III. Kapitel: Die Auswirkungen der russischen Besetzung. Die Verschleppung.

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Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Ungarn änderte sich die Lage der volksdeutschen Bevölkerung zunächst nicht in dem Maße, wie allgemein befürchtet worden war1. Ungarn wurde von der Sowjetunion zwar als Feindmacht angesehen, da aber die Verhetzung der Sowjetsoldaten hier fehlte, kam es nicht zu den unmenschlichen Ausschreitungen wie in den deutschen Ostgebieten2. Sicherlich ist wohl kaum ein Haus von gründlicher Plünderung verschont geblieben, die Lebensmittel wurden mitgenommen oder ungenießbar gemacht, die Pferde beschlagnahmt, das Vieh geschlachtet oder weggetrieben, der Wein weggetrunken oder verschüttet3. Frauen und Mädchen mußten in den Tagen und Wochen nach dem Einmarsch immer auf der Hut sein, um sich vor herumstreunender und marodierender Soldateska in Sicherheit zu bringen. Aber es fehlte die systematische Quälerei und Erniedrigung, denen die Deutschen etwa in der Tschechoslowakei oder in Jugoslawien ausgesetzt waren.

Dies mag zum großen Teil daran gelegen haben, daß die donauschwäbischen Siedler im ersten Augenblick gar nicht als Deutsche erkannt wurden. Sie litten also anfangs nicht mehr und nicht weniger als die madjarischen oder slawischen Bauern auch4. Sehr bald erfuhren sie allerdings dadurch eine recht spürbare Sonderbehandlung, daß die Gruppen innerhalb der ungarischen Bevölkerung, die zur Zeit der deutschen Besatzung entrechtet und verfolgt worden waren, kurz nach dem Zusammenbruch Einfluß gewannen und nun das erlittene Unrecht an den Volksdeutschen zu vergelten suchten. Sie hielten sich nicht nur durch Plünderungen zur eigenen Bereicherung schadlos, sondern machten auch die sowjetischen Soldaten auf die deutschen Häuser und die deutschen Mädchen aufmerksam5. Auch die von den russischen Kommandanturen neu eingesetzten örtlichen Verwaltungsbehörden — meist madjarische Kommunisten und Kleinbauern — teilten, nicht so sehr aus Vergeltungsdrang, sondern um die eigenen Landsleute zu schonen, zu den zahllosen Arbeitsleistungen, die von der Besatzungsmacht befohlen wurden, mit Vorliebe Volksdeutsche ein. Neben den Dienstleistungen zur Versorgung der Soldaten — in der Hauptsache Reinigungsarbeiten — mußte die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung, auch die Madja-


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ren, vor allem in den Kampfzonen Stellungen bauen. Zu einzelnen Arbeitsgruppen, die bei unzureichender Verpflegung in Sammelunterkünften in Frontnähe zusammengezogen wurden, kommandierte man mit Vorliebe ehemalige Mitglieder oder Anhänger des Volksbundes. Besonders die Bevölkerung in der Umgebung des belagerten Budapests, in der Schwäbischen Türkei und im Schildgebirge, dem Hinterland der lange bestehenden Bakony-Gran-Front, hatte unter diesen Zwangsmaßnahmen zu leiden1. Am wenigsten spürbar blieb der Einmarsch der Roten Armee in Westungarn, das erst im Frühjahr besetzt wurde und daher sogar von der folgenschwersten Maßnahme der vorangehenden Phase — der Verschleppungsaktion — verschont blieb.

Da die Sowjetunion Ungarn als besetztes Feindesland betrachtete, wurden, ähnlich wie im deutschen Osten, Arbeitskräfte für den Wiederaufbau in der Sowjetunion aus dem besetzten Gebiet herausgezogen. Ob und wie weit die Zahl der Zwangsarbeiter durch Abmachungen zwischen der russischen Militärregierung und der provisorischen Nationalregierung in Ungarn begrenzt worden ist, kann heute noch nicht quellenmäßig belegt werden. Ebenso ist nichts darüber bekannt, ob gerade die Volksdeutschen in Ungarn für die Deportation in die Sowjetunion vorgesehen waren.

Die Eintreibung und der Abtransport der für die Verschleppung Bestimmten setzte wie in anderen Ländern gerade zu Weihnachten 1944 ein und dauerte bis Ende Februar; einzelne Nachzüglertransporte gingen noch im März und April ab. Die Aktion wurde in den einzelnen Gebieten des Landes in verschiedenen Formen durchgeführt, erfaßte aber nicht nur Deutsche, sondern weit mehr Madjaren; auch die anderen Minderheiten, einschließlich der Juden, wurden davon betroffen.

In Pest — dem Stadtteil Budapests links der Donau — das gerade zur Zeit der anlaufenden Verschleppungsaktion in die Hände der Russen fiel, und in den Orten östlich davon, die während der Belagerung der Hauptstadt Kampfgebiet waren, wurden alle Arbeitsfähigen, deren man habhaft werden konnte, zusammen mit deutschen und madjarischen Kriegsgefangenen nach dem Osten getrieben. Man zog sie in Lagern zusammen und transportierte sie mit den zurücklaufenden Leerzügen nach Rußland2. Obgleich hierbei Personen mit deutschen oder deutschklingenden Namen besonders stark der Gefahr ausgesetzt waren, von den Fangkommandos — russischen Soldaten oder madjarischen Kommunisten — aufgegriffen zu werden, so machten die Deutschen in der großen Zahl der aus dem Pester Raum Verschleppten doch nur einen kleinen Prozentsatz aus.

Einen wesentlich anderen Charakter trugen die Zwangsdeportationen im Süden des Landes, also in der Batschka und in der Schwäbischen Türkei. Hier wurden die Eintreibekommandos in der Mehrzahl von jugoslawischen Partisanen gestellt. Da durch den Rückfall des Baranyadreiecks, der jugoslawischen Batschka und des westlichen Banats — also der Gebiete, die 1941 von Ungarn annektiert worden waren — an Jugoslawien die Grenzen


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in dieser Übergangszeit offenblieben, konnten die von einem fanatischen Deutschenhaß getriebenen Partisanen ungehindert nach Ungarn einströmen. Sie waren es, die hier im Zusammenwirken mit ungarischen Kommunisten und fanatischen Nationalisten in der Zeit kurz nach dem Zusammenbruch eine mit dem übrigen Ungarn dieser Tage nicht zu vergleichende Gewalt- und Willkürherrschaft aufrichteten1. In dem von ihnen usurpierten Machtbereich wurden vornehmlich Volksdeutsche von der Verschleppungsaktion erfaßt und planmäßig — die Männer bis 40 oder 45, die Frauen bis zu 35 Jahren2 — in kleine Lager zusammengetrieben und nach Baja3 oder eins der anderen Zentrallager Pécs4 oder Bácsalmás5 in Marsch gesetzt. Baja war als Sammellager für die Verschleppten des gesamten Südens außerordentlich geeignet, weil sich hier die einzige unzerstörte Donaubrücke des Gebietes befand. Von dort gingen ununterbrochen Transporte in die Sowjetunion ab. Die Partisanen kamen in kurzen Streifzügen sogar bis vor die Tore von Budapest, um die einzelnen deutschen Gemeinden durchzukämmen. Da die Volksdeutschen an die Aufstellung von Arbeitskommandos inzwischen gewöhnt waren, ließen sie sich zunächst einreden, es ginge für 14 Tage zum Maisbrechen oder zu Aufräumungsarbeiten in die jugoslawische Batschka6. Die Gefährdeten wußten sich aber sehr bald auf die Lage einzustellen, sie suchten Schutz bei befreundeten madjarischen Familien oder versteckten sich in der Umgebung des Dorfes7 und kehrten nach Beendigung der Aktion, die in der Regel nur wenige Tage dauerte, aber öfter wiederholt wurde, wieder in ihre Wohnungen zurück8.

Die menschenunwürdige Behandlung der Deportierten auf den Transporten wie auch ihr weiteres Schicksal in den sowjetischen Zwangsarbeitslagern glichen bis in Einzelzüge hinein den Leiden, denen die ostdeutschen Zivilverschleppten in derselben Zeit unterworfen waren9. Die Kälte in den ungeheizten Waggons, mangelnde Verpflegung, Durst, der zum Trinken verseuchten Wassers führte, epidemische Krankheiten wie Ruhr und Typhus, forderten schon auf der Reise, die in der Regel zwei Monate dauerte, die ersten Todesopfer. In den Zielorten — meist Arbeitslager im Donezbecken10


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— mußten die Unterkünfte sehr oft erst von den Lagerinsassen errichtet werden. Die schwere Arbeit in den Kohlenschächten und die mangelhafte Ernährung zumindest der ersten Jahre verursachte weitere Verluste1.

Schon im Sommer und Herbst 1945 trafen die ersten Züge mit Rückkehrern aus Rußland wieder in der Heimat ein. Es waren ausschließlich Krankentransporte, deren Insassen bis zum Skelett abgemagert waren. Auch die Heimkehrer der folgenden Jahre wurden nur entlassen, weil sie inzwischen arbeitsunfähig geworden waren. Seit 1948 kehrten auch Gesunde zurück, die Transporte gingen zu dieser Zeit schon in vielen Fällen über Frankfurt a. d. Oder, da inzwischen der größte Teil der Angehörigen der Verschleppten ausgewiesen war und in Deutschland lebte2.

Insgesamt sind nach ungarischen Angaben 600 000 Menschen aus Ungarn als Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter in die Sowjetunion verschleppt worden, darunter etwa 30 000 bis 35 000 volksdeutsche Zivilisten und etwa 30000 ungarndeutsche Kriegsgefangene3. Dies bedeutet, daß etwa 10% der ungarischen Verschleppten und Kriegsgefangenen Volksdeutsche waren, während deren Anteil an der Gesamtbevölkerung nach dem amtlichen Volkszählungsergebnis von 1941 nur 5,2% für Trianon-Ungarn bzw. 4,8% für das damalige Gesamtungarn betrug4.

Die meisten verschleppten Volksdeutschen stammten aus Südwestungarn, also der ungarischen Batschka und der Schwäbischen Türkei. Das Deutschtum um Budapest wurde nur in den ostwärts der Donau gelegenen Orten radikal von der Verschleppung erfaßt. In den westlichen Vororten, im Ofener Bergland, dem Industriegebiet, ist die Aktion nur in einzelnen Gemeinden durchgeführt worden, während andere Orte dieser Gegend, ebenso wie das schon erwähnte Westungarn5, von dem Verschleppungsvorgang völlig unberührt geblieben sind.


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