Nr. 4: Die politischen Spannungen unter den Volksdeutschen in Katymár; Aufbruch der Evakuierungswilligen Mitte September 1944.

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Bef ragungsbericht nach Aussagen von Josef Schweller aus Katymár , Bezirk Bácsalmás im Komitat Bács-Bodrog.

Original, 27. November 1954, 10 Seiten, mschr. Teilabdruck.

Als die russische Front sich 1944 unserer Heimat bedrohlich näherte, wohnten wir, Vater, Mutter und ich auf einem Landgut zwischen Katymár und Regöcze1, und zwar je 5 km von den beiden Orten entfernt auf Gemeindegebiet von Katymár. Die jugoslawische Grenze befand sich nur 2 km weit, die nächstgrößte Stadt war das 30 km weit entfernte Baja. Mein älterer Bruder befand sich seit 1940 in Salzburg, wo er mit 16 Jahren sich dem Bäckereigewerbe zugewandt hatte. Auf diese Weise konnte er sich in der Folge der Militärdienstpflicht entziehen. Mein Vater, Landwirt und Viehhändler, hatte ein Landgut von 30 Katastraljoch 1942 von einer Kriegerwitwe gepachtet. Er besaß 10 Kühe und 3 Pferde. Meine Eltern stammten aus Bauernfamilien, die aber mit 9 und 11 Geschwistern durch Besitzzersplitterung zu wenig Boden geerbt hatten, um einen wirtschaftlich fundierten Bauernhof zu gründen.

Unser Dorf Katymár hatte, so viel ich weiß, ca. 10 000 Einwohner, davon 70% Donauschwaben2, 20% Serben und 10% Ungarn. Die Volksdeutschen stellten infolge ihres Fleißes und ihrer landwirtschaftlichen Tüchtigkeit die besitzende Klasse dar, während die Ungarn fast ausschließlich wenig besaßen. Zwischen den drei Nationen herrschte im allgemeinen Eintracht. Die Volksdeutschen sprachen zu etwa 80% zu Hause deutsch, in der Schule und bei öffentlichen Veranstaltungen ungarisch. Unter der jungen Generation gab es einzelne, die nur gebrochen Deutsch konnten, weil sie in der Schule nur zwei Stunden Deutsch als Fremdsprachenunterricht hatten. Deutsch schreiben konnte kaum jemand in der Gemeinde.

Im Jahre 1938 wurde der Volksbund gegründet. Es ging eine nationale deutsche Bewegung durch das Dorf, und an Heimabenden und verschiedenen anderen Veranstaltungen wurde das deutsche Kulturgut gepflegt. Mehr als die Hälfte der Volksdeutschen trat in den nachfolgenden Jahren dem Volksbund sei. Mein Vater war nicht Mitglied, ja, er zählte zu den Gegnern dieser deutschen Organisation, weil er dem ungarischen Standpunkt zuneigte, wonach eine solche den deutschen Nationalismus unterstützende Bewegung den Interessen des Staates abträglich sei3. Ich selbst war damals noch zu jung, um einen eigenen Standpunkt in diesen Dingen zu haben. Mit dem Auftreten nationalsozialistischer Ideen wurden die Gegensätze zwischen den Volksbündlern und ihren Gegnern, darunter meinem Vater, noch schärfer. Mein Vater war von 1940 bis 1942 in Salzburg als Zimmermann tätig ge-


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wesen und hatte sich dort zu einem Gegner des Nationalsozialismus entwickelt. 1942 in die Heimat zurückgekehrt, gab es sehr bald Reibungen mit den auch im Volksbund vertretenen Nationalsozialisten. Diese Auseinandersetzungen erreichten gelegentlich aus politischen Gründen, zumal im Wirtshaus, Höhepunkte. Einmal gab es im Wirtshaus eine Messerstecherei, bei der mein Vater erheblich verletzt wurde.

Mit den weniger national empfindenden Volksdeutschen des Ortes, ebenso mit den Serben und den Ungarn, vertrug sich mein Vater sehr gut. Niemals hätten wir geahnt, daß er gerade durch die Serben vernichtet werden sollte, unter denen er viele gut Freunde, auch unter den späteren Partisanen des Ortes, hatte.

Im Mai 1943 wurde mein Vater zur ungarischen Armee eingezogen, wo er einer Verpflegseinheit angehörte, zuerst in Szeged in Garnison war, Obergefreiter wurde und im September 1944 in Jugoslawien zum Einsatz kam. Von den kurzen Urlaubsaufenthalten meines Vaters her ist mir erinnerlich, daß er ein scharfer Gegner der ungarischen „Pfeilkreuzler-Bewegung”1 war und sich wiederholt über die Regierung Szálasy abfällig äußerte, ebenso über den Gewaltakt der Besetzung Ungarns durch die Machthaber des Dritten Reiches. Gegen das Deutschtum an sich war mein Vater nicht voreingenommen, denn wir sprachen zu Hause unseren deutsch-donauschwäbischen Dialekt. Bloß in politischer Hinsicht fühlte er sich offenbar mehr als Ungar denn als Deutscher.

Am 12. 9. 1944 wurde von der Leitung des Volksbundes in Katymár die Weisung ausgegeben, die Gefahr einer baldigen vorübergehenden Besetzung stehe bevor, jeder, der sich dem herannahenden Feind gegenüber belastet fühle, möge für einige Tage bis zur Wiederräumung des Gebietes flüchten. Wer im Orte bleiben wolle, möge bleiben. Es gab ein großes Rüsten und Packen, und etwa 70 bis 80%, das waren 4000 bis 4400 Menschen, vor allem Familien derer, die dem Volksbund angehört hatten, machten sich mit Pferd und Wagen auf den Weg in der Richtung Baja. Ihr Abmarsch erfolgte in großen Trecks, teils noch am selben Tag, teils am nächstfolgenden Tag, den 13. September 1944. Sie packten so viel Lebensmittel auf, was sie konnten, doch war der Platz sehr beschränkt, weil viele Leute keine Pferde hatten und von den anderen mitgenommen wurden, so daß die Wagen alle mit Menschen überfüllt waren. Das Vieh, fast aller Hausrat und ein Großteil der Lebensmittelvorräte blieben zurück. Entgegen den Hoffnungen der Geflüchteten wurde ihr Heimatort nicht wieder erobert, und so landeten sie, wie wir später feststellen konnten, zunächst in Salzburg. Als ich später im Mai 1946 nach Salzburg kam, war der Großteil dieser Landsleute bereits nach Deutschland weiterbefördert worden und zwar eben erst im Frühjahr 1946. Sie kamen zumeist ins Württembergische, zum Teil auch nach Oberhessen. Gegenwärtig befindet sich die größte mir bekannte geschlossene Siedlung der Insassen unseres Heimatdorfes und zwar etwa 1000 an der Zahl in der Siedlung Sandhofen, einem Vorort von Mannheim. Allerdings kamen die am 28. 4. 1946 aus Ungarn abtransportierten übrigen Volksdeutschen hinzu, von denen weiter unten noch die Rede ist.


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Berichterstatter bemerkt, daß ihm der Überblick über das weitere Schicksal der Flüchtlinge fehlt, erzählt dann, daß es seinem Vater gelang, zur Familie zurückzukehren. Schließlich schildert Berichterstatter kurz die Verteilung des von den geflüchteten Deutschen hinterlassenen Besitzes. Es folgen Aussagen über die Drangsale der deutschen Bevölkerung unter den von Jugoslawien her einströmenden Partisanen, über die Plünderungen durch die Russen und über die verschiedenen Verschleppungsaktionen1, sowie über die Flucht des Berichterstatters nach Österreich im April 1946.