Nr. 9: Die Situation der deutschen Bevölkerung in Szomor bis zum Einmarsch der Roten Armee und ihre Evakuierung nach der Rückeroberung des Ortes durch deutsche Truppen im Januar 1945.

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Befragungsbericht nach Aussagen des Landwirts Anton Fischer und der Frau Anna Fischer aus Szomor , Bezirk Totis-Tata im Komitat Komárom.

Original, 4. Mai 1953, 7 Seiten, mschr.

Meine Heimatgemeinde zählte 900 Einwohner, davon waren etwa 30 Personen Madjaren, der Rest waren Deutsche1 katholischen Glaubens. Der Bürgermeister und die Gemeinderatsmitglieder waren Deutsche. Auch der Pfar-


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rer Fischer war Deutscher und nicht ausgesprochen madjarisch gesinnt. Unsere Anliegen konnten wir im Gemeindeamt in der Muttersprache vorbringen. Seit etwa 1900 wurde in madjarischer Sprache unterrichtet.

Bis zum Zeitpunkt der rumänischen Kapitulation (August 1944) war die wehrfähige männliche Bevölkerung unserer Gemeinde zu den Verbänden der Waffen-SS gezogen. In unserer Gemeinde waren zu dieser Zeit Rekonvaleszenten der ungarischen Armee auf Erholung. Da es sich bei ihnen um ehemalige Frontkämpfer handelte, so haben sich die Gastgeber eingehend nach der Lage an der Front erkundigt. Auch in meinem Hause waren einige einquartiert. Sie haben sich sehr skeptisch über die deutschen Erfolgsaussichten ausgesprochen und eine baldige Niederlage Deutschlands prophezeit. Unsere Angehörigen an der Front sprachen sich in ihren Briefen zum größten Teil dafür aus, daß wir zu Hause bleiben sollten, wenn der Russe käme.

Im September, Oktober, November und auch noch Anfang Dezember 1944 zogen durch unsere Gemeinde zahlreiche Flüchtlingstrecks nach Österreich. Die Flüchtlinge haben uns durchweg empfohlen, wenn es „soweit ist”, auch die Flucht zu ergreifen. Wir dachten nicht an Flucht, haben aber durchweg bis zu fünf Familien in unserem Haus untergebracht, darunter auch die Schwiegertochter des ungarndeutschen Volkstumskämpfers Dr. Jakob Bleyer. Es haben sich auch manche Landsleute nicht sehr schön gegenüber Flüchtlingen verhalten: „Warum seid Ihr nicht zu Hause geblieben?” hat man den Hilfesuchenden entgegengehalten. Bürgermeister Dressl hat sein Möglichstes getan, um den Flüchtlingen zu helfen.

Der Bürgermeister hat insgesamt dreimal durch Trommelschlag bekanntgegeben, daß die Möglichkeit bestehe, nach Deutschland auszuwandern. Es war zu erwarten, daß unser Gebiet zur Kampfzone wird. Man folgte aber diesem Aufruf nicht. Es ist mir nicht bekannt, daß jemand der Landsleute die Ortschaft zu dieser Zeit aus Evakuierungsgründen verlassen hat1. Ich persönlich vertrat den Standpunkt, daß mir wegen meines Alters nichts passieren werde.

Pfarrer Fischer hatte Mitte Dezember die Gläubigen aufmerksam gemacht, daß er in Zukunft wegen der drohenden feindlichen Gefahr nicht mehr in der Lage sein werde, die hl. Sakramente zu verteilen. Dies sei aber kein Grund, die richtigen Wege des Glaubens zu verlassen. Gerade jetzt möge man sich auf Gottes Hilfe verlassen, denn er befürchte, daß eine Zeit herannaht, wo man in Frieden dem heiligen Glauben nicht mehr frei dienen dürfe. Der Pfarrer hat die heiligen Sakramente und das wertvolle kirchliche Inventar vor den Russen sicherheitshalber versteckt.

Erst nach dieser Rede und nachdem im Gotteshaus kein Gottesdienst abgehalten wurde, ist uns die kommende Gefahr voll zum Bewußtsein gekommen. Trotzdem habe ich mich nicht zur Flucht entschließen können. Die uns gut gesinnten Madjaren wie z. B. Ferencz Gyösik haben uns geraten: „Wenn ihr schon zu Hause bleibt, so müßt ihrs halt wie wir machen. Dem Feinde können wir keinen Widerstand mehr leisten, so ist eben das zu tun, was er verlangt. Der geringste Widerstand könnte zum Verhängnis werden.”


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Ich konnte in der Ortschaft weder eine öffentliche noch eine geheime kommunistenfreundliche Gruppe wahrnehmen. Kurz vor dem Einmarsch der Russen verließen der Ortsgruppenleiter Tschink sowie einige leitende Angehörige der Ortsgruppenführung die Ortschaft.

Die Russen sind, nachdem weder die deutschen noch die madjarischen Truppen Widerstand geleistet haben, am 25. Dezember 1944 l Uhr morgens in die Ortschaft einmarschiert und setzten ihren Vormarsch in Richtung Komorn fort. Ihr Nachschub hat sich in den Häusern einquartiert. In meinem Hause nahmen 15 Soldaten Quartier. Meine Frau mußte ihnen kochen. Die Russen betrugen sich verschieden. In unserer Gemeinde waren bis auf die kleineren Diebstähle nicht über viel zu klagen, dagegen wurde in der Nachbargemeinde Tarján ein junger Mann erschlagen, weil er die Kirche besucht hat. Auffallend war, daß viele Russen gut deutsch sprachen. Sie gaben sich als Ukrainer aus. Der Bürgermeister Dressl amtierte zunächst noch weiter mit Hilfe seines Dolmetschers Miesner. Er hat den Leuten geholfen, so weit es ging.

Das Leben spielte sich zum größten Teil in den Kellern ab. Pfarrer Fischer hat sich im Keller des Landwirts Dissecker aufgehalten und tröstete die Leute.

Ab 2. Januar 1945 bemerkte ich, daß mit dem russischen Vormarsch etwas nicht stimmt. Truppen kamen zurück und haben in der Gegend um die Mayerhöfe „Puszta Somodor” und „Puszta Daranyi” Stellung bezogen. Die Deutschen standen jetzt bereits in Tatabánya.

Schon am 2. Januar nahmen die Kämpfe an Heftigkeit zu. Am 5. Januar 1945 kam es zu einem erbitterten Gefecht. Am Nachmittag dieses Tages gelang es den deutschen Einheiten, die Gemeinde wieder in Besitz zu nehmen. Es kam auch zu Straßenkämpfen, die den Russen manchen Toten kosteten. Die Deutschen besetzten bei diesem Vorstoß auch die Gemeinde Schambeck. Auf den genauen Frontverlauf kann ich mich nicht mehr besinnen.

Die entscheidende Höhe Kuckuckberg war noch in russischer Hand. Erst nach einigen Tagen zogen sich die Russen von hier in Richtung Daranyi Puszta zurück.

Die deutschen Soldaten der Wehrmacht, die in Sumur lagen, waren sehr optimistisch. Sie sagten, daß sie jetzt nicht mehr rückwärts, sondern nur noch vorwärts gingen. Andererseits gaben sie uns zu verstehen, es sei nicht ausgeschlossen, daß sich in Sumur weitere Kämpfe abspielen würden.

Obwohl die Ortschaft nun wieder deutsch war, konnte sich wegen der Nähe der Front die Gemeindeverwaltung nicht mehr halten. Bürgermeister Dressl zog sich davon zurück. Wir faßten die Evakuierung ins Auge. Mit Hilfe zweier deutscher Soldaten haben wir unsere Wertgegenstände in unserem Hofe vergraben. Wir brauchten fast die ganze Nacht dazu, die erhellt war von dem Licht der Front. Die zum Mitnehmen notwendigen Sachen packten wir ein.

Der Abtransport dauerte zwei Tage, vom 19. bis 20. Januar 1945. Öfters standen wir dabei unter Beschuß. Bürgermeister Dressl und einige andere wollten durchaus zu Hause bleiben. Unter Anwendung von Zwang haben


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diese dann doch die Gemeinde verlassen. Wir wurden bis Tata gebracht und am Bahnhof abgeladen, wo ein Flüchtlingssammelpunkt errichtet wurde. Hier trafen die Evakuierten auch aus anderen Ortschaften wie Agostyán, Tarján usw. des Landkreises ein.

Wie wir hier feststellen konnten, ist die Evakuierung unserer Ortschaft nicht restlos gelungen. Nur der Zwangsandrohung war es zu verdanken, daß die Evakuierung überhaupt in diesem Ausmass durchzuführen war1.

Am 20. Januar abends wurden wir in Güterwaggons verladen und fuhren über Strass-Somerein nach Korneuburg (Niederösterreich). Wir waren etwa 600 Personen und wurden in größeren Bauten untergebracht. Nach 10 Wochen wurde ein Teil unseres Transportes auf einem Schiff über Stein bis Passau gebracht, wo wir dann auseinandergingen. Der zweite Teil unseres in Korneuburg angekommenen Transportes kam in das Lager Stockerau und erlebte hier das Kriegsende.

Rosina Kaipach, Icka Rieger u. a. kehrten nach Kriegsende mit Johann Fischer wieder nach Ungarn zurück. Sie wurden aber 1947 wieder ausgewiesen. Man erzählt, daß zur Zeit nur noch etwa 30 bis 50 Deutsche gegenüber 850 Deutschen vor dem Kriege in Sumur ihr Leben fristen.