Erlebnisbericht eines Lehrers aus Ödenburg (Sopron).
Original, 14. April 1955, 6 Seiten, hschr. Teilabdruck.
Als ich 1945 im Januar in Budapest bei Gefangennahme den Russen gleich durchgehen konnte, wartete auf mich die ganze Qual einer ausgehungerten, leblosen Großstadt. Bei Bekannten, wo ich früher als deutscher Soldat einquartiert war, fand ich gute Aufnahme. Aber die Not trieb mich hinaus, daß ich durch Arbeit bei den Russen etwas bekam. Beim Brückenbau schaffte ich einige Tage, bekamen jedesmal warmes Mittagessen. Viele sind unterwegs in eine Schule getrieben worden, von wo aus sie nach der Ukraine oder woanders hingebracht wurden. Ich mußte bald eine andre Unterkunft suchen, weil die ehemaligen Soldaten in den Vororten von Budapest gesucht wurden. So kam ich in die Stadt rein und fand in einem
Haus der ref. Kirche, das unter dem Schutz des schwedischen Roten Kreuzes stand, Unterkunft. Hier waren viele Familien in den Bunkern untergebracht. Niemand ging fast auf die Straße, da es sehr gefährlich war, sich dort zu zeigen, denn im Febr. 45 wurden sehr viele Leute verschleppt. Die arbeitsfähigen Leute im Hause mußten alles herbeischaffen. Wasser haben wir von weither abends geholt. Die Bäume wurden gefällt und verarbeitet. Wir bekamen meist Bohnensuppe u. etwas Gemüse. Sind aber bald heruntergekommen. Die jungen Buben schickten wir hinaus zu den ung. Bauern — die Munition fuhren — für Kleiderstücke bekamen wir Brot, Speck. In der Nachbarschaft zündeten die Russen einen Bunker an, so daß die armen geplagten Leute auch ihr letztes Hab und Gut verloren. Die jungen Mädchen maskierten sich als alte Frauen, denn so kamen sie nicht so leicht in russische Hände. Ende Febr. führte ich eine Leiche in den Friedhof, da lagen viele deutsche als auch ung. Soldaten noch unbeerdigt. Sah auch, wie die Russen Geschäfte plünderten, auf LKW. wurde alles aufgeladen und fuhren ab.
Anfang März sollte ein jeder seine Arbeit aufnehmen. So ging ich auch zum Kultministerium, um den Ausweis zu besorgen, denn der wurde sehr häufig von den Russen als auch von der ung. Polizei verlangt. Ging auch zum evang. Bischof Raffay, der mir empfahl, in der Umgebung den Schulunterricht aufzunehmen. Da kam ich nach Gömör, ein Dorf mit slowakischen Einwohnern1. Der Schulkurator bewirtete mich herzlich, befragte mich, ob ich die Verantwortung übernehme, wenn die Russen die Kinder einfach wegführen. (In der Szegeder Umgebung soll es nämlich geschehen sein.) Natürlich mußte ich absagen. Aber die Leute klagten auch hier, trotz ihrer slav. Abstammung, daß sie auch sehr hergenommen wurden von den Russen (Diebstähle, Vergewaltigungen).
Ich ging dann nach Fót, wo Anfang März der Schulunterricht begann mit 120 Schülern. Es war eine schwierige Arbeit, weil keine Bücher vorhanden waren. Die Bauern gingen fleißig ihrer Arbeit nach. Sind auch Leute im Dorf umgekommen, weil viele Minen gelegt waren. Ich ging zu Bauern in die Kost, die mich gerne aufnahmen. Typisch war für die damalige Zeit, wie die Leute alles vor den Russen versteckten, das Fleisch hatte der Schulkurator in der Kammer, den wenigen Wein in den Düngerhaufen — mit Stroh u. Reisig — versteckt, denn im Haus waren auch Russen einquartiert. Manchmal zogen auch Gefangene durch, die wurden von der Bevölkerung einigermaßen verpflegt. Anfang Mai zog ich in meine Heimatstadt nach Ödenburg, weil ich schlechte Nachrichten hörte. In Budapest strömte alles aufs Land, wegen der schlechten Ernährung. Die Güterzüge waren überfüllt, auch auf den Dächern saßen die Leute — meist Frauen — so, daß man es heben mußte, denn es schwankte sehr. Auch Russen kamen manchmal in den Zügen, aber die Armut war zu groß u. sie nahmen nichts mit. Über Stuhlweissenburg und Steinamanger kam ich nach Ödenburg2 in 4—5 Tagen. Zu Hause war alles mit Brettern vernagelt, aber als ich mit einem Stein an das Fenster
warf, öffnete es sich, und zu meiner größten Freude waren meine Angehörigen, die meisten, zu Hause. In dieser Zeit aßen wir Pferdefleisch, sonst war alles knapp. Von den Volksdeutschen waren die meisten Männer schon interniert, meistens waren es alte Leute. Wir hielten uns überwiegend in den Weinbergen auf. Mein Onkel war Weingroßhändler, viel hatten ihm die Russen weggenommen, aber es blieb ihm dennoch. So hatte er für Wein von den Russen Pferde gekauft, aber am andern Tag hatten sie es ihm vom Feld wieder gestohlen. In der Stadt hatten die Russen sehr viele Frauen vergewaltigt. Einer bekannten Frau hatten sie ihr 14 J. Mädchen mit der Tragbahre in das Krankenhaus geschafft, beide waren noch lange Zeit in ärztlicher Behandlung. Auch ältere Frauen haben sie nicht geschont.
Abschließend berichtet Vf. über seine Erlebnisse während der Internierung in Ödenburg und über die Zustände im Kohlenbergwerk von Brennberg, wo er ein halbes Jahr als Zwangsarbeiter verbrachte1.