Befragungsbericht nach Aussagen des Monteurs Karl Schreiber aus Budapest.
Original, 4. September 1952, 6 Seiten, mschr.
Im September 1941 wurde ich von Batschka-Palanka2 nach Budapest-Pestszenterzsébet zu der Budapester Elektrizitätswerk A.G. als Monteur dienstverpflichtet. Pestszenterzsébet hatte eine Volksbundortsgruppe, die etwa 200 Mitglieder zählte. In Pestszenterzsébet wohnten fast ausschließlich Arbeiter bzw. die sogenannte Arbeiter-Aristokratie. Man hatte als Deutscher schon deshalb keine Angst: die madjarischen Kollegen sagten uns, wenn es anders würde, dann sollten wir nur sagen: „Proli vagyok” („Ich bin Proletarier”)
Ich war unabhängiger Sozialdemokrat, habe oft die „Népszava”3 in das Werk eingeschleust und hatte schon deshalb keine Angst. Mitglied des Volksbundes war ich nicht, jedoch ging ich öfters zur Volksbund-Versammlung. Als Monteur-Inspekteur kam ich mit vielen Leuten in Verbindung. Meine deutschen politischen Vorbilder waren Karl Ossietzky, Adam Köstler, Kurt Tucholski; sowie Miroslav Krleža, Marko Ristić, Panajit Istrati, Ernö Garami, Ferencz Göndör.
Es gab im 80000 Einwohner-Orte Pestszenterzsébet 200 Deutsche4, davon etwa 100 Volksbundsspekulanten, die glaubten, durch den Volksbundausweis Vorteile für sich herauszuschinden. Trecks sind durch Pestszenterszébet nicht gezogen; Evakuierungsmaßnahmen habe ich keine bemerkt, obwohl ich viel herumgekommen bin.
Am 9. Januar haben die Roten Truppen Pestszenterzsébet besetzt. In den Parteikanzleien der Pfeilkreuzler und des Volksbundes (am Marktplatz) sassen schon am Abend die kommunistischen Funktionäre. Die Russen gaben den Kommunisten keine Waffen. Sie trugen alle rote Armbinden. Der Haß tobte sich anfangs gegen die Pfeilkreuzler aus. Auch einige führende Volksbündler, sowie Mitglieder der SS wurden verhaftet. Die Volksbündler beruhigten sich aber damit, daß die Ortsgruppenkartei angeblich vernichtet wurde. Doch wurde die Kartei von Budapest und Umgebung Mitte Juli 1945 gefunden. Ich weiß, daß man nachher auf der Polizeistation einzelnen ihre Beitrittserklärung vorgelegt hat.
In der neuen kommunistenfreundlichen Verwaltung wurden untergebracht: 1.) Illegale, 2.) Juden, 3.) ehemals organisierte Arbeiter (Gewerkschaftler) und Funktionäre und 4.) ehemalige Verwaltungsbeamte und Polizisten. Mit Hilfe der zurückgebliebenen Staatspolizisten wurde eine Hilfspolizei gegründet. Sie unterstand dem Ministerpräsidenten Lakatos. Mit der Roten Armee kamen madjarische Instruktoren und Rote Truppen mit.
Das Elektrizitätswerk wurde von den Russen sofort übernommen. Alles mußte weiterarbeiten. Auf Anweisung der Gewerkschaften wurde nach einigen Wochen ein Betriebsrat ins Leben gerufen. Der Betriebsrat suspendierte den Direktor, einen Werkleiter und einen Offizianten sowie den Prokuristen.
Pestszenterzsébet ist zur Lazarettstadt erklärt worden. Sämtliche Schulen und öffentliche Gebäude wurden als Krankenhäuser eingerichtet. Ich hatte als Monteur freie Bewegung. Zuerst wurden die russischen Objekte und nachher die Stadt und Umgebung stufenweise versorgt.
Die neue Stadtverwaltung ließ Straßen- und Hausvertrauensleute wählen. In den Betrieben wurden Betriebsräte gewählt, die von den leitenden Funktionären eingesetzt wurden.
Im Januar 1945 bemerkte ich, daß die Ziegelei Dräsche als Internierungslager eingerichtet wurde. Hierher kamen meistens Reaktionäre, Pfeilkreuzler usw. Einige exponierte Volksbündler befanden sich auch darunter.
Später wurden diese Leute in das Zentralinternierungslager nach Ofen (Karl-Kaserne: Központi internáló Tábor Buda-Dél) gebracht. Ende Februar 1945 hat die russische Stadtkommandantur in Pestszenterzsébet den Befehl erlassen, daß 500 Volksdeutsche zur Zwangsarbeit nach Russland zur Verfügung gestellt werden müssen. Solche Befehle wurden auch in anderen Stadtteilen erlassen. Mit der Durchführung dieser Aktion wurden Hilfspolizisten mit Armbinden beauftragt, die von russischen Patrouillen unterstützt wurden. In ganz Pestszenterzsébet gab es aber keine 500 Volksdeutsche. Der Leiter des Polizeitrupps hat das Problem einfach gelöst. Voraussetzung für die Verschleppung waren a) deutscher Name und b) Gesundheit. Er verhaftete wahllos Personen, auf die diese Voraussetzungen zutrafen und warf sein Augenmerk besonders auf die Jugendlichen. So wurden viele verhaftet, die zwar einen deutschen Namen hatten, jedoch kein Wort deutsch sprechen konnten (wie z. B. Károly Wagner). Die Leute wurden von der Straße oder im Betrieb geholt. Der Leiter der Polizeitruppe kam auch zu mir, als ich auf der Straße mit Steigeisen zur Arbeit ging und fragte: „Wie heißen Sie?” Ich: „Karl Schreiber”. Er: „Auf dich warte ich schon”. Ich: „Väterchen, auf mich brauchst du nicht zu warten” und zeigte den Russen meinen Ausweis, worauf sie mich gehen liessen. Die Leute wurden ärztlich untersucht und kamen dann nach Russland.
Der Heldenplatz in Pestszenterzsébet wurde zum Heldenfriedhof umgebaut. Hermine Müller aus Winkowitz oder Umgebung, die aus Deutschland nach Hause reiste, verstarb dort. Sie wurde auf dem Heldenfriedhof unter ihrem Namen beerdigt. Ihre Mutter stellte noch ein kleines Kreuz auf das Grab.
Am Franzstädter Bahnhof traf ich einen jugoslawischen Kriegsgefangenentransport. Ihm waren zwei offene Waggons mit Landsleuten aus Futog
angehängt. Die Serben mieden sie. Auf meine Frage antworteten sie: „Wir wollen nach Hause”.
Im Juli 1945 begann die Aktion gegen die Volksbundmitglieder. Man hatte die Volksbundkartei gefunden, und diese war an die zuständige politische Abteilung der Polizei weitergeleitet worden. Man zeigte Volksbundmitgliedern, die ihre Mitgliedschaft verleugnen wollten, ihre Beitrittserklärung vor, so daß sie ihre Volksbundzugehörigkeit nicht verheimlichen konnten. Die meisten von ihnen wurden im Lager Köbánya untergebracht, wo etwa 20 000 Personen interniert waren. Viele unter ihnen konnten gar nicht Deutsch, sie trugen bloß einen deutschen Namen,
Berichterstatter erzählt, daß er verhaftet und ins Lager Ofen-Süd eingeliefert wurde, weil er im Betriebsrat die um sich greifende Günstlingswirtschaft kritisiert hatte. Durch das Eingreifen eines ihm verpflichteten hohen Funktionärs wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt.
Ich wurde nachher nach Soroksár versetzt. Hier traf ich viele Flüchtlinge aus Jugoslawien, die mir über die Situation meiner Landsleute im Tito-Staate berichteten. Aus Soroksár wurden die Transporte nach Deutschland weitergeleitet. Die Ausreisegenehmigung mußte bei der örtlichen Behörde beantragt und vom ungarischen Innenministerium genehmigt werden. Die Ausreise aus Ungarn mußte auf eigene Kosten erfolgen.
Als unabhängiger Sozialdemokrat sah ich ein, daß die politische Lage in Ungarn ohne Zweifel zu einer roten Diktatur führen würde. Ich entschloß mich deshalb, Ungarn zu verlassen. Ich ging ebenfalls zu der zuständigen Behörde mit meinen jugoslawischen Papieren und gab mich dort als Flüchtling aus1. Meinem Antrag wurde stattgegeben. Als ich meine Frau von meinen Entschluß in Kenntnis setzte, wollte sie nicht mit mir gehen.