Nr. 15: Die letzten Tage vor dem Einmarsch der russischen Truppen in Ragendorf; die Besetzung des Ortes am 2. 4. 45 mit anschließenden Plünderungen; die Ablösung der Militärverwaltung durch zivile Behörden.

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Erlebnisbericht des Gabriel Lang aus Ragendorf (Rajka) im Komitat Moson

(Wieselburg). Original, April 1955, 13 Seiten, hschr.

Vf. streift zunächst die parteipolitische Situation vor der Besetzung sowie die zunehmende Nervosität, die beim Näherrücken der Front Pfeilkreuzler und Volksbundmitglieder erfaßte, und fährt fort:

Im Märcz war keine Ruhe mehr, Tag u. Nacht noch mehr, giengen die vielen Levente u. sonstige Formationen zurück u. die 23 Mann deutsche Feldgendarmerie in Ragendorf2 u. paar Csendör3 von Rajka konnten der Plünderungen nicht mehr Herr werden. —

Nun kam die Greuelnachricht von Raab (Györ) von unserem Bischof Apor4 u. die Front wird erst gehalten Linie Pressburg—Heinburg, u. Ragendorf wird kampflos den Russen übergeben. Darum Charfreitag-Samstag-Ostersontag wurden die Keller mit dem Bettzeug, Wäsche, Lebensmittel u.s.w. vollgestopft u. wurde angeordnet Puncker zu bauen in den Gärten. — Ostersonntag war noch hl. Messe u. Nachmittag ein Begräbniss von Maurer Puster Josef, wo aber die Flieger nieder flogen u. viele Bomben warfen, welches Hochw. Fehérváry veranlasste, die Einsegnung abzubrechen u. es mir dann überließ, den Todten mit Gebeten zu begraben. —

In der Ferne sind grosse Detonationen u. die letzten Züge kamen aus Hegyeshalom, da die ganzen Leithabrücken gesprengt wurden, u. es wird


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auffallend heute ruhig, nur mehr sehr wenig Militär, wenig Fahrzeuge, u. Abends am Ostersonntag verabredeten wir uns, da die Strasse aus Duna-Kiliti gefährlich, wir übernachten im Keller des geflüchteten Tierarztes Andronyi, wo auch bei 15 Familien zusammen waren, unser Vieh gaben wir in dem Stall vom 2ten Nachbarn und warteten halt, was kommen wird. Ragendorf war wie ausgestorben, nirgends Licht, sogar die Hunde waren müde, u. abwechselnd giengen die Anwesenden in Ihre Häuser nachschauen, nichts ruhte sich ausser ferne Detonationen, u. sehen konnte mann nur fernen Feuerschein. —

Am Ostermontag 1945, am 2ten April, also heute vor 10 Jahren, wurde Ragendorf befreit. Früh gegen 4 h hörten wir eine riesige Krachdetonation, die Donaubrücke gegen Dunakiliti ist gesprengt worden, das Vieh brüllte u. die Hunde bellten, die Häuser zitterten, Frauen u. Kinder kreischten, aber die Gassen alle leer. —

Gegen ¼10 h Vorm. sah Ich vor der Apotheke, das 3te Haus vor mir, einen Kosacken zu Pferd mit Nader Jenö (Kaufmann) Hände schütteln. Ich gieng auch hin, der Kosack gab mir auch die Hand u. fragte uns beiden, ob hier noch Deutsche vorhanden sind, wir verneinten u. Er machte einen Pfiff, u. es kamen 4 Kosacken heran, u. ein jeder ritt getrennt weiter in die Gassen, u. nun wurde es lebendig, überall kamen die Leute aus den Häusern u. fragten, was die Russen sagten u. was geschehen wird — Das wussten wir ja auch nicht; unterdessen bauten die mit den Russen kommenden Hidászok1 eine Pontonbrücke über die neue Donau, u. um ½ll h Vorm. vereinigten sich die über die Landstrasse kommenden Russen mit den aus dem Dunakiliti anrückenden Truppen u. marschierten mit Gejohle in Haufen unter Gaffen der Ortseinwohner u. besetzten Rajka. — Gegen Mittag fanden im Herrschaftswald die Russen die dort versteckten Ung. Vámörök2 auf u. trieben selbe mit Ihrem Train in das verlassene Rajkaer Vámlaktanya3. — Das war die Befreiung von Ragendorf.

Die Einwohner dachten, jetzt ist wieder alles in Ordnung, giengen Essen u. wieder das meiste aus den Kellern in die Zimmer einzuräumen, sowie das Vieh zu betreuen, aber der Vorbeimarsch dieser neuen Besatzung ganzen Nachmittag hörte nicht auf, so dass eine bange Stimmung bereits bei der Bevölkerung herschte, wenn auch bis Abends hier nichts nennenswertes noch vorgefallen ist. — Bis Abends war daher anscheinend wegen dem Weitermarsch gegen Karlburg u. Sarndorf keine Anordnung noch getroffen worden für die Russen in die Häuser zu gehen, aber am Abend gieng es los, u. diese folgende Nacht belehrte jeden, was Leute wie diese Befreier unter der Bevölkerung alles anrichten kann. Am Dienstag hörte mann überall Weinen, aber leider waren die sehr schwer zu trösten u. meinerseits u. vielen anderen tat nur wehe, dass auch in Ragendorf welche Kriecher waren u. mit diesen Schlitzäugigen Mongolen für Judasgeld oder Getränke 3 Tage die Leute bedrängten.

An diese 3 Plünderungsnächte ist nur mit Grauen zurückzudenken, u. die besonnenen Männer u. Frauen hatten nur eine Aufgabe, die Leute zu ver-


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trösten. Am 3ten Tage wich die Front von Linie Pressburg u. Kittsee, wo schwere Kämpfe waren, gegen die Stadt Hainburg, u. die in Ragendorf plünderten Horden wurden dort hinauf dirigiert, wo dass Lónyai Schloss in Karlburg ausgeraubt wurde. Am Donnerstag Früh kam ein Militärkommando nach Ragendorf, die Plünderungen sind verboten worden, u. die leerstehenden Häuser wurden belegt von Militär. auch viele Frauen brachten die Offiziere mit u. unsere Frauen mussten die Wäsche u. Quartiere in Ordnung bringen bei den Russen. Der Kommandant, ein älterer Herr, wohnte bei meinem Nachbarn Hoffmann Bäcker, auch die Kanzlei war dort, u. der Dolmetscher, ein Jude im Lieutnantrang, wohnte dort im Hause. Die 2 Adjutanten (Kapitäne) wohnten bei mir, visavis in Ovoda war das Offizierskasino, wo Ich roboten1 musste (Holzschneiden u. reinigen). im Tierarzt Andróny-Haus war Fassungsstelle, wo 10 Frauen mit Nähmaschinen helfen mussten. Sämtliche Pferde mit Wagen u. 2 Mann dazu wurden zum Nachschub bis Wien verwendet, u. die übrigen Bewohner sind alle zum Roboten aufgerufen worden, den Unrat von den in Volksbundhäusern vorgefundenen Bildern u. Schriften u.s.w. zu verbrennen, die Strassen zu säubern von Panzersperren u. die umliegenden Kadaver von Vieh zu vergraben, die 27 Russen vom Friedhof wieder ausgraben, in Särge legen u. nach Magyar-Ovár in ein Heldengrab wieder betten.

Viel Arbeit war auch an den Strassen, so dass die Frühjahrssaat verzögert wurde u. meistens die Äcker brach liegen blieben, was unseren Leuten weh tat, da selten Feld brach gelegen war. — Dieses Kommando war über 3 Wochen hier u. ist von hier nach Östereich vorgerückt u. wurde nun die Zivilverwaltung wieder eingeführt, aber mit Schikanen u. Denunzierungen der neuen Parteien.

Abschließend berichtet der Vf. über den zunehmenden Einfluß der neuen ungarischen Parteien und über die Wahlen im November 1945.