beendete inzwischen ihren Aufmarsch längs der rumänisch-ungarischen Grenze und stand Ende September bereit zum Einbruch in die ungarische Tiefebene1. Am 5. Oktober trat sie zum Angriff auf die Theißebene an. Die durch den Putschversuch am 15. Oktober in Verwirrung gebrachten deutsch-ungarischen Truppen leisteten nur geringen Widerstand, daher näherte sich die Rote Armee in Südungarn verhältnismäßig schnell in breiter Front der Donau. Infolgedessen wurde für die Orte entlang des östlichen Donauufers in der zweiten Oktoberwoche die Evakuierungsaufforderung gegeben. In der jetzt schwer bedrohten Schwäbischen Türkei lief die planmäßige Evakuierung in der zweiten Oktoberhälfte an und dauerte bis zum Einbruch der Russen in dieses Gebiet Anfang Dezember.

In Budapest ordnete die Volksgruppenführung Ende Oktober, als russische Panzerspitzen für kurze Zeit bis in die südöstlichen Vorstädte der Hauptstadt vorgestoßen waren, an, daß die Stadt von reichs- und volksdeutschen Kindern geräumt werden sollte. Anfang November — die sowjetische Armee war bereits gefährlich nahe gekommen — wurde die männliche deutsche Bevölkerung, soweit sie nicht unabkömmlich war, aufgefordert, die Stadt in Richtung Westen zu verlassen2. Ebenso wurden Dienststellen und Schulen verlagert3. Da Budapest seit dem 19. Dezember von Süden her durch die russischen Truppen eingeschlossen und damit der Weg nach Westen abgeschnitten war, verließen die letzten Flüchtlinge die Stadt nach Norden in Richtung Tschechoslowakei und Schlesien. Am 24. Dezember wurde auch dieser Weg durch einen nördlichen Umgehungsvorstoß auf Gran versperrt — Budapest war eine eingeschlossene Stadt4.

Inzwischen hatte die Rote Armee bereits Ende November die Donau in Südungarn überschritten und konnte trotz eines deutschen Gegenstoßes erst in der Linie Nagykanizsa-Plattensee-Budapest aufgefangen werden. Gleichzeitig mit der Einschließung Budapests gelang es ihr, die deutschen Truppen bis in den Bakony-Wald und im Norden bis an den Gran zurückzudrücken. Zwei Versuche, Budapest zu entsetzen — am 1. und am 18. Januar 1945 — blieben nach Anfangserfolgen stecken. Die Stadt wurde nicht befreit und mußte ihrem Schicksal überlassen werden. Mitte Februar fielen die letzten deutschen Stützpunkte innerhalb des Stadtgebietes in russische Hand.

Mit der Stabilisierung der Bakonywald-Gran-Front Ende Dezember 1944 endete die Phase der planmäßigen Evakuierung, denn der noch in deutscher Hand befindliche westliche Teil Ungarns sollte unbedingt gehalten werden. Die strikten Anordnungen Hitlers, der sogar eine Entsetzung des einge-


37E

schlossenen Budapests forderte, waren der Bevölkerung bekannt geworden, und sie sah daher keinen Grund, die Heimatorte zu verlassen. Da aber ein breiter Streifen des Hinterlandes aus taktischen Gründen von der Zivilbevölkerung geräumt werden mußte, außerdem bei den Vorstößen auf Budapest einzelne Dörfer des von der Roten Armee schon eroberten Gebiets besetzt werden konnten, und die deutsche Zivilbevölkerung beim Rückzug von den Soldaten mitgenommen wurde1, ist gerade die Evakuierung der Streusiedlung nördlich des Bakonywaldes am vollkommensten durchgeführt worden.

Das von Deutschen besiedelte Gebiet längs der westungarischen Grenze wurde erst in der letzten Phase des Krieges, im März und April 1945 von der Roten Armee beim Vorstoß in den österreichischen Raum in Besitz genommen. Hier beschränkte sich die Evakuierung fast ausschließlich auf die ungarischen und deutschen Dienststellen — Ödenburg war der letzte Sitz der Szálasi-Regierung in Ungarn — und auf Angehörige des Volksbundes2.

Es kann rückschauend festgestellt werden, daß die technischen Vorbereitungen zu einer ordnungsmäßigen Evakuierung im Rahmen des Möglichen ausreichten. Sie wurden allerdings kaum ausgenutzt, denn nur ein geringer Teil der volksdeutschen Bevölkerung machte von ihnen Gebrauch3. In einigen Orten mag dies daran gelegen haben, daß nur die Volksbundmitglieder als die eigentlich Gefährdeten oder, was die ganze Atmosphäre der damaligen Situation kennzeichnet, als die eigentlichen Deutschen angesehen und daher nur sie über den Termin der Evakuierung oder der Räumung benachrichtigt wurden. Besonders in den westungarischen Grenzgebieten suchten die Leiter der Volksbundgruppen nur die Mitglieder auf, um sie zur Flucht zu überreden. In den übrigen Landschaften jedoch bemühte man sich von deutscher Seite, alle Volksdeutschen anzusprechen. Beauftragte der Volksgruppenführung reisten von Gemeinde zu Gemeinde, um in öffentlichen Versammlungen auf die Nöte und Drangsale hinzuweisen, denen die deutsche Bevölkerung in den bereits von der Roten Armee besetzten Gebieten ausgesetzt sei4. Auch deutsche Feldgendarmerie und Wehrmachtskommandanturen haben ihr möglichstes getan, um durch Überredung und moralischen Druck eine Fluchtbereitschaft zu erzeugen und zu bestärken.

Der Erfolg aller dieser Bemühungen war mäßig5. Der weitaus größte Teil der ungarländischen Deutschen lehnte es ab, die Heimat zu verlassen und hoffte — sich keiner Schuld bewußt — die kommenden Zeiten in der altvertrauten Umgebung besser überstehen zu können als in der ungewissen Fremde. Selbst Volksbundangehörige leisteten dem Ruf nicht Folge, wenn kein besonderer Anlaß vorlag — etwa eine persönliche Feindschaft mit einem Madjaren oder einem madjarenfreundlichen Deutschen. Viele suchten


38E

in dem Hin und Her des Überlegens einer eigenen Entscheidung zu entgehen; wenn sich einer der Wortführer im Dorf entschlossen hatte zu trecken, packten auch die anderen ihren Wagen. Es gab daher Gemeinden, in denen sich niemand oder nur sehr wenige Familien zur Abreise entschließen konnten, während in anderen Orten die gesamte deutsche Bevölkerung flüchtete. So mancher wiederum wendete sein Gespann beim Verlassen des Dorfes und fuhr auf seinen Hof zurück1, andere entschlossen sich selbst nach ein oder zwei Tagesfahrten noch zur Rückkehr.

Das zähe Festhalten am eigenen Haus und Hof und der vertrauten Umgebung hatte, abgesehen davon, daß sich eine bäuerliche Bevölkerung immer besonders schwer vom alten Wohnsitz löst, in erster Linie persönliche Gründe. Vor allem die älteren Leute wollten unter keiner Bedingung ihre Höfe verlassen, aber auch die Frauen, deren Männer und Söhne Soldat waren, vertrauten, mit ihren Kindern alleingelassen, mehr der vermeintlichen Sicherheit des Hofes als der Ungewißheit des Trecklebens. Als sehr zugkräftig erwies sich außerdem die in diesem Augenblick angerufene Meinung der alten Autoritäten, deren Einfluß solange durch die Propaganda von Volksbund und Volksgruppenführung zurückgedrängt worden war. Die Vertreter der katholischen Kirche rieten nachdrücklich von einer Flucht ab2. Ebenso hielten die madjarischen kommunalen Verwaltungsbeamten3, die eine geachtete Stellung in der Gemeinde einnahmen — der Notar oder der Stuhlrichter4 — den Ratsuchenden nachdrücklich vor, daß die Verhältnisse in Österreich oder Deutschland sich wahrscheinlich erheblich schlechter, sicherlich aber nicht besser als in Ungarn gestalten würden. Als weiteres verzögerndes Moment erwies sich die trotz der angeordneten Evakuierungsmaßnahmen immer noch auf Sieg ausgerichtete Propaganda, die andauernd versicherte, daß die Rote Armee nicht nur aufgehalten, sondern in nächster Zeit zurückgeschlagen werden würde. Tatsächlich vollzog sich der russische Vormarsch in Ungarn in sehr weit auseinanderliegenden Etappen, und Gegenangriffe deutscher Truppen ließen die Bevölkerung immer wieder eine Wendung des Kriegsgeschehens erhoffen. Ein erneuter Durchbruch und Vormarsch der Sowjetarmee löste dann einen überstürzten Aufbruch aus, wobei man immer noch glaubte, in zwei bis drei Wochen wieder zurückkehren zu können.

Wer sich von vornherein zum Verlassen der Heimat entschlossen hatte, nutzte die Zeit der Vorbereitung und gelangte in den meisten Fällen mit einem der zusammengestellten Trecks oder mit der Bahn wohl unter Strapazen, aber ohne besondere Gefahr in die Auffanggebiete. Die Trecks aus den Gebieten ostwärts der Donau zogen einen vorgeschriebenen Weg mit feststehenden Übernachtungspunkten und endeten in Auffangquartieren in der Schwäbischen Türkei5, der Umgebung von Budapest oder im Bakonywald.


39E

Als dann mit dem Herannahen der Roten Armee auch die Aufnahmegebiete den Evakuierungsbefehl erhielten, setzten sich die schon marschbereiten Trecks der bereits Geflüchteten in der Regel als erste in Bewegung, während die Gastgemeinden eigene Trecks zusammenstellten. Als nächstes Fluchtziel war Westungarn, für die Dienststellen insbesondere Ödenburg und Güns, dann Österreich1 festgesetzt. Da die Flüchtenden, unter denen sich auch madjarische Pfeilkreuzler und Anhänger der Horthyregierung befanden, bald hier nicht mehr untergebracht werden konnten, leitete man die Trecks weiter, entweder nach Bayern und Württemberg2 oder in nördliche Richtung nach Böhmen und Mähren3, nach Sachsen und sogar bis nach Schlesien4.

Da die Hauptstraßen für Militärtransporte freigehalten werden mußten, das Fortkommen auf den Nebenwegen aber wegen des regnerischen Winterwetters sich immer schwieriger gestaltete, ließen einzelne Trecks ihre Fahrzeuge schon in Mittelungarn zurück und benutzten die Eisenbahn zur Weiterfahrt5.

Mit der Eisenbahn6 sollten die Volksdeutschen nach dem Westen geschafft werden, wenn kein Fahrzeug für den Treck zur Verfügung stand. Diese Aktion lief allerdings in den wenigsten Fällen so reibungslos ab wie sie geplant war. Es stand wohl so viel Verladeraum zur Verfügung, wenigstens bei Beginn der Evakuierung, daß hin und wieder die Züge halb leer abfuhren7, es ließen sich aber lange, zeitraubende Aufenthalte häufig nicht vermeiden. Der Grund für diese Stockungen lag nicht so sehr an dem Mangel an Lokomotiven, als vielmehr an dem passiven Widerstand der madjarischen Eisenbahnbeamten8, von denen die Züge tage- und bisweilen wochenlang auf einzelnen Bahnhöfen zurückgehalten wurden. Ganz allgemein kann festgestellt werden, daß von ungarischer Seite alles versucht wurde, den Anordnungen der Volksgruppenführung und der deutschen Dienststellen entgegenzuarbeiten und die Evakuierungswilligen im Lande zu halten.

Neben dem planmäßigen Abtransport vor Beginn der Kampfhandlungen oder dem Absetzen der deutschen Truppen, begleitete besonders in der Schwäbischen Türkei eine zweite Welle von Flüchtenden die Trosse und Kampfeinheiten der zurückgehenden Truppen. Viele, die den Mühen eines langen Trecks entgehen wollten und daher bei den offiziellen Räumungen zu Hause geblieben waren, fürchteten dann unmittelbar vor dem Einmarsch der Russen für das nackte Leben und flüchteten im letzten Augenblick zu Fuß oder auf den Fahrzeugen der Wehrmacht9. Ähnlich war das Bild im März und April 1945, als Westungarn aufgegeben werden mußte.


40E

Zu den Evakuierten gehörten neben der kleinen Gruppe der exponierten Nationalsozialisten alle diejenigen, für die neben der einfachen Angst vor der russischen Invasion das Gefühl ausschlaggebend war, daß ihnen als bewußten Deutschen, deren Angehörige freiwillig oder zwangsläufig in der Waffen-SS dienten, dasselbe Schicksal bevorstand, wie den Deutschen in Jugoslawien, das ihnen als warnendes Beispiel von der Volksgruppenpropaganda vor Augen gehalten wurde1.

Allerdings bestand im allgemeinen keine Spannung zwischen Deutschen und Madjaren; in vielen Fällen haben die Madjaren sogar versucht, die Abfahrenden zum Dableiben zu bewegen. Viel deutlicher trat der Gegensatz innerhalb des ungarländischen Deutschtums selber zutage2. Schon bei der Unterbringung der durchziehenden Flüchtlingstrecks kam es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen und Gegnern des Volksbundes3. In der Zeit der Treckvorbereitung und des Aufbruchs, in der sich nun jeder zu entscheiden hatte, zu welcher Seite er gehören wollte, steigerte sich die Abneigung zu Haß. „Hitleristen” und „Madjaronen” warfen einander Verrat und Schuld an der Katastrophe vor, die ja sowohl den Flüchtenden in dem „hungernden” Deutschland als auch den Bleibenden in dem von Russen besetzten Ungarn drohte.

Trotz der Bemühungen des Volksbundes, möglichst viele Volksdeutsche zur Evakuierung zu bewegen, blieb die Zahl der Flüchtenden verhältnismäßig gering. Sie betrug ungefähr 10—15% der deutschen Gesamtbevölkerung Ungarns, also 50 000 bis 60 000 Personen. Der Anteil hält in den verschiedenen Siedlungsgebieten ungefähr die gleiche Höhe, allerdings mit erheblichen örtlichen Unterschieden.


41E