Erlebnisbericht des Oberlehrers Johann Kühn aus Güns (Köszeg) im Komitat Vas.
Original, 29. März 1955, 7 Seiten, handschriftlich (hschr.). Teilabdruck.
Als im März 1945 die Russen immer näher kamen, herrschte in der Stadt Güns1 eine angespannte Stimmung. Etwa 20 000 Flüchtlinge, 2 Ministerien, (Kriegsm.., Kanzl. des Ministerpräs.) waren seit Monaten einquartiert. Die Bevölkerung nahm die heraufziehende Gefahr so ernst, daß keinerlei politische Einstellung gegen Deutschland oder das Volksdeutschtum aufkam. Alle hatten Angst vor den Russen, aber voreinander brauchte man sich nicht zu fürchten. Bei zunehmender Gefahr (Flieger) wuchs die Angst an. In der Nacht, in der man den Einmarsch der Russen erwartete, hat sich ein älteres Ehepaar (Name nicht mehr gegenwärtig) erhängt.
Evakuiert wurden nur die Ministerien u. die Spitzen der Pfeilkreuzler, Einwohner nicht mehr. Auf eigene Initiative verließ ein Teil der Bevölkerung die Stadt und suchte in den Wäldern Schutz vor Fliegerangriffen. Die Ortsgruppe des Volksbundes zählte in Güns etwa 380 Mitglieder im Verhältnis zu einer Stadtbevölkerung von 10 000 Einwohnern. Mir ist bekannt, daß nur einige Familien die Stadt in Richtung Österreich verließen. Von den Führern des Volksbundes gingen Herr und Frau H., Frau G. und Herr Z. weg. Der Kassenwart blieb. Am letzten Morgen gelang es auch mir und meiner Frau einen Wagen zu bekommen und über die Grenze zu ziehen. Da flogen schon die Geschosse der russ. Artillerie in die Stadt. Das war der 29. März 1945 (Gründonnerstag). Wir kamen mit unserem Wagen nicht gut vorwärts, denn vor uns fuhr eine 45 km lange Wagenkolonne der Flüchtlinge aus Ungarn, meist Pfeilkreuzler. Am 3. Tag unserer Flucht wurden wir von den Russen überholt. Die Russen haben sich gegenüber den Flüchtlingen korrekt benommen, zu Tätlichkeiten — so weit es mir bekannt ist — kam es nicht. Wir durften noch 10 Tage in dem Ort Zöbern2 verweilen, dann aber wurden wir in unsern Heimatort abgeschoben. Nach 10 Tagen also kehrten wir nach Güns zurück. In Kirchschlag3 hielt uns und andere Heimkehrer eine russische Streife an. Die Männer unter 50 Jahren wurden festgenommen und nach Rußland verschleppt. Ich war dazumal 53 Jahre alt, somit durfte ich auf dem Wagen bleiben und mit Frauen und Kindern anderer die Heimfahrt antreten. — Am 12. April 1945 kamen wir in Güns an. Die Stadt bot einen traurigen Anblick. Man sah kaum Zivilpersonen auf den Strassen, sie aber waren dermassen verändert, dass man sie kaum erkannte. Die Angst sass noch in ihren Zügen u. Augen. Alle boten ein jämmerliches Aussehen. Im allgemeinen wäre noch zu sagen, daß die Bevölke-
rang zu Zwangsarbeiten herangezogen wurde, die aus Brückenbau usw. bestanden.
Im folgenden berichtet Vf. über seinen Aufenthalt in den Internierungslagern Güns und Vát (NO von Steinamanger) sowie über seine Ausweisung im Mai 19461.