Nr. 7: Die Evakuierung des Jakob-Bleyer-Gymnasiums in Budapest Anfang November 1944, die Flucht des Vf. mit seiner Familie über Dorog nach Wien.

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Erlebnisbericht des ehemaligen Direktors des Jakob-Bleyer-Gymnasiums Dr. Johannes Weidlein aus Budapest.

Original, 27. August 1952, 8 Seiten, mschr.

Infolge des ständigen Näherrückens der Front geriet der Schulbetrieb im Oktober 1944 in wachsende Schwierigkeiten. Mit Genehmigung der Schulbehörde verlegten wir das Bleyer-Gymnasium aus der Benczurutca in Pest in die Kiscelliut in Ofen, wo der Volksbund eine Volksschule besaß. Die dauernden Fliegerangriffe veranlaßten uns, ebenfalls mit Genehmigung und auf Vorschlag der staatlichen Behörde, in den benachbarten deutschen Dörfern Pilisvörösvár, Mariahalom, Pomáz und zwei weiteren, sog. Stützpunkte einzurichten, wo unsere Lehrer die Schuljugend unterrichteten. Gegen Ende desselben Monats wurde eine Evakuierung unserer Schule ins Sudetenland von der Volksgruppenführung aus angeordnet, und am 2. November fuhren etwa 50—60 Schüler mit einigen Lehrern vom Bahnhof Budaörs weg. Ich selbst mußte zurückbleiben, um das Gymnasium der Behörde gegenüber auch weiterhin zu vertreten.

Bereits in den nächsten Tagen erschienen in Budapest die Plakate der Regierung, die die Bevölkerung zur Evakuierung der Hauptstadt aufforderten, und am 6. oder 7. November wurde mir vom Oberstudiendirektorat des Budapester Schulbezirks mitgeteilt, daß auch die Schulen evakuiert werden. Jeder könne hingehen, wohin er wolle, wenn er meine, er sei dort besser aufgehoben. Damit war auch ich freigestellt. Diese Tatsache teilte ich schon am 8. November der Stabsführung des Volksbundes mit. Man erteilte mir den Marschbefehl zur Dienstleistung bei der Jugendführung im Kreis Reichenberg2, wohin unsere Schulen evakuiert worden waren. Mit diesem Marschbefehl fuhr ich zu meiner Familie nach Mariahalom-Kirva im Ofner


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Bergland, wohin ich sie schon im September gebracht hatte, und versuchte, die Hilfe der in Kirva stationierten deutschen Kompagnie in Anspruch zu nehmen. Am 12. November fuhr ich dann mit einem Wagen voller Habseligkeiten nach Dorog, wo ich in der Wachstube der deutschen Feldgendarmerie mein Gepäck abladen konnte und warten sollte, bis ein nach Wien fahrender Lastkraftwagen meine Familie und mich mitzunehmen bereit war. Zum Glück konnte ich bis dahin Unterschlupf bei meinem Freund und Kollegen Dr. Anton Tafferner, bzw. bei seinen Schwiegereltern finden. Dr. Tafferner selbst führte noch ein geruhsames friedliches Leben; seine wichtigste Aufgabe war die Fertigstellung der nächsten Nummer der Deutschen Forschungen in Ungarn, die wir Jakob Bleyer widmen wollten.

Ich stellte mich nun an die Wiener Landstraße in Dorog an der Stelle auf, wo die ungarische und die deutsche Feldgendarmerie alle durchfahrenden Autos anhielt und kontrollierte. Drei Tage lang stand ich dort, aber kein Wagen fuhr leer nach Wien, und keiner war bereit, mich mitzunehmen. Der 12., 13. und 14. November 1944 sind die erschütterndsten Tage meines Lebens. Nicht nur die Ungewißheit, die mich und die zahllosen auf eine Fluchtmöglichkeit wartenden Menschen umgab, die meisten hatten mehr Glück als ich, da sie nur in eine west-ungarische Gegend ziehen wollten, die fortwährenden Fliegeralarme, die uns öfter in die Schachtgänge der Doroger Kohlengrube jagten, nagten an meinen Nerven; das gesamte Elend, das aus Ostungarn und aus der nahen Landeshauptstadt aufgebrochen war bzw. getrieben wurde, zog an uns vorbei. Schwer beladene LKW der Budapester Feuerwehr und des Luftschutzes wechselten ab mit den endlosen Kolonnen der Juden, die nach Westen getrieben wurden. Dorog war die erste Stadt ihres Weges. Sie übernachteten auf dem Doroger Sportplatz, zogen dann, getrieben von den ungarischen Soldaten und Männern mit Armbinde der Pfeilkreuzler, in geordnetem Marsch nach Westen. Manche Gruppen waren recht gut gekleidet und mit Regenmantel, Rucksack versehen. Andere, meist ältere Leute, schleppten sich mit einem Handkoffer mühsam ab oder brachen zusammen. Die zum Weitermarsch Unfähigen wurden auf Bauernwagen geladen und weitertransportiert. (Die Wagen waren auf der Straße angehalten und zum Judentransport verpflichtet worden.) Ganz in meiner Nähe saß ein etwa 60jähriger Mann mit seinem alten, schweren Koffer, und als er von dem begleitenden ungarischen Soldaten zum Weitermarschieren aufgefordert wurde, verlangte er von diesem laut schreiend, er möge ihn doch niederschießen. Dieser entgegnete aber, er sei kein Mörder, rief einen Wagen herbei und ließ den Alten aufladen.

Am 13. oder 14. November war es, daß kurz nachdem ich mich auf meinen Warteposten aufgestellt hatte, ein Bauernwagen auf die Menge zugefahren kam, wo ich Platz genommen hatte. Wir stoben erschreckt auseinander, aber da erfuhren wir auch gleich, was geschehen war: hinter uns auf dem Gehsteig lagen zwei Judenfrauen, die auf dem Marsch ohnmächtig umgefallen waren. Daß sie nicht tot waren, konnte man später erkennen. Diese Frauen wurden aufgeladen — es geschah recht unsanft — und der ungarische Feldgendarm warf mit den Worten: „A fene egye meg a fajtáját”1, die Rucksäcke der beiden noch obendrauf. — Es waren schreckliche Bilder.


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Es gab aber auch mutige Männer unter den Juden, die die Flehenden zurechtwiesen; einer war witzig und ließ sich von den herumstehenden Kindern Äpfel besorgen für Geld, bis ein Begleiter eingriff.

Die Stimmung der auf LKW Wartenden war ziemlich gedrückt. Man sah im allgemeinen die Sache nicht so tragisch an, wie sie war, zumal die Regierung denen, die aus Budapest freiwillig sich evakuieren lassen wollten, eine ähnliche Transportmöglichkeit in Aussicht gestellt hatte: mit Handgepäck in Tagesmärschen von 20—30 km sollten sie sich westwärts begeben.

Am Nachmittag des 14. November hat meine Frau mit Hilfe der Familie Tafferner endlich einen LKW ausgemacht, der am 15. in der Früh von Dorog mit zerschossenen Panzerrädern ins Reich fahren sollte. Ich meldete mich bei einem freundlichen Oberleutnant; der untersuchte meine Schriften, die er in Ordnung fand und teilte mir mit, daß ich sofort aufladen und am nächsten Morgen rechtzeitig mit meiner Familie auf dem LKW Platz nehmen solle. Ich gab ihm 200 Pengö — wofür er, wie ich spater erfuhr, Zigaretten „schwarz” einkaufte — jedenfalls in meinem Interesse. (Es ist interessant, daß ich dem deutschen Leutnant der Feldgendarmerie in Dorog einen Liter Schnaps nur nach langem Zureden aufschwätzen konnte. Andere Güter, die für Soldaten einen Wert gehabt hätten, besaß ich nicht.)

Ein trüber, regnerischer Herbsttag war der 15. November. Als wir, d. h. meine Frau, meine zwei Kinder von 6 und 5 Jahren und ich, um 8 Uhr auf den LKW kletterten, war dieser schon voll besetzt: Flüchtlinge, schimpfende Soldaten, die auf Urlaub fuhren, standen dicht gedrängt beisammen. Meine Frau bekam einen Sitzplatz auf einer Holzbank; sie nahm das eine Kind in den Schoß, das andere mußte den ganzen Tag über stehen. Ich selbst bekam einen Platz auf zerschossenen Panzerrädern auf dem Anhänger. Es war nicht leicht, aus dem friedlichen Heim Dr. Tafferners in die graue Ungewißheit hinauszufahren. Und es regnete den ganzen Tag. Über Raab und Ödenburg ging es an die Reichsgrenze, wo der Transportleiter, der erwähnte Oberleutnant, meine Schriften vorzeigte, so daß ich ohne Schwierigkeiten die Grenze Ungarns passieren konnte. Unterwegs trafen wir auch die endlosen Trecks der volksdeutschen Flüchtlinge aus der Batschka. Sie fuhren nach Niederschlesien, wie ich es später erfahren konnte.

Daß mein Weg im Dauerregen und auf den zerbombten Straßen nicht angenehm war, ist selbstverständlich. Es war schon dunkel, als wir um 6 Uhr am Franz Josephs-Bahnhof in Wien abgeladen wurden.

Anschließend schildert Vf. die vorübergehende Einweisung seiner Familie in ein Wiener Flüchtlingslager, die Weiterreise nach Reichenberg, in dessen Nähe er ein KLV-Lager-Untergymnasium leitete, und die Evakuierung Ende Februar 1945 nach Oberösterreich.

Es war eine echte Odyssee, bis ich meine Schüler in Moosbach bei Braunau wieder aufgefunden hatte. Leider ging meine im November gerettete Habe auf dieser zweiten Flucht fast völlig verloren. — In Moosbach erlebten wir den Zusammenbruch, den Einmarsch der Amerikaner, führten aber den KLV-Lager-Betrieb mit Unterstützung des Braunauer Kreisamtes weiter. Am 18. Dezember 1945 wurde das Lager aufgelöst. Die ungarländischen Schüler, die noch im Lager waren, es waren ihrer drei, wurden nach Deutschland gebracht teils mit ihren Eltern; vier Batschkaer Schüler


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kamen in das Schülerlager zu Bad Ischl, das von einem Schweizer Lehrer geleitet wurde. Ich selbst kam am 23. Jänner 1946 nach Schorndorf/Württbg.

Vf. geht noch einmal auf die Hungerzeit nach dem Zusammenbruch in Moosbach ein und schließt:

Die Lehrer des Jakob Bleyer-Gymnasiums sind größtenteils nach Nordwürttemberg gelangt, andere sind nach Australien ausgewandert. Die Schüler sind in alle vier Winde zerstreut worden, und nur wenigen war es möglich, ihre Studien fortzusetzen. Da die wichtigsten Dienstschriften des Gymnasiums erhalten geblieben sind, war es mir möglich, vielen durch Zeugnisabschriften in ihrem Fortkommen behilflich zu sein.