Bericht des N. N. aus Bonyhád , Bezirk Völgység im Komitat Tolna.
Original, 20. Oktober 1953, 9 Seiten, mschr. Teilabdruck.
Vf. schildert eingangs, wie sich seine Beziehungen als Leiter der Kreisverwaltung der Deutschen Volksgruppe in Ungarn im Kreise Bonyhád zu den ungarischen Behörden gestalteten, und fährt dann fort:
Von möglichen Evakuierungsabsichten hörte ich erstmals im Frühjahr 1944 anläßlich von Stabsbesprechungen in der Gebietsleitung2 in Fünfkirchen. Es war davon die Rede, daß zunächst die deutsche Bevölkerung aus dem rumänischen Altreich zurückgezogen werden sollte, da man glaubte, den Karpatenbogen halten zu können. Für den Fall, daß das nicht möglich sein sollte, sah ein zweiter Plan vor, sich im Karpatenbecken auf die Donaulinie zurückzuziehen und etwa die Linie Belgrad—Budapest—Waitzen nach Norden hinauf bis in die Slowakei zu halten3. Für diesen zweiten Fall war vorgesehen, die deutsche Bevölkerung Nordsiebenbürgens, der Karpatenukraine, Sathmars und der östlich der Donau gelegenen deutschen Siedlungen im Banat und in der Batschka zu evakuieren. Als Auffanggebiet für die Evakuierten war zunächst Transdanubien4 vorgesehen. Die deutschen Stellen und auch die Volksgruppenführung in Ungarn gingen dabei von der Voraussetzung aus, daß es gelingen würde, die Donau-Linie zu halten und glaubten, daß sich demnach eine Evakuierung dieser Flüchtlingsgruppen nach dem eigentlichen Reichsgebiet vermeiden lassen würde.
Eigentliche Vorbereitungen für eine Evakuierung wurden mir erst Ende August 1944 nach der Kapitulation Rumäniens bekannt. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Planung der Evakuierung von der Volksdeutschen Mittelstelle in Berlin im Zusammenwirken mit der Volksgruppenführung übernommen. Der Gesamtbeauftragte der Volksdeutschen Mittelstelle für die Evakuierung Ungarns war Standartenführer Weipgen. An den Namen des Gebietsbeauftragten für die Schwäbische Türkei kann ich mich nicht mehr erinnern.
Für meine Kreise wurde ich mit den Vorbereitungen für die Evakuierung beauftragt, und zwar durch Obersturmführer Wiedenbeck von der Volks-
deutschen Mittelstelle. Von der Volksgruppenführung wurde ich formal Ende August 1944 mit der Evakuierung betraut. Meine Zusammenarbeit mit Herrn Wiedenbeck war ausgezeichnet. Von Schwierigkeiten seinerseits war keine Rede. Er tat alles, was in seinen Kräften stand, um die Evakuierung der von mir betreuten Bezirke zu ermöglichen. Ich kann auch nicht sagen, daß die Volksdeutsche Mittelstelle der Evakuierung Schwierigkeiten bereitet hätte. Von solchen Schwierigkeiten ist mir weder aus anderen Gegenden der Schwäbischen Türkei etwas bekannt, noch habe ich in meinen Bezirken selbst von solchen erfahren. Die einzige grundsätzliche Behinderung war für das von mir betreute Gebiet dadurch gegeben, daß die Evakuierung vollkommen auf freiwilliger Grundlage erfolgen sollte und daß die ungarischen Lokalbehörden eine Gegenpropaganda in den Dörfern entfalteten, um die Deutschen von der Evakuierung abzuhalten1. Hierin liegt auch der Grund, weshalb große Teile der deutschen Bevölkerung nicht rechtzeitig evakuiert werden konnten und die ganzen Greuel der russischen Besatzung und der späteren Entrechtung und Ausweisung über sich ergehen lassen mußten.
Der Evakuierungsplan sah folgendes vor: In jeder Gemeinde sollte ein älterer vertrauenswürdiger Mann zum örtlichen Evakuierungsbeauftragten bestimmt werden. Die Ernennung wurde von mir vollzogen. Der Abtransport der Deutschen sollte mit Rücksicht auf den Mangel an rollendem Material vorwiegend durch Trecks erfolgen. Erst in zweiter Linie waren Kraftwagen der Wehrmacht und Eisenbahnwagen vorgesehen. Jedes Pferdefuhrwerk sollte nicht nur die Familie des Besitzers, sondern auch eine weitere Familie mitnehmen, deren Familienoberhaupt an der Front stand. Jede Familie sollte 2 Sack Mehl, Geräuchertes und mindestens 50 Liter Fett mitnehmen, abgesehen von Kleidung, Wäsche und Bettzeug.
Für die Evakuierung waren feste Wege bestimmt. Entlang dieser Straßen wurden bis an die österreichische Grenze Verpflegungsstellen eingerichtet. Diese Vorbereitungen waren bis Ende September 1944 getroffen.
Die Evakuierung selbst begann in den von mir geleiteten Kreisen Gyönk, Paks, Tevel, Bonyhád und Bátaszék um den 20. Oktober 1944. Sie war am 2. Dezember 1944 beendet.
In den von mir geleiteten Kreisen wohnten rund 70 000 bis 100 000 Deutsche. Davon haben an der Evakuierung rund 10 000 bis 15 000 teilgenommen. Diese verhältnismäßig geringfügige Zahl hängt nicht damit zusammen, daß die Vorbereitungen zur Evakuierung unzureichend gewesen wären. Sie hängt auch nicht damit zusammen, daß in meinen Kreisen nicht die entsprechenden Maßnahmen ergriffen worden wären. Sie war vielmehr die Folge einer Gegenpropaganda der madjarischen Verwaltung und teilweise auch der örtlichen Geistlichkeit. Ich erwähne noch, daß um den 25. Oktober 1944 herum zwei Züge mit je 50 Wagen (darunter ein Lazarettzug) sogar nicht belegt werden konnten, weil keine Evakuierungswilligen vorhanden waren. Ich habe dann diese Züge wenigstens mit Lebensmitteln beladen lassen, um das rollende Material auszunützen.
Vf. behauptet, daß während des Krieges Gerüchte umliefen, wonach eine Aussiedlung der Deutschen geplant gewesen sei, von der aber alle diejenigen
nicht betroffen werden sollten, die sich rückhaltlos zum ungarischen Staat bekannten, und führt darauf die mangelhafte Beteiligung an der Evakuierung zurück.
Die Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus meinen Kreisen vollzog sich unabhängig von den ungarischen Behörden. Allerdings war die Evakuierung in höchster Instanz mit den Spitzen der ungarischen Verwaltung abgesprochen worden. Unmittelbare Schwierigkeiten bei der Evakuierung selbst sind mit von madjarischer Seite nicht begegnet. Auch die ungarische Eisenbahnverwaltung hat die Evakuierung nur mittelbar durch vorgeschützten Mangel an rollendem Material beeinträchtigt. Im November wurden uns dann aber schon Kraftwagen und Eisenbahnwagen vom Quartiermeister der deutschen Wehrmacht zur Verfügung gestellt.
Ich selbst habe Bonyhád am 27. November 1944 verlassen, als der Russe bereits 7 km vor Bonyhád stand. Die ungarischen Verwaltungsstellen waren aus Bonyhád schon drei und vier Tage vorher geflüchtet. Auch die ungarische Gendarmerie war bereits abgezogen. Die Verwaltung des Ortes lag in den Händen des deutschen Militärkommandanten.
Abschließend schildert Vf. seine weitere Tätigkeit, die in der Betreuung der nach Österreich oder Bayern evakuierten Ungarndeutschen bestand.