Nr. 6: Die Situation der Volksdeutschen in Majs im Oktober/November 1944 und ihre Evakuierung nach Deutschland.

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Befragungsbericht nach Aussagen des Landwirts Josef Ruppel aus Majs, Bezirk Mohács im Komitat Baranya.

Original, 28. Juli 1952, 3 Seiten, mschr.

In den letzten Kriegsjahren herrschte große Zwietracht in unserer fast rein deutschen Gemeinde1 zwischen den Volksbundmitgliedern (die ungefähr 2/3 der Bevölkerung ausmachten) und den anderen, die man „Engländer” nannte2. Die Spannung war so groß, daß Vater und Kind, Bruder und Bruder nicht miteinander sprachen. Diese traurigen Verhältnisse dauerten bei uns fast bis zu Kriegsende, und nur sozusagen in den letzten Tagen kam die Versöhnung innerhalb und zwischen den Familien.

Mitte Oktober 1944 wurde unsere Gemeinde von den aus der Batschka frisch einrückenden volksdeutschen SS-Leuten angefüllt. Wieviel es waren, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß unsere Gemeinde mit 395 Hausnummern 1200 Stück Militärpferde unter dem Dach hatte. In der zweiten Oktoberhälfte wurde ich auf der Mohácser Insel zum Arbeitsdienst (Schützengraben graben und Bunker bauen) eingesetzt, da ich bei der Musterung für den Militärdienst für untauglich erklärt wurde. Dazu muß ich aber bemerken,


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daß in unserer Gemeinde nur diejenigen Arbeitsdienst leisten mußten, die Volksbundmitglieder waren. Die Urheber dieser Einseitigkeit war der Gemeinderichter (Bürgermeister), der natürlich ein „Engländer” war. Nach drei Wochen wurde ich entlassen.

Als ich nach Hause kam, fand ich die Gemeinde in größter Aufregung. Ein großer Teil der Gemeinde hatte sich schon zur Flucht vorbereitet. Diese Vorbereitungen stießen aber auf große Schwierigkeiten, da man von der Ernte nichts verkaufen konnte. Die „Futura” (ein halb staatliches Handelsunternehmen auf genossenschaftlicher Basis, das die landwirtschaftlichen Produkte ankaufte, also eine Stelle der dirigierten Wirtschaft, die Filialen wie die „Agraria” in Neusatz hatte) machte keine Ankäufe mehr. Das Hornvieh, die Schweine und Schafe übernahm zwar die SS, aber Geld bekamen wir dafür auch nicht, nur eine Quittung mit der Versprechung, daß es später bezahlt wird, was durch die Kriegsereignisse natürlich unmöglich wurde. Bloß die Pferde, die bei der Musterung für tauglich gehalten wurden, hat die SS übernommen und auch sofort bezahlt. Der Pferdeankauf hat für uns aber die Schattenseite gehabt, daß wir die für die Flucht so dringend notwendigen Zugpferde verkaufen mußten. Es bestand aber die Notwendigkeit des Pferdeverkaufs, denn der Russe kam inzwischen bis zur Donau und hat schon herübergeschossen, sogar nicht weit von uns, bei Bezdán gelang ihm auch ein Durchbruch, dieser wurde aber von der von unseren Landsleuten frisch aufgestellten SS-Division zurückgeschlagen. Das Militär mußte also Pferde haben.

Störenden Einfluß auf die Vorbereitungen hatte die Propaganda der „Engländer”, die die einzelnen Familien von der Flucht abschrecken wollten mit folgenden Schlagwörtern: Ihr werdet durch die Entbehrungen, Krankheiten und sonstigen Schwierigkeiten, die während der Flucht euch zustoßen, elend zugrundegehen; in Deutschland gibt es nichts zu essen; Deutschland hat den Krieg verloren, usw. Diese Propaganda, diese Schlagwörter haben bis zum letzten Augenblick ihre Wirkung gehabt; es ist vorgekommen, und das war kein Einzelfall, daß Familien, die mit ihrem Pferdewagen die Flucht antraten und schon unterwegs waren, vom Dorfende wieder heimkehrten.

Trotzdem tat die Ortsgruppenleitung für Fluchtvorbereitungen alles, was nur möglich war. Ungefähr am 16. November 1944 bekam ich die Mitteilung, daß am 18. November meine Frau und meine Tochter mit einem Flüchtlingszug in Németbóly die Reise nach Deutschland antreten sollten. Mein Vater und ich sollten in den darauffolgenden Tagen mit Pferdewagen mit anderen Landsleuten die Flucht unternehmen. Als ich am 18. November mit meiner Frau und meiner Tochter in Németbóly am Bahnhof ankam und mich meldete, wurde mir zu meiner größten Enttäuschung mitgeteilt, der Transportzug sei schon überfüllt. Aber einige Tage später gehe wieder ein Zug. Niedergeschlagen kamen wir nach Hause und gaben die Flucht schon fast auf. Da aber mein Sohn auch bei der SS diente und im Dorf das Gerücht herumging, daß diejenigen Familien, deren Angehörige bei der SS dienten, von den Russen mißhandelt würden, habe ich mich endgültig zur Flucht entschlossen, zumal meine Frau und meine Tochter am 22. November von Németbóly abfahren konnten. Der Zug war nicht überfüllt. Am 1. Dezember 1944 trafen sie ohne besondere Schwierigkeiten in Freising ein.


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Als ich heimkehrte, tat ich alles, was ich noch für notwendig hielt zur Vorbereitung, so daß ich bereit war jeden Augenblick mit dem Pferdewagen abzufahren. Am 24. November kam der Befehl vom Ortsgruppenleiter. Der Russe hatte die Donau bei Bezdán wiederholt überquert und war nicht mehr weit weg von der Gemeinde. Ich spannte ein mit meinem greisen Vater. Pferdefutter und Lebensmittel, Kleidungsstücke und Bettzeug, das war der Inhalt unseres vollgeladenen Wagens. Und noch am 24. November 1944 verließen wir unsere Heimat1. Unterwegs hatten wir SS-Begleitung. Reibungslos, ohne besondere Schwierigkeiten kamen wir bis Österreich. Hier wurden wir in einem Transportzug bis Vilshofen geführt. In drei Wochen war die ganze Familie wieder beisammen.