Vernehmungsbericht nach Aussagen des N. N. aus Lókút, Bezirk Zirc im Komitat Veszprém.
Original, 2. November 1953, 8 Seiten, mschr. Teilabdruck.
Meine Heimatgemeinde Lókút zählte etwa 2000 Einwohner. Wir hatten einen deutschen Gemeinderat, dem zuletzt vor dem russischen Einmarsch J. S. vorstand. Das Gemeindenotariat leitete Obernotär Schwarz, der sich nach dem ersten Weltkriege auf Földváry umändern ließ. Er sprach wie die anderen Gemeinde-Angestellten deutsch, jedoch sah er es gern, wenn man mit ihm madjarisch sprach.
Dem katholischen Pfarramt stand Pfarrer A. P. vor, der zwar das Evangelium deutsch vorlas, das Wort Gottes jedoch in der Staatssprache predigte. In der staatlichen Volksschule, geleitet von Kantorlehrer R. P. wurde nur in madjarischer Sprache unterrichtet. Dem Lehrkörper gehörte auch der
Leiter der örtlichen Staatsjugendorganisation (sogenannte Levente)1 L. K. an, der durch geschickten Umgang mit der Bevölkerung und unter taktvoller Ausnützung der politischen Verhältnisse für die Levente viele aktive Mitglieder gewinnen konnte.
Der Volksbund wurde in Lókút erst im Jahre 1942 aktiv. Es wurden nur etwa 60 Prozent der Bevölkerung erfaßt. Nach der Stalingrad-Niederlage trat etwa ein Drittel der Mitglieder allmählich wieder aus und versuchte, sich im madjarischen Sinne hervorzutun2. Wir hatten in unserer Gemeinde nur zwei bis vier Freiwillige bei der SS, doch wirkten deren Berichte ungünstig. Als im September 1944 die allgemeine Musterung für die SS erfolgte, sah man ihr in Lókút mit Widerwillen entgegen. Dennoch folgte man dem Rufe der Musterung aus Disziplin. In unserer Gemeinde dachte man nicht an Desertation, wie in anderen Ortschaften.
Durch Lókút sind seit Herbst 1944 viele Flüchtlingstrecks gezogen. Dadurch wurden auch wir zwangsläufig auf die Möglichkeit der Evakuierung unserer Gemeinde hingewiesen. Ich persönlich habe mich von Anfang an gegen eine solche Lösung gewandt, da ich die Ansicht vertrat, daß mir als Gegner des Volksbundes nichts passieren könne. Dies soll aber nicht heißen, daß ich mein Deutschtum verleugnete. Bei der Volkszählung tat ich es auch nicht. Auch vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt glaubte ich, daß das Zuhausebleiben die vernünftigste Lösung sei. Ich hatte Familienangehörige beim deutschen Militär und wollte nicht, daß sie nach ihrer Entlassung weder Heim noch Vermögen vorfinden. Viele meiner Bekannten und Verwandten dachten wie ich.
Ich habe selbst über die Frage der Evakuierung mit den durchziehenden Flüchtlingen gesprochen. Flüchtlinge aus der Batschka erzählten, daß sie vor der Flucht ihren Besitz an Bekannte, in vielen Fällen auch an Andersnationale übergeben hätten, um ihr Eigentum zu sichern. Des weiteren waren sich die Flüchtlinge nicht mehr einig, ob das Verlassen der Heimat die richtigste Lösung gewesen sei. Manche glaubten, es wäre entschieden vorteilhafter gewesen, wenn man zu Hause geblieben wäre. So fand ich meine Ansicht durch diese Feststellungen bestätigt. Meine Beobachtungen teilte ich meinem Bekanntenkreis mit; sie wurden mir auch bestätigt. Es sei noch erwähnt, daß die Flüchtlinge immer noch daran glaubten, in Bälde heimkehren zu können.
Es kann folglich nicht verwunderlich sein, daß die Befürwortung der Evakuierung durch unseren Ortsgruppenführer G. schärfstens abgelehnt wurde. G. hatte es versäumt, große Versammlungen einzuberufen und durch bedeutende Persönlichkeiten für den Evakuierungsgedanken zu werben. Er
hat sich vielmehr auf die Flüsterpropaganda und auf die Kraft seiner persönlichen Beeinflussung verlassen. Der im September und Oktober 1944 noch sachliche Meinungsaustausch entartete, insbesondere nach dem Horthy-Putsch, in unliebsame Auseinandersetzungen aus, die dem gemeinsamen Interesse einen großen Schaden angetan haben. Diejenigen, die G.'s Meinung nicht teilten, wurden vom örtlichen Volksbund schlechthin als Gegner deutscher Belange deklariert. Wir wiesen auf die verheerenden Folgen der Bombardierung und auf die nicht erfreuliche Versorgungslage in Deutschland hin. Solche Vorkommnisse standen auf der Tagesordnung. Es war begreiflich, daß unter diesen Umständen der Volksbund die Evakuierung nicht durchzuführen vermochte.
Die Front rückte immer näher heran, und wir kamen häufiger mit den deutschen Soldaten in Verbindung. Der Umgang mit ihnen verhinderte es, daß die Gegner des Volksbundes sich gänzlich hinter das Madjarentum gestellt haben. Viele Soldaten rieten uns, zu Hause zu bleiben und führten uns Gründe an, doch der überwiegende Teil riet zur Flucht. Kurz vor Weihnachten 1944 setzte eine gelenkte Propaganda seitens der Wehrmacht ein, die dahin zielte, die ganze Ortschaft zu evakuieren, doch wurden keine praktischen Vorbereitungen getroffen. Am 28. Dezember kam plötzlich ein größerer motorisierter Trupp von der Front in die Gemeinde. Die Soldaten sagten, daß mit dem Kommen der Sowjets jederzeit zu rechnen sei. Sie forderten die Einwohner auf, die Gemeinde unverzüglich zu verlassen. Diese plötzliche Wendung wirkte auf uns alle sehr erschreckend, weil keiner von uns die rote Herrschaft wünschte. Etwa 80 Familien verließen im Laufe dieses Tages ihre Heimat. Ich persönlich wollte bei diesem traurigen Ereignis nicht zugegen sein. Mein Bruder Jakob, dem ich zuredete, zu Hause zu bleiben, hat sich nach einer längeren Diskussion mit den bei ihm einquartierten Soldaten schließlich doch für die Flucht entschlossen, obwohl er vorher meine Ansicht teilte.
Die Front wurde aber 30 km ostwärts von Lókút zum Stehen gebracht. Unsere Gemeinde wurde in der Folgezeit nicht nur ein Stützpunkt der rückwärtigen Frontdienste, sondern auch ein Flüchtlingssammelpunkt. Viele Madjaren, die aus der Weißenburger Gegend vor den Russen zu uns geflohen waren, wollten hier die weitere Entwicklung der Lage abwarten. Sie waren entschlossen, auch im Falle des russischen Einmarsches nicht mehr weiter nach dem Westen zu ziehen. Man bereute, daß man dem Evakuierungsaufruf der ungarischen Behörden gefolgt war und fürchtete, nach Rückkehr die Häuser geplündert oder zerstört vorzufinden. Ich wurde durch diese Gespräche wiederum bewogea, die Fluchtmöglichkeit, die sich mir bis zum Tage des russischen Einmarsches bot, unausgenutzt zu lassen. Meines Erachtens ist bis zu diesem Zeitpunkt niemand mehr aus der Gemeinde geflüchtet, obwohl man in Angst lebte, zur Kirche ging und betete, daß das Unheil nicht über uns kommen möge. In langen nächtlichen Gesprächen versuchte man, die Furcht zu zerstreuen.
Am 27. März 1945, 16 Uhr, wurde die Gemeinde von den Russen besetzt.
Anschließend beschreibt Berichterstatter die Maßnahmen der Russen nach ihrem Einmarsch und seine Verurteilung zu drei Jahren Gefängnis, weil seine beiden Söhne Angehörige der Waffen-SS waren.