Bericht des N. N. aus Budapest.
Original, 28. April 1954, 4 Seiten, mschr. Teilabdruck.
Vf. berichtet eingangs über nähere Einzelheiten seines Evakuierungsauftrages, sowie über Ausrüstung und Verpflegung, die für diese Aktion zur Verfügung gestellt wurden, und fährt dann fort:
Als wir Veszprém verließen, gab es Alarm. Es hieß, die Russen seien bereits am Plattensee vorbei in Richtung Stuhlweissenburg im Anmarsch, hätten aber — zumindest für kurze Zeit — aufgehalten werden können. Die Straßen waren bereits voll von Flüchtlingstrecks, die durch die Wehrmacht zur Eile angetrieben wurden, damit sie schleunigst aus dem Kampf-
gebiet heraus kamen. So wimmelte alles bunt durcheinander, Wehrmacht, Honvéd1 und Flüchtlinge. Als wir uns dann immer tiefer in das Innere des eigentlichen Buchenwaldes2 begaben, der nur sehr schlechte Straßen und vielfach kein Telephon besaß, (das Gebiet Buchenwald war beinahe unerschlossen) mußten wir in Kauf nehmen, mitunter ganz abgeschlossen von der Welt zu sein. Auch ein Umkreistwerden von den feindlichen Truppen lag durchaus im Bereich des Möglichen.
Wir fingen in der Gemeinde Városlöd an und kamen bis Untergalla. Methodisch gingen wir so vor, daß wir uns als Vertreter des Evakuierungskommandos der Volksdeutschen Mittelstelle (VOMI)3 ausgewiesen haben (soweit uns die Menschen nicht gekannt haben). Dann gaben wir die Möglichkeiten der Evakuierung bekannt, die mit Treck oder mit der Eisenbahn erfolgen konnte. Vor allem waren für die Trecks die verschiedenen Leitstellen bekannt zu geben, über die jeweils Verpflegung und neue Anweisungen entgegen zu nehmen waren. Bei dem dünnen Eisenbahnnetz bestand meistens nur die Möglichkeit, sich mit dem im Buchenwald üblichen Ochsengespann auf den Weg zu machen. Pferde hatten in diesem Gebiet nämlich nur die ganz Reichen. Mit den Ochsenwagen kam man aber nur sehr langsam vorwärts. Auch wurden den Tieren, die nicht, wie in den meisten Gebieten Deutschlands, beschlagen waren, die Füße bald abgelaufen, denn auf so lange Strecken waren weder Mensch noch Tier eingerichtet.
Die Stimmung unserer Leute war zum größten Teil sehr gedrückt. Nur ab und zu auflehnend. Man vertraute der Führung nicht mehr allzusehr, obwohl man von dem vorhandenen Vertrauen noch lange zehren konnte. Es war kein besonders schöner Auftrag, als Abgesandter des Evakuierungskommandos in den Dörfern zu erscheinen, in denen die meisten von uns einmal von dem großen „Sieg” der „Deutschen Sache” gesprochen hatten. Unsere ganze Sprache war auf diesen Sieg eingestellt. Für die Niederlage hatte sie keine Worte. In diesen Stunden spürte man, wie verhängnisvoll es war, sich nicht auf alle Eventualitäten einzustellen, so konnten unsere Führer keine Kräfte zum Ertragen der Niederlage vermitteln, weil sie selbst keine besaßen. Man gebrauchte vielfach die alten Schlagworte, daß der „Sieg” doch noch kommen würde, wenn erst die neuen Wunderwaffen da seien. Die Widersprüche waren mitunter mehr als peinlich. Früher sprach man immer von den Kolonistenbauern, die nicht wanken und nicht weichen. „Denn wo des Schwaben Pflug das Land durchschnitten, wird deutsch die Erde und er weicht nicht mehr” (Adam Müller-Guttenbrunn). Nun mußten wir ihn selbst notgedrungen zum Weichen und zur Flucht verleiten. Oft war es so, daß man die Evakuierung als „Pflicht”, das Hierbleiben aber als „Verrat” hinzustellen versuchte. Obwohl sich hinter dieser traurigen Ver-
legenheit eine sehr harte Notwendigkeit verbarg (denn die Vernichtung all derer, die da bleiben würden, war zum Teil bestätigt oder mußte angenommen werden), so konnte es doch hie und da vorkommen, dass man gewisse „Volksgenossen” als „Gute Deutsche” hinzustellen versuchte, die es weiß der Kuckuck nicht gewesen sind. Die aber, die nicht gehen konnten, weil sie Acker, Haus und Vieh nicht im Stich lassen wollten, mußten als „schlecht” deklariert werden, obwohl sich bei ihnen ein guter Teil des Bauerntums gezeigt hat, von dem einst in Sprüchen und Liedern gesprochen worden war.
Die Dörfer waren in dieser Gegend wie tot. Nur in der Ferne grollten die Geschütze. Es war, als hätte dieses stille Bauernland nichts gemeinsames mit den Mächten, die da in diese Dörfer einbrachen, ganz gleich, ob als Vertreter der Evakuierung oder als feindliche Truppen. Durch die herbstlichen Regenschauer (es war Ende November) waren die Wege ein einziger Schlamm und die wenigen Straßen lebensgefährlich verstopft. In den Dörfern wurde noch gepflügt oder geschlachtet. Die Männer waren vielfach eingezogen worden. Die Frauen alleine und voller Angst. In Városlöd hatten wir kaum jemanden zum Verlassen des Ortes bewegen können. In den meisten Dörfern meldeten sich auf unsere Aufklärung hin 6—8 Familien, wenn es gut ging. Es stellte sich heraus, daß beim Heranrücken des Feindes doch noch Fluchtversuche gemacht wurden, die aber nicht immer gelungen sind. Der Anschluß an die Güterwagen der Eisenbahn war zu schwierig. Es blieb eben nur die Möglichkeit des Trecks übrig.
Die Behörden haben sich gegen die Evakuierung ausgesprochen. Zumindest in den meisten Fällen. Wenn wir bei ihnen vorsprachen, waren sie höflich und korrekt. Man merkte auch ihnen den Zwiespalt an, der aus der Freude über das Ende des „Volksbundes” und aus dem Unbehagen über die Nähe der Russen bestand. Die Bevölkerung des Buchenwaldes war eigentlich noch gar nicht so sehr „deutsch” geworden, daß man sie auf einen solchen Opfergang für das Deutschtum ansprechen konnte. Sie war dem Typus des „Schwaben” noch näher als dem des Deutschen, darum wurde sie ja so ganz und gar erschlagen von den Ereignissen, die sich nun ankündigten. —
In Ober- und Untergalla hatte man noch „Kirchweih” gefeiert, aber dies war nur mehr ein Kuriosum. Als wir die Bürger versammelten, gab es lange Gesichter, aber nur wenige treckten in den nächsten Tagen. Die Kirche war immer voll. Die Leute suchten in ihrem Glauben letzten Halt und hatten doch zumeist nur „Hirten”, die sich nicht in einem Schicksal mit ihnen wußten. Dies war überhaupt so merkwürdig und beleuchtet die ganze Tragödie des Deutschtums in Ungarn. Während in Siebenbürgen und in der Batschka die Pfarrer entweder an der Spitze der Trecks fuhren oder zu Hause das schwere Los als Deutsche mit ihrer Gemeinde teilten, hatten die Deutschen in Ungarn nur Pfarrhäuser mit geschlossenen Fensterläden. Das Volk war in Bedrängnis — ganz gleich, ob es fliehen wollte oder blieb. Der Pfarrer aber war ein „Ungar” und „Deutschenfeind”, der blieb und auf die „Befreiung” wartete1. —